E-Book, Deutsch, Band Band 8.1, 775 Seiten, Gewicht: 10 g
Geschichte des Agathon. Endymions Traum. Musarion, oder die Philosophie der Grazien. Idris. Nadine. Chloe. Vorberichte und Zusätze. April 1766 – Dezember 1769 [100 – 111]
E-Book, Deutsch, Band Band 8.1, 775 Seiten, Gewicht: 10 g
Reihe: Christoph Martin Wieland: Werke
ISBN: 978-3-11-021598-4
Verlag: De Gruyter
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
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Weitere Infos & Material
1;Inhaltsübersicht;5
2;Erster Theil.;7
3;Zweyter Theil.;249
4;Schreiben an Herrn Biedermann. Johann Christian Heinrich Seidel, Herausgeber des Neuen Rechtschaffenen;463
5;Idris, ein komisches Gedicht.;469
6;Endymions Traum.;479
7;Musarion, oder die Philosophie der Grazien.;481
8;Idris.;533
9;An Herrn Creyßsteuereinnehmer Weiss ein Leipzig.;693
10;Lucians Schriften;699
11;Nadine;703
12;Chloe;707
13;Erster Band.;709
14;Zweyter Band.;721
15;Dritter Band.;753
16;Inhaltsverzeichnis;767
An Herrn Creyßsteuereinnehmer Weisse in Leipzig. (S. 687)
Unser schätzbarer Freund, Herr Reich, schreibt mir, daß er der Versuchung nicht widerstehen könne, etliche Ballen holländisches Papier, die ihm neulich angekommen, zu einer neuen Ausgabe unsrer Musarion anzuwenden. Er sieht sich gewissermaßen als den Pflegvater dieser Schülerinn der Grazien an, und ist parteyisch genug für seine angenommene Tochter, sie so niedlich geputzt sehen zu wollen, als nur immer möglich ist.
Ob ihre Liebenswürdigkeit diese kleine Schwärmerey rechtfertige, würde, wenn ich Ihren Beyfall, mein vortrefflicher Freund, für eben so gerecht, als gütig halten dürfte, keine Frage mehr seyn. Und warum sollte ich aus lauter Bescheidenheit gegen das Urtheil eines Wei s se so unbillig seyn, ein Mißtrauen in den Werth desjenigen zu setzen, was ihm gefallen, und, wenn ich auch die Hälfte der Energie seiner Ausdrücke auf Rechnung der Freundschaft setze, so vorzüglich gefallen hat? — Nein, es würde nicht Bescheidenheit, Gleißnerey würde es seyn, und von dieser Sünde wenigstens wird mich, wie ich hoffe, Herr Ziegra selbst freysprechen.
Ich gestehe es Ihnen also, mein liebenswürdiger Freund, daß ich, seit dem Ihr vollgültiger Beyfall, und das günstige Urtheil so vieler andrer Kenner, welches ich für eine Art von Gewähr für die Stimme aller guten Köpfe ansehen kann, mein eignes Gefühl über diesen Punkt gerechtfertiget hat, daß ich erfreut bin, meine Absicht nicht verfehlt, und nach so vielen allzu unvollkommnen Versuchen endlich etwas hervorgebracht zu haben, dem ich Leben genug zutrauen darf, um als dann noch zu seyn, wenn wir gekommen seyn werden, quo pius Aeneas, quo Tullus dives et Ancus.
Denn weil ich nun einmal im Bekennen bin, so gestehe ich Ihnen auch, daß dasjenige, was man sonst von allen Schriftstellern sagt, „daß sie sich selbst, sogar wider ihren Willen, in ihren Werken abbilden," in diesem Gedichte eine meiner Absichten war. Ich wollte, daß eine getreue Abbildung der Gestalt meines Geistes (die von einigen, theils aus Blödigkeit ihres eignen, theils aus zufälligen Ursachen, vielleicht auch aus Vorsatz und Absichten, mißkannt worden ist) vorhanden seyn sollte, und ich bemühete mich, Musarion zu einem so vollkommenen Ausdruck desselben zu machen, als es neben meinen übrigen Absichten nur immer möglich war.
Ihre Philosophie ist diejenige, nach welcher ich lebe, ihre Denkart, ihre Grundsätze, ihr Geschmack, ihre Laune sind die meinigen. Das milde Licht, worinn sie die menschlichen Dinge ansieht, dieses Gleichgewicht zwischen Enthusiasmus und Kaltsinnigkeit, worein sie ihr Gemüth gesetzt zu haben scheint, dieser leichte Scherz, wodurch sie das Überspannte, Unschickliche, Schimärische, (die Schlacken, womit Vorurtheil, Leidenschaft, Schwärmerey und Betrug, beynahe alle sittlichen Begriffe der Erdbewohner zu allen Zeiten, mehr oder weniger verfälscht haben,) auf eine so sanfte Art, daß sie gewissen harten Köpfen unmerklich ist, vom wahren abzuscheiden weiß, diese sokratische Ironie, welche mehr das allzustrenge Licht einer die Eigenliebe kränkenden oder schwachen Augen unerträglichen Wahrheit zu mildern, als andern die Schärfe ihres Witzes zu fühlen zu geben sucht, diese Nachsicht gegen die Unvollkommenheiten der menschlichen Natur.