E-Book, Deutsch, 279 Seiten
Mannel Die Tochter des Henkers
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96053-112-8
Verlag: jumpbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 279 Seiten
ISBN: 978-3-96053-112-8
Verlag: jumpbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Beatrix Mannel studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Erlangen, Perugia und München und arbeitete dann zehn Jahre als Redakteurin beim Fernsehen. Danach begann sie - auch unter ihrem Pseudonym Beatrix Gurian - Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schreiben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Für ihre aufwändigen Recherchen reist sie um die ganze Welt. Außerdem gründete sie gemeinsam mit einer Kollegin 2015 die Münchner Schreibakademie. Bei jumpbooks erschienen bereits die Jugendromane Jule, filmreif, Jule, kussecht, die Serie S.O.S. - Schwestern für alle Fälle mit den Einzelbänden: Willkommen in der Chaos-Klinik Ein Oberarzt macht Zicken Flunkern, Flirts und Liebesfieber Rettender Engel hilflos verliebt Prinzen, Popstars, Wohnheimpartys und der historische Jugendroman Die Tochter des Henkers. Mehr Informationen auch auf der Website der Autorin: www.beatrix-mannel.de www.münchner-schreibakademie.de/
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1. Wasserspiele
Solange von Kiefersheim noch etwas zu sehen war, summte Franziska leise vor sich hin. Dann, als der Weg zum Roten Haus hinauf steiler und einsamer wurde, begann sie zuerst zaghaft, dann immer klarer und jubelnder zu singen, obwohl der halbe Scheffel Gerste in der hölzernen Kiepe auf ihrem Rücken von Schritt zu Schritt schwerer wurde.
Ihr Weg führte von Kiefersheim die Maisch entlang und schraubte sich mit jeder Biegung des Flüsschens höher und höher, bis hinauf zum Galgenberg.
Die Melodien kamen ganz von allein aus ihrer Kehle, denn trotz der Hitze war es heute ein Vergnügen, diesen Pfad entlangzugehen.
Ihre Füße wirbelten – anders als im Winter, wenn ihre Holzschuhe ständig im zähen Morast stecken blieben – den feinen Staub auf, der wie Funken in der Sonne vor ihr hertanzte und flirrte.
Der Himmel erschien ihr blau wie die Glockenblumen, die am Rand der Maisch zwischen den Kieseln wuchsen und deren Glöckchen im Rhythmus des Plätscherns und Glucksens sanft hin und her schaukelten.
Nur wenn ich singe, dachte sie, bin ich glücklich, bin wirklich die Franziska Burkhardt und nicht bloß die Tochter des Henkers von Kiefersheim.
Sie seufzte, ohne aufzuhören zu singen, was einen dumpfen Laut hervorbrachte, der Franzi verstummen ließ. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was es hieß, die Tochter des Henkers zu sein. Schließlich hatte sie es viel besser getroffen als ihre Kusinen Barbara und Verena, die auch Henkerstöchter waren. Denn im südhessischen Kiefersheim musste man wenigstens keine gelben Kappen tragen so wie in Trier und Braunschweig, wo ihre Kusinen lebten. Trotzdem gehörte sie zu den Ausgestoßenen, als würde sie, genauso wie die Jüdinnen und Prostituierten, die gelbe Kappe tragen.
In ihrem Dorf sprach niemand mit ihr. Und berühren würde sie auch keiner. Dabei wünschte Franzi sich nichts mehr als eine Freundin. Wenn sie doch wenigstens eine Schwester hätte!
Oder ihre Mutter noch leben würde!
Sie blieb einen Augenblick stehen und wischte sich mit dem Zipfel ihres Brusttuches den Schweiß von der Stirn. Dann drehte sie sich um und betrachtete aus der Höhe das nun im Tal liegende Kiefersheim. Rund um das Dorf wuchs ein dichter Wald aus Kiefern und Buchen. Mittendrin waren die Fachwerkhäuschen im Kreis angeordnet, beinahe wie die Perlen einer Halskette, fand Franzi.
Dabei hatte Franzi erst ein Mal eine Perlenkette gesehen. Damals, als die Baronin Trebeljahr heimlich zu ihrem Vater, dem Scharfrichter von Kiefersheim, gekommen war, um sich die Zutaten zu einer »Medizin« zu holen. Franzi lächelte, denn diese Medizin war, so viel wusste sie noch von ihrer Mutter, ganz bestimmt eher ein magischer Zaubertrank.
Und die nötigen Ingredienzien kaufte man nicht am helllichten Tag, das taten sie alle nur heimlich.
Franzis Mutter hatte das nicht gestört, aber Franzi fand es ungerecht, dass sie im Dorf von allen ehrlichen Handwerkern geschnitten wurde, als hätte sie die Pest, und sich die Dorfbewohner andererseits bei ihrem Vater die nötigen Zutaten für ihre Heiltränke holten.
Wie immer, wenn Franzi an ihre Mutter dachte, berührte sie unwillkürlich Mutters Amulett. Ein Wildschweinzahn, den ihr eine Edelfrau zum Dank für ihre Hilfe im Kindbett geschenkt hatte und den Franzi an einer dünnen Silberkette um den Hals trug. In ihrer Erinnerung war ihre Mutter immer gleichmütig und sanft gewesen und hatte nur sehr selten mit Franzi geschimpft. Ihre Mutter hatte fest daran geglaubt, dass alles, so wie es kam, auch gut sein musste, einfach deshalb, weil es von Gott kam. Franzi hatte das auch lange geglaubt, doch seit dem Tod ihrer Mutter nagten immer öfter Zweifel an Franzis Herz. Wie hatte Gott das zulassen können?
Pfarrer Zinke hatte ihr versichert, dass Gott nur die Edlen und Guten früh zu sich ins Jenseits ruft. So hatte er aber auch schon die sechs totgeborenen Geschwister von Franzi erklärt. Und, hatte er hinzugefügt, natürlich sei ihre Mutter im Himmel, im ewigen Paradies, und es sei höchst unrecht von Franzi, ihrer Mutter das zu missgönnen.
Franzi tröstete dieser Gedanke gar nicht, denn der Himmel war doch so unendlich weit weg. In der Hoffnung, dass sie schnell zu ihrer Mutter ins Paradies käme, wenn sie nur ordentlich und brav wäre, hatte sie eine Zeit lang versucht, sich tadellos zu benehmen, aber das war unmöglich!
Denn im Roten Haus führte jetzt Tante Genofeva, Mutters jüngere Schwester, das Regiment.
Und Tante Feva sah aus wie eine misslungene Kopie ihrer Mutter, ganz in magerem Dunkelgrau. Der schmale Strich ihrer Lippen öffnete sich nur zum Seufzen. Lachen fand Tante Feva angesichts all der Übel auf der Welt, als da wären Gotteslästerer, Schamlose, Pestilenz und Krieg, geradezu gottlos! Ihre nagelgrauen Augen begannen allerhöchstens dann etwas zu glänzen, wenn jemand unerwartet starb oder in großes Unglück geriet.
Sosehr sich Franzi auch bemühte, sie konnte es ihrer Tante einfach nicht recht machen, und reden konnte man mit ihr schon gar nicht.
Wie gern hätte Franzi ihrer Mutter von den merkwürdigen Gefühlen erzählt, die sie beim Singen spürte. Franzi kam es dann so vor, als würde sie schweben. Der Himmel rückte näher, und manchmal hatte sie sogar den Eindruck, ihre Mutter würde ihr zuhören ...
Wenn Tante Feva von diesen Gefühlen wüsste, dann würde sie den Kopf schütteln, das für nichtsnutzigen Müßiggang halten und noch strenger mit Franzi sein, um ihr die Flausen auszutreiben.
Franzi warf einen letzten Blick auf Kiefersheim und überlegte, was die Baronin Trebeljahr wohl bei ihrem Vater gekauft hatte. Vielleicht einen Liebeszaubertrank? Man munkelte, dass es nicht gut um ihre Ehe stand. Oder vielleicht eine Salbe zur Steigerung ihrer Fruchtbarkeit? Schließlich war sie mit dem Baron schon seit zehn Jahren verheiratet und hatte ihm noch immer kein einziges Kind geboren.
Das war einer dieser Umstände, dachte Franzi, die Tante Feva glücklich machten. »So viel Geld und Schönheit, und doch nicht von Gott gesegnet! Das kommt eben davon, wenn man als Lutheraner eine Katholische zur Frau nimmt«, pflegte Sie zu sagen und dabei seltsam zufrieden auszusehen.
Leider bewahrte Franzis Vater Stillschweigen über seine nächtlichen Geschäfte. Und gerade das weckte Franzis Neugier.
An jenem Abend, als die Baronin gekommen war, hätte Franzi längst schlafend in ihrer Kammer liegen sollen, aber sie hatte sich mit ihrem jüngeren Bruder Karl auf der Stiege versteckt, um die Edelfrau heimlich aus der Nähe beobachten zu können.
Wie fein ihre Kleider geraschelt hatten! Gerade so, als würde ein lichter Frühlingswind durch die maigrünen Buchenblätter am Galgenberg tanzen. Und geduftet hatte die Baronin, ganz eigenartig nach süßer Milch und Minze und Maiglöckchen.
Karl war davon übel geworden, aber Franzi hatte beim Einatmen das Gefühl gehabt, dass dieser Duft genau das war, was in ihrem Leben fehlte.
Im Roten Haus roch es sonst immer nur nach Fett und Ruß und nach den getrockneten Tierhäuten, die der Vater als Bezahlung für seine Arbeit als Abdecker behalten durfte.
Franzi lief jetzt ein wenig schneller, um ihre kleine Pause wieder wettzumachen.
Zuhause wartete nämlich schon die große Wäsche auf sie. Aber auch das änderte nichts an ihrer fröhlichen Stimmung, denn bei diesem Wetter würde das geradezu ein Vergnügen werden, und noch dazu würde die Hitze dafür sorgen, dass schon am Abend alles wieder trocken war.
Sie fing erneut an zu singen, allerdings fiel es ihr etwas schwerer als vorhin, denn die Gerste in der Kiepe schien sich in der Hitze verdoppelt zu haben. Mit jedem Schritt schwitzte sie mehr.
Franzi ging näher zur Maisch, um rasch eine Handvoll zu trinken. Sie hockte sich hin und versuchte etwas von dem vorbeiplätschernden Wasser aufzufangen, ohne das Gleichgewicht oder gar ein Gerstenkorn zu verlieren.
Während sie das klare Wasser aus ihrer Hand schlürfte, spürte sie eine unbändige Lust, ihre Füße ins kühle Wasser zu halten. Ja!
Es war ihr gleichgültig, ob es schicklich war, mit nackten Füßen in der Maisch herumzuwaten. Es schien ihr das einzig Richtige! Sie sah sich um, weit und breit war niemand zu sehen. Tante Feva würde also nie davon erfahren.
Und das war auch gut so, denn Füße baden war für Tante Feva beinah genauso eine frevelhafte Sünde wie Selbstmord. Denn wenn man Wasser an seinen Körper ließ, dann forderte man sein Schicksal geradezu heraus und bekam sofort die Schwindsucht oder mindestens das Leibreißen.
Dass der elfjährige Karl so oft Krämpfe hatte, dann ohnmächtig wurde und schließlich still dalag, führte Tante Feva auf die verwerfliche Angewohnheit von Franzis Mutter zurück, ihre kleinen Kinder zu waschen. Am ganzen Körper!
Pah, Franzi hatte hinter Fevas Rücken schon oft ihre Füße ins Wasser gehalten, und noch nie war sie krank geworden.
Sie kletterte über einige der glatt gespülten Felsen, fand einen Baumstamm, auf den sie sich setzen konnte, und schleuderte übermütig die klobigen Holzschuhe von sich, dachte dabei kurz an die gelbseidenen Schuhspitzen, die unter den Kleidern der Baronin hervorgelugt hatten und ... Oh, nein! Franzi schrie auf. Einer der Schuhe war nicht auf den Boden, sondern in die Maisch gefallen und trieb, hin und her schaukelnd wie ein kleines Boot, schnell davon.
Sie raffte ihre leinenen Röcke und watete über den steinigen Flussgrund hinter ihrem Schuh her. Doch die Strömung war stark, und ihr Schuh war immer ein bisschen schneller als sie.
Unmöglich, ohne Schuh nach Hause zu kommen! Unvorstellbar, welche Strafe sich Tante Feva ausdenken würde!
Trotz ihrer Angst um den Schuh genoss Franzi die kalten Wasserperlen, die sie schaumig...




