Mankell Der Chinese
1. Auflage 2008
ISBN: 978-3-552-05468-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 608 Seiten, Gewicht: 1 g
ISBN: 978-3-552-05468-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Henning Mankell, geboren 1948 in Stockholm und aufgewachsen in Härjedalen, lebte als Theaterregisseur und Autor in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay 'Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein' (2015), die Neuausgabe von 'Die italienischen Schuhe' (Roman, 2016), 'Die schwedischen Gummistiefel' (Roman, 2016) und der frühe Afrika-Roman 'Der Sandmaler' (2017). Im Herbst 2018 erscheint sein allererster Roman, 'Der Sprengmeister'.
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Die Richterin
5
Ein Nachtfalter löste sich aus dem Dunkel und flatterte unruhig um die Arbeitslampe. Birgitta Roslin legte den Stift zur Seite und lehnte sich auf dem Stuhl zurück, während sie die vergeblichen Versuche des Falters beobachtete, durch die Porzellanglocke einzudringen. Das Flattergeräusch der Flügel erinnerte sie an ein Geräusch aus der Kindheit, ohne dass sie genau sagen konnte, an welches.
Wenn sie müde war, wurde ihr Erinnerungsvermögen immer besonders scharf, so auch jetzt. Wie im Schlaf konnten aus dem Nichts unerreichbare Erinnerungen aus ferner Vergangenheit aufsteigen.
Wie der Nachtfalter.
Sie schloss die Augen und massierte mit den Fingerspitzen ihre Schläfen. Es war ein paar Minuten nach Mitternacht. Zweimal hatte sie die Nachtwachen gehört, die auf dem Gerichtsgelände ihre Kontrollgänge machten. Sie liebte es, abends zu arbeiten, wenn das Haus leer war. Vor vielen Jahren, damals war sie noch Referendarin in Värnamo, war sie oft am Abend in den leeren Gerichtssaal gegangen, hatte ein paar Lampen angemacht, sich gesetzt und dem Schweigen gelauscht. Sie hatte sich den Gerichtssaal als eine Theaterbühne vorgestellt. Es gab Spuren in den Wänden, flüsternde Stimmen, die übrig geblieben waren von den Dramen, die sich bei vergangenen Prozessen abgespielt hatten. Hier waren Mörder, Gewalttäter, Diebe verurteilt worden. Und Männer in einer endlosen Reihe von trostlosen Prozessen hatten ihre Vaterschaft angefochten. Andere hatten ihre in Frage gestellte Ehre zurückgewonnen.
Als Birgitta Roslin ihre Zulassung bei Gericht beantragt und ein Angebot bekommen hatte, in Värnamo Referendarin zu werden, hatte sie noch die Absicht gehabt, Staatsanwältin zu werden. Aber in ihrer Zeit als Referendarin war sie auf das Gebiet gewechselt, das ihr am meisten lag. Zum großen Teil beruhte dieser Wandel auf dem unauslöschlichen Eindruck, den der alte Amtsrichter Anker auf sie gemacht hatte. Er hatte jungen Männern, die mit durchsichtigen Lügen versuchten, eine Vaterschaft anzufechten, mit der gleichen Geduld zugehört wie hartgesottenen Gewalttätern, die keine ihrer brutalen Taten bereuten. Es war, als hätte der alte Richter ihr erst gezeigt, was das Rechtswesen ausmachte. Bei ihm hatte sie es erlebt, nicht nur in Worten, sondern auch in Taten. Gerechtigkeit bedeutete Handlung. Als sie Värnamo verließ, hatte sie beschlossen, die Richterlaufbahn einzuschlagen.
Sie stand auf und trat ans Fenster. Auf der Straße pinkelte ein Mann an eine Hauswand. Es hatte am Tag in Helsingborg geschneit, eine dünne Schicht Puderschnee wirbelte jetzt die Straße entlang. Während sie den Mann geistesabwesend betrachtete, arbeitete ihr Gehirn weiter an dem Urteil, das sie gerade abfasste. Sie hatte sich eine Frist bis zum folgenden Tag gesetzt. Dann musste es fertig sein.
Der Mann auf der Straße unter ihr verschwand. Birgitta Roslin kehrte zum Schreibtisch zurück und griff nach ihrem Stift. Sie hatte mehrfach versucht, ihre Urteile am Computer zu formulieren, doch es gelang ihr nie. Es war, als liefen die Tasten ihren Gedanken davon. Sie kehrte stets zu ihrem Bleistift zurück. Erst wenn das Urteil fertig war und alle Korrekturen ausgeführt waren, schrieb sie es auf dem summenden Schirm, auf dem Fische umherschwammen, während die Tasten warteten.
Sie beugte sich über die Blätter mit den hingeworfenen Formulierungen und Hinzufügungen. Es war ein einfaches Urteil mit überzeugender Beweisführung, und dennoch ein Urteil, das ihr große Probleme bereitete.
Sie wollte auf eine Strafe erkennen, konnte es aber nicht.
Ein Mann und eine Frau hatten sich in einem Tanzlokal in Helsingborg getroffen. Die Frau war jung, kaum mehr als zwanzig Jahre alt, und hatte zu viel getrunken. Der Mann, an die vierzig Jahre alt, hatte versprochen, sie nach Hause zu begleiten, und durfte auf ein Glas Wasser mit in ihre Wohnung kommen. Die Frau war auf dem Sofa eingeschlafen. Dort hatte er sie vergewaltigt, ohne dass sie richtig wach geworden war, und war gegangen. Am Morgen hatte die Frau nur eine vage Erinnerung an das, was in der Nacht auf dem Sofa geschehen war. Sie ließ sich im Krankenhaus untersuchen und erhielt die Bestätigung, dass sie vergewaltigt worden war. Nach einer polizeilichen Ermittlung, die weder gründlicher noch schlampiger war als viele solcher Voruntersuchungen, kam der Mann vor Gericht. Der Prozess fand ein Jahr nach der Vergewaltigung statt. Birgitta Roslin hatte in ihrem Richterstuhl gesessen und die junge Frau betrachtet. Im Voruntersuchungsmaterial hatte sie gelesen, dass die Frau ihren Lebensunterhalt als Aushilfskassiererin in verschiedenen Lebensmittelläden verdiente. Aus dem Persönlichkeitsgutachten ging hervor, dass die Frau zu viel trank. Außerdem hatte sie kleinere Diebstähle begangen und war bei einer Gelegenheit entlassen worden, weil sie ihre Arbeit nicht sorgfältig gemacht hatte.
Der angeklagte Mann war in vieler Hinsicht ihr Gegensatz. Er arbeitete als Immobilienmakler mit dem Spezialgebiet Geschäftsräume. Er hatte einen guten Leumund, war unverheiratet und verdiente gut. Er hatte keine Vorstrafen. Doch Birgitta Roslin hatte das Gefühl, durch ihn hindurchsehen zu können, wie er da saß in seinem teuren und gutgebügelten Anzug. Für sie bestand kein Zweifel daran, dass er die Frau vergewaltigt hatte, nachdem sie auf dem Sofa eingeschlafen war. Mittels eines DNA-Tests war der Nachweis erbracht worden, dass er Geschlechtsverkehr mit der Frau gehabt hatte. Doch er bestritt einen Übergriff und jede Form von Gewalt. Die Frau sei einverstanden gewesen, sagten sowohl er als auch der Anwalt aus Malmö, der, wie Birgitta Roslin von früheren Fällen wusste, seine Klienten bedenkenlos mit allen zynischen Argumenten verteidigte, die ihm einfielen. Das Ganze war eine Sackgasse. Es stand Aussage gegen Aussage, ein unbescholtener Makler gegen eine alkoholisierte Kassiererin, die ihn tatsächlich mitten in der Nacht in ihre Wohnung gelassen hatte.
Es empörte sie, dass sie ihn nicht verurteilen konnte. Sosehr sie auch grundsätzlich die Auffassung verteidigte, in Zweifelsfällen eher freizusprechen als zu verurteilen, so wenig gefiel ihr der Gedanke, dass jemand, der sich eines der schlimmsten Übergriffe schuldig gemacht hatte, die man gegen einen anderen Menschen begehen kann, ohne Strafe davonkam. Sie hatte keine gesetzliche Handhabe, keine Möglichkeit, die Anklage und die Beweisführung anders zu interpretieren, als dass es zu einem Freispruch für den Mann kam.
Was hätte der kluge Amtsrichter Anker tun können? Welchen Rat hätte er ihr gegeben? Er hätte meine Auffassung wohl geteilt, dachte Birgitta Roslin. Ein Schuldiger wird freigesprochen. Der alte Anker wäre sicher ebenso empört gewesen wie ich. Und er wäre ebenso still gewesen wie ich. Das ist die Qual des Richters, dass wir dem Gesetz gehorchen müssen und wider besseres Wissen einen Verbrecher laufen lassen, ohne dass er bestraft wird. Die Frau, die vielleicht nicht gerade ein Unschuldslamm war, würde mit der kränkenden Ungerechtigkeit leben müssen.
Sie erhob sich und legte sich auf das Sofa in ihrem Arbeitszimmer. Sie hatte es von ihrem eigenen Geld gekauft und statt des unbequemen Sessels, der zur Standardeinrichtung gehörte, aufgestellt. Vom Amtsrichter hatte sie gelernt, einen Schlüsselbund in die Hand zu nehmen und die Augen zu schließen. Wenn der Schlüsselbund zu Boden fiel, war es Zeit aufzuwachen. Eine kurze Weile musste sie ausruhen. Dann würde sie das Urteil zu Ende schreiben, nach Hause gehen und es am nächsten Tag ins Reine schreiben. Sie hatte alles durchdacht, was es zu durchdenken gab, und ein anderes Urteil als ein Freispruch konnte nicht in Frage kommen.
Sie schlief ein und träumte von ihrem Vater, an den sie keine eigene Erinnerung hatte. Er war Schiffsmaschinist gewesen. In einem schweren Sturm Mitte Januar 1949 war das Dampfschiff Runskär mit Mann und Maus in der Gävlebucht untergegangen. Sein Körper war nie gefunden worden. Birgitta Roslin war noch nicht geboren, als es geschah. Das Bild, das sie sich von ihrem Vater machte, kam von den Fotos in der Wohnung. Vor allem war es ein Bild, auf dem er mit zerzaustem Haar und aufgekrempelten Hemdsärmeln an einer Reling stand. Er lächelte jemandem auf dem Kai zu, einem Steuermann, der das Foto aufnahm, hatte ihre Mutter ihr erzählt. Aber Birgitta Roslin hatte sich immer vorgestellt, dass eigentlich sie es war, die der Vater ansah, obwohl das Foto vor ihrer Geburt aufgenommen worden war. In ihren Träumen kam der Vater oft zurück. Jetzt lächelte er sie an wie auf dem Foto, verschwand jedoch wieder, als hätte ein Nebel sich herangewälzt und ihn unsichtbar gemacht.
Sie fuhr mit einem Ruck aus dem Schlaf hoch. Sie wusste sogleich, dass sie verschlafen hatte. Der Trick mit dem Schlüsselbund hatte nicht funktioniert. Er war heruntergefallen, aber sie hatte nichts davon gemerkt. Sie setzte sich auf und sah auf die Uhr. Es war schon nach sechs Uhr am Morgen. Sie hatte mehr als fünf Stunden geschlafen. Ich bin kaputt, dachte sie. Ich schlafe zu wenig, wie die meisten. Ich verbringe zu viel Lebenszeit damit, mir Sorgen zu machen. Es gibt zu vieles in meinem Leben, was mich beunruhigt. Aber im Moment ist es hauptsächlich das ungerechte Urteil, das mich aufwühlt und mich deprimiert.
Birgitta Roslin rief ihren Mann an, der sich bestimmt schon gefragt hatte, wo sie steckte. Es war zwar nicht ganz ungewöhnlich, dass sie auf dem Sofa in ihrem Arbeitszimmer schlief, wenn sie sich gestritten hatten. Aber das war am Tag zuvor nicht der Fall gewesen.
Er nahm beim ersten Klingeln ab. »Wo bist du?«
»Ich bin in meinem Arbeitszimmer eingeschlafen.«
»Ist es denn nötig, dass du die Nächte hindurch arbeitest?«
»Ich schlage mich...




