Mankell | Das Auge des Leoparden | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Mankell Das Auge des Leoparden

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-552-05681-7
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-552-05681-7
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eigentlich hatte der junge Mann nur eine kurze Reise nach Afrika machen wollen, aber dann war er neunzehn Jahre geblieben. Statt in Uppsala sein Jurastudium zu beenden, verfolgt er in Lusaka ehrgeizige Reformpläne. Doch schließlich rät ihm der Mann, den er für seinen einzigen schwarzen Freund hält, für immer fortzugehen. Das 'Auge des Leoparden' ist ein spannender und nachdenklich stimmender Roman über jenen fremden und exotisch reizvollen Kontinent, der uns von 'Jenseits von Afrika' bis 'Nirgendwo in Afrika' verzaubert hat. Henning Mankells persönlicher Erfahrung verdanken wir erneut ein mitreißendes Buch.

Henning Mankell (1948 - 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay Treibsand (Was es heißt, ein Mensch zu sein, 2015), die Neuausgabe von Die italienischen Schuhe (Roman, 2016), Die schwedischen Gummistiefel (Roman, 2016) und die frühen Romane Der Sandmaler (2017), Der Sprengmeister (2018) und Der Verrückte (2021).
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ER ERWACHT in der afrikanischen Nacht und glaubt plötzlich, sein Körper wäre zerborsten. Aufgeplatzt, die Eingeweide explodiert, und das Blut liefe ihm über Gesicht und Brustkorb.

In panischer Angst tastet er im Dunkeln nach dem Lichtschalter, doch als er ihn dreht, geht das Licht nicht an, und er denkt, daß der Strom wieder einmal ausgefallen ist. Seine tastende Hand findet schließlich eine Taschenlampe unter dem Bett, aber die Batterien sind leer, und er liegt weiter im Dunkeln.

Das ist kein Blut, zwingt er sich zu denken. Das ist Malaria. Ich habe Fieber, der Schweiß wird mir aus den Poren gepreßt. Ich habe Alpträume, krankhafte Alpträume. Zeit und Raum heben einander auf, und ich weiß nicht mehr, wo ich bin, weiß nicht einmal mehr, ob ich noch lebe.

Angelockt von der Feuchtigkeit, die aus allen Poren dringt, krabbeln Insekten über sein Gesicht. Er denkt, daß er aufstehen und nach einem Handtuch suchen sollte, weiß jedoch, daß er sich kaum auf den Beinen halten könnte; er müßte kriechen und hätte vielleicht nicht mehr die Kraft, ins Bett zurückzukehren. Wenn ich sterbe, will ich wenigstens in meinem Bett liegen, denkt er und spürt, daß sich ein neuer Fieberanfall ankündigt.

Ich will nicht auf dem Fußboden sterben, nackt, während Kakerlaken über mein Gesicht krabbeln.

Er krallt die Finger in das schweißnasse Laken und bereitet sich auf einen Anfall vor, der schwerer sein wird als die früheren. Schwach, mit einer Stimme, die kaum trägt, ruft er in der Dunkelheit nach Luka, aber abgesehen vom Zirpen der Zikaden bleibt alles still.

Vielleicht sitzt Luka vor der Tür, denkt er verzweifelt. Vielleicht sitzt er dort und wartet nur darauf, daß ich sterbe.

Das Fieber rollt durch seinen Körper wie Brecher, die sich unerwartet auftürmen. Sein Kopf brennt, als bohrten sich Tausende von Insekten in Stirn und Schläfen. Langsam wird er aus dem Bewußtsein in die unterirdischen Gänge des Fieberanfalls gesogen, wo die verzerrten Gesichter der Alpträume schemenhaft in den Schatten auftauchen.

Ich darf jetzt nicht sterben, denkt er und klammert sich an das Bettuch, um am Leben zu bleiben.

Aber der Sog des Malariaanfalls ist stärker als sein Wille. Die Wirklichkeit wird zerstückelt und in Teile zersägt, die nicht zusammenpassen. Auf einmal ist ihm, als säße er auf dem Rücksitz eines alten Saab, der führerlos durch die endlosen nordschwedischen Wälder braust. Er kann nicht erkennen, wer vor ihm sitzt, es ist nur ein schwarzer Rücken ohne Hals, ohne Kopf.

Das liegt am Fieber, denkt er erneut. Ich muß durchhalten und mir immerzu sagen, daß es nur das Fieber ist, sonst nichts.

Dann bemerkt er, daß es in seinem Zimmer schneit. Weiße Flocken fallen auf sein Gesicht herab, und es wird augenblicklich kalt um ihn herum.

Jetzt schneit es in Afrika, denkt er. Wie merkwürdig, das gibt es doch nicht. Ich muß einen Spaten auftreiben. Ich muß aufstehen und Schnee schaufeln, sonst werde ich hier begraben.

Er ruft noch einmal nach Luka, aber niemand antwortet, niemand kommt, und er beschließt, Luka fristlos zu kündigen, falls er diese Fieberattacke überlebt.

Banditen, denkt er verwirrt. Sie haben die Stromleitung gekappt.

Er lauscht und glaubt, sie hinter den Hauswänden schleichen zu hören. Er greift nach dem Revolver unter dem Kopfkissen, setzt sich mühevoll auf und richtet die Waffe auf die Tür. Um den Revolver zu heben, muß er ihn mit beiden Händen packen, und er fragt sich verzweifelt, ob er zum Abdrücken genug Kraft in den Fingern hätte.

Ich werfe Luka hinaus, denkt er wutentbrannt. Er hat die Stromleitung gekappt und die Banditen hergelockt. Ich darf nicht vergessen, ihn gleich morgen zu entlassen.

Er versucht, mit der Revolvermündung ein paar Schneeflocken aufzufangen, doch sie schmelzen vor seinen Augen.

Ich muß Schuhe anziehen, denkt er. Sonst erfriere ich noch.

Er mobilisiert seine letzten Kräfte, beugt sich über die Bettkante und tastet, aber dort liegt nur die leere Taschenlampe.

Die Banditen, denkt er benebelt. Sie haben meine Schuhe gestohlen. Sie waren hier, während ich geschlafen habe. Vielleicht sind sie noch da.

Wahllos feuert er in das Zimmer. Der Schuß hallt durch die Dunkelheit, und der Rückstoß wirft ihn in die Kissen.

Plötzlich ist er ganz ruhig, fast zufrieden.

Das alles ist natürlich Lukas Schuld. Er steckt mit den Banditen unter einer Decke, er hat die Stromleitung gekappt. Doch jetzt, nachdem er entlarvt ist, hat er keine Macht mehr. Er wird entlassen, von der Farm gejagt.

Mir können sie nichts anhaben, denkt er. Ich bin stärker als sie alle zusammen.

Die Insekten bohren sich weiterhin in seine Stirn. Er ist sehr müde, fragt sich, ob die Morgendämmerung noch fern ist, und denkt, daß er schlafen muß. Die Malariaanfälle kommen und gehen, und mit ihnen die Alpträume. Er muß unbedingt unterscheiden, was Einbildung und was Wirklichkeit ist.

Es kann hier nicht schneien, denkt er. Und ich sitze auch nicht auf dem Rücksitz eines alten Saab, der durch helle nordschwedische Sommerwälder braust. Ich bin hier in Afrika, nicht in Härjedalen, und zwar seit achtzehn Jahren. Ich muß Ordnung in meine Gedanken bringen. Das Fieber verleitet mich, in Erinnerungen zu stöbern, sie ans Licht zu holen und mir einzubilden, sie wären Wirklichkeit.

Erinnerungen sind tote Dinge, Alben und Archive, die man hinter schweren Schlössern lagern sollte. Die Wirklichkeit stellt Anforderungen an mein Bewußtsein. Im Fieber zu liegen heißt, innerlich die Orientierung zu verlieren. Das darf ich nicht vergessen. Ich bin in Afrika, seit achtzehn Jahren. Es war nicht so geplant, aber es hat sich so ergeben.

Wie oft ich Malaria hatte, kann ich gar nicht mehr sagen. Manchmal sind die Anfälle schwerer, wie jetzt, dann wieder leichter, ein Fieberschatten, der über mein Gesicht huscht. Das Fieber führt mich in die Irre, will mich fortlocken, beschwört Schnee herauf, obwohl wir mehr als dreißig Grad haben. Ich bin in Afrika, und ich war die ganze Zeit hier, seit ich in Lusaka aus dem Flugzeug gestiegen bin. Eigentlich wollte ich nur ein paar Wochen bleiben, aber es ist etwas länger geworden, das ist die Wahrheit, und nicht etwa, daß es schneit.

Sein Atem geht schwer, er fühlt, wie das Fieber in ihm tanzt, zum Ausgangspunkt zurücktanzt, zu jenem frühen Morgen vor achtzehn Jahren, als er zum erstenmal die afrikanische Sonne auf seinem Gesicht spürte.

Aus dem Nebel des Fieberanfalls löst sich unvermittelt ein Augenblick von großer Klarheit, eine Landschaft, deren Konturen gestochen scharf und rein sind. Er verscheucht eine große Kakerlake, die mit ihren Antennen ein Nasenloch abtastet, und sieht sich in der Passagiertür des großen Jets stehen, auf der obersten Stufe der herangerollten Fluggasttreppe.

Er erinnert sich, daß sein erster Eindruck von Afrika das Sonnenlicht war, das den Beton des Flugfelds schneeweiß schimmern ließ. Dann nahm er einen ganz bestimmten Geruch von etwas Bitterem wahr, von einem unbekannten Gewürz oder einem Holzkohlefeuer.

So war es, denkt er. Diesen Moment werde ich bis ins kleinste wiedergeben können, solange ich lebe. Achtzehn Jahre ist das jetzt her. Vieles von dem, was später geschehen ist, habe ich vergessen. Afrika wurde zur Gewohnheit. Und ich mußte einsehen, daß ich mich angesichts dieses verletzten und verstümmelten Kontinents niemals würde heimisch fühlen können ... Ich, Hans Olofson, habe mich daran gewöhnt, daß es mir unmöglich ist, mehr als Bruchteile dieses Kontinents zu erfassen und zu verstehen. Aber trotz dieser ständigen Unterlegenheit bin ich geblieben, habe eine der zahlreichen Sprachen gelernt, die man hier spricht, und beschäftige mehr als zweihundert Afrikaner.

Ich habe gelernt, in dem seltsamen Leben auszuharren, das man führt, wenn man gleichzeitig geliebt und gehaßt wird. Tag für Tag stehe ich zweihundert schwarzen Menschen von Angesicht zu Angesicht gegenüber, und ich weiß, daß sie mich am liebsten ermorden, mir die Kehle durchschneiden, meine Geschlechtsteile opfern und mein Herz essen würden.

Jeden Morgen bin ich auch nach achtzehn Jahren beim Aufwachen überrascht, daß ich noch lebe. Jeden Abend überprüfe ich meinen Revolver, lasse die Trommel zwischen den Fingern rotieren und vergewissere mich, daß niemand die Patronen durch leere Hülsen ersetzt hat.

Ich habe gelernt, tiefste Einsamkeit zu ertragen. Nie zuvor war ich von so vielen Menschen umgeben, die meine ganze Aufmerksamkeit einfordern und Entscheidungen von mir verlangen, zugleich aber in der Dunkelheit über mich wachen; unsichtbare Augen, die mich abwartend, lauernd verfolgen.

Am klarsten erinnere ich mich dennoch an den Augenblick vor achtzehn Jahren, als ich auf dem Lusaka International Airport aus dem Flugzeug stieg. Zu diesem Augenblick kehren meine Gedanken immer wieder zurück und geben mir den Mut und die nötige Kraft, auszuharren und einen Punkt zu finden, an dem ich noch meine eigenen Absichten erkenne.

Heute ist mein Leben eine Wanderung durch Tage, die mir unwirklich erscheinen. Ich führe ein Leben, das weder mein eigenes noch das eines anderen ist. Es gelingt mir nicht, aber es mißlingt mir auch nicht, das umzusetzen, was ich mir vornehme.

Unablässig frage ich mich, was eigentlich geschehen ist. Was hat mich hergeführt, weshalb bin ich zu der langen Reise aus dem abgelegenen, ständig eingeschneiten Binnenland Nordschwedens nach Afrika aufgebrochen, das doch nie nach mir gerufen hat? Was habe ich in meinem Leben nicht verstanden?

Am...


Berf, Paul
Paul Berf, 1963 in Frechen bei Köln geboren, studierte Skandinavistik. Er übersetzte u. a. Henning Mankell, Kjell Westö und Selma Lagerlöf. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.

Mankell, Henning
Henning Mankell (1948 - 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay Treibsand (Was es heißt, ein Mensch zu sein, 2015), die Neuausgabe von Die italienischen Schuhe (Roman, 2016), Die schwedischen Gummistiefel (Roman, 2016) und die frühen Romane Der Sandmaler (2017), Der Sprengmeister (2018) und Der Verrückte (2021).



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