Malmsheimer | Gedrängte Wochenübersicht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

Malmsheimer Gedrängte Wochenübersicht

Ein Vademecum der guten Laune
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-942454-25-4
Verlag: WortArt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Vademecum der guten Laune

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

ISBN: 978-3-942454-25-4
Verlag: WortArt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Gedrängte Wochenübersicht' nannte Jochen Malmsheimers Oma das, was in der Woche an Nahrungsmitteln übrig geblieben, dann am Samstag, mit reichlich Ei und Zwiebeln veredelt, in die Pfanne kam, dort zupackend angebraten wurde und den Kindern so einerseits als cenable Vorschau die Verheißungen des Wochenendes ankündigte, als auch dem Interessierten einen vollständigen Überblick über die kulinarischen Anstrengungen der vergangenen sieben Tage bot. Und ganz Ähnliches leistet sein Buch. Als 'Vademecum der guten Laune' soll es ein ständiger Begleiter sein, in Beruf und Freizeit, daheim und unterwegs, tagsüber, wie für den Abend, allein, zu zweit oder in Holz. Ein Kompendium von Schnurren und Possen zu Freude und Erbauung, eine Partitur der humoresken wie kabaretteusen Bemühungen seines Autors. Nun endlich auch zum Lesen. Na also.

Der Kabarettist und Autor Jochen Malmsheimer wurde 1961 in Essen geboren. Nach bereits sechs Jahren folgt der erste Schulbesuch, der sich kontinuierlich, gegen Ende jedoch mit Verwerfungen, bis zum zwanzigsten Lebensjahr hinzieht. Das anschließende Hochschulstudium der Germanistik und Geschichte wird bereits im achten Semester erfolgreich abgebrochen und durch eine Buchhändlerlehre ersetzt. Bereits während der Lehrzeit stellen sich erste Erfahrungen im unterhaltenden Gewerbe ein. Seit 2000 ist Jochen Malmsheimer nun erfolgreich solistisch im Einsatz.
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Der Handwerk


Schweißmariniert und am ganzen Leibe zitternd schrecke ich aus unruhigem Schlaf, sitze zitternd im Bett, die Augen starren schreckgeweitet in die mosaische Finsternis, die mich hautnah umgibt, körperhaft, fast kitzelnd, wie eine schwarze Federboa. Kein Laut, nur mein Atem, rasselnd, flach, gehetzt.

Wieder dieser Traum. Der Regen peitscht in nicht nachlassender prasselnder Intensität ans Fenster, während der böige Wind an den Läden rüttelt. Oder umgekehrt. Ich kann das nicht genau ausmachen, ich sitze ja immer noch im Bett, bewegungslos im unbarmherzigen Schraubstock der Urangst, die mir den Atem zu nehmen gewillt ist. Ich lausche angespannt in’s Dunkle. War da nicht was? Oder foppt mich das Rasen des eigenen Herzens, welches in fiebrigen Wirbeln von innen gegen den Käfig meiner Rippen trommelt, als begehre es, herausgelassen zu werden, nach langer, dunkler, qualvoller Haft? Nachtmahre, Succubi und andere lepröse Ausgeburten einer überreizten Phantasie scheinen einen phosphoriszierenden, obszön-bacchantischen Reigen um mein zerwühltes Lager zu tanzen. Sie lachen mir Hohn! Kein Zweifel, der Irrsinn streckt seine fiebrig-klammen Finger nach mir aus, der elektrische Austausch zwischen meinen Neuronen wandelt sich immer mehr zum Kurzschluß, meine Geistesgegenwart versagt zunehmend unter dem zermalmenden Alpdruck dieses miasmatischen Schreckens, der mich Nacht um Nacht, nun schon seit Wochen, heimsucht.

Dabei begann alles ganz harmlos. Wir hatten einige Schönheitsreparaturen an unserem alten Haus zu machen. Das meiste konnte ich selbst erledigen, aber das eine oder andere gehörte in die Hände eines Fachmannes. So habe ich Kontakt zu einem Installationsbetrieb aufgenommen, der zusagte, noch im Laufe der Woche jemanden vorbeizuschicken. Ich war erleichtert und erzählte das auch einem Freund. Der wurde schlagartig totenblass, als ich ihm mitteilte, ich hätte einfach einen Sanitärbetrieb angerufen ...

»Du hast ... was? Du hast einen Fachbetrieb für Gas- und Wasserinstallation angerufen, du läßt sie in dein Haus? Weißt du, was du da getan hast? Himmel hilf!«

»Ja aber ...«, stammelte ich, nicht ahnend, womit ich meinem Freund einen solchen Schrecken eingejagt hatte.

»Du hast ihn geweckt, ihn, der so lange in Fesseln lag, in Acht und Bann genommen von besseren Männern, als wir es je sein werden, vor langer Zeit. Doch nun ist er frei und du hast ihn geweckt!!« Seine Stimme war laut geworden und splitterte in irrem Diskant.

»Wen denn, um Gottes Willen, wen habe ich geweckt, es war doch weit nach elf, als ich anrief!?« In meiner Torheit hatte ich immer noch nicht begriffen.

»Den Handwerk!!«, schrie er quellenden Auges und Speichelnebel näßte mir monsunisch das Antlitz, bevor dessen Züge mir endgültig entglitten.

Der Handwerk. Entfesselt. Von mir. Gott sei uns allen gnädig.

Ich begriff nichts. »Entschuldige ...«, hub ich an, »ich begreife nichts ...«

Mein Freund, der in einem tiefen Zug aus einer Flasche inselig-schottischer Destillierkunst nicht wenig Trost gefunden zu haben schien, setzte sich, nahm erneut einen guten Schluck, der ihm wieder ein wenig Röte in’s wächserne Gesicht schob, und erzählte mir, zu meinem immer größer werdenden Schrecken, das Folgende:

»Der Handwerk! Schon die Heilige Schrift besingt dieses ghulische Wesen irgendwo in der Schöpfungsgeschichte. Erst kommt eine Menge über Kerle, Rippchen, FKK, Reptilien und Obst, was nicht weiter interessiert, wichtiger ist, daß in fast allen Übersetzungen der folgende Passus fehlt: Und als ER sah, daß den Menschen wohl Hände eigneten, es denen aber an allen Fähigkeiten mangelte, die jenseits des Apfelpflückens warteten, und sie sich trefflich dämlich anstellten, als es galt, die Pforten des Paradieses zu schmieren, um das gottserbärmliche Quietschen zu vertreiben, da ließ ER abermals einen großen Schlaf auf die Menschen fallen, entnahm vom Steiße des Weibes ein Stück und formte den Handwerk ...«

»Den Handwerk!«, flüsterte ich.

»DEN HANDWERK! Ja. Er hauchte ihm Leben ein, sandte ihn aus, das Tor zu richten, und ärgerte sich erstmalig schwarz, als ER die Rechnung in Händen hielt. Was später aus diesem ersten Handwerk wurde, weiß heute jedes Kind: Er bekam den Namen Luzifer, was übersetzt ›der das Licht trägt oder bringt‹ bedeutet, und war demnach Elektriker, deren Schutzheiliger er noch heute ist. Auch ›Satan‹ ist nichts als ein Akronym für ›Sanitäranlagenbau‹.«

Diese Gottesgeißel ist selbst für das ungeübte Auge leicht an seinem Gesicht zu erkennen, das immer so aussieht, als habe ein dicker Mensch dringesessen, und das genauso ausgebeult ist wie die dunkelblaue Arbeitslatzhose mit Phasenprüfer in der Brusttasche. Auch hat der Handwerk goldene Hoden. Zudem führt er ständig kleine Kastenwagen mit sich, welche bis an das Dach mit merkwürdigen alchemistischen Zutaten und hermetischen Werkzeugen, die nicht werken noch zeugen, gefüllt sind. Darauf stehen meist rätselhafte Aufschriften, wie zum Beispiel: ›Fugentechnik Erckenschwick Naßausbau Dengelei Lötmann: alles aus einer Hand, rufen sie: 788 344.‹ Als ob einen das Rufen einer Zahl jemals weitergebracht hätte.«

Ich warf ein: »Ja, ich erinnere mich, ich fragte einmal einen Gas- und Wasserinstallateur, der das Nachbarhaus verwüstete, was er da im Einzelnen mitführe, und bekam darauf unlustig merkwürdige Gebilde aus Gummi und abstrusen Bimetallen gezeigt, die so seltsame Namen trugen wie ›rapperte Bördelmuffe‹, ›kollernder Simmering‹, ›speiberter Straml‹, ›krepelnde Sackfalte‹ und ›knarrende Nuß‹.«

»Da hast du’s!«, rief er triumphierend. »Es kommt aber noch schlimmer: Um den täglichen Kleinkrieg mit der lästigen Kundschaft bestehen zu können, ist der gemeine Handwerk mit einem widerwärtigen Vorrat nebulöser, unpräziser und verschleiernder Ausdrücke ausgerüstet: ›Das kann man so nicht machen‹, ›Das macht Ihnen keiner‹, ›Dafür kommt keiner raus‹, ›Kann ich nicht machen, und wenn, dann nich’ für ’ne kleine Marie‹, ›Bis Samstach können Se abschminken!‹. Und, natürlich, die Variation der Variation: ›Da krich’ ich keine Teile für.‹«

Ich erinnerte mich plötzlich: »Ich erinnere mich plötzlich ... ich wollte mal ein Loch in der Wand haben. Ich erklärte diesen Sachverhalt dem anwesenden Handwerk so: ›Ich möchte ein Loch in der Wand haben ... da!‹ Daraufhin schaute der Mann mich an, als hätte ich ihm mein Geschlechtsteil präsentiert, aufwendig beleuchtet und mit Musik. Es folgte dann natürlich ein schrumpeliges ›Das macht Ihnen keiner‹. Doch ich bröselte nicht und ließ Hartnäckigkeit in der Verfolgung meines Lochzieles erkennen. Nun zeigte mir der Mann, unheilig erzürnt, in lockerer Folge mehrere Handwerkszeuge, die er dabei hatte und mit denen sich alles machen ließ, nur kein Loch in die Wand. Er hielt eine Oberfräse gegen die Wand. ›Geht nicht.‹ Er rollte eine Parkettabschleifmaschine von der Größe des Emslandes herein. ›Geht auch nicht.‹ Einen Flaschenzug, samt Lok. ›Geht schon mal gar nicht.‹ Ich zeigte zaghaft auf den am Boden ruhenden Bohrhammer, auf den Thor stolz gewesen wäre, hätte er ihn sich auch nur einmal leihen dürfen.

Das Gesicht des Spezialisten verdüsterte sich. ›Ach, Heimwerker, was?‹, kam es schneidend. ›Sie kennen sich wohl aus, was?‹

Ich errötete und murmelte schnell und in entschuldigendem Tonfall: ›Nein, nein, aber ich dachte, ein Loch ... warum nicht mit einer Bohrmaschine ...!‹

Das gab dem Fachmann den Rest. ›Wenn Sie alles besser wissen, warum machen Sie es dann nicht selber, anstatt mir hier eine Hobelbank an die Backe zu lallen? Hä? Ein Loch, in die Wand ... mit einer Bohrmaschine, haha!, wo gibt es denn so was? ... Hier so einfach rumbohren, wissen Sie vielleicht, was unter dieser Tapete ist, hä ...?‹

›Äh, Mauerwerk?‹

›Mauerwerk!‹, dröhnte die Koryphäe. ›Mauerwerk!! Natürlich ist da vielleicht auch Mauerwerk drunter, wenn Sie Glück haben, aber vor allem Leitungen, Strom, Gas, Wasser, Scheiße, Muniereisen, Hohlräume, vielleicht Grabkammern mit Beigaben und dem Fluch der Pharaonen, Sondermüll, Landminen, Stadtminen, Blindgänger, Taubsitzer, ein Faß Amontillado, oder vielleicht auch ein mumifizierter Vormieter, der hier zur Strafe für Dummschwätzerei gegenüber einem Kollegen eingemauert werden mußte, wissen Sie das? Wissen Sie genau, daß sich nichts von alledem unter dieser widerwärtigen Tapete verbirgt, außer Mauerwerk, natürlich?‹

›Nein, ich ...‹

›Sie wissen es nicht!! Und dann wollen Sie trotzdem, daß ich so einfach, mir nichts, dir nichts, mit einer Bohrmaschine, mit einer Bohrmaschine, in diese Wand hineinbohre und womöglich den ganzen Stadtteil pulverisiere? Wollen Sie das wirklich? Wollen Sie das!!?‹

›N... Nein, nein, ich ...‹

›A-ha! Sie wollen das gar nicht wirklich, und dafür holen Sie mich hier kilometerweit aus der Stadt heraus, verprassen meine Zeit,...



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