Mankell | Die rote Antilope | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Mankell Die rote Antilope

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-552-05678-7
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-552-05678-7
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Geschichte eines kleinen schwarzen Jungen, der Ende des 19. Jahrhunderts von wohlmeinenden Weißen nach Schweden gebracht wurde und sich dort nach seiner warmen Heimat zu Tode sehnt. Ein menschliches Drama, ein politisches Gleichnis und ein ebenso spannender wie poetischer Roman.

Henning Mankell, geboren 1948 in Stockholm und aufgewachsen in Härjedalen, lebte als Theaterregisseur und Autor in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay 'Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein' (2015), die Neuausgabe von 'Die italienischen Schuhe' (Roman, 2016), 'Die schwedischen Gummistiefel' (Roman, 2016) und der frühe Afrika-Roman 'Der Sandmaler' (2017). Im Herbst 2018 erscheint sein allererster Roman, 'Der Sprengmeister'.
Mankell Die rote Antilope jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


3


Auf dem Schiff wurde er von seinem Namen befreit. Man nannte ihn nie etwas anderes als den Passagier. Ohne daß er richtig wußte, wie ihm geschah, durchlief er ein Ritual, bei dem er seiner bisherigen Identität enthoben wurde. Er wurde der Passagier. Unter diesen bleichen, hart arbeitenden Menschen war er der einzige, der nichts anderes tat als zu reisen. Ohne Namen, ohne Vergangenheit, ohne etwas anderes als eine Koje inmitten der Matrosen. Das war ihm nur recht. Als er seine Identität verlor, verschwand zugleich auch die Vergangenheit. Es war, als würde das salzige Wasser, das über die Reling spritzte, in sein Bewußtsein eindringen und alle schattenhaften Erinnerungen zerfressen, die er mit sich herumtrug. Die mahlenden Kiefer des Vaters verblaßten, Matilda wurde zu einer undeutlichen Silhouette und das Haus in Hovmantorp zur Ruine. Von seiner Mutter und den beiden Schwestern blieb nichts, nicht einmal die Erinnerung an ihre Stimmen. Als er sich in den Passagier verwandelte, entdeckte er zum ersten Mal, daß etwas existierte, wovon er zwar gehört, was er aber nie zuvor begriffen hatte. Freiheit.

Die Ankunft in Kapstadt sollte ihm als langgezogener, unwirklicher Traum in Erinnerung bleiben. Oder war es vielleicht eher das Ende eines Alptraums, der unmerklich in einen anderen überging? Noch ehe sie Cardiff erreichten, hatte sich gezeigt, daß der Kapitän, der Robertson hieß, an einer periodisch auftretenden Form von Wahnsinn litt. Wenn es wieder soweit war, kam er mit Messern in den Händen in die Mannschaftskajüte gerannt und stach wild um sich. Man war gezwungen, ihn zu fesseln, und erst nach mehreren Tagen, wenn er zu weinen anfing, ließ man ihn wieder frei. Bengler hatte erkannt, daß die Mannschaft ihm in großer Liebe zugetan war. Der Schoner war im Grunde eine schwimmende Kathedrale mit einer Gruppe von Jüngern, die bereit waren, ihrem Meister in den Tod zu folgen. Zwischen seinen periodischen Anfällen war Robertson sehr liebenswürdig und widmete seinem einsamen, schweigsamen Passagier viel Zeit und Aufmerksamkeit. Robertson war um die Vierzig, hatte angeheuert, als er neun war, mit sechzehn eine religiöse Krise durchgemacht und später, als er Kapitän wurde, ein unsichtbares Gewand angelegt, das eigentlich ein Talar war und keine Marineuniform. Seinem Passagier konnte er von vielen Seltsamkeiten auf dem afrikanischen Kontinent berichten. Die Wüste hatte er jedoch nie besucht. Sein Gesicht nahm einen abwesenden, beinahe traurigen Ausdruck an, wenn der Passagier ihm von seinen Plänen erzählte. Allerdings nicht die tiefste Wahrheit, jene von dem geheimnisvollen Schmetterling oder der Fliege, die seinen Namen tragen sollten. Aber von den Insekten, wie er sie katalogisieren, klassifizieren, identifizieren würde, dieses umfassende Ordnen, das notwendig war, damit ein Mensch ein anständiges Leben führen konnte.

Das Reden über die Wüste, über ihre Weiten aus Sand, hatte Robertson bedrückt.

–Im Sand kann man nicht einmal ertrinken, sagte Robertson.

–Aber auch am Sand kann man zugrunde gehen, widersprach der Passagier.

Robertson hatte ihn lange betrachtet, bevor er einen weiteren Kommentar abgab.

–Noch nie hat jemand Gott aus einem Sandkorn auferstehen sehen. Der Teufel dagegen hat zu gewissen Zeiten brennenden Sand aus seinem Maul gespien.

Der Passagier hatte den Sand nie wieder erwähnt. Statt dessen hatte er Robertson dazu gebracht, von den schwarzen Menschen zu erzählen, den kleinwüchsigen und den sehr großen, von Frauen, die sich Dung ins Haar schmierten, von wilden Tänzen, die nichts anderes waren als Schattenbilder erotischer Spiele. Und der Passagier hörte zu. Jeden Abend, ausgenommen während eines schweren Sturms in der Biskaya, hatte er sorgfältig notiert, was der Kapitän sagte. Nachdem er Robertson geholfen hatte, ein stark infiziertes Ohr zu säubern, hatte sich ihr Verhältnis noch vertieft. Als besondere Gunst, oder als würde ihm damit ein heiliges Sakrament zuteil, hatte Robertson ihn in den Gebrauch des Sextanten eingeweiht. Das Gefühl, das Schiff eher in sich zu tragen, als sich an Deck eines Schiffs zu befinden, verstärkte sich immer mehr. Jeden Morgen hißte er seine inneren Segel, je nach Stärke und Richtung des Windes. Abends, oder wenn sich ein Sturm zusammenbraute, beobachtete er die Matrosen beim Klettern in den Masten und traf in sich selbst die gleichen Vorkehrungen.

Am 22. Juni, als die Sonne gerade unterging, rief der Mann im Ausguck, es sei Land in Sicht. Robertson ließ das Schiff in dieser Nacht vor Anker treiben. In der Mannschaftskajüte herrschte eine eigentümliche Stille, als wagte keiner der Matrosen daran zu glauben, daß sie noch einmal eine Reise zum fernen schwarzen Kontinent überlebt hatten. Leise, als würden sie einander Geheimnisse anvertrauen, fingen sie an, die Tage zu planen, die sie an Land verbringen würden. Aufmerksam lauschte Bengler dem Flüstern, das die Kajüte erfüllte. Und es war wie eine gemurmelte Litanei, bei der zwei Dinge ständig wiederholt wurden. Frauen und Bier, Frauen und Bier. Nichts anderes. In der letzten Nacht auf dem Schiff versuchte er in seinen Gedanken all das zusammenzufügen, was er hinter sich gelassen hatte. Aber nicht einmal Matildas Gesicht konnte er sich vergegenwärtigen. Nichts war geblieben.

In der Morgendämmerung verabschiedete er sich von Robertson.

–Wir werden uns nicht wiedersehen, sagte Robertson. Ich spüre immer, wenn ich jemandem zum letzten Mal Lebewohl sage.

Es war, als würde Robertson das Todesurteil über ihn sprechen. Es empörte ihn, weil es ihm angst machte. Konnte Robertson das sehen, was vor ihm lag, in das Unbekannte hineinblicken? Er weigerte sich zu glauben, daß dem so sei. Aber Robertson war einer der rätselhaftesten Menschen, die ihm je begegnet waren. Was war er wirklich? Ein verrückter Pfarrer oder ein durchgedrehter Kapitän? Oder ein Mensch, der tatsächlich die Gabe hatte zu sehen, auf wen der Tod schon wartete?

–Viel Glück, sagte Robertson und reichte ihm die Hand. Jeder hat seinen Weg zu gehen. Das ist nicht zu ändern.

Dann wurde er an Land gerudert. Der Tafelberg ragte, wie ein geköpfter Hals, hoch über der Stadt auf, die unter dem Berg eingeklemmt lag. Am Kai herrschte großes Gedränge, Menschen schrien und rempelten sich an, ein paar schwarze Männer mit Ringen in den Ohren fingen an, an seiner Kiste zu zerren, und er mußte sie mit den Fäusten verteidigen. Er sprach deutsch, aber keiner verstand ihn, rings um ihn her wurde nur englisch geredet. Robertson hatte ihm zwei Adressen gegeben, die von einer überwiegend läusefreien Herberge und die von einem alten englischen Lotsen, der aus unerfindlichen Gründen schwedischer und norwegischer Honorarkonsul in Kapstadt war. Als er sich mühsam zu der Herberge durchgefragt hatte, war er schweißgebadet. Die weiße Frau, der die Pension gehörte, schrie eine dicke Mulattin an, sie solle dem neuen Gast Wasser bringen. Und er trank und wußte sofort, daß etwas mit seinem Magen passieren würde. Er bekam ein Zimmer, in dem die Laken gemangelt waren, aber dennoch klamm. Alles schien feucht zu sein, die Dielen waren porös, und er legte sich aufs Bett und dachte: Jetzt bin ich also angekommen, und ich weiß überhaupt nicht, wo ich bin.

Am nächsten Tag, als er bereits mit der ersten Diarrhöe zu kämpfen hatte, suchte er den schwedisch-norwegischen Honorarkonsul auf. Dieser wohnte in einem weißen Haus an einer Straße, die sich in die Berge hochschraubte. Ein schwarzer Mann, dem die Zähne fehlten, ließ ihn ein, und er mußte zwei Stunden auf einem Holzschemel warten, bis Konsul Wackman aufgehört hatte zu schnarchen und sich erhoben und angekleidet hatte. Er hatte einen vollständig kahlen Schädel, keine Brauen und eigentümlich abstehende Ohren, die an Schwalbenflügel erinnerten. Seine Beine waren kurz, um den Bauch hatte er ein indisches Tuch gebunden, und an der nackten Brust hatten sich zwei Blutegel festgesaugt. Er überflog den Brief, den Robertson geschrieben hatte, und warf ihn dann von sich.

–Immer diese verrückten Schweden. Warum müssen sie ausgerechnet nach Afrika kommen? Was wir hier brauchen, sind Ingenieure. Erfahrene Leute, die praktische Probleme lösen können oder jede Menge Kraft haben, oder ein bißchen Kapital mitbringen. Aber nicht diese ganzen Verrückten, die entweder kommen, um die Heiden zu bekehren, oder um die Scheiße aufzusammeln, die die Elefanten fallen lassen. Und jetzt das. Insekten. Wer braucht schon Fliegen und Mücken in Katalogen?

Mit seinen Wurstfingern griff er nach einer kleinen Silberglocke und läutete. Ein schwarzer Diener, bis auf einen dünnen Lendenschurz unbekleidet, kam herein und kniete nieder.

–Was möchten Sie? fragte Wackman. Gin oder was sonst?

–Gin.

Der schwarze Mann verschwand. Draußen vor den Fenstern konnte Bengler sehen, daß jemand einen Geier an den Füßen aufgehängt hatte und mit einem Holzstock auf ihn einschlug.

Dann tranken sie.

–Ich habe vor, meinen Lebensunterhalt mit Straußen zu verdienen, sagte der Passagier, der jetzt langsam seinen Namen wiederkehren fühlte. Er war dabei, wieder Hans Bengler aus Hovmantorp zu werden.

Wackman betrachtete ihn lange, bevor er antwortete.

–Na schön, Sie Narr, sagte er schließlich. Sie wollen Strauße jagen und die Federn für Damenhüte exportieren. Das wird sich kaum lohnen. Die Federn sind verfault, bevor das Schiff auch nur den Hafen verlassen hat.

Damit war das Gespräch beendet. Wackman ließ jedoch eine resignierte Freundlichkeit erkennen und versprach Hilfe bei der Beschaffung von Ochsen und einem Wagen sowie beim Anheuern einiger Ochsentreiber. Aber dann müsse er sehen, wie er allein zurechtkäme....


Mankell, Henning
Henning Mankell (1948 - 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay Treibsand (Was es heißt, ein Mensch zu sein, 2015), die Neuausgabe von Die italienischen Schuhe (Roman, 2016), Die schwedischen Gummistiefel (Roman, 2016) und die frühen Romane Der Sandmaler (2017), Der Sprengmeister (2018) und Der Verrückte (2021).

Reichel, Verena
Verena Reichel, 1945 geboren, wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis. Sie übersetzte u.a. Ingmar Bergman, Katarina Frostensen, Lars Gustafsson, Henning Mankell, Anna-Karin Palm, Hjalmar Söderberg und Märta Tikkanen.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.