Mankell | Tiefe | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Mankell Tiefe

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-552-05762-3
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-552-05762-3
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lars Tobiasson-Svartman ist Marineoffizier und Seevermessungsingenieur, ein Mann der Abstandmessung und des Abstandhaltens. Es ist die Zeit des Ersten Weltkriegs und er hat den militärischen Auftrag, in den Stockholmer Schären neue Fahrwasser auszuloten. Eines Tages trifft er auf einer der äußersten Schären eine einsam lebende Frau, Sara Fredrika. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Doch bald geht sein Auftrag zu Ende, und zu Hause erwarten ihn seine Frau und ein geordnetes Heim. Um zu Sara Fredrika zurückkehren zu können, ersinnt er einen dreisten Betrug. Wie immer bei Mankell entwickelt die Geschichte einen unwiderstehlichen und unheimlichen Sog.
Ein Mann zwischen zwei Frauen. Ein Mensch, der über Leichen geht, um ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Ein Roman über die finsteren Abgründe der Seele und das Böse in uns.

Henning Mankell (1948 - 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay Treibsand (Was es heißt, ein Mensch zu sein, 2015), die Neuausgabe von Die italienischen Schuhe (Roman, 2016), Die schwedischen Gummistiefel (Roman, 2016) und die frühen Romane Der Sandmaler (2017), Der Sprengmeister (2018) und Der Verrückte (2021).
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1


Es hieß, die Schreie der Irren seien bei Windstille übers Meer zu hören.

Besonders im Herbst. Die Schreie gehörten zum Herbst.

Im Herbst beginnt auch diese Geschichte. Mit feuchtem Nebel, ein paar zögernden Wärmegraden und einer Frau, die plötzlich erkennt, daß sie der Freiheit nahe ist. Sie hat ein Loch in einem Zaun entdeckt.

Es ist Herbst 1937. Die Frau, Kristina Tacker, war viele Jahre in der großen Nervenklinik außerhalb von Säter eingesperrt. Gedanken an Zeit hatten für sie jeden Sinn verloren.

Lange betrachtet sie das Loch, als würde sie seine Bedeutung zunächst nicht verstehen. Der Zaun war stets wie eine Hülle, der sie nicht zu nahe kommen sollte. Er ist eine Grenze mit einer ganz bestimmten Bedeutung. Aber diese plötzliche Abweichung? Dieser Punkt, an dem der Zaun aufgebrochen ist? Zu dem, was eben noch verbotenes Terrain war, ist von unbekannter Hand ein Tor geöffnet worden. Es dauert lange, bis sie es begreift. Dann kriecht sie vorsichtig durch das Loch und befindet sich außerhalb des Zauns. Sie steht regungslos und horcht, den Kopf zwischen die angespannten Schultern gezogen, gewärtig, daß jemand kommt und sie packt.

Während der zweiundzwanzig Jahre, die sie in der Nervenheilanstalt eingesperrt war, hatte sie nie das Gefühl, von Menschen umgeben zu sein, sondern von Atemzügen. Die Atemzüge waren ihre unsichtbaren Wärter.

Hinter ihr liegen die schweren Körper der Häuser wie schlummernde Raubtiere, zum Sprung bereit. Sie wartet. Die Zeit gibt es nicht mehr. Niemand kommt und zwingt sie zur Rückkehr.

Erst nach langem Zögern tut sie einen Schritt nach vorn, dann noch einen, und verschwindet zwischen den Bäumen.

Sie befindet sich in einem Nadelwald. Es riecht scharf, wie von brünstigen Pferden. Sie meint einen Pfad am Boden zu ahnen. Sie bewegt sich langsam, und erst als sie den schweren Atem der Nervenheilanstalt nicht mehr spürt, wagt sie es, sich umzudrehen.

Um sie herum gibt es nur Bäume. Daß der Pfad eine Einbildung war und jetzt verschwunden ist, kümmert sie nicht, da sie ohnehin kein Ziel hat. Sie ist wie ein Baugerüst um einen leeren Raum herum. Es gibt sie nicht. Innerhalb dieses Baugerüsts ist weder ein Haus noch ein Mensch entstanden.

Da draußen im Wald bewegt sie sich sehr schnell, als hätte sie trotz allem ein Ziel zwischen den Bäumen. Aber oft steht sie auch ganz still, als wäre sie im Begriff, sich selbst in einen Baum zu verwandeln.

Im Nadelwald existiert keine Zeit. Nur Holzstämme, vor allem Kiefern, hin und wieder Tannen. Und Sonnenstrahlen, die lautlos auf die feuchte Erde treffen.

Sie beginnt zu zittern. Ein Schmerz kommt unter der Haut angekrochen. Erst glaubt sie, es sei dieser entsetzliche Juckreiz, der sie mitunter überfällt, so daß den Pflegern nichts anderes übrigbleibt, als sie anzuschnallen, damit sie nicht ihre Haut zerkratzt. Dann erkennt sie, daß es etwas anderes ist, was sie zittern macht.

Sie erinnert sich, daß sie dereinst einen Mann hatte.

Woher der Gedanke kommt, weiß sie nicht. Aber sie erinnert sich ganz deutlich, daß sie verheiratet war. Er hieß Lars, daran erinnert sie sich. Er hatte eine Narbe über dem linken Auge und war dreiundzwanzig Zentimeter größer als sie. An mehr kann sie sich im Augenblick nicht erinnern. Alles andere hat sie verdrängt und in die Dunkelheit verwiesen, die sie in sich trägt.

Doch die Erinnerung kehrt zurück. Sie sieht sich verwirrt zwischen den Stämmen des Nadelwalds um. Warum fällt ihr hier ihr Mann ein? Er, der den Wald haßte und den es immer zum Meer zog? Er, der Kadett war und später Seevermesser und Marinekapitän mit geheimen militärischen Aufträgen?

Der Nebel weicht, er verflüchtigt sich lautlos.

Sie steht völlig regungslos da. Irgendwo flattert ein Vogel auf. Dann ist es wieder still.

Mein Mann, denkt Kristina Tacker. Einst hatte ich einen Mann, unsere Leben berührten sich, umschlossen uns. Warum erinnere ich mich jetzt an ihn, kaum daß ich ein Loch im Zaun gefunden und all die mich bewachenden Raubtiere hinter mir gelassen habe?

Sie sucht in ihrem Kopf und bei den Bäumen nach einer Antwort.

Da ist nichts. Da ist überhaupt nichts.

2


Spätabends finden die Wärter Kristina Tacker.

Es herrscht Frost, der Boden knirscht unter den Füßen. Sie steht regungslos in der Dunkelheit und starrt auf einen Baumstamm. Was sie sieht, ist keine Kiefer, sondern ein einsam gelegener Leuchtturm auf einer Klippe irgendwo weit draußen in den kargen und verlassenen Schären. Sie merkt kaum, daß sie mit den stummen Bäumen nicht mehr allein ist.

Kristina Tacker ist an diesem Tag im Herbst 1937 siebenundfünfzig Jahre alt. In ihrem Gesicht gibt es noch eine Schicht erhaltener Schönheit. Es ist zwölf Jahre her, seit sie zuletzt ein Wort geäußert hat. In ihrem Krankenjournal wird Tag für Tag, Jahr für Jahr, ein einziger Satz wiederholt:

Die Patientin ist gleichbleibend unerreichbar.

In derselben Nacht: Es ist dunkel in ihrem Zimmer in der großen Klinik. Sie ist wach. Der Strahl eines Leuchtturms streicht vorbei, ein ums andere Mal, wie eine lautlose Uhr aus Licht in ihrem Kopf.

3


Dreiundzwanzig Jahre zuvor, auch da an einem Herbsttag, stand er, der ihr Mann war, und betrachtete das Panzerschiff Svea, das am Galärvarvskaj in Stockholm vertäut lag. Lars Tobiasson-Svartman war Marineoffizier, er betrachtete das Schiff mit wachsamen Augen. Hinter den verrußten Schornsteinen nahm er das Kastell und die Skeppsholmskyrka wahr. Das Licht war grau, er kniff die Augen zusammen.

Es war Mitte Oktober 1914, der große Krieg herrschte seit zwei Monaten und neunzehn Tagen. Lars Tobiasson-Svartman verließ sich nicht vorbehaltlos auf die neuen, eisenbeschlagenen Kriegsschiffe. Die älteren Schiffe aus Holz gaben ihm immer das Gefühl, einen warmen Raum zu betreten. Die neuen Schiffe mit ihrem Rumpf aus vernieteten Panzerblechen waren kalte, unberechenbare Räume. Insgeheim argwöhnte er, daß diese Schiffe sich nicht zähmen ließen. Hinter den mit Kohle beheizten Dampfmaschinen oder den neuen Motoren, die mit Öl betrieben wurden, walteten andere Kräfte, die sich nicht kontrollieren ließen.

Hin und wieder kam eine Bö von der Ostsee her.

Er stand an dem steilen Landungssteg, zögernd. Es verwirrte ihn. Woher kam die Unsicherheit? Sollte er seine Reise abbrechen, ehe sie überhaupt angefangen hatte? Er suchte nach einer Erklärung. Aber alle seine Gedanken waren fort, verschluckt von einer Nebelbank in seinem Innern.

Ein Matrose hastete den Landungssteg hinunter. Das brachte ihn wieder ins Jetzt zurück. Keine Kontrolle zu haben war eine Schwäche, von der niemand wissen durfte. Der Matrose nahm seinen Koffer, die Kartenrolle und das eigens angefertigte braune Futteral, in dem er sein kostbarstes Meßinstrument verwahrte. Er wunderte sich, daß der Matrose das sperrige Gepäck ganz allein trug.

Der Landungssteg schwankte unter seinen Füßen. Zwischen dem Schiffsrumpf und dem Kai war das Wasser zu sehen, dunkel, unerreichbar.

Er dachte an die Worte seiner Frau, als sie sich in der Wohnung in der Wallingata getrennt hatten.

»Jetzt beginnt etwas, wonach du dich schon lange gesehnt hast.«

Sie standen in der dunklen Diele. Sie wollte ihn zum Schiff begleiten, um Abschied zu nehmen. Aber gerade als sie den einen Handschuh anzog, begann sie zu zögern, genau wie er selbst es soeben am Landungssteg getan hatte.

Sie konnte nicht sagen, warum der Abschied plötzlich zu schwer geworden war. Das war nicht nötig. Sie wollte nicht weinen. Nach neun Ehejahren wußte er, daß es für sie schwieriger war, sich ihm weinend zu zeigen als nackt.

Sie nahmen rasch Abschied. Er versuchte ihr zu erklären, daß er nicht enttäuscht war.

Innerlich verspürte er Erleichterung.

Er blieb mitten auf dem Landungssteg stehen und fühlte, wie das Schiff sich fast unmerklich bewegte. Sie hatte recht. Er sehnte sich fort. Doch er war keineswegs sicher, wonach er sich eigentlich sehnte.

Gab es ein Geheimnis, das er selbst nicht kannte?

Er liebte seine Frau über alles. Jedesmal, wenn er eine Dienstreise antrat und sie zum Abschied küßte, sog er wie nebenbei den Duft ihrer Haut ein. Es war, als würde er diesen Duft lagern wie einen guten Wein oder vielleicht wie Opium, das er hervorholen konnte, wenn er sich so verlassen fühlte, daß er Gefahr lief, die Kontrolle über sich zu verlieren.

Noch immer benutzte seine Frau ihren Mädchennamen. Warum, das wußte er nicht, und er wollte auch nicht fragen.

Ein Schlepper ließ drüben am Kastellholm Dampf ab. Er fixierte eine Sturmmöwe, die unbeweglich im Aufwind über dem Schiff verharrte.

Er war ein einsamer Mensch. Seine Einsamkeit war wie ein Abgrund, und er fürchtete, daß er sich eines Tages hineinstürzen würde. Er hatte berechnet, daß der Abgrund mindestens vierzig Meter tief sein mußte und daß er sich mit dem Kopf voran hinunterwerfen mußte, um mit Sicherheit tot zu sein.

Er befand sich exakt in der Mitte des Landungsstegs. Mit Augenmaß hatte er die totale Länge auf sieben Meter geschätzt. Jetzt befand er sich also dreieinhalb Meter vom Kai entfernt und ebenso weit von der Reling des Schiffs.

Seine frühesten Erinnerungen handelten von Entfernungen. Zwischen ihm selbst und seiner Mutter, zwischen seiner Mutter und seinem Vater, zwischen Fußboden und Decke, zwischen Unruhe und Freude. Sein ganzes Leben handelte von Entfernungen, davon, sie zu messen, zu verkürzen und zu verlängern. Er war ein...


Mankell, Henning
Henning Mankell (1948 - 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay Treibsand (Was es heißt, ein Mensch zu sein, 2015), die Neuausgabe von Die italienischen Schuhe (Roman, 2016), Die schwedischen Gummistiefel (Roman, 2016) und die frühen Romane Der Sandmaler (2017), Der Sprengmeister (2018) und Der Verrückte (2021).

Reichel, Verena
Verena Reichel, 1945 geboren, wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis. Sie übersetzte u.a. Ingmar Bergman, Katarina Frostensen, Lars Gustafsson, Henning Mankell, Anna-Karin Palm, Hjalmar Söderberg und Märta Tikkanen.



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