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E-Book, Deutsch, 0 Seiten

Mann Pioniere -

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-11672-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

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ISBN: 978-3-641-11672-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sie wurden ausgesandt, um die Sterne zu erforschen. Jetzt kehren sie zurück

Die Pioniere, genetisch veränderte Kundschafter, wurden einst ins All ausgesandt, um fremde Planeten im Hinblick auf eine Besiedelung durch den Menschen zu untersuchen. Ihr Erbgut wurde so modifiziert, dass sie mit nahezu allen Umwelteinflüssen fertig werden können. Doch die Expansion der Menschheit ins All fand niemals statt: Die Erde schlitterte in eine ökologische Katastrophe, die sich auch auf das Erbgut der Menschen auswirkte. Unfruchtbarkeit ist die Regel, die Menschheit steht vor dem Aus. Da erinnert man sich an die Kundschafter, die man vor Jahrhunderten ausgeschickt hatte. Sie und ihre Nachfahren tragen intaktes Erbgut in sich, mit dem der verseuchte Genpool wieder aufgefrischt werden könnte. Sie sind die letzte Hoffnung der Menschheit – doch sind diese Lebewesen eigentlich noch Menschen?

Phillip Mann wurde 1942 in Northallerton, Yorkshire geboren und lebt seit 1969 in Neuseeland. Von 1970 bis 1998 unterrichtete er Theaterwissenschaften an der Victoria University of Wellington, diesen Posten gab er auf, um sich anderen Projekten zu widmen. 1982 erschien sein erster Roman „Das Auge der Königin“, der den Auftakt zu einer Reihe weiterer SF-Romanen bildete (z. B. „Der Herr von Paxwax“, „Der Fall der Familien“, „Pioniere“, „Wolfsgarn“ und die „Ein Land für Helden“-Tetralogie). Ab Mitte der 1990er Jahre schrieb Mann keine Science Fiction mehr, um sich vor allem dem Theater zu widmen; erst 2013 kehrte er zu diesem Genre zurück.
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01

»Bist du wach, Angelo? Komm schon! Es gibt etwas, was du sehen musst.« Ariadnes Finger griffen in mein Nackenfell und massierten mich wach. Ich wollte schlafen. Meine Beine waren bleiern, in meinem Mund ein Gefühl, als ob eine Katze darin geschlafen hätte. Aber ich reagierte. Irgendwo in den Tiefen meines Bewusstseins erkannte ich, dass Ariadne mein Erwachen nicht ohne guten Grund beschleunigen würde.

Ich stolperte ihr nach durch den Gang und hinauf zum Brückendeck, wo der Bordrechner zwitscherte wie ein Baum voll Zikaden.

»Jetzt pass auf«, sagte sie und drückte mich auf einen Sitz. Der Projektionsschirm, der den größten Teil einer Wand bedeckte, erwachte wie Mondschein auf leicht geriffeltem Wasser zum Leben. Dann nahm er eine tiefschwarze Färbung an, und in dieser Schwärze sah ich einen gelben Umriss, der langsam an Schärfe gewann, wie etwas, was aus der Tiefe der See gehoben wird.

Saturn.

Er hing vor uns wie ein aus Jade geschnittenes Schmuckstück.

Seine Ringe, diagonal zu uns, schnitten bis zu den Rändern unserer Projektion in den schwarzen Raum. Der Planet wirkte so nahe, so fest, dass ich in meiner Schläfrigkeit zuerst dachte, Ariadne spiele mir irgendeinen Streich und lasse einen Gegenstand vor mir baumeln. Aber es war kein Streich.

Während ich ihn beobachtete, verschob sich die Position des Riesenplaneten vor dem Sternhintergrund, und ein heller Lichtpunkt wuchs über seinem nördlichen Rand. Ich sah die Sonne über dem Saturn aufgehen. Und ich beobachtete das Schauspiel, bis die Sonne in diffusem Farbenspiel durch die Ringe schien.

So schläfrig ich war, erkannte ich doch das Außerordentliche dessen, was wir sahen. Wenn wir von einer Rettungsmission zurückkehren, erwachen wir gewöhnlich noch außerhalb der Uranusbahn. Aber wir nähern uns dem System bald aus dieser und bald aus jener Richtung, und nie zuvor habe ich von einer Rettungsmannschaft gehört, die der Umlaufbahn des Saturn nahe gekommen wäre, geschweige denn den mächtigen Planeten aus der Nähe gesehen hätte.

Wir entfernten uns bereits von ihm. Die Sonne lag voraus. Wir forderten eine Positionsbestimmung der Erde an, und der Bordrechner kam der Aufforderung nach und zeigte einen hellen Lichtpunkt nicht allzu fern der Sonne. Die Erde.

»Ich dachte mir, dass es dich munter machen würde. Den Anblick hättest du ungern verschlafen, nicht wahr?«

»Nein«, brummte ich (meine Zunge fühlte sich noch gummiartig an). »Danke.«

»Es gibt Arbeit zu tun. Auf der Erde herrscht reges Leben. Chrono hat sich nach dir erkundigt.«

»Was will er?«

»Ich vermute, dass er Neuigkeiten hat. Aber er war sehr verschlossen.« Sie blickte mich mit schiefgelegtem Kopf an, als ob mir nicht zu trauen wäre. »Du bist wach, nicht wahr? Heute solltest du es mit fester Nahrung versuchen. Das wird dich auf die Beine bringen.«

»Wie lange bist du schon wach?«

»Beinahe fünf Tage, Bimbo.«

»Ach du lieber Gott. Und wie geht es deinem Favoriten?«

»Er schläft noch, aber es geht ihm gut. Auf seinem Kopf ist Haar gewachsen.«

»Tatsächlich?«

»Komm und iss etwas. Dann kannst du ihn dir ansehen.«

Ich war nicht sicher, ob ich essen oder Pionier Murray sehen wollte, aber Ariadne ließ nicht locker, und Minuten später würgte ich an der ersten festen Nahrung, die mein Magen seit zwei Generationen verdaut hatte.

Pionier Murray sah verjüngt aus. Die Flüssigkeit war abgesaugt worden, und Ariadne hatte das Pflegegerät angewiesen, ihm das Haar zu schneiden und ihn zu rasieren. Jetzt lag er trocken im Behälter, hatte einen steifen Stoppelbart und einen Pagenschnitt. Sein Haar ist aufbewahrt worden, um später analysiert zu werden. Er schlief auf dem Rücken, die Hände auf dem Unterleib.

»Wie verletzlich er aussieht«, sagte ich.

»Er ist verletzlich. Komm mit, Angelo!«, sagte Ariadne und führte mich an der Hand fort.

Chrono ist einer der unsrigen. Ein Prototyp, sozusagen. Ich habe ihn nie zu Gesicht bekommen, aber man erzählt sich, er sei inzwischen so fett, dass er zehn Männer aufwiege. Er bewohnt seinen eigenen Satelliten hoch über dem Mond und begrüßt jede Pionier-Rettungsmannschaft, die vom Einsatz zurückkehrt. Man erzählt sich auch, dass er niemals schlafe.

Wie dem auch sei.

Seine offizielle Funktion ist die eines lebenden Funkfeuers. Früher überwachte er den gesamten Verkehr zwischen Erde und Mond und den inneren Planeten. Ferner überwachte er das Treibgut und die Trümmerreste längst vergessener Raumfahrtunternehmungen, die noch immer in hohen Umlaufbahnen die Erde umkreisen. Heutzutage hat er sich nur um uns Rettungsmannschaften zu kümmern, da wir die einzigen Raumfahrer sind.

Er gibt uns nützliche Auskünfte und Neuigkeiten.

Nach der ersten festen Nahrung und unserem Vorbeiflug am Saturn fühlte ich mich besser und optimistischer, also nahm ich Verbindung mit Chrono auf und war sehr erfreut, seine ruhige, sachliche Stimme zu hören.

»Es ist schön, dich wieder zu hören, Angelo. Ariadne sagte mir, ihr hättet keine nennenswerten Schwierigkeiten gehabt. Und euer Pionier ist wohlauf?«

»Es geht ihm gut.«

»Fein. Es wird dich freuen, zu erfahren, dass ich euch in ständiger Überwachung habe, und dass euer Weg frei ist. Ich habe die Absicht, euch um den Mond zu führen. Ihr werdet nahe an der Erde vorbeifliegen, aber nicht landen.«

»Wozu ist das?«

»Neue Bestimmungen. Vieles ist geschehen. Das Schlimmste war eine Epidemie, die das Knochenmark angreift. Viele starben, bevor das Virus erkannt und ein Gegenmittel gefunden wurde. Aber heutzutage ist Pionieren die direkte Landung auf Erden untersagt.«

»Aha. Das Pionierprogramm bekam die Schuld.«

»Du hast es erraten.«

»Wurde ein Virus zurückgebracht? Ich dachte, während des langen Tiefschlafes könnte kein Erreger unentdeckt bleiben.«

»Ich glaube nicht daran. Nach meiner Vermutung war es nur eine weitere Mutation aus der Zeit der Katastrophe, die sich erst in den vergangenen zwei Generationen weltweit ausbreitete. Aber jemand muss verantwortlich gemacht werden. Tretet behutsam auf, wenn ihr schließlich landet. Ihr seid eine aussterbende Spezies, die sich obendrein keiner allzu großen Beliebtheit erfreut.«

»Was gibt es noch?«

»Lindis und Tui zerschellten vor zweiundsechzig Jahren auf dem Mond. Das ist der Grund, weshalb ich euch dort herumführen möchte. Die Trümmer sind weit verstreut. Ich dachte mir, ihr würdet sie gern sehen.«

»Ja. Sie sind tot?«

»Nichts überlebte.«

»Wie konnte es geschehen? Ich meine, waren sie auf Annäherungskurs? Gab es einen Fehler?«

»Ich hatte ihren Kurs nachgerechnet, und er stimmte, aber dann versagte irgend etwas. Sie kamen ins Trudeln, und als sie die Seitwärtsbewegungen korrigieren wollten, geriet das Schiff ganz außer Kontrolle und stürzte auf das Randgebirge eines Kraters.«

»Lindis und Tui.«

»Sie waren auf der Heimreise und fragten nach euch. Sie hofften auf ein Wiedersehen, wussten jedoch, dass ihr weit draußen wart.«

»Hast du Ariadne davon erzählt?«

»Noch nicht. Unser erstes Gespräch betraf nur technische Angelegenheiten.«

»Leite uns langsam um den Mond, Chrono. Lindis war mir wie ein Bruder.«

»Ich weiß.«

»Wie wird es weitergehen? Wie werden wir landen?«

»Ihr werdet zu einem ehemaligen Materiallager geführt. Es ist umgebaut und für Personen eingerichtet worden. Dort wird der Pionier abgeladen. Ihr werdet sechs Monate lang in Quarantäne bleiben.«

»Sechs Monate?«

»Wie ich sagte.«

»Aber …«

»Ich habe in solchen Dingen keine Autorität. Beschwert euch bei der Raumfahrtbehörde. Wartet ab, ob man dort mit euch reden wird.«

Darauf blieb ich eine lange Weile still und versuchte in mich aufzunehmen, was Chrono erzählt hatte, und, vielleicht noch wichtiger, was er mir nicht erzählt, sondern nur angedeutet hatte. »Also haben sich die Verhältnisse nicht sehr gebessert?«

»Einiges hat sich gebessert. In Indien sind Rekultivierungsmaßnahmen angelaufen. In Teilen Äthiopiens können wieder Ernten eingebracht werden. Der. Altiplano von Peru und Bolivien sind wieder besiedelt. Aber das Pionierprogramm ist gescheitert.«

»Erzähl!«

»Pionier Caesar entnommene Samenzellen erwiesen sich als fruchtbar, führten aber zu Missgeburten. Klone wurden von Aimee, Napoleon und Arthur gemacht, aber auch sie waren missgestaltet. Die als Teil des Pionierprogramms eingeführten genetischen Veränderungen, die gedacht waren, ihre Anpassungsfähigkeit zu verbessern, erwiesen sich als irreversibel. Hinzu kommt, dass einige der Pioniere nicht kooperationswillig sind. Dabei sind sie die einzigen, die einige der alten Geheimnisse kennen. Aber sie halten den Mund. Gerüchten zufolge sind ein oder zwei der Pioniere, die im Mondstützpunkt festgehalten werden, im Laufe von Experimenten umgekommen.«

»Lieber Himmel!«

»Es herrscht Verzweiflung. Also nehmt euch in acht. An eurem Pionier besteht großes Interesse. Es ist Murray, nicht?«

»Ja. Raoul Murray. Er war einer der frühen Pioniere. Vielleicht erinnerst du dich seiner.«

»Ja.«

»Er ist ein schwieriger Mann.«

»Dann wünsche ich ihm alles Gute. Warnt ihn.«

»Das werden wir tun. Sonst noch etwas?«

»Sehr viel sogar, aber das meiste davon müsst ihr selbst herausbringen. Ich denke, ihr werdet einen qualitativen Unterschied in eurem Empfang feststellen. Seid auf der Hut.«

»Danke für die Warnung. Eine letzte Frage: Wer sonst ist zur Zeit auf der Erde? Sind wir die einzigen?«

»Nein, nein. Ihr werdet eine große...


Mann, Phillip
Phillip Mann wurde 1942 in Northallerton, Yorkshire geboren und lebt seit 1969 in Neuseeland. Von 1970 bis 1998 unterrichtete er Theaterwissenschaften an der Victoria University of Wellington, diesen Posten gab er auf, um sich anderen Projekten zu widmen. 1982 erschien sein erster Roman „Das Auge der Königin“, der den Auftakt zu einer Reihe weiterer SF-Romanen bildete (z. B. „Der Herr von Paxwax“, „Der Fall der Familien“, „Pioniere“, „Wolfsgarn“ und die „Ein Land für Helden“-Tetralogie). Ab Mitte der 1990er Jahre schrieb Mann keine Science Fiction mehr, um sich vor allem dem Theater zu widmen; erst 2013 kehrte er zu diesem Genre zurück.



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