E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Mann Heinrich Mann: Professor Unrat
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-8464-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
(Romanvorlage des Films »Der blaue Engel«)
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7534-8464-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heinrich Mann: Professor Unrat ... oder Das Ende eines Tyrannen | Romanvorlage des Films »Der blaue Engel« | Neu editierte Ausgabe 2021 | Der 57-jährige Gymnasiallehrer Raat, von seinen Schülern spöttisch Unrat genannt, ist ein humorloser Spießer, dem es im Unterricht mehr um Gehorsam denn um Bildung geht. Um einen besonders gehassten Schüler zu konfrontieren, sucht er abends die Varieté-Bar »Der blaue Engel« auf, wo er diesen vermutet. Doch er trifft auf die Tänzerin Rosa Fröhlich, deren erotischer Ausstrahlung er auf der Stelle verfällt. Es gelingt ihr, den Professor so sehr zu umgarnen, dass er sie in blinder Liebe und sexueller Gier sogar heiratet. Rosa jedoch denkt nicht daran, ihrem bisherigen Lebensstil abzuschwören ... | Mit diesem Roman, dessen Verfilmung mit Marlene Dietrich (»Der blaue Engel«) zu einem Welterfolg des deutschen Films wurde, gelang Heinrich Mann eine meisterhafte Karikatur der Wilhelminischen Zeit. © Redaktion AuraBooks, 2021
Luiz Heinrich Mann (1871-1950) war ein deutscher Schriftsteller und der ältere Bruder von Thomas Mann, der durch seine Großromane »Die Buddenbrooks« und »Der Zauberberg« berühmt wurde. Im Gegensatz zu seinem Bruder war Heinrich politischer, mit einer eher journalistischen Herangehensweise an seine Themen. Neben Romanen schrieb er viele politische und kulturkritische Essays. »Professor Unrat« und »Der Untertan« sind seine Meisterwerke.
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KIESELACK ÖFFNETE von außen die Saaltür, führte seine blaue Pfote an den Mund und stieß einen gedämpften Pfiff aus. Sofort kamen Ertzum und Lohmann heraus. »O Mensch, lauf!« rief Kieselack jedem zu und tanzte rückwärts, mit anfeuernden Gesten, vor ihnen her, bis ans Ende des Hausflurs und der Treppe zu. »Nu is es so weit!« »Was ist so weit?« fragte Lohmann gleichgültig – obwohl er es genau wusste und darauf gespannt war. »Sie sind schon oben«, raunte Kieselack, mit ganz verrenktem Mund. Er zog sich die Schuhe aus und schlich die flache gelbgeländerte Holztreppe hinan, die knarrte. Gleich auf dem ersten, niederen Absatz war die Tür: Kieselack kannte sie. Er duckte sich vors Schlüsselloch. Nach einer Weile winkte er, stumm und leidenschaftlich, ohne sich vom Schlüsselloch zu trennen. Lohmann zuckte die Achseln und blieb am Fuß der Treppe stehn neben Ertzum, der mit offenem Mund hinaufstarrte. »Nun, wie ist dir?« fragte Lohmann verständnisvoll. »Ich weiß bei Gott nicht mehr, was los ist«, sagte von Ertzum. »Du glaubst doch nicht, dass da was passiert? Dieser Kieselack ulkt natürlich.« »Natürlich«, bestätigte Lohmann mitleidig. Kieselack winkte immer wilder. Er kicherte lautlos in das Schlüsselloch hinein. »Sie muss sich doch sagen«, bemerkte Ertzum, »dass ich diesen Menschen niederschlagen kann.« »Schon wieder?.. Übrigens, das macht ihr die Sache vielleicht reizvoller.« Von Ertzum kam nicht mehr mit. Sein Begriff von Liebe war ein für allemal geprägt durch die Kuhmagd, die ihn vor drei Jahren daheim ins Gras geworfen hatte, nachdem er über einen starken Viehjungen Sieger geblieben war ... Hier war nun ein hochschulteriger Schwächling; und Rosa Fröhlich glaubte doch wohl nicht, dass Ertzum ihn fürchtete? »Sie glaubt doch wohl nicht, dass ich ihn fürchte?« fragte er Lohmann. »Fürchtest du ihn etwa nicht?« fragte Lohmann. »Das sollst du sehn!« Und Ertzum, aufgereckt, tat zwei Sätze, über sechs Stufen. Aber Kieselack, der das Schlüsselloch losgelassen hatte, vollführte auf Socken einen Triumphtanz. Plötzlich anhaltend: »O Mensch!« wisperte er, und seine Augen funkelten in seinem käseblassen Gesicht. Ertzum war feuerrot und keuchte. Ihre Blicke maßen sich, kämpften. Ertzum verlangte mit seinem: dies sollte nicht wahr sein. Kieselack antwortete mit dem dünnen Hohn eines Lidwinkels, der ein bisschen zuckte ... Und auf einmal sank Ertzum in ebensolche Blässe wie der andere, beugte sich über sich selbst, als habe er einen Stoß vor den Magen bekommen, und stöhnte auf vor Schmerz. Er tastete sich wankend die sechs Stufen wieder hinunter. Lohmann empfing ihn mit verschränkten Armen, den Mund in lebensfeindlichen Falten. Ertzum ließ sich wie einen Sack auf die unterste Stufe fallen und nahm den Kopf in die Hände. Nach einem Schweigen, dumpf, von unten: »Lohmann, fasst du das? Ein Weib, das ich so hochgestellt habe! Ich glaub’ noch immer, der Ekel, der Kieselack macht faule Witze. Dann gnad’ ihm Gott!... Ein Weib, das so, so viel Seele hat!« »Auf Seele kommt es bei dem, was sie momentan betreibt, nicht eben an. Sie handelt schlicht weiblich.« Lohmann lächelte grausam. Er zog durch dieses Wort Dora Breetpoot in den Schmutz neben die andere – Dora Breetpoot, die erste der Frauen. Wie er das genoss! »Aber Kieselack ist wieder am Schlüsselloch ...« Lohmann erhielt Ertzum, der den Kopf wegdrückte, auf dem Laufenden. »Kieselack winkt schon ziemlich heftig ... Dieser Unrat ist – Ertzum, wir gehen vielleicht weiter?« Er raffte seinen Freund vom Boden und zog ihn nach dem Haustor. Draußen wollte Ertzum nicht mehr vom Fleck; er lehnte sich, schwer und stumpf, an das Haus seiner Enttäuschungen. Lohmann redete eine Zeitlang vergeblich. Er drohte mit Weggehn; da erschien Kieselack. »Ihr seid auch öde Kerls. Was kommt ihr denn nich rein. Unrat is schon drin mit seiner Braut. Ich hab’ im Saal Bescheid gesagt, wo sie herkommen, da sind sie mit ‘n großen Juchhe empfangen. Du, so was lebt nicht mehr: sie sitzen im Kabuff und sind zärtlich. Ich lach’ mich tot! Komm, nu ziehn wir drei Mann hoch ins Kabuff.« »Du bist wohl –« machte Lohmann. Aber Kieselack meinte seinen Vorschlag ernst. »Ihr habt doch hoffentlich keine Angst vor Unrat!« verlangte er empört. »Unrat liegt ja viel zu sehr drin, was will er denn gegen uns noch machen. Wir können jetzt Schindluder mit ihm treiben.« »Es reizt mich nicht. Unrat ist unter allem Schindluder«, erklärte Lohmann. Kieselack flehte stürmisch. »Sei doch kein Frosch. Du hast bloß Angst.« Ertzum entschied plötzlich: »Also los! Ins Kabuff!« Eine wilde Neugier hatte ihn gepackt. Er wollte diesem Weib gegenübertreten, das aus solcher Höhe gestürzt war! Er wollte von ganz oben einen Blick über sie und ihren elenden Verführer hinwerfen und sehen, ob sie den Blick aushielt. Lohmann erklärte: »Ihr seid geschmacklos.« Aber er ging mit. * In der Garderobe empfing sie Gläserklirren. Der Wirt entkorkte gleich die zweite Flasche Sekt. Das Ehepaar Kiepert neigte sich mit strahlenden Gesichtern über Unrat und die Künstlerin Fröhlich, die in eins verschmolzen hinter dem Tisch thronten. Die drei Schüler gingen zuerst einmal um den Tisch herum. Dann pflanzten sie sich vor Unrat und seine Dame hin und wünschten einen guten Abend. Nur die beiden Kiepert antworteten und schüttelten ihnen die Hände. Darauf wiederholte Ertzum allein und mit rauer Stimme seinen Gruß. Rosa Fröhlich blickte verwundert auf und sagte unbefangen, mit einem zwitschernden, girrenden Stimmchen, das er noch gar nicht kannte: »Na, da seid ihr ja. Sieh mal, Schatz, da sind sie. Setzt euch man hin un prost.« Damit war sie fertig, und ihr Blick ließ Ertzum fahren, so teilnahmslos, dass er ins Zittern geriet. Unrat hob gnädig die Hand auf. »Freilich nun wohl – setzen Sie sich und trinken Sie eins. Heute sind Sie meine Gäste.« Er schielte nach Lohmann, der schon Platz genommen hatte und sich eine Zigarette drehte ... Lohmann, der schlimmste, dessen Eleganz eine Demütigung war für die schlecht bezahlte Autorität; Lohmann, der die Unverschämtheit hatte, Unrat nicht bei seinem Namen zu nennen; Lohmann, der kein mausgrauer, unterworfener Schüler und kein dummer Kerl war, sondern mit seinen unbeteiligten Manieren, seinem neugierigen Bedauern beim Zorn des Lehrers, den Tyrannen anzweifelte: – zu allen den Nebendingen, mit denen dieser Lohmann sich abgab, hatte er auch die Künstlerin Fröhlich hinzuzufügen versucht. Hierbei aber war er gescheitert an Unrats ehernem Willen. Er sollte nicht im Kabuff bei der Künstlerin Fröhlich sitzen: Unrat hatte es geschworen. Er sollte der Künstlerin Fröhlich nicht teilhaftig werden: er war es nicht geworden. Und nicht nur, dass nicht Lohmann im Kabuff bei der Künstlerin Fröhlich saß, saß vielmehr Unrat darin ... Dies Ergebnis ging hinaus über Unrats erstes Ziel. Er stutzte; und fühlte auf einmal eine heißere Genugtuung. Er hatte Lohmann samt seinen zwei Genossen, er hatte den entlaufenen Schülern draußen im Saal, er hatte der Stadt von fünfzigtausend widerspenstigen Schülern die Künstlerin Fröhlich entzogen, und er war Alleinherrscher im Kabuff! Sie fanden ihn förmlich verjüngt. Mit der Krawatte hinterm Ohr, einigen offenen Knöpfen und den verwirrten Resten seiner Frisur, hatte er etwas aus dem Geleise Geratenes, verkommen Sieghaftes, ungeschickt Trunkenes. Rosa Fröhlich hatte etwas Aufgeweichtes, Müdwarmes, Verkindlichtes, wie sie an ihn geschmiegt, über den Tisch hing. Ihr Aussehen war eine Kränkung für jeden unbeteiligten Mann, weil es ein allzu entschiedener Triumph Unrats war. Die drei merkten dies ganz gut; Kieselack begann sogar an den Nägeln zu kauen. Kiepert, der sich weniger klar darüber war, ward mit seinem Unbehagen fertig dadurch, dass er allen geräuschvoll zutrank. Die dicke Frau entzückte sich fortwährend über Rosas glückliche Veränderung und über das allgemeine Versöhnungsfest. »Und Ihre Schüler, Herr Professor, die freuen sich auch mit. Was die jungen Herren anhänglich sind an Sie, da is das Ende von weg.« »Immerhin denn wohl«, sagte Unrat. »Sie scheinen ja wirklich des Sinnes für das Schöne und Gute nicht völlig zu ermangeln.« Und er lächelte höhnisch. »Nun, Kieselack, immer mal wieder auch da? Es wundert mich nur, das Sie der Möglichkeit, das Haus zu verlassen, nicht durch die Wachsamkeit Ihrer Großmutter verlustig gegangen sind ... Dieser Schüler besitzt...




