Mankell Die schwedischen Gummistiefel
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-552-05808-8
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-552-05808-8
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Henning Mankell (1948 - 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay Treibsand (Was es heißt, ein Mensch zu sein, 2015), die Neuausgabe von Die italienischen Schuhe (Roman, 2016), Die schwedischen Gummistiefel (Roman, 2016) und die frühen Romane Der Sandmaler (2017), Der Sprengmeister (2018) und Der Verrückte (2021).
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1.
In einer Herbstnacht vor fast einem Jahr brannte mein Haus nieder. Es war ein Sonntag. Nachmittags war Wind aufgekommen. Abends konnte ich auf dem Windmesser sehen, dass die Böen eine Geschwindigkeit von über zwanzig Metern in der Sekunde hatten.
Der Wind kam von Norden und war sehr kalt, obwohl es noch früh im Herbst war. Als ich mich gegen halb elf schlafen legte, dachte ich, dass dies der erste Sturm in diesem Herbst war, der über die Insel hinwegfegte, die ich von Großvater und Großmutter geerbt hatte.
Herbst, bald Winter. Eines Nachts würde die Meeresoberfläche zu gefrieren beginnen. Zum ersten Mal in diesem Herbst hatte ich Socken an, als ich ins Bett kroch. Die Kälte zog an.
Einen Monat zuvor hatte ich mit Mühe das Dach repariert. Es war eine große Arbeit für einen kleinen Handwerker. Viele Dachziegel waren alt und gesprungen, und meine Hände, die einmal bei komplizierten chirurgischen Eingriffen das Skalpell gehalten hatten, waren nicht dazu geschaffen, mit rauhen Dachziegeln zu hantieren.
Ture Jansson, der sein ganzes Berufsleben über, bis zu seiner Pensionierung, hier draußen zwischen den Inseln die Post ausgefahren hatte, übernahm es, die neuen Ziegel vom Hafen hierherzuschaffen. Er wollte sich nicht einmal dafür bezahlen lassen. Da ich in meinem Bootshaus eine improvisierte Praxis eingerichtet hatte, um mich um Janssons eingebildete Zipperlein zu kümmern, dachte er vielleicht, er wäre mir jetzt einen Gefallen schuldig.
All die Jahre habe ich regelmäßig da unten auf dem Steg am Bootshaus gestanden und seine angeblich schmerzenden Arme und den Rücken untersucht. Ich holte das Stethoskop, das neben einem Eiderlockvogel hängt, und stellte fest, dass seine Lungen und sein Herz klangen, wie sie klingen sollten. Bei all diesen wiederkehrenden Untersuchungen hat Jansson sich als kerngesund erwiesen. Doch eine derart gewaltige Angst vor eingebildeten Krankheiten wie die seine habe ich während meiner vielen Jahre als Arzt nie erlebt. Er war Postillion und zugleich ein voll beschäftigter Hypochonder.
Bei einer Gelegenheit klagte er über Zahnschmerzen. Da weigerte ich mich, mich mit seinen Plagen zu befassen. Ob er dann einen Zahnarzt auf dem Festland aufsuchte, weiß ich nicht. Ich frage mich, ob dieser Mann jemals ein einziges Loch in seinen Zähnen hatte. Vielleicht hatte er sich seine Schmerzen beim Zähneknirschen im Schlaf zugezogen?
In der Nacht, in der es brannte, hatte ich wie üblich ein Schlafmittel genommen und war schnell eingeschlafen.
Ich wachte davon auf, dass plötzlich starke Lampen aufflammten. Als ich die Augen aufschlug, war das Licht, das mich umgab, gleißend. Unter der Schlafzimmerdecke hing ein Teppich aus grauem Rauch. Ich sprang barfuß aus dem Bett, lief die Treppe hinunter und in die Küche hinein. Die Socken musste ich im Schlaf abgestreift haben, als es im Zimmer warm geworden war. Überall war ich von dem starken, blendenden Licht umgeben. Im Vorbeilaufen bemerkte ich, dass die Wanduhr in der Küche neunzehn Minuten nach Mitternacht anzeigte. Ich riss meinen schwarzen Regenmantel an mich, der neben der Haustür hing, schlüpfte in meine Gummistiefel, wobei ich mich bei dem einen schwertat, und stürzte hinaus.
Das Haus brannte schon lichterloh in einer dröhnenden Feuersbrunst. Ich musste bis hinunter zum Steg und dem Bootshaus laufen, bis die Hitze erträglich wurde. Dort stand ich dann und sah zu, was geschah. In diesen ersten Augenblicken dachte ich nicht darüber nach, was den katastrophalen Brand verursacht haben konnte. Ich war nur Zeuge des Unmöglichen. Mein Herz schlug so stark, dass ich meinte, es würde im Brustkorb in Stücke zerspringen. Der Brand wütete ebenso in mir selbst.
Die Zeit schmolz in der Hitze dahin. Nach und nach trafen Boote mit verschlafenen Schärenbewohnern ein. Aber hinterher konnte ich nicht sagen, wie lange es gedauert hat oder auch nur, wer gekommen war. Meine Augen starrten wild auf das Feuer und die Funken, die zum Nachthimmel emporwirbelten. Für einen erschreckenden Moment meinte ich plötzlich, die betagten Gestalten meines Großvaters und meiner Großmutter hinter dem Feuerschein zu sehen.
Im Herbst sind wir nicht viele hier draußen auf den Inseln, wenn die Sommergäste abgereist und die letzten Segelboote in ihre unbekannten Heimathäfen gebracht worden sind. Aber jemand hatte das Feuer im Dunkel der Nacht gesehen. Dann hatte sich die Botschaft über die Telefone verbreitet, und alle wollten helfen. Mit den Feuerlöschgeräten der Küstenwache wurde Salzwasser heraufgepumpt und auf das brennende Haus gespritzt. Aber da war es natürlich schon zu spät. Lediglich der Brandherd begann, übel zu riechen. Verkohlte Eichenstämme und Holztäfelungen, Tapeten und Linoleumböden ergeben zusammen einen Gestank, den man nie vergisst.
Im Morgengrauen stand nur mehr eine rauchende und stinkende Ruine da. Zugleich hatte sich der Wind langsam gelegt. Der Sturm war schon zum Finnischen Meerbusen weitergejagt.
Der Wind hatte im Zusammenspiel mit dem Feuer seine böse Absicht vollbracht und dazu beigetragen, dass jetzt von dem schönen Haus meiner Großeltern nichts mehr übrig war.
Erst in der Morgendämmerung schaffte ich es, mir die Frage zu stellen, wie es zu dem Feuer gekommen war. Ich hatte keine Kerzen brennen lassen und auch keine der alten Petroleumlampen. Ich hatte nicht geraucht und auch den alten Holzofen nicht entzündet. Und die Stromleitungen waren erst vor wenigen Jahren neu verlegt worden.
Es gab keine Erklärung. Es schien, als hätte sich das Haus selbst angezündet.
Als könnte ein altes Haus vor Erschöpfung und Trübsinn Selbstmord begehen.
Ich sah ein, dass ich mich in einer entscheidenden Vorstellung von meinem Leben geirrt hatte. Ich zog nach einer misslungenen Operation, die dazu geführt hatte, dass eine junge Frau einen Arm verlor, vor vielen Jahren hierher. Damals dachte ich oft, dass das Haus, in dem ich wohnte, bereits an dem Tag dort stand, an dem ich geboren wurde. Und dass es noch an dem Tag stehen würde, an dem es mich nicht mehr gäbe.
Aber das stimmte also nicht. Die Eichen, die Birken, die Erlen und die einzige Esche würde es weiterhin geben, wenn ich fort wäre. Aber von dem schönen Schärengartenhof sollte nur das Fundament aus Steinblöcken, die von dem seit Langem stillgelegten Steinbruch bei Håkansborg auf dem Festland übers Eis hierhergeschleppt worden waren, übrig sein.
Ich wurde in meinen Gedanken unterbrochen, als Jansson neben mich trat. Er trug einen alten dunkelblauen Overall, nichts auf dem Kopf, aber abgenutzte Motorhandschuhe an den Händen. Ich kannte sie von den Wintern, in denen das Eis weder sicher getragen hatte noch brüchig war und er seinen Hydrocopter für die Posttransporte benutzt hatte.
Er stand da und betrachtete meine Gummistiefel. Als ich selbst hinunterschaute, merkte ich, dass ich bei der Flucht zwei linke grüne Stiefel von der alten Marke Tretorn angezogen hatte. Jetzt verstand ich, warum der eine Stiefel beim Anziehen so eng gewesen war. Und warum der Rundgang um das brennende Haus so beschwerlich gewesen war.
»Ich werde dir ein Paar Stiefel bringen«, sagte Jansson. »Ich habe mehrere zu Hause.«
»Vielleicht steht noch ein Paar unten im Bootshaus«, sagte ich.
»Nein«, entgegnete Jansson. »Ich bin schon dort gewesen und habe nachgeschaut. Es gibt nur ein paar Lederschuhe und alte Krampen, die man früher an den Stiefeln anbrachte, um draußen auf den Klippen Robben zu keulen.«
Dass Jansson bereits in meinem Bootshaus herumgestöbert hatte, wunderte mich nicht. Auch wenn er es diesmal aus Fürsorge wegen meiner beiden linken Stiefel getan hatte. Denn dass er manchmal in mein Bootshaus ging, wusste ich. Jansson war ein Schnüffler. Ich war schon lange davon überzeugt, dass er alle Postkarten gelesen hatte, die durch seine Hände gegangen waren, während die Sommergäste unten an den Stegen gestanden hatten, um Briefmarken zu kaufen.
Jansson sah mich mit müden Augen an. Die Nacht war lang gewesen.
»Wo wirst du wohnen? Was wirst du jetzt tun?«
Ich antwortete nicht, weil ich keine Antwort hatte. Ich näherte mich der qualmenden Ruine. Der falsche Stiefel scheuerte. Das ist alles, was ich jetzt besitze, dachte ich. Zwei linke Stiefel. Alles andere ist weg. Ich habe nicht einmal Kleider zum Anziehen.
In diesem Moment, als mir der ganze Umfang der Katastrophe klar wurde, hatte ich das Gefühl, mich durchzöge ein jammernder Ruf. Aber ich hörte nichts. Alles, was in meinem Inneren geschah, vollzog sich lautlos.
Jansson tauchte wieder an meiner Seite auf. Er hat eine eigentümliche Art, sich zu bewegen, als hätte er Pfoten statt Füße. Er taucht aus dem Nichts auf und steht einfach da. Offenbar scheint er zu wissen, wie er sich aus dem Sichtfeld eines anderen Menschen heraushält.
Warum war nicht sein erbärmliches Haus auf Stångskär statt des meinen niedergebrannt?
Jansson zuckte zusammen, als hätte er meinen verbitterten Gedanken erraten. Aber ich begriff, dass ich das Gesicht verzogen hatte, was er darauf zurückführte, dass er mir zu nahe gekommen wäre.
»Du kannst natürlich bei mir wohnen«, sagte er, nachdem er sich wieder gefasst hatte.
»Das ist sehr freundlich von dir«, erwiderte ich.
Dann betrachtete ich den Wohnwagen meiner Tochter Louise, der in einem Erlenhain hinter Jansson stand. Dort gab es auch eine hohe Eiche, die noch nicht all ihre Blätter verloren hatte. Der Wohnwagen war immer noch hinter herabhängenden Zweigen verborgen.
»Ich habe den Wohnwagen«, sagte ich. »Dort...




