Mankell | Die flüsternden Seelen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Mankell Die flüsternden Seelen

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-552-05702-9
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-552-05702-9
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Felisberto, ein alter Schwarzer, sitzt am Feuer und erzählt von seiner weitverzweigten Familie: von der über dreihundert Jahre alten Stammesmutter Samima, die zwar tot ist, aber als lebender Geist bei ihren Nachfahren äußerst gegenwärtig. Von Zeca, dem Hinkenden, der einen Pfeil zu schmieden vermag, mit dem man sogar den Teufel töten kann. Aber Felisberto erzählt auch von weißen Menschen. Von Dom Estefano und Dona Elvira zum Beispiel, deren Diener er war, und von dem Klavier, das verlassen am Hafen stand und eines Nachts von ganz allein zu spielen begann.
Eine große Erzählung des Afrika-Kenners Henning Mankell von afrikanischen Menschen und ihrer Begegnung mit den Europäern, im Grenzbereich zwischen Traum und Realität, Mythos und politischer Geschichte.

Henning Mankell, geboren 1948 in Stockholm und aufgewachsen in Härjedalen, lebte als Theaterregisseur und Autor in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay 'Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein' (2015), die Neuausgabe von 'Die italienischen Schuhe' (Roman, 2016), 'Die schwedischen Gummistiefel' (Roman, 2016) und der frühe Afrika-Roman 'Der Sandmaler' (2017). Im Herbst 2018 erscheint sein allererster Roman, 'Der Sprengmeister'.
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5.


In einer Nacht außerhalb von Umbeluzi bot ein Mann den Vorübergehenden seine Augen dar. Er hieß Felisberto, und sein Lächeln glänzte in der tropischen Dunkelheit.

Er streckte seine Hände aus, aber nicht, um zu bekommen, sondern um zu geben. Ein Mann, der die ganze Zeit unerreichbar schien, aber trotzdem ganz nah.

So empfing er mich und ließ mich sein Gesicht sehen.

In einem Märchen ganz ohne Worte erzählte dieser Mann, der so alt war, daß er vielleicht schon tot war, die Geschichte, von der ich erst im nachhinein begriff, daß es meine eigene war, das Märchen von mir selbst.

Vielleicht ist Afrika das Ich aller, ein Ursprung und ein Traum?

In Afrika sah ich nie jemanden auf einen Bus warten, von dem keiner wußte, ob er kommen würde. Die Reise unternahm man trotzdem, entlang unsichtbarer innerer Wege, in Fahrzeugen, die an bunte Insekten erinnerten.

Als der Bus schließlich doch kam, war man wieder da und machte entzückt diese Reise aufs neue, in einer Wirklichkeit, in der auch ich existierte.

In Afrika sah ich nie jemanden aus Trauer weinen, ohne daß da auch ein Haß glühte.

Ein Lächeln war immer zu haben, kostete nichts, wurde mit einer Großzügigkeit verschenkt, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

In Afrika lernte ich, daß man eine Heimkehr an einen Ort erleben kann, an dem man nie zuvor gewesen ist.

Neben den großen Flüssen, Sambesi, Kongo und Rovuma, sah ich auch immer das dunkle Wasser des Ljusnan.

Flüsse sind wie Geschwister, getrennt, aber doch aus derselben Quelle geboren.

In Afrika findet man schließlich seine eigene Identität, wenn man zu der heimlichen Unterströmung vorgedrungen ist, die alle Quellen verbindet.

In Afrika wandte sich das Leben zur Erde, zu den schon Toten, damit die Zukunft sichtbar wurde.

Die Menschen ritzten Karten und Erinnerungen in ihre Haut, und sie lächelten, als wüßten sie, daß Blicke die eigentliche Sprache sind.

In Afrika sah man verwundert diese Weißen an, die Angst vor der Angst selbst zu haben schienen.

Diese ernsten Männer, die in endlosen Karawanen hinauszogen und bereit waren, Menschen zu unterwerfen, die nicht einmal wußten, daß es zur Freiheit ein Gegenteil gibt.

Die Weißen schleppten ihre Teegeschirre in den Dschungel hinaus, und in der Dämmerung nahmen sie ein Bad, zogen sich um und ließen sich dann an gedeckten Tischen nieder.

Die Träger hockten in einigem Abstand an ihren Feuern.

Jenseits der bevorstehenden Zeitalter.

In Afrika begegnete ich Menschen, die mich an die Alten erinnerten. Diejenigen, die in einem norrländischen Marktflecken im Altersheim wohnten. Diejenigen, die längst tot waren, die ich aber als Kind gesehen hatte.

Sie spielten leichthin mit ihren letzten Atemzügen, wie Federn auf einem unsichtbaren Wind treibend.

Zu sterben, das war, als kehre man nach einem Ausflug zurück. Zu dem Leben, das es da gab, dem Leben unter den schon Toten.

In Afrika hörte man immer Gelächter, das in der Nacht abhob und den Himmel mit flatternden Flügeln erfüllte.

In Afrika war der Mensch plötzlich da, ausgebrochen aus den kalten Zeiten der Ideologie, genau wie er gemeint war.

In Afrika ist das Leben noch möglich.

Der alte Mann in der Dunkelheit außerhalb von Umbeluzi erzählte das mit seinem Schweigen. Indem ich sein Gesicht sah, konnte ich die flüsternde Stimme des Kontinents hören. Eine rauhe Stimme, aber auch das Wimmern eines Neugeborenen und der lockende Laut einer jungen Frau.

Dies war die Geschichte, die Felisberto erzählte:

– Als vernünftige Menschen, die wir sind, haben ich und meine Verwandtschaft immer gewußt, daß wir unseren Ursprung mit allen anderen teilen. Wir stammen aus einem eigentümlichen Wald, in dem die Bäume die Wurzeln nach oben reckten, das Gras Stimmen hatte und die Wellen Falten auf der schönen Haut des Meeres waren. Aber dieser Ursprung liegt weit zurück, so weit, daß wir, die wir heute leben, diese Landschaft in unseren Träumen nur mit größter Anstrengung heraufbeschwören können. Daß Gott, nachdem er viel Mühe darauf verwendet hatte, gelbe und rote oder braune Menschen zu erschaffen, nur noch schwarz und weiß übrig und außerdem vermutlich die ganze Arbeit satt hatte, ist ein anderes dieser uralten Geheimnisse, die von Generation zu Generation gewandert sind.

Die älteste Verwandte, die wir noch gekannt haben, war eine Frau namens Samima. Sie lebte, bis sie 312 Jahre alt war, aß nur einmal im Monat und starb, als sie in einem plötzlich aufflammenden Wutanfall auf einen Baum kletterte, um dem Himmel näher zu kommen und von dort aus ihre schweigenden Götter anzurufen und zu fragen, warum gerade sie so unsinnig lange leben mußte. Die Anstrengung war zu groß. Sie fiel vom Baum und sagte nie mehr etwas.

Von Samima stammen alle ab, die jetzt leben oder tot oder noch nicht geboren sind, diejenigen, die meine Familie bilden. Von Samima wird erzählt, daß sie einen weißen Streifen auf ihrer Haut hatte, der sich von einer Fessel bis hinauf zum Haaransatz zog. Viele ihrer Nachkommen haben den gleichen weißen Streifen mitbekommen. Anfangs wurde er als Samimas spezielle Gabe betrachtet. Wer mit dem weißen Streifen geboren wurde, sollte aufbrechen und die Familie über Berge und Flußläufe führen, zu Böden, die fruchtbarer waren und von saftigerem Gras bedeckt für unser Vieh. Aber irgendwann in den Zeitläuften wurde ein Junge geboren, an dessen Namen ich mich gerade nicht erinnere. Mag sein, er hieß Monasse. Er vergriff sich in seiner Jugend an einer Frau, die einem anderen Mann versprochen war, und wurde getötet, was nicht mehr als recht und billig war. Von da an haben wir den weißen Streifen so gedeutet, daß Samima von Fall zu Fall entscheidet, ob er Glück verheißt oder eine Warnung ist, daß wir ihrer und all der anderen, die vor uns diese Welt verlassen haben, nicht oft genug gedenken.

Heute besteht die Familie aus Menschen aller Altersstufen. Aber gerade in diesem Zweig gibt es keinen, der den weißen Streifen hat. Jedesmal, wenn ein neues Kind geboren wird, beugen sich alle über die gebärende Frau, um zu sehen, ob der weiße Streifen wiedergekehrt ist. Da es jetzt schon lange her ist, daß jemand Samimas Zeichen trug, gebären die Frauen in einem so rasenden Tempo – wir haben noch nie etwas Derartiges erlebt. Aber noch immer warten wir darauf, daß Samima wieder zu uns spricht. Die Familie ist heute sehr groß.

Da wir immer für Eindrücke von außerhalb empfänglich waren, habe ich Brüder, Schwestern, Cousinen und Onkel, die braun, weiß, schwarz sind wie ich, oder in anderen eigentümlichen Farbkombinationen. Ein Cousin meines ältesten Onkels Teofilio hat einen Sohn, dessen zweite Tochter eine grünliche Haut besitzt und Augen, die in allen Farben des Regenbogens schimmern. Ich selbst habe einen Halbbruder, der mit einer Frau zusammenlebt, deren Vater Chinese war und deren Mutter von einem finnischen Schiff kam, das hier an der Küste gestrandet ist. Sie hat erzählt, daß ihr Vater ursprünglich aus einem Gebirge stammte, das sie Kaukasus nannte. Und ihre Mutter soll aus Indien gewesen sein, aber von einer griechischen Mutter geboren, die in der Türkei einen argentinischen Archäologen getroffen hatte. Wir sind, kurz gesagt, eine buntgemischte Familie. Unter ihnen, kann ich dir erzählen, ist auch die arme Peina, meine Cousine. Sie wurde mit gelähmten Beinen geboren, hat aber trotzdem in ihrem Leben erstaunliche Entdeckungsreisen gemacht. Dann gibt es noch Belina, die eine schöne Frau ist, aber leider in der Stadt auf Abwege geraten. Wir sprechen nicht laut darüber, was sie eigentlich macht. Aber sie ist trotz allem eine Tochter der Cousine meiner zweiten Frau.

Einer der Söhne meines jüngeren Bruders heißt Lukas. Er ist nach Europa ausgewandert, und leider hat man nie mehr etwas von ihm gehört. Doch geschieht es dann und wann, daß ein Vogel vor der Hütte meines Bruders eine Goldmünze fallen läßt. Er behauptet, der Vogel sei von Lukas geschickt. Für die Goldmünze kauft er dann Wein, den er mit uns allen teilt. Wir trinken auf Samima und auf Lukas und auf das Mädchen, dessen Augen schimmern wie ein Regenbogen.

Die Älteste in der Familie ist Sakina. Wenn man meiner Frau Deolinda glauben darf, die immer spürt, wenn jemand sterben wird, ist jetzt Sakina an der Reihe. Sie wird bald sterben, da ihr Mann, der schon tot ist, ständig immer ungeduldiger nach ihr ruft. Und da bin auch ich, Felisberto, der also mit Deolinda verheiratet ist und erst als fünftes Kind, nach dem vierten Jungen Roberto, eine Tochter bekam, die wir nie anders als Be nennen, obwohl sie Lucy heißt. Aber da gibt es noch andere. Nicht zuletzt meinen Cousin Mulalene, der bei Pater Raul gearbeitet hat, welcher von seinem ständigen Streit mit seinen Nachbarn und mit Gott verrückt geworden ist. Mit wem oder welchen er am meisten Probleme hatte, weiß ich nicht, das hat Mulalene nie erklären können.

Das also ist meine Familie. Viele Geschwister zu haben, viele Brüder, viele Schwestern, viele Vorfahren, das heißt, viele Geschichten zu erzählen zu haben, viele Geschichten zum Zuhören. Viele Erinnerungen zu teilen, viele, die dich eines Tages am Grab beweinen werden, viele, mit denen du lachen kannst, wenn es dir im Leben gut ergangen ist. Und abgesehen von Mulalene, der nervös davon geworden ist, bei Pater Raul zu arbeiten, sind wir alle guten Muts, obwohl die meisten von uns arm sind, vielleicht mit Ausnahme von Lukas, der dann und wann seinen Vogel mit Geld schickt. Samima schläft mit offenen Augen in der Erde. Sie wacht über uns, manchmal mit einem Lächeln, manchmal mit Wut. Und ich habe dir dies erzählt, aus keinem anderen Grund,...


Mankell, Henning
Henning Mankell (1948 - 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay Treibsand (Was es heißt, ein Mensch zu sein, 2015), die Neuausgabe von Die italienischen Schuhe (Roman, 2016), Die schwedischen Gummistiefel (Roman, 2016) und die frühen Romane Der Sandmaler (2017), Der Sprengmeister (2018) und Der Verrückte (2021).

Reichel, Verena
Verena Reichel, 1945 geboren, wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis. Sie übersetzte u.a. Ingmar Bergman, Katarina Frostensen, Lars Gustafsson, Henning Mankell, Anna-Karin Palm, Hjalmar Söderberg und Märta Tikkanen.



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