E-Book, Deutsch, 249 Seiten
Mannel Männer sind die besseren Väter
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95824-245-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 249 Seiten
ISBN: 978-3-95824-245-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Beatrix Mannel studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Erlangen, Perugia und München und arbeitete dann zehn Jahre als Redakteurin beim Fernsehen. Danach begann sie - auch unter ihrem Pseudonym Beatrix Gurian - Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schreiben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Für ihre aufwändigen Recherchen reist sie um die ganze Welt. Außerdem gründete sie gemeinsam mit einer Kollegin 2016 die Münchner Schreibakademie. Bei dotbooks erschienen bereits die Jugendromane Jule, filmreif, Jule, kussecht, die Serie S.O.S. - Schwestern für alle Fälle mit den Einzelbänden: Willkommen in der Chaos-Klinik Ein Oberarzt macht Zicken Flunkern, Flirts und Liebesfieber Rettender Engel hilflos verliebt Prinzen, Popstars, Wohnheimpartys und der historische Jugendroman Die Tochter des Henkers. Mehr Informationen auch auf der Website der Autorin: www.beatrix-mannel.de www.münchner-schreibakademie.de/
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Kapitel 2
Das dezent altrosafarbene Zweibettzimmer mit großen Fenstern zum dunklen, trostlosen, spätherbstlichen Englischen Garten hin war winzig und roch nach einem undefinierbaren Gemisch aus Blut, Fencheltee und Apotheke.
Aber wenigstens hatte ich hier ein Telefon, so konnte ich endlich meinen Mann Nick anrufen. Leider war nur der Anrufbeantworter dran. Seine atemlose, leicht gepreßte Stimme teilte triumphierend mit: »Max, Eva und Nikolaus Herbst sind leider nicht zu Hause, bitte hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Pieps …«
3 Uhr nachts, wen konnte man da noch anrufen? Ich war sehr müde und trotzdem total aufgekratzt. Halb vier, die Tür ging auf, und die Mutter von vorhin wurde hereingerollt.
Sie hatte sich auch für Rooming-in entschieden. Die beiden Kinderbettchen wurden so gestellt, daß die Mutterbetten nebeneinander waren, und die Babys außen neben den jeweiligen Müttern standen.
Sie schaute sich gründlich in dem Raum um und fragte die kleine, zierliche Schwester, deren Brille nur schlecht ihre dunklen Augenringe verbarg: »In welche Himmelsrichtung geht denn dieser Raum?«
Die Schwester antwortete leicht verwirrt: »Ich weiß nicht, ich bin nur zur Aushilfe hier.«
»Waren Sie noch nie bei Tageslicht in diesem Raum? Wo scheint denn mittags die Sonne?«
»Ich habe immer nur Nachtschicht.«
»Das gibt’s doch nicht. Wenn Sie sich das Krankenhaus mal von außen vorstellen, in welcher Himmelsrichtung befindet sich denn der Haupteingang?«
»Darüber habe ich noch nie nachgedacht!«
Die andere Mutter griff sich gereizt an den Kopf. »Und was ist mit dem Hintereingang?«
Die Schwester schüttelte den Kopf. Sie schaute meine Bettnachbarin an, als hätte sie eine Verrückte vor sich. »Ich habe den Hintereingang überhaupt noch nie benutzt, ich fahre immer gleich in die Tiefgarage!«
Die beiden waren immer lauter geworden, und die Babys reagierten auf den ungewohnten Lärm mit Gebrüll. Die Schwester reichte meiner neuen Bettnachbarin ihren Sohn und murmelte eine unverständliche Kurzfassung zum Thema »Stillen für Anfängerinnen«, dann verließ sie fluchtartig den Raum.
Die andere Mutter drehte sich zu mir um, hob dramatisch wie eine antike Priesterin die Arme hoch, und die roten Seidenärmel ihres Pyjamas fielen zurück. »Ist das nicht unglaublich! Da geht diese Person hier ein und aus, und weiß nicht, in welcher Himmelsrichtung dieses Zimmer liegt.«
Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum das so wichtig sein sollte. Aber ich wußte, was sie wissen wollte, schließlich hatte ich mich ja anständig auf die Geburt vorbereitet und diese Zimmer sechs Monate vor der Geburt besichtigt! »Nach Südwesten«, sagte ich, gespannt, ob sie mir jetzt mitteilen würde, warum sie das wissen wollte.
»Und die Hintertür?« fragte sie.
»Nach Norden, glaube ich.«
»Wenn man von innen nach außen geht, oder von außen nach innen?« Ich überlegte kurz. »Von außen nach innen.«
»Dann sollten wir unbedingt die Kinderbettchen umstellen: Dein Bett sollte an diese Wandseite und dein Sohn hier herüber.«
Ich protestierte. Ein bißchen aus Prinzip. Sie duzte mich, ohne mich zu fragen, und dann kommandierte sie mich herum, ohne zu verraten, wofür das alles gut sein sollte. »Aber hier sind keine Steckerleisten und keine Lampen, ich finde das nicht richtig. Die Leute haben sich bestimmt etwas dabei gedacht, als sie die Zimmer so eingerichtet haben.«
Die andere überlegte, dabei knabberte sie hektisch an den Fingernägeln ihrer rechten Hand. »Dann laß uns bitte wenigstens die Kinderbettchen von den Wänden wegstellen, das ist nicht gut für die Kleinen.«
Sie wirkte tatsächlich ziemlich beunruhigt, deshalb stimmte ich schließlich zu. Immerhin hatte sie sogar »bitte« gesagt.
Dann schob sie die Kinderbettchen zusammen in die Mitte, so daß wir durch die Babys getrennt waren.
Sie seufzte tief. »So ist es in jedem Fall besser.« Sie legte ihren Sohn an ihre rechte Brust, und ich fragte mich, wieso sie schon nicht mehr diesen entsetzlichen weißen OP-Kittel anhatte, der hinten offen war. Sie trug einen scharlachroten Seidenpyjama mit aufgestickten Drachen. Das wirkte zusammen mit ihren dunkelbraunen Haaren sehr exotisch. Ich dagegen hatte noch diesen Kittel an und darunter den Gipfel an erotischer Bekleidungskunst: ein steriles Netzhöschen. Komisch, ich hatte gedacht, daß einem nach der Geburt solche Äußerlichkeiten egal wären. Statt dessen überlegte ich, welches Nachthemd ich für die Besucher, die später sicher nach und nach eintrudeln würden, anziehen könnte. Aus unserem Wäschegeschäft »Gabys Wäscheparadies« hatte ich mir unter Gabys hämischen Kommentaren zur Mutterschaft nur die allerbeste Qualität genehmigt. Es war ein Fehler, an Gaby zu denken, denn Gaby war der Nagel zu meinem Sarg, eine Nervensäge, eine Heimsuchung und Landplage, und sie war leider auch der andere Teil von »Gabys Wäscheparadies«, meine Geschäftspartnerin. Sie würde natürlich sagen, ich sei ihre Geschäftspartnerin, denn sie hatte den Laden aufgemacht, daher auch der Name: »Gabys Wäscheparadies«, und ich war nachträglich erst eingestiegen.
Nick fände es wunderbar, wenn ich das kakaofarbene französische Satinhemdchen anziehen würde, aber das war mir zu frivol. – Jetzt als Mutter! Ich entschied mich für ein klassisches weißes Batistnachthemd, oben mit einer kleinen Passe aus Baumwolltüll, trotzdem kochfest und knöpfbar, und damit angemessen für die stillende Mutter.
Mäxchen war mittlerweile eingeschlafen, und ich war immer noch hellwach. Langsam begannen draußen im Park ein paar einsame Vögel zu zwitschern.
Meine Bettnachbarin wechselte ihren Sohn an die linke Brust.
»Tut verdammt weh!« sagte sie.
Da war ich zur Abwechslung mal einer Meinung mit ihr.
»Mir geht’s ähnlich. Sagen Sie, wie heißen Sie denn eigentlich?«
»Ich heiße Lala«. Sie sprach es aus, wie Oh là là!
»Ja?« Diese Person wollte mich auf den Arm nehmen. Lala, das war doch Blödsinn, aber ich würde nicht nachfragen, das hätte sie jetzt gern. Exaltierte Person. Ich meine, jemand, der sich ernsthaft Lala nannte, konnte doch nur gaga im Hirn sein! Mein Gesichtsausdruck mußte mich irgendwie verraten haben. Aber Lala störte das überhaupt nicht.
Im Gegenteil, sie setzte lachend zu einer Erklärung an: »Na ja, eigentlich heiße ich Carla, aber als ich klein war, habe ich zu mir selbst immer nur La La gesagt, und später fand ich’s cool. Vor allem numerologisch gesehen, ich meine, nach der kabbalistischen Zahlentabelle ist es ein Spitzenname.«
»Kabba was?« Davon hatte ich noch nie gehört. Es klang nach abgehobenem Esoterikschwachsinn.
»Die kabbalistische Zahlentabelle ordnet jedem Buchstaben des Alphabets Zahlen zu, z. B. A=1. Wenn man alle Buchstaben anhand der Zahlentabelle addiert, ergibt die Summe konkrete Hinweise auf deine Zukunft.«
»Interessant«, murmelte ich und fragte mich, was für Namen sie sich wohl daraufhin für ihren Sohn ausgedacht hatte, Lassie wahrscheinlich, Flipper, Pipi oder Gaga. Ich beschloß, sie Carla zu nennen. Schließlich war ich erwachsen, und ihr könnte es auch nicht schaden, erwachsen zu werden, jetzt als Mutter!
»Und wie heißt du?« fragte sie.
»Ich heiße Eva-Maria Herbst.«
»Das ist ja kabbalistisch gesehen fantastisch! Warte mal.« Sie kramte mit einer Hand in ihrer Nachttischschublade, mit der anderen hielt sie ihren Sohn an der Brust fest und rechnete dann wichtigtuerisch irgendwelche Zahlen anhand einer völlig zerfledderten Liste zusammen.
Sie überraschte mich. In meinen Ohren hatte sich mein Name ziemlich langweilig angehört, neben Lala.
»Also, Eva Maria Herbst ergibt die 1112, unglaublich, 1000 bedeutet gnädig, verständnisvoll, hilfreich, Freundschaft wird angeboten, dann die 100 weist auf göttliche Gunst und ein von Glück gesegnetes Leben hin, und die 12 ist immer ein gutes Omen für die Zukunft.«
Sie war ganz aus dem Häuschen und wedelte mir mit ihrer Liste zu, als sei sie eine Trophäe, die ich mir für gute Führung verdient hätte.
Es freute mich, daß sie so viel Positives für mein Leben prophezeien konnte, aber was bedeutete schon »gnädig, hilfreich«?
»Und wie wirst du ihn nennen?« deutete sie auf meinen Sohn, der friedlich in seinem Bettchen schlummerte.
»Wir wollen ihn auf den Namen Maximilian taufen lassen.«
Sie nickte. »Ich kann mich noch nicht entscheiden, ob ich meinen Sohn Rasmus, Pontus oder Urmel nennen soll. Was findest du denn, nach was sieht er denn am meisten aus?« Sie nahm ihren Sohn von der Brust, hielt ihn mir zur Begutachtung hin und erwartete tatsächlich eine Antwort.
»Was sagt denn der Vater des Kindes dazu?« fragte ich.
Sofort schossen ihre riesigen, dunkelbraunen Augen Kugelblitze in meine Richtung ab, dann sah sie mich herausfordernd an. »Es gibt keinen Vater!«
Sie war unberechenbar. Eben noch fragte sie mich nach einem Namen für ihr Kind, und jetzt blockte sie das Gespräch schon wieder völlig ab. Das war natürlich Quatsch, es gab immer einen Vater. Oder zumindest einen Mann. Ohne Mann kein Kind! Aber vielleicht hatte er sie sitzenlassen, als sie schwanger war, oder das Kind war das Ergebnis eines »One-Night-Stands«? Es schien jedenfalls ein wunder Punkt zu sein.
»Tja, wie heißt ihr zwei denn mit Nachnamen? Ist doch auch wichtig, daß das zusammenpaßt, oder finden Sie nicht?«
Sie nickte. »Wir heißen Schuh mit Nachnamen.«
Jetzt war ich...




