March | Die böse Saat | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

March Die böse Saat

Ein Klassiker des Psycho-Thrillers
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-939483-84-7
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Klassiker des Psycho-Thrillers

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-939483-84-7
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Rhoda ist ein braves kleines Mädchen. Sehr wohlerzogen. Als geschickte Manipulatorin kann Rhoda Erwachsene leicht bezaubern und irreführen, während sie Angst und Abscheu bei anderen Kindern hervorruft. Die skrupellose Rhoda bekommt einfach alles, was sie

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Mrs. Penmark holte Miss Octavia, wie abgesprochen, am Schultor ab. Sie fuhren eine ganze Weile schweigend dahin oder redeten über Dinge, für die beide kein Interesse aufbrachten. Als sie sich Benedict näherten, sagte Miss Octavia: «Sie müssen unseren Oleander anschauen. Mein Großvater hatte ursprünglich nur eine Hecke gepflanzt, um den Besitz gegen die Straße abzuschirmen, aber inzwischen sind es lauter große Bäume geworden. Sie stehen jetzt in voller Blüte.»

Miss Fern hatte, wie sie sagte, am Tag vorher angerufen und gebeten, man möge ein Mittagessen herrichten. «Es gibt Krabbenomeletten, Buttermilchbiskuits, grünen Salat und Eiskaffee. Ich hoffe, dass Sie Krabben mögen. In diesem Jahr haben wir unendlich viele Krabben. Man braucht sie nur im Flachwasser am Strand einzusammeln. Als ich in Rhodas Alter war, hatte mein Vater die Idee, eine Art Pferch in das Wasser hinauszubauen. Dort setzten wir Krabben ein und fütterten sie, und dann hatten wir sie, wenn es sonst keine mehr gab. Das heißt, ganz so war es natürlich nicht. Sie haben sich nämlich vorher größtenteils gegenseitig aufgefressen.»

Miss Octavia führte Mrs. Penmark auf dem gesamten Gelände herum. Sie standen auf der Brücke, die den kleinen Lost River überspannte, und sahen sein klares, sauberes Wasser, das sich in die Bucht ergoss. Dann ertönte der Gong zum Mittagessen, und sie gingen zum Haus zurück. Anschließend wollte Christine allein zum Kai gehen, falls Miss Octavia damit einverstanden sei. «Natürlich», antwortete Miss Fern. «Später komme ich nach, wenn es Ihnen recht ist. Ich möchte erst noch ein paar Zweige von dem flammenfarbenen Oleander abschneiden. Eine Freundin in der Stadt liebt diese Farbe ganz besonders, und es stimmt auch, dass ich diesen Farbton sonst noch nirgends gesehen habe. Wir haben viel Zeit, denn ich habe mir den ganzen Nachmittag frei gehalten.»

Christine ging bis zum Ende der Kaimauer und blieb dort unentschlossen stehen. Dann fiel ihr ein, weshalb sie eigentlich hergekommen war, öffnete die Tasche, nahm die Medaille heraus und ließ sie zwischen die Balken fallen. Sie glaubte, irgendwie genauso schuldig zu sein wie Rhoda. Bei dem Gedanken daran, wie unehrlich, wie heimlich sie unter dem Druck ihrer Angst und ihres Schuldgefühls handelte, musste sie einen Augenblick den Atem anhalten und krampfhaft schlucken. Aber nach dem Besuch bei den Daigles war ihr diese Methode, sich der Medaille zu entledigen, als die einzig mögliche erschienen. Den Daigles konnte sie den Preis, den ihr kleiner Sohn gewonnen hatte, auf keinen Fall mehr zurückgeben. Rhoda ist mein Fleisch und Blut, sagte sie zu sich selbst. Ich muss dafür sorgen, dass ihr kein Leid geschieht.

Dann sah sie sich im Sommerhaus um, das von Stürmen und Sturmfluten fast zerstört war. Irgendwie musste sie nun Ordnung in ihre Gedanken bringen. Vielleicht waren ihre Befürchtungen begründet; vielleicht aber auch nicht. Wie konnte sie sich Gewissheit verschaffen?

Sie musste um jeden Preis die Wahrheit erfahren, denn der Zweifel war grausam und zerstörerisch. Es war ihr gleichgültig, wie diese Wahrheit aussehen würde. Die Qual der Ungewissheit war noch unerträglicher als die schlimmste Wahrheit. Sie setzte sich und legte die Hände in einer Geste verzweifelter Hilflosigkeit vor ihr Gesicht.

Kurz darauf kam Miss Octavia und hatte ein Körbchen mit Oleanderzweigen am Arm hängen. Schweigend saßen sie da und sahen auf die grauschimmernde Bucht hinaus. Ein paar Meeräschen schnellten in hohem Bogen aus dem Wasser, um hinter den kleinen, anrollenden Wellen wieder einzutauchen.

«Glätten Sie doch die Falten auf Ihrer Stirn», sagte Miss Octavia endlich. «Sie sind sehr viel hübscher, wenn Sie lächeln. Glauben Sie mir, es gibt kaum etwas auf der Welt, um das es sich lohnte, so düster dreinzuschauen oder gar darum zu weinen.»

«Wollen Sie mir nicht sagen, was Ihrer Meinung nach an jenem Tag geschehen ist?» bat Christine. «Sie sehen ja, ich bin sehr unruhig und sehr besorgt.»

«Aber ich dachte doch, Sie wüssten es», antwortete Miss Fern erstaunt. Dann ordnete sie die Zweige in ihrem Korb, um Christine nicht ansehen zu müssen. Der Junge müsse vor Rhodas Zudringlichkeit zum Kai gelaufen sein und sich dort versteckt haben, vielleicht sogar in dem Sommerhäuschen, in dem sie saßen. «Aber Rhoda muss ihn trotzdem gefunden haben. Als er dann sah, dass sie wieder auf ihn zukam, wurde er nervös, lief rückwärts davon und fiel ins Wasser.»

«Ja, so könnte es gewesen sein», stimmte Christine zu.

Claude, sagte Miss Fern, sei bei all seiner Zartheit ein guter Schwimmer gewesen, und Rhoda wusste das. Sie musste also damit rechnen, dass er ans Land schwimmen würde. Wie konnte Rhoda aber wissen, dass gerade dort diese Balken waren? Die Gedankengänge und Reaktionen von Kindern seien nicht immer durchschaubar und logisch. «Vielleicht hatte Rhoda, als er ins Wasser fiel, Angst, sie werde dafür getadelt, dass er seinen neuen Anzug verdorben habe, weil sie daran schuld sei. Vielleicht bekam sie Angst, weil der Strandwächter sie anschrie, so dass sie davonlief. Und als Claude nicht sofort an Land schwamm, glaubte sie vielleicht, er habe sich versteckt, um sie zu erschrecken. Also tat sie vorerst nichts. Und dann, als es zu spät war für jede wirksame Hilfe, hatte sie Angst, etwas zu sagen und zu berichten, was geschehen war.»

Sie beschattete die Augen mit einer Hand und sah hinaus aufs Meer. «Sie wollen, dass ich ehrlich zu Ihnen bin. Ich glaube, Rhoda hat gewissermaßen Fahnenflucht begangen wie ein ängstlicher Soldat, der zum ersten Mal im Feuer steht. Doch wie viele Soldaten, wie viele ältere und klügere Menschen als sie haben das schon getan!»

Sie standen auf und gingen zum Kai hinunter. Miss Octavia legte eine Hand auf Christines Arm. «Ich bin nicht Ihre Feindin, Mrs. Penmark. Das dürfen Sie nicht glauben. Wenn Sie mich brauchen, dann kommen Sie zu mir. Ich bin immer für Sie da.»

«Ich war so betrübt über den Tod des Jungen», sagte Christine. «Und ich hatte Angst und fühlte mich schuldig.»

Es sei unvernünftig und unlogisch, sich Schuldgefühlen auszuliefern, antwortete Miss Octavia, doch sie könne Mrs. Penmarks Gefühle gut verstehen. Zergliedere man aber leidenschaftslos ein solches Schuldgefühl, dann bleibe meistens nichts anderes übrig als eine recht schmerzliche Form von Stolz.

Aber, erklärte sie, es sei absolut normal, wenn jeder Mensch sein ganz bestimmtes Schuldgefühl habe, denn es richte sich nach der bisher zurückgelegten Entwicklung und nach dem Platz, den man im Leben einnehme. Von Anfang an werde uns beigebracht, dass dieser oder jener Impuls verachtenswert und niedrig sei. Die sogenannte Erbsünde, die den Menschen als grundsätzlich schlecht hinstelle, sei eine raffinierte menschliche Erfindung. Sie wundere sich, wenn Menschen erschüttert seien, dass Bischöfe und Kardinäle, die den Kommunisten in die Hände fielen, so schnell zusammenbrächen und alles einräumten, was ihre Peiniger ihnen in den Mund legten – denn sie hätten ja von Kindheit an gelernt, dass sie schuldig seien. Ungeheuerlich sei nicht das in der Folter erzwungene Geständnis, sondern die Kraft, mit der diese Menschen so lange dem Zwang widerstanden hätten.

«Ich weiß zu wenig darüber», antwortete Christine. «Ich bin nicht intellektuell genug.»

Sie dachte: Ich werde das akzeptieren, was Rhoda mir erzählt hat. Im Zweifel für den Angeklagten, also auch für mein Kind. Ich habe keinen Grund, den Tod der alten Dame in Baltimore oder den des kleinen Daigle mit ihr in Verbindung zu bringen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihr zu vertrauen, wenn ich mich nicht zu Tode grämen will.

Sie stiegen wieder in den Wagen, und Miss Fern sprach leise weiter. Manchmal machte sie auf eine besonders hübsche Baumgruppe oder einen historischen Platz aufmerksam, aber dann nahm sie den alten Faden wieder auf. «Woher wollen wir wissen, dass unsere eigenen Auffassungen von Gut und Böse Gott auch nur im mindesten bekümmern? Es gibt nichts in der ganzen Natur, nicht einmal in den grausamen Gewohnheiten der Tiere, das eine solche Annahme als richtig bestätigen würde.»

«Vielleicht ist es so. Ich weiß es nicht», sagte Christine.

«Monica Breedlove ist zum Beispiel der Meinung, eine menschliche Verhaltensweise könne damit geändert werden, dass man auf einer Couch endlos über alles Mögliche und Unmögliche zu einem Mann spricht, der vielleicht ebenso ratlos ist wie der Patient selbst. Das beweist mir, dass Monica viel romantischer und vertrauensseliger ist als ich.»

Nach dem Essen bat Rhoda um die Erlaubnis, in den Park gehen zu dürfen, die ihr Mrs. Forsythe gab. Sie nahm ihr Buch und setzte sich auf ihren gewohnten Platz unter dem Granatapfelbaum. Kaum hatte sie ihr Buch aufgeschlagen, als Leroy im Park erschien und vorgab, den Weg hinter ihr zu kehren. Er kehrte ihn so sauber wie einen Parkettboden und begann dann wieder von neuem. «Da sitzt sie also und liest ein Buch», sagte er, «und tut so, als sei sie gescheit. Denkst du vielleicht daran, wie du den kleinen Jungen mit dem Stock geschlagen hast? Freut dich das so? Du siehst aus wie eine Katze, die gerade eine dicke Maus gefressen hat.»

«Hören Sie endlich auf, diesen Weg zu kehren», riet ihm Rhoda mit der ein wenig gelangweilten Stimme eines sich gestört fühlenden Erwachsenen, «und verschwinden Sie von hier. Sie reden doch nur Unsinn; ich will nichts von Ihnen hören.»

Leroy stellte seinen Besen weg und sah den Baum prüfend an. Er brach einen dürren Zweig ab,...



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