E-Book, Deutsch, 125 Seiten
Mandel Märchen, Mythen und Mirakel
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7598-8726-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wundersame und unglaubliche Geschichten für Erwachsene ab vierzehn Jahren
E-Book, Deutsch, 125 Seiten
ISBN: 978-3-7598-8726-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marc Mandel wurde 1948 geboren. Er war jahrelang als Rockmusiker, Discjockey und Hotelpianist unterwegs. Da-neben schrieb er Rezensionen, Kolumnen, Glossen. Auf dem zweiten Bildungsweg erwarb er das Abitur; anschließend studierte er Philosophie und Germanistik. Seit zwanzig Jah-ren arbeitet er als Kulturjournalist, vor allem für das 'Darmstädter Echo'. Monografien: Mädchenlieder (2014, vergriffen), Morden (Short Stories 2014), Machen (Schreibfibel 2016), Machen 2.0 (Gedichtfibel 2019) - alle im chiliverlag. Er ist Herausgeber des Weihnachtsbuches 'Dichter-Lichter' der Autorengruppe Coortext (erschienen bei BoD 2020). Mehr Informationen finden Sie unter www.MarcMandel.Net.
Autoren/Hrsg.
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Vorwort
Meine Mutter erzählte mir jeden Abend eine Geschichte. Auf wundersame Weise verwandelten sich jedoch Märchen und Mythen dabei immer wieder. Nur selten spielten sie im richtigen Leben, aber immer siegte der unterschütterliche Glaube an eine ausgleichende Gerechtigkeit. Dass es sich lohnt, klug und tapfer für Andere einzutreten, Rücksicht zu nehmen auf Schwächere und immer Zeit für Freunde zu haben – das lernte ich aus ihren Erzählungen. Wer sich darauf einlässt, erlebt eine unglaubliche und wundersame Reise.
Marc Mandel
Weiterstadt im August 2024
Der Zweifel
An einem kalten Winterabend betrat er die Gastwirtschaft am Bahnhof.
In der Luft lag der Duft von Glühwein und Zimt, vermengt mit dem Geruch von verschneiten Straßen.
»Bin ich der einzige Gast?«
»Momentan ja.«
Er tastete sich durch den Schankraum und lehnte den Langstock an die Theke.
Wortlos schob ihm der Büfettier einen Punsch hin.
Die Serviererin hatte sich fast unhörbar genähert und sprach leise: »Entschuldigung, vielleicht fällt es Ihnen nicht auf, aber Sie haben nichts an.«
»Das weiß ich«, stimmte er ihr zu, »ich bin Philosoph – und auch wenn das noch nicht alles erklärt. Momentan befinden wir uns alle in einem Traum. Gelegentlich träumen sogar Blinde.«
»Es tut mir leid, dass sie blind sind.«
»Das braucht Ihnen nicht leid zu tun: Ich bin sehr froh, dass ich nicht alles sehe.«
»Selbst wenn es Ihnen egal ist, dass Sie blind sind – und wenn Sie Philosoph sind – von mir aus. Doch ich bin sicher, dass wir uns nicht in einem Traum befinden.«
»Gestatten Sie mir, Ihnen zu widersprechen, gute Frau. Ich vertraue meinem Verstand und nicht den fünf Sinnen – von denen ich seit vielen Jahren ohnehin nur vier gebrauchen kann. Sie wissen, wie es mit den wirklich wichtigen Dingen ist: Die Menschen sehen nur mit dem Herzen gut. Wir befinden uns in diesem Augenblick beide in einem Traum.«
Er nahm einen tiefen Schluck. Heiß und süß, wie er es mochte – aber was bedeutete das schon in einem Traum?
»Es könnte doch sein, dass Sie schon etwas Alkoholisches getrunken haben, bevor Sie hereinkamen. Dann funktioniert der Kopf manchmal nicht mehr so gut – auch wenn es ein guter Kopf ist und der Besitzer des Gehirns darin sich sonst auf ihn verlassen kann.«
»Es genügt leider nicht, über einen wohlgestalteten Körper und einen entsprechenden Denkapparat zu verfügen – Schlüsse kann nur ziehen, wer den Geist effizient zu nutzen weiß."
An ihrer Stimmlage erkannte er, dass die Serviererin den Kopf etwas nach unten geneigt hatte: »Wenn der Eigentümer des Kopfes sein Blut nicht in andere Regionen des Körpers lenkt ...«
»… ähm, und wenn ihm die Gesetze der Logik durchaus vertraut sind.«
Sie sprach ihm wieder direkt ins Gesicht: »Gelegentlich hilft schon der gesunde Menschenverstand.«
»Der wird überschätzt. Denn nichts auf der Welt scheint so gerecht verteilt, wie der Verstand.«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Jeder glaubt, darüber in großem Maße zu verfügen.«
»Sind Sie sicher?« Der Frau war offensichtlich bewusst, dass ihre Vorzüge nicht in einem übermäßig scharfen Verstand gipfelten.
»Selbst diejenigen, die von profanen Genüssen nie genug bekommen können, wünschen sich keinesfalls einen schärferen Verstand.« Er trank sein Glas aus.
Vielleicht wollte sie nur etwas sagen, das sich klug anhörte: »Die Wünsche der Menschen sind unantastbar.«
»Aber wie alles haben auch Wünsche einen Grund, eher zu sein, als nicht zu sein.«
Die Kellnerin wandte sich an den Barmann, für beide einen weiteren Punsch zu bringen: »Was haben Träume mit den Wünschen zu tun?«
»In unserem Träumen offenbaren sich meistens geheime Sehnsüchte.«
»Jetzt stillen wir erst einmal die winterlichen Sehnsüchte nach heißen Getränken.« Zwei neue Punschgläser standen vor ihnen, von denen kleine Wölkchen in ihre Nasen stiegen. Die Serviererin prostete ihm zu, indem sie die beiden Gläser aneinanderstieß. Gleichzeitig fragte sie sich, wieviel Sinn es machte, einem Blinden zuzuprosten. »Was meinen Sie: Welche Sehnsucht könnte Ihren Traum ausgelöst haben?«
»Vielleicht das Verlangen, wieder ein Kind zu sein, das aus dem Körper der Mutter schlüpft. Die Haut ist das natürliche Kleid unseres Schöpfers. Deshalb gelten nackte Menschen schöner, als bekleidete. Im Himmel wimmelt es davon. Bei diesem Gedanken spriest sogar in mir der Wunsch, wieder zu sehen.«
»Trotzdem wäre es mir lieber, wenn Sie sich bedecken möchten.«
»Können Sie sich denn gar nicht vorstellen, dass wir gerade einen Traum erleben?«
Sie legte ihm die Hand auf den Unterarm: »Meinen Sie, dass wir gerade beide denselben Traum haben, ohne dass ich das weiß?«
»Viele Träume nehmen wir gar nicht wahr. An einige können wir uns nicht erinnern. Sie sind verwandt mit unserem Vorstellungsvermögen, das nicht danach fragt, ob wir gerade wach sind oder träumen. Versuchen Sie einfach, sich das soeben Erlebte als Traum zu vergegenwärtigen.«
»Vorstellen kann ich mir vieles. Aber dadurch wird es noch nicht zur Wirklichkeit. Zum Beispiel ein höherer Stundenlohn«, sie flüsterte jetzt, »pssst, der Mann, der dort im Punschtopf rührt, ist mein Chef.«
»All das, wovon wir uns ein Bild machen können, muss logischerweise existieren. Sonst könnten wir es uns nicht ausdenken.«
»Aber Menschen lassen sich täuschen.«
»Auch von Gott?«
»Hmmm, ich denke nicht, dass ein gerechter Gott gleichzeitig ein Betrüger wäre. Aber vielleicht kommt er auf die Idee, Menschen zu täuschen, um sie zu bestrafen – beispielsweise, weil sie sündigen.«
»Ich glaube zwar, dass die Fähigkeit zu betrügen ein Zeichen von Macht ist. Doch die Absicht, jemanden zu hintergehen, beweist ohne Zweifel Schwäche – eine Eigenschaft, die einem Gott nicht zukommt.«
»Jeder hat für irgendetwas eine Schwäche.«
»Auch Gott?« Er nahm einen tiefen Schluck.
»Ähm, nein. Sonst wäre er nicht vollkommen.«
»Glauben Sie denn, dass es perfekte Menschen gibt?«
»Nein, Menschen machen Fehler«, sie lachte, »würde ich sonst hier um diese Uhrzeit arbeiten? Mit den Augen blind zu sein ist vielleicht nicht so tragisch. Schlimmer sind die dran, die nicht mit dem Herzen sehen können.«
»Ach, die Sache mit diesem Prinzen ... Trotzdem glauben die Menschen an eine perfekte Gottheit. Diese Idee können wir Mängelwesen aber nur hervorbringen, wenn es eine solche Gottheit gibt.«
»Das klingt logisch. Aber auch Philosophen lassen sich täuschen – wenn ich zum Beispiel Sie so abwärts betrachte …«
»Dass wir oft verwirrt sind, liegt an unseren grenzenlosen Trieben. Sie mischen sich stets in unser beschränktes Denkvermögen ein. Deshalb bringen sie uns häufig durcheinander. Nicht einmal unsere Sinne sind wahrhaftig; sie lassen sich leicht irreführen.«
»Woran wollen Sie denn erkennen, dass Sie sich gerade jetzt in einem Traum befinden?«
»Das sagt mir ebenfalls die Logik, ganz unzweifelhaft. Wäre ich sonst etwa splitternackt hier hereingekommen?«
»Zweifeln Sie nie?«
"O doch. Aber niemals im Traum. Die Tatsache, dass jemand zweifelt, beweist ja gerade, dass um ihn herum das pralle Leben tobt – und er keinesfalls träumt. Außerhalb von Träumen kann ich sogar bezweifeln, dass ich zweifele. Das ist im Traum unmöglich.«
»Sie wissen also genau, dass Sie momentan träumen, weil Sie nicht zweifeln?«
»Leider nicht. Ganz sicher bin ich erst, wenn ich nach dem Traum wieder in der Wirklichkeit aufwache.« Er trank sein Glas aus.
Der Punsch war stark und danach musste er irgendwie in sein Bett gekommen sein. Doch nun lag er wach und dachte nach. Die Disputation war ihm sehr real vorgekommen in seinem Traum.
Er zog also Stiefel an, warf einen Schlafrock über und stapfte im Mondenschein durch den Schnee zu dem Gasthaus am Bahnhof.
Da fiel ihm auf, dass er seinen Langstock zu Hause gelassen hatte.
Und er sah!
Zum ersten Mal seit vielen Jahren sah er seine Umwelt glasklar und dreidimensional. Das hatte er seit seiner Kindheit nicht mehr erlebt.
Aber das Gebäude der Gaststätte am Bahnhof war verschwunden.
Erstaunt stand er vor einem hellerleuchteten Prachtbau mit durchsichtiger Front. Dahinter bewegten sich seltsame Figuren. Er nahm die Szenerie in allen Einzelheiten wahr. Die menschlichen Gestalten berührten kaum den Boden.
Ihre einzigen Kleidungsstücke waren weiße Federn, die ihnen wie Flügel aus den Schultern wuchsen.
Eine Frau schwebte mit erhobenem Champagnerglas kurz unter der Decke und kam auf ihn zu.
Sofort legte er den Schlafrock ab und schlüpfte in das Haus.
Das Mädchen am Brunnen
In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, und es noch kein Internet gab und keine Computer, da lebte ein Mann, der eine Schankwirtschaft betrieb. Der hatte eine Tochter. Und die war so schön, dass selbst die Sonne staunte, wenn sie ihr ins Gesicht schien.
Hinter dem Gasthaus gab es einen Brunnen. Und wenn es Sommer wurde und warm war, setzte sich das Mädchen auf den Rand des Brunnens. Dann nahm sie einen Ball, warf ihn hoch, hielt ihre Hand in die Höhe und fing den Ball wieder auf. Denn er war nicht größer als ein Tennisball....




