Mankell Der Sandmaler
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-552-05867-5
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-552-05867-5
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Henning Mankell (1948 - 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay Treibsand (Was es heißt, ein Mensch zu sein, 2015), die Neuausgabe von Die italienischen Schuhe (Roman, 2016), Die schwedischen Gummistiefel (Roman, 2016) und die frühen Romane Der Sandmaler (2017), Der Sprengmeister (2018) und Der Verrückte (2021).
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Das Land, in das sie kamen
Stefan wohnte in einem Bungalow in einer Anlage. Sie war das Teuerste und Feinste, was das Land, das sie besuchten, zu bieten hatte. Der gesamte Hotelkomplex lag auf einem Hügel, ungefähr fünfzig Meter vom Atlantikstrand entfernt. Auf der Hügelkuppe ragte das Hauptgebäude mit seinen sieben Stockwerken empor, mit Speisesälen und Bars, Nachtclub und Rezeption. Die Bungalowreihen erstreckten sich in vier verschiedene Richtungen den Hügel hinab. Zwischen dem Hotel und dem Strand gab es zwei Swimmingpools, einen für Kinder und einen für Erwachsene. Die Anlage befand sich ungefähr eine Meile außerhalb der Stadt, wo Elisabeth wohnte.
Nachdem Stefan angekommen war, ging er nur kurz in seinen Bungalow. Er war müde von der nächtlichen Reise und dem Alkohol, den er wahllos in sich hineingeschüttet hatte, aber trotzdem zu rastlos, um sich ein wenig hinzulegen. Für Stefan war es wichtig, nichts zu verpassen. Nicht in erster Linie aus Neugier oder Interesse, sondern aus einer inneren Unruhe heraus.
Er zog die Badehose und ein weißes T-Shirt an, warf einen Blick in den Spiegel, fasste sich kurz in den Schritt, damit die Hose etwas mehr ausbeulte, und ging dann hinaus und hinauf zum Hauptgebäude. Nachdem er in der Rezeption Geld gewechselt hatte, schlenderte er zum Meer, setzte sich auf die Café-Terrasse und bestellte einen Gin and Grape. Es ging ein leichter Wind, der seine Frisur in Unordnung brachte. Stefan rauchte Kette und trank in großen Schlucken, um rasch einen weiteren Drink bestellen zu können.
Eine gute Stunde saß er mit seinem selbstsicheren Lächeln da, die Gesichtszüge ordentlich zurechtgelegt, und betrachtete alles, was rings um ihn geschah. Die Touristen, die Neuangekommenen, die noch ein bisschen verloren wirkten, und diejenigen, die schon seit ein oder zwei Wochen hier waren und jetzt rotbraune Gesichter hatten und die bleichen Neuankömmlinge ein wenig belächelten. Natürlich schaute er besonders auf die Mädchen und versuchte, irgendwo einen Blick zu erhaschen. Einen Blick, der nicht gleichgültig und flüchtig war, sondern etwas mehr versprach. Und dann dachte er zerstreut an Elisabeth. Es gefiel ihm, dass sie auch hier war, aber in einiger Entfernung. Wenn er kein besseres Mädchen fand, war ihm eine jedenfalls sicher. Auch wenn sie im Bett keine Rakete war, er hatte schon mit Langweiligeren geschlafen. Aber hauptsächlich musterte er natürlich die schwarzen Mädchen. Einige von ihnen arbeiteten im Hotel, und sie waren ziemlich attraktiv – abgesehen von ihren scheußlichen Haaren. Massenhaft Locken, die vom Kopf abstanden.
Er fühlte sich auf eine unverschämte Weise geil. Für einen weißen Typen mit reichlich Kohle gab es hier in den Nächten bestimmt genügend Abwechslung. Gut, dass ich den Bungalow habe, dachte er. Bei einem Hotelzimmer hätte ich vielleicht Probleme, ein Mädchen mitzunehmen.
Die Wärme und der Alkohol sorgten dafür, dass Stefan kurz vor dem Mittagessen gegen zwölf zu seinem Bungalow ging. Lust auf ein Bad hatte er nicht, aber er konnte seine Geilheit nicht mehr zügeln, und daher besorgte er es sich eben selbst. Und es gab viele Mädchen, an die er dabei denken konnte.
Nach einer raschen Zigarette ging er hinauf in den Speisesaal. Er fand einen leeren Tisch, und es gefiel ihm, dass schwedisches Essen serviert wurde und kein afrikanischer Fraß, jedenfalls für den Anfang. Es gab Ragout, das gut schmeckte, und er aß viel und trank Bier dazu. Man konnte sogar Pripps blå bekommen.
Er war gerade fertig mit dem Essen, als sich ein Paar an seinen Tisch setzte, ohne zu fragen, ob die Plätze noch frei seien.
Die beiden waren ganz in Weiß gekleidet und hatten je ein Glas Saft in der Hand. Der Mann wirkte etwas älter als die Frau. Stefan tippte auf achtundsechzig und fünfundsechzig. Er kippelte auf seinem Stuhl und schaute sie nur aus den Augenwinkeln an. Erst als sie an der anderen Seite des Tisches zu reden begannen, horchte er auf. Sie sprachen unverkennbaren Göteborger Dialekt, aber mit einer diskreten Wortmelodie. Göteborger Pensionäre, dachte er. Auf ihrer letzten Reise. Dann nach Hause, um zu sterben. Er verspürte ein angenehmes Prickeln angesichts der Tatsache, wieviel Zeit er noch vor sich hatte. Viele Jahre und keine besondere Eile.
Verstohlen musterte er sie. Eigentlich sahen sie nicht sehr hinfällig aus. Die Frau hatte ein recht hübsches Gesicht, und der Mann dichte graue Haare. Außerdem waren sie bestimmt schon mindestens zwei Wochen hier. Ihre Haut war leicht gebräunt, ohne Sonnenbrand.
Bestimmt hätte Stefan nie mehr an sie gedacht, wenn da nicht dieser kleine Vorfall gewesen wäre. Als sie ihren Saft ausgetrunken hatten, zog der Mann eine Landkarte aus der Hosentasche und legte sie auf den Tisch. Er wollte sie offenbar loswerden, denn als sie aufstanden und gingen, ließ er sie zurück. Stefan streckte sich danach aus und dachte, sie könnte ihm vielleicht nützlich sein. Als er sie auf der glatten Tischplatte zu sich heranzog, rutschte eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus der zusammengefalteten Karte. Stefan nahm das Bild und betrachtete es mit starrem Blick.
Es zeigte einen jungen Schwarzen, der nackt war. Er stand direkt der Kamera zugewandt. Hinter ihm hing eine gefaltete helle Draperie. Der junge Mann stand breitbeinig da, denn seine Hoden waren so geschwollen, dass sie ihm fast bis zu den Unterschenkeln reichten.
Stefan starrte mit zunehmendem Unbehagen auf die Fotografie, und ihm wurde fast übel. Was ist das bloß, dachte er und schaute den Göteborgern nach, aber die waren schon außer Sichtweite. Was für perverse Schweine laufen hier in diesem Hotel herum? Er legte das Bild beiseite. Es war ekelhaft, aber zugleich auf unheimliche Weise faszinierend. Schnell deckte er es mit der Landkarte zu, und plötzlich erschien ihm die gesamte Umgebung unwirklich. Die Hitze, der Atlantik, der gegen den Strand donnerte, die farbigen Kellner, die Badegäste, das Hotel.
Er stand rasch auf, steckte das Foto in die Tasche, ließ die Karte liegen und ging die Terrassentreppen hinunter zu seinem Bungalow. Als er auf die Uhr schaute, stellte er fest, dass es schon Viertel nach eins war. Zeit, sich zu dem Hotel aufzumachen, in dem Elisabeth wohnte.
Hatte er Lust, sie zu besuchen?
Er wollte ihr auf jeden Fall dieses Foto zeigen.
*
Aber zunächst konnte das Bild warten. Er hatte es in der Tasche, als er mit Elisabeth in der Lobby ihres Hotels saß. Sie tranken Bier und überlegten, was sie unternehmen sollten. Elisabeth gefiel Stefan in ihrem Sommerkleid, und er dachte, dass sie immerhin ein Mädchen war, mit dem man ausgehen und sich sehen lassen konnte. Sie hatte eine gute Figur, und es war schön, wenn sie das betonte.
Sie studierten den Stadtplan, der an einer Wand in der Rezeption hing. Dabei merkten sie sich bestimmte Straßennamen, um sich nicht zu verirren.
»Was für ein Glück, dass alles auf Englisch dasteht«, sagte Stefan.
»Warum ist das so?«, fragte Elisabeth.
»Keine Ahnung. Es war wohl eine englische Kolonie. Ich glaube, die Reiseleiterin hat das erzählt. Wollen wir gehen?«
Sie verließen das Hotel, traten hinaus auf die Straße, aber die Hitze, die ihnen entgegenschlug, war überwältigend. Und kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, wurden sie von einer Schar kleiner Jungen umringt, unter denen sie auch ein paar Gesichter vom Flughafen wiedererkannten. Elisabeth fand die Kinder genauso lästig wie am Vormittag und murmelte ihr »No«, während Stefan sagte, das mache doch nichts.
»Mir reicht jedenfalls schon einer«, entgegnete Elisabeth.
»Dann nehmen wir den«, sagte Stefan und deutete auf den kleinsten Jungen. Er war barfuß, trug abgeschnittene Hosen und ein weißes T-Shirt mit dem fliegenden Pimmel des RFSU, des schwedischen Reichsverbands für sexuelle Aufklärung, auf der Brust.
»Das hat er bestimmt von einem Touristen«, meinte Stefan, während er den anderen Kindern mit Gesten klarmachte, dass sie verschwinden sollten. Als sie sich nicht abwimmeln ließen, wünschte er sie zur Hölle und breitete die Arme entschiedener aus. Auch wenn sie nicht verstanden, was er sagte, blieben sie jetzt stehen, und der RFSU-Junge lief in einsamer Majestät Stefan und Elisabeth voran.
»What’s your name?«, fragte Stefan.
»Ndou«, antwortete der RFSU-Junge. »What’s yours?«
»My name is Stefan. And this is Elisabeth.«
»Ah, Elisabeth«, erwiderte Ndou mit einem breiten Lachen. Sie gingen nebeneinander auf dem schmutzigen Bürgersteig.
Die Hauptstadt hatte ungefähr dreißigtausend Einwohner und bestand zum überwiegenden Teil aus Wellblechhütten, die ein für Fremde vollkommen unübersichtliches Gewirr von Gassen bildeten. Aber seit der Herrschaft der Engländer gab es auch eine andere Art der Bebauung. Weiße schlossartige Häuser mit großen eingezäunten Gärten. Ein paar Bankpaläste und einige Rondelle mit Statuen von ehemaligen englischen Eroberern und Staatsmännern. Nachdem das Land vor etwa zehn Jahren unabhängig geworden war, hatte die neue Oberklasse des Landes, ausländische Unternehmer und einheimische Staatsmänner, die eleganten Villen übernommen. Diese ganze Pracht lag versammelt an einer Straße, der Winston Street, die die größte und einzige asphaltierte der Stadt war. Rundherum gab es nur Wellblechhütten, alte Autoreifen und jede Menge Müll.
Elisabeths Hotel lag an der Winston Street, die sie und Stefan und Ndou jetzt an ihrem ersten Nachmittag in diesem Land entlanggingen. Doch sie brauchten nicht lange, um der Armut, dem Gestank und dem Elend zu begegnen. Als sie von der Winston Street abbogen, gelangten sie in ein chaotisches Durcheinander von Hütten und...




