Manz | Gut erzählte Lügen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 339 Seiten

Manz Gut erzählte Lügen

Ein Coming-of-Age Krimi
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-384-40538-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Coming-of-Age Krimi

E-Book, Deutsch, 339 Seiten

ISBN: 978-3-384-40538-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine deutsche Großstadt, eine ausländische Tote, eine rassistische Polizei, eine sensationsgeile Presse, der alltägliche Kampf um Macht, Zuneigung und Respekt und zwischen all dem das Ende einer Jugend und einiger anderer Lebensentwürfe. Val, siebzehnjährig, erledigt zur Aufbesserung des bescheidenden Ausbildungsgeldes einen harmlos wirkenden Botengang für einen flüchtigen Bekannten namens Hussein und stolpert dabei über eine Leiche. Trotz des anfänglichen Schocks ist Val weiter im Auftrag von Hussein unterwegs und wird dabei in Schießereien und Auseinandersetzungen verwickelt, die um den Besitz von geheimnisvollen Unterlagen eines verstorbenen Wissenschaftlers geführt werden. Diese Unterlagen fallen Val in die Hände, jedoch verhindern die turbulenten Ereignisse die eigentlich geplante Übergabe an Hussein. Der Mord ruft die Staatsgewalt und damit Kriminalhauptkommissar Trietzer auf den Plan. Dessen Ermittlungseifer ist bei einer ausländischen Toten zunächst recht gebremst. Die Arbeit und die Ermittlungsergebnisse des Kommissars werden stets davon beeinflusst, was er zu finden wünscht. Die Kriminalgeschichte erzählt vom Aufbruch, von einzureißenden Mauern, und vom Versuch, den vielfältigen Festlegungen der Gesellschaft zu entgehen. Es ist gleichzeitig eine Geschichte über Wahrheit und Lügen und wie sie konstruiert werden. Ein Aspekt dieser Konstruktion von Wirklichkeit ist dabei die Genderzuordnung von Val: Das Buch macht sprachlich dazu keine Angaben, in diesem Fall liegt die Wirklichkeitsbildung also bei den LeserInnen.

Dr. med. Volker Manz, aufgewachsen in Karlsruhe, Studium der Medizin und Psychologie an der Universität Heidelberg, lebt, schreibt, zeichnet und podcastet in Freiburg im Breisgau. Seine Kunst beschäftigt sich häufig mit Fragen des persönlichen Auf- und Ausbruchs, mit Kämpfen um die persönliche und kollektive Freiheit und um das Bemühen um Emanzipation von Zuschreibungen und Zwängen. Seine Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt ihm häufig Anstöße für seine künstlerische Tätigkeit. Seine Bücher beschäftigen sich häufig mit Jugendthemen oder Coming-of-Age Fragestellungen, wobei er stets versucht, auch schwierigere Stoffe in leicht lesbarem Stil und mit einer gehörigen Portion Humor zu präsentieren. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Radfahren, Tierschutz, elektronischer Musik, einem großen verwilderten Garten und seinen tierischen Freunden.
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I.

Die Glocken der nahe gelegenen Kirche schepperten blechern siebenmal, als Val den abgewetzten Klingelknopf neben dem schief aufgeklebten Namensschild Unur drückte. Der Summer des Türöffners blieb trotz des engagierten Sturmklingelns stumm. Etwas ratlos pochte Val rhythmisch mit den Martens gegen die mit allerlei Aufklebern und verunglückten Graffiti verzierte Haustür. Der ungeduldige Blick auf das Handydisplay zeigte 19:03. Da bemühte man sich schon mal um spießbürgerliche Pünktlichkeit und stand zur Belohnung vor verschlossenen Türen.

Gerade als Val sich ärgerlich zum Gehen entschloss, strebte eine ältere Dame mit stierem Blick und bereits gezücktem Schlüssel auf den Eingang zu. Das schien einen Versuch wert, vielleicht gab es ja Probleme mit der Klingelanlage, was nicht überraschen würde, denn der schmutzig grüne Nachkriegsklotz hatte seine beste Zeit schon Jahrzehnte hinter sich.

Val schlüpfte mit durch die Tür und stieg, nachdem die Oma von ihrer Wohnung verschluckt war, langsam die Stockwerke hoch. Auf der 4. Etage fand sich schließlich auf der linken Seite der gesuchte Name nachlässig an den Türholm geschraubt. Die energisch betätigte Klingel verursachte einen unerwartet laut durchs Treppenhaus schallende Ton und machte darauf aufmerksam, dass die Wohnungstüre nur angelehnt war.

»Hallo?«

Nichts rührte sich.

»Ich komme wegen des Päckchens.«

Keine Reaktion. Val gab der Tür einen Stoß und linste in den Flur, der sich leer und unaufgeräumt präsentierte. Auf dem Boden lagen Gegenstände verstreut, aus einem Zimmer rechts dudelte orientalische Jaulmusik.

»Jemand da?«, erkundigte sich Val beim Eintreten und bog dann in die erste Tür.

»Ach du Scheiße!«

Auf dem schwarz-weiß gefliesten, ziemlich abgetretenen Küchenboden lag eine Frau in einer halbkreisförmigen Blutlache. Val schluckte und versuchte, das unmittelbar aufsteigende Bedürfnis zu beherrschen, sich zu Übergeben.

Nichts wie weg, war der alles bestimmende Gedanke, aber die Muskeln weigerten sich, dem Fluchtimpuls zu gehorchen. Wie angewurzelt klebten die Füße am Boden und es schien unmöglich, den Blick von dem leblosen Frauenkörper abzuwenden, der zusammen mit dem roten Blut auf dem Schachbrettmuster des Küchenbodens wie ein surreales Bild von Dalí wirkte. Offenbar hatte ein Kampf stattgefunden, die Kleidung war teilweise zerrissen und überall lagen Küchengegenstände und kaputtes Geschirr verstreut.

Tief durchatmen und denken, atmen und denken! Was war zu tun? Zumindest überprüfen, ob sie noch lebte, so viel erforderte die Fairness bei aller inneren Panik. In Filmen erledigten die Helden das stets ganz cool, in der Realität dauerte es gefühlte Ewigkeiten, bis die drei Schritte um die Blutlache herum bewerkstelligt waren. Die Frau lag halb seitlich auf dem Bauch, an welcher Stelle das viele Blut heraus sickerte, war nicht genau zu erkennen.

Verflixt, was musste noch mal gemacht werden, um die Lebenszeichen zu überprüfen? Der Erste-Hilfe-Kurs zu Ausbildungsbeginn im Betrieb lag erst ein halbes Jahr zurück und doch schienen alle Handgriffe plötzlich wie ausradiert. Puls fühlen! Als erstes Puls fühlen! Wieso war es so schwer, dieses Handgelenk anzufassen?

»Jetzt reiß dich zusammen!«, forderte Val halblaut von sich. Langsam, wie von einer unsichtbaren Kraft gehemmt, näherten sich die zitternden Finger dem Handgelenk. Sie fühlten eine kalte, fremdartig wirkende Haut, unter der kein Puls zu tasten war. Nun fielen auch noch mehr Möglichkeiten ein, die Lebenszeichen zu checken, irgendwas mit Spiegel und Atmung, aber das hatte sich erübrigt. Diese tote kalte Haut, ähnliches hatte Val nie gefühlt, zeigte unzweifelhaft, dass in diesem Körper kein Leben mehr wohnte. Der leblose Arm plumpste hart auf den Boden zurück.

Hier konnte niemand mehr helfen. So dicht an der Leiche hockend, zeigte sich am seitlich liegenden Kopf ein großer Schnitt, der quer zur Kehle verlief und aus dem das Blut über ihren linken Arm gespritzt war, solange ihr Herz noch geschlagen hatte.

Jetzt raus hier! Trotz der hämmernden Fluchtbefehle im Kopf fielen die Bewegungen unsagbar schwer. Selbst das Aufstehen gestaltete sich mühsam, alles geschah in Zeitlupe, obwohl doch höchste Eile geboten war. Wie in Trance sah Val sich in der Küche um. Die Schubladen waren aufgerissen, Teller und Schüsseln lagen zerschlagen auf dem Boden. Offenbar war einfach alles herausgeworfen worden, was beim Durchwühlen der Schränke im Weg war.

Endlich war die Küchentüre erreicht und die Lähmung fiel von den Beinen ab. So schnell wie möglich floh Val aus der Wohnung und die Treppe hinab, um an der Haustüre die Schritte wieder zu verlangsamen. Jetzt nochmal ganz ruhig und tief durchatmen. Bestimmt keine gute Idee, panikartig aus einem Haus zu rennen, in dem gerade jemand umgebracht worden war. Mit viel Mühe gelang ein einigermaßen unauffälliger Rückzug.

Nachdem die erste Querstraße passiert war, fiel Val erneut in einen Laufschritt, um so schnell wie möglich Abstand zwischen sich und das Mordhaus zu bringen. Nach etwa einen Kilometer tauchte auf der linken Seite ein kleiner Park auf und Val setzte sich heftig atmend auf eine vom Regen feuchte Parkbank. Hier konnte erstmal nachgedacht werden.

Was war in einer solchen Situation zu tun? Die Polizei rufen, fiel als eine nahegelegene Möglichkeit ein, schien bei näherem Nachdenken jedoch keine gute Idee. Wie sollte den stets misstrauischen Polizeibeamten der Besuch in der Wohnung erklärt werden? Nur allzu leicht kamen die Verfolgungsbehörden auf falsche Gedanken und es würden unzählige Fragen gestellt werden, die Val nicht beantworten konnte oder wollte. Es war ja völlig schleierhaft, was für ein böses Spiel hier gespielt wurde. Mit etwas anderem Timing lägen jetzt vielleicht zwei Leichen mit durchgeschnittener Kehle auf dem schwarz-weiß karierten Küchenboden. Val fröstelte bei der Vorstellung und zog die Kordel des Hoodys enger. Wie war es zu dem ganzen Schlamassel gekommen?

Begonnen hatte die Geschichte am Morgen dieses trüben Tages. Ein dichtes Regenband erlaubte einigen engagierten Sonnenstrahlen erst spät durch kleine Wolkenlücken zu blitzten und Val zu wecken.

Der Blick auf das Display des betagten Radioweckers zeigte die flackernde Ziffernfolge 08:53 und formte die Erkenntnis, dass die erste Stunde der Berufsschule bereits Geschichte war. Kein besonders bedauernswerter Umstand, denn der erste Schulblock gehörte dem harmlosen Fach Deutsch. Um die Auszubildenden an ein Phänomen namens deutsche Literatur heranzuführen, wurde ein Schinken über eine gewisse Effi Briest gelesen. Diese hatte vor über hundert Jahren einige zeittypische Probleme mit Ehemann und Familie gehabt, weshalb sie in düstere Depressionen gefallen war. Diese an sich nicht so seltenen Schwierigkeiten verheirateter Personen qualifizierten Effi aus bislang ungeklärten Gründen zu einer wichtigen und angeblich lesenswerten Figur der deutschen Literatur.

In welcher Weise die Ehekonflikte pommerscher Hinterwaldsaristokratinnen zur Horizonterweiterung einer kaufmännischen Ausbildungsklasse des 21. Jahrhunderts beitrugen, hatte sich bislang nicht erschlossen. Der fehlende Zugang zur speziellen Problemlage konnte glücklicherweise unproblematisch behoben werden, denn in den unendlichen Weiten des Internets fanden sich schlaue Beiträge zur Midlifecrisis der Frau Briest, was für die Deutschklausur genügen sollte. Der mit grauem Zottelbart behangene Althippie, der sich mit resigniertem Engagement als Deutschlehrer abmühte, war bereits mit einigen zusammenhängenden und leidlich fehlerfreien Sätze zufrieden. Deutsch war auch mit merkwürdigem Pommerndrama einigermaßen geschenkt, ganz im Gegensatz zu Matheklausuren und genau so eine drohte heute in der dritten Stunde.

Val hatte keinen näheren Bezug zu den komplexen Gleichungen und den darin wohnenden, ominösen Unbekannten entwickeln können, weshalb nie klar geworden war, wovon der hypernervöse, mehr breit als hoch gewachsene Mathelehrer eigentlich redete. Mathematik gehörte in einer kaufmännischen Ausbildung nicht ganz überraschend zu den zentralen Fächern, weshalb hinsichtlich der mathematischen Unbekannten echte Leistung gefordert wurde und das Klausurproblem einer kreativen Lösung bedurfte.

Die nächsten Minuten verwandelten das Badezimmer in ein römisches Dampfbad und kurze Zeit später tröpfelte die Kaffeemaschine das belebende schwarze Gebräu aufreizend langsam in die Glaskanne. Während das altersschwache und völlig verkalkte Gerät mit seinen Pinkelgeräuschen trippelte, blieb Zeit, den attestierfreudigen HNO-Arzt anzuwählen, dessen Nummer schon zu Realschulzeiten aus gutem Grund einen Stammplatz im Handyspeicher erobert hatte.

»Kann ich vielleicht heute Morgen noch einen Termin haben? Ich habe mal wieder fürchterliche Schmerzen.«

»Komm vorbei, wir schieben dich kurz nach elf Uhr rein«, antwortete die Sprechstundenhilfe, die Val seit Jahren kannte.

Knurps, lustvoll gruben sich die Zähne in den dick mit Nutella beschichteten Toast. Ein nervöses Zischen vom Küchenboard signalisierte, dass der Kaffee seinen...



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