E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Manotti / Rhukiz Hartes Pflaster
Neuauflage 2015
ISBN: 978-3-86241-616-5
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-86241-616-5
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dominique Manotti, geboren 1942 in Paris. Studierte an der Sorbonne, danach Professorin für Wirtschaftsgeschichte. 1976-1983 Generalsekretärin der Pariser Sektion der Gewerkschaft CFDT. Politisch geprägt durch den Widerstand gegen den Algerienkrieg und die Mairevolte 1968. Schrieb mit 50 Jahren ihren ersten Roman. Zahlreiche literarische Auszeichnungen. Grande Dame des französischen Roman noir. Bei Assoziation A erschien ihr Erstlingswerk 'Hartes Pflaster' sowie der gemeinsam mit DOA verfasste Politthriller 'Die ehrenwerte Gesellschaft' (Preis für den besten französischen Kriminalroman 2011).
Autoren/Hrsg.
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2
Dienstag, 4. März
Daquin ist in einem Café, genau gegenüber von dem Imbiss, der gerade aufgemacht hat, auf Beobachtungsposten gegangen. Ziemlich schlicht. Es ist nur ein enger und dunkler Schlauch mit einem ebenso langen Tresen, einem winzigen Schaufenster zur Straße, das jetzt wegen des schönen Wetters ganz geöffnet ist. Keine Tische, keine Stühle. Drei Männer sind hinter dem Tresen beschäftigt. Weiter hinten eine Tür und eine Durchreiche zur Küche hin. Ein unaufhörliches Kommen und Gehen der Gäste, auf den ersten Blick alles Türken. Sandwiches, Salat, Kaffee, Tee, Raki, Bier. Niemand scheint lange zu bleiben. Falscher Tipp?
»Noch einen Kaffee, bitte.«
Nachdem die Hektik des Vormittags vorüber ist, nun ein eher ruhiges Publikum. Die Gäste, die am Tresen stehen, unterhalten sich länger. Ab und zu geht jemand nach hinten in den Laden, hinten am Tresen vorbei und von dort in die Küche, dann kommt er wieder. Überprüfen, ob man daraus Rückschlüsse ziehen könnte.
Daquin geht zu Fuß bis zum Sitz des Kommissariats des 10ten Arrondissements, Passage du Désir. In einem ziemlich schmutzigen Durchgang befindet sich ein kleines Backsteingebäude. Dort haben sich in der dritten und letzten Etage Daquin und seine Truppe in einem zum Büro umfunktionierten Versammlungsraum für die Dauer ihrer Untersuchung eingerichtet. Eine kleine, eigens dafür einberufene Gruppe, zusammengestellt vom Chef des Rauschgiftdezernats, verfolgt die Spur eines möglichen »türkischen Drogennetzes«, einem Tipp der deutschen Polizei folgend. Ein großes helles Zimmer unter dem Dach, ausgestattet mit zwei Metallschreibtischen, einem für Daquin und einem für seine Inspektoren, zwei Sessel von guter Qualität, sechs Stühle, ein runder Tisch, zwei Schreibmaschinen, zwei Telefone, eine kleine Spüle, ein Kocher, eine Kaffeemaschine. Auf der einen Seite zwei große Fenster mit Blick zum Hof, auf der anderen Seite eine Glastür, die zu einem hellen und ruhigen Flur führt. Eine Behelfsunterkunft, aber durchaus angenehm.
Seine beiden Inspektoren warten auf Daquin. Attali und Romero sind sich sehr ähnlich. Sie sind zusammen in einem Sozialbau in Belle-de-Mai, einem Arbeiterviertel im Norden von Marseille, aufgewachsen. Sie sind gleich alt, Mitte zwanzig, und tragen beide Windjacke, Jeans und Turnschuhe. Aber im Gegensatz zu Romero war Attali ein braver Junge, Klassenbester, hat die Inspektorenaufnahmeprüfung auf Anhieb bestanden. Er wollte schnellstens Geld verdienen, um seine Mutter und seine Schwestern unterstützen zu können, die in großen Schwierigkeiten steckten. Er sieht ernsthaft, nett und eher langweilig aus. Romero aber bewegte sich von Anfang an im Grenzbereich zur Kriminalität. Ein schöner Kerl, ebenmäßiges Gesicht, tiefschwarze Haare. Er weiß um seine körperliche Ausstrahlung. Er hat zur selben Zeit wie Attali die Inspektorenaufnahmeprüfung absolviert, aus bloßer Herausforderung und vielleicht mit dem geheimen Wunsch, sich aus dem Staub zu machen. Nach drei Jahren Berufserfahrung ist es das erste Mal, dass sie zusammen ein Team bilden, seit einem Monat unter Daquin. Als dieser hereinkommt, sind sie gerade dabei, »Schiffe versenken« zu spielen.
Daquin wirft ihnen einen enttäuschten Blick zu, macht sich einen Kaffee und dann:
»Ich habe Arbeit für Euch. Ganz in der Nähe, unten in der Rue du Faubourg-Saint-Martin ist ein türkischer Imbiss zu überwachen. Das ist ein Tipp von einem meiner V-Männer. Vom Auto aus unmöglich. Wenn wir einige Tage dort bleiben müssen, werden wir sofort auffallen. Man müsste eher versuchen, ein Fenster, vielleicht im Wohnhaus gegenüber zu finden. Kümmert euch um die Sache. Ich will nicht unbedingt von allen Gästen Fotos, aber von denjenigen, die in den Laden gehen und hinter dem Tresen verschwinden. Schaut bei Meillant, Kommissar vom 10ten Arrondissement, vorbei. Er weiß über unsere Gruppe Bescheid. Er ist mit dieser Ecke seit über zwanzig Jahren vertraut. Er kennt sich aus und kann euch sicher weiterhelfen.«
Als die zwei Inspektoren fort sind, vertieft sich Daquin in die Zeitungen. Er ist überzeugt, dass ein Teil der Lösung des Problems dort unten, in den Herkunftsländern zu finden ist, und wenn man die Drogenhändler hier festnehmen will, muss man erst einmal verstehen, was dort passiert. Der Machtantritt von Khomeini, der immer wieder für Unruhe sorgt, die amerikanischen Geiseln in Teheran, Rechts- und Linksradikale in der Türkei, die sich gegenseitig massakrieren mit mindestens zwanzig Toten pro Tag auf beiden Seiten und jetzt auch noch die sowjetische Intervention in Afghanistan. Die Zeitungslektüre nimmt einige Zeit in Anspruch.
Hier hat das Komitee für die Verteidigung der Rechte der Türken in Frankreich ein Domizil gefunden. Ein kleines fensterloses Büro hinten im Pfarrgebäude, das neben der Kirche steht.
Heute, einen Tag nach der Demonstration, ist hier die Hölle los.
Die engen und dunklen Flure des Erdgeschosses sind überfüllt mit Türken, die gerade Mitglieder des Komitees geworden sind. Jedes neue Mitglied lässt Soleiman einen anonymisierten Fragebogen ausfüllen. Wie viele Stunden Arbeit pro Tag im Moment? Und wie viele außerhalb der Saison? Die Löhne? Wann und warum wurde der Arbeitsplatz gewechselt? Die Familie? Seit wann in Frankreich? Die Unterkunft? Wer ist der Eigentümer, wer der Vermieter? … Vier dicht beschriebene Seiten, auf Türkisch und Französisch. Die Männer sitzen überall herum, in den Fluren, im Hof, und füllen mit äußerster Aufmerksamkeit ihre Fragebögen aus. Und wer weiß, vielleicht nützt es ja doch was? Soleiman liest sie alle noch einmal durch, diskutiert mit jedem, erklärt und ergänzt, wenn die Fragen schlecht verstanden worden sind. Er ist für sie da, aufmerksam. Er, der niemals hinter einer Nähmaschine gesessen hat, der in Paris von Anfang an entweder von den Einkünften als Fotograf für Touristen am Fuße des Eiffelturms oder als mobiler Verkäufer von Popcorn und Kastanien gelebt hat, wird nun Experte für Arbeitsrechtsfragen in der Bekleidungsbranche. Man erzählt sich, dass im Sentier bereits ein Handel mit Mitgliedsausweisen begonnen hat. Vom Verteidigungskomitee für 16 Francs gekauft, werden sie in den Werkstätten bis zu einem Preis von 100 Francs an jene, die nicht rausgehen wollten oder es nicht gewagt hatten, weiterverkauft. Für die Türken wird es das erste offizielle Papier in Frankreich sein. Man erzählt auch, und das stimmt zweifellos, dass Männer in der U-Bahn bei einer Ausweiskontrolle ihre Mitgliedsausweise gezeigt haben und dass die Bullen sie durchgelassen haben.
Das kleine fensterlose Büro platzt langsam aus allen Nähten. Alle Flure des Erdgeschosses stinken nach kaltem, starkem Tabak, das Linoleum ist mit Zigarettenkippen und Brandlöchern übersät. Der Andrang ist so groß, dass Warteschlangen eingerichtet werden mussten, mit Hinweisschildern auf Türkisch. Die Toiletten sind zum Kotzen. Die kleine ruhige Kantine ist in Beschlag genommen worden, Kaffee zu jeder Tageszeit, total verraucht.
Der Pfarrer und die anderen Gemeindeangehörigen igeln sich in ihren Büros ein. Das Zusammenleben wird schwierig werden.
Die Verhandlungen mit dem Kabinett des Staatssekretärs für Immigranten werden morgen beginnen. Das Verteidigungskomitee wird daran teilnehmen. Soleiman wird einstimmig als Vertreter des Verteidigungskomitees gewählt. Daquin vergessen, durchatmen. Soleiman geht raus, Mädchen anmachen auf den Boulevards.
»Wir haben endlich erste Spuren. Aber es gibt einige Punkte, die wir nicht vernachlässigen sollten. Darüber möchte ich mit Ihnen reden, denn sie tauchen nicht im schriftlichen Bericht auf.«
»Ich höre, Théo. Ich habe alle Zeit der Welt, meine Frau ist in den Skiurlaub gefahren, ich bin also Strohwitwer, genau wie Sie. Einen Whisky?«
»Nein, danke. Einen Wodka, wenn Sie einen haben. Als Sie vor einem Monat meine Gruppe zusammengestellt haben, war das Ziel klar. Eine sehr lockere, sehr mobile Gruppe, um erste Spuren ausfindig zu machen. Sie haben mir versprochen, die Gruppe analog zu unseren Fortschritten aufzustocken beziehungsweise einige Fälle des Pariser Rauschgiftdezernats, die bereits zu den Akten gelegt wurden, wieder aufzurollen. Gilt das noch?«
»Ja, das gilt immer noch.«
»Gut. Wir haben während des letzten Monats praktisch nichts gefunden. Die Überprüfungen der von den Deutschen übermittelten Namen und Daten hat rein gar nichts ergeben. Entweder sind die betreffenden Jungs gar nicht in Frankreich oder, was wahrscheinlicher ist, wir haben keinen Nachweis ihrer Anwesenheit. Folglich hat Attali alle Polizeiakten nach Fällen von Überdosis in den...




