E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Mainka Das Barackenmädchen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-8831-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-7562-8831-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Mainka studierte Elektrotechnik und arbeitete 40 Jahre lang als Diplom-Ingenieur an der Technischen Hochschule Regensburg. In den 1980er Jahren absolvierte er eine Ausbildung in Medizin und Naturheilkunde, die er als Heilpraktiker abschloss. Seit 1991 engagiert er sich naturheilkundlich für die Gesundung von Patientinnen und Patienten. Er lebt mit seiner Frau in einem kleinen idyllischen Ort in Bayern.
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Kapitel 2
Nach einer beschwerlichen Fahrt mit der Eisenbahn waren wir endlich in der böhmischen Stadt Tábor angekommen. Man brachte uns in ein stillgelegtes Fabrikgebäude, das auch schon einmal bessere Zeiten gesehen haben musste.
»Familie Schneider!«, rief uns ein uniformierter Mann auf, der sich kurz zuvor als Blockleiter vorgestellt hatte. »Ich bringe Sie zu Ihrem Schlafplatz. Da können Sie es sich gemütlich machen.«
Wir betraten eine Fabrikhalle, in der eng aneinandergereihte Etagenbetten aufgestellt waren. In der riesigen Halle wimmelte es von Menschen.
»Keine Angst!«, meinte der Blockwart. »Das sind ausnahmslos Bürger des Deutschen Reiches, die die Zeit bis zum Endsieg in diesem Raum verbringen werden.« Offensichtlich schien der Blockwart wirklich an die Erschaffung neuer Wunderwaffen zu glauben, die die entscheidende Kriegswendung bringen würden. Viele Parteiangehörige waren dem Regime geradezu sklavisch ergeben. Immerhin war man – selbst wenn man als Blockwart in der Hierarchie der NSDAP-Parteiorganisation auf der untersten Stufe stand – Teil eines bis ins Detail ausgeklügelten Machtsystems.
Natürlich wussten wir, dass es gefährlich war, einen Endsieg infrage zu stellen. Wer auch nur den geringsten Zweifel daran äußerte, musste mit drakonischen Strafen rechnen. So schwiegen wir. Wer über Jahre hinweg in einem diktatorischen System lebt, ist ohnehin an Schweigen gewöhnt.
»Ich kann Ihnen einen ganz besonderen Platz anbieten«, verkündete der Blockwart und zeigte mit einer Großmutsgeste auf zwei Etagenbetten, die direkt an der frisch getünchten Außenmauer der Fabrikhalle standen. »Hier sind Sie nicht mitten im Gedränge und haben eine bessere Privatsphäre.« Er tätschelte mich an der Schulter. »Und du musst dir ein Stockbett mit einem Mädchen aus einer anderen Familie teilen.«
»Natürlich!« Ich schluckte meine Bestürzung über unser neues Zuhause hinunter. Hatte der Blockwart nicht etwas von ›gemütlich machen‹ gesagt? Auf meiner Zunge lag bereits ein sarkastisches ›Es ist ja nur bis zum Endsieg.‹ Den Drang, es auszusprechen, konnte ich zum Glück unterdrücken.
Etwas später erschien das Mädchen, mit dem ich mir das Etagenbett teilen musste. »Ich bin die Gretl«, stellte sie sich mit schlesischer Mundart vor. Sie war sehr nett aber leider Bettnässerin. Das bekam ich gleich in der ersten Nacht zu verspüren. Wir vermieden das kleine Malheur, indem wir die Betten tauschten und ich nach oben ging. Im Grunde genommen war dies nicht wirklich ein Problem – wir hatten ganz andere Sorgen. Wenn ich an Jan dachte, wurde mir eng ums Herz. Hatten wir überhaupt noch eine gemeinsame Zukunft? Zudem vermissten Karl und ich unseren Vater. Auch meiner Mutter merkte man an, wie sie unter der Ungewissheit litt. Wir hatten Papa zuletzt vor zwei Monaten gesehen, als er nach einer Verwundung für wenige Tage nach Hause durfte. Vor einem Monat erhielten wir seine letzte Feldpost, abgesandt von der Ostfront, aus einem Gebiet, das wenig später von den sowjetisch-russischen Truppen erobert wurde. Seitdem hatten wir nichts mehr von Papa gehört. Auch wenn Mutter und ich mittlerweile vom Schlimmsten ausgingen, versuchten wir Karl, der Papa glühend liebte, Hoffnung zu machen. »Du wirst sehen, Karli, Papa kommt bestimmt bald zurück.«
Dafür, dass wir uns im Krieg befanden, verliefen die nächsten Tage ziemlich ruhig. Die Fronten lagen von Tábor noch etwas weiter entfernt. Gelegentlich suchten wir ein in der Nähe gelegenes Gasthaus auf, das von Tschechen geführt wurde. Das Essen schmeckte vorzüglich, wurde aber von Tag zu Tag teurer. Darauf angesprochen entgegnete der Wirt in gebrochenem Deutsch: »Zeiten werden immer schwerer.«
Als wir dem Gasthof wenige Tage später wieder einen Besuch abstatten wollten, wurde wir Zeuge eines Übergriffs auf die Wirtsleute. Partisanen – tschechische Widerstandskämpfer – traktierten sie mit Schlägen und beschuldigten sie, da sie ›Feinde‹ bewirteten, der Kollaboration.
Trotz der vermehrten Attacken von Widerstandskämpfern wurde Tábor bis zum Kriegsende von deutschen Truppen gehalten. Am 8. Mai wurde schließlich die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches verkündet. Schlagartig veränderten sich die Machtverhältnisse – daran zu erkennen, dass der Blockwart sich seiner Uniform entledigte und nur noch in Zivil herumlief. Die Stadt stand jetzt unter Kontrolle der Roten Armee und tschechischer Widerstandskämpfer.
Es folgte eine äußerst gefährliche Zeit. Wir waren plötzlich vogelfrei, schutzlos und geächtet. An allen Ecken waren Schüsse zu hören. Rotarmisten schossen im Siegestaumel Salven in die Luft. Insbesondere Frauen befanden sich in höchster Gefahr, vor allem nachts. Soldaten kamen und suchten sich willkürlich ihre Opfer aus. Selbst vierzehnjährige Mädchen blieben nicht verschont. In Panik beschlossen wir, gemeinsam mit anderen Müttern die Stadt zu verlassen. Vielleicht waren es gerade die kleinen Kinder dieser Mütter, die uns vor Übergriffen bewahrten. Dessen ungeachtet mussten wir auf der Hut sein, nicht zwischen die Fronten zu gelangen. Obgleich der Krieg offiziell vorbei war, gab es immer noch vereinzelte Gefechte. Immer wieder waren Schüsse zu hören. Rauchsäulen stiegen in den Himmel. Meist waren es Einheiten der Waffen-SS, die erbitterten Widerstand leisteten. Zuweilen gab es auch versprengte Truppen der Wehrmacht, die unter keinen Umständen in russische Gefangenschaft geraten wollten. Verzweifelt setzten sie alles daran, sich in Gebiete, die von Einheiten der amerikanischen Armee beherrscht wurden, durchzuschlagen.
Die erste Nacht nach dem Verlassen der Stadt verbrachten wir in einer Scheune. Wir stapelten mehrere Strohballen als Blickschutz übereinander. Dahinter versteckten wir uns. Den kleinen Kindern schärfte man ein, ruhig zu bleiben. Wir hatten noch einige Nahrungsmittel in unseren Rucksäcken, dennoch bat mich meine Mutter, die schon immer eine vorausdenkende Frau war, Essbares zu organisieren. »Man kann nie wissen. Wir brauchen Reserven und Milch für die Kinder.« Sie drückte mir ein Bündel Kronen in die Hand. »Vielleicht verkaufen dir die Bauern etwas.«
Zusammen mit meiner neuen Freundin Gretl eilte ich los. In der Gegend lagen mehrere verstreute Bauernhöfe. Mit gemischten Gefühlen näherten wir uns dem ersten Hof. Ein aggressiv bellender Hofhund durchkreuzte unsere Pläne.
Etwas später hatten wir mehr Glück. Im Hof sahen wir ein etwa gleichaltriges Mädchen. »Können wir bei euch Essen kaufen?«, fragte ich.
»Ich muss meine Mutter fragen«, gab das Mädchen auf Tschechisch zurück. Das dämpfte unsere Hoffnung. Da in den letzten Tagen extrem Stimmung gegen meine Landsleute gemacht wurde, hatten wir insgeheim gehofft, deutsche Hofbesitzer anzutreffen.
»Tut uns leid«, erklärte die aus dem Haus kommende Bäuerin, »aber im Radio ist verkündet worden, dass es bei Strafe verboten ist, an Deutsche etwas zu verkaufen.«
»Es sind auch kleine Kinder dabei und wir zahlen natürlich für das Essen«, versuchte ich die Frau umzustimmen.
Daraufhin tauschten Mutter und Tochter einige Sätze miteinander aus. Da ich perfekt Tschechisch beherrschte, verstand ich jedes Wort.
»Es sind doch auch Menschen«, redete das Mädchen auf ihre Mutter ein.
»Aber sie haben viel Leid über uns gebracht«, hielt die Mutter dagegen.
»Aber doch nicht diese Mädchen und ganz bestimmt nicht die Kinder.«
Das hatte die Bäuerin überzeugt. Dass sie das Herz am rechten Fleck trug, merkte man am Preis, den sie für Brot, Schmalz, Milch und Zucker genommen hatte. Dieser war mehr als gerecht.
Die kurzzeitig aufgekommene Euphorie wich bald einer bedrückenden Schwere. Nachdem wir anfangs froh über das Versteck gewesen waren, mussten wir feststellen, wie deprimierend unsere Lage war. Der Krieg war vorbei, aber die Frauen waren zum Freiwild für die Sieger geworden. Momentan wussten wir nicht, ob wir bleiben oder weiterziehen sollten. So trauten wir uns nur zum Verrichten unserer Notdurft und zum Schöpfen von Wasser aus der Scheune. Letzteres holten wir aus einem kleinen Bächlein, das in rund dreihundert Meter Entfernung vorbeifloss. Das Wasser reichte aber nur zum Trinken und zum Benetzen des Gesichts, an eine gründliche Körperhygiene war nicht zu denken. Da Mutter unsere Vorräte stark rationierte, fing mein Magen zu knurren an. Von dem Wenigen, das mir zugeteilt wurde, steckte ich Karl etwas zu, dessen Lust am Essen wieder zugenommen hatte. Mama hatte ihm versichert, dass wir keine Bombenangriffe mehr zu befürchten hätten. Das tröstete ihn über den Verlust seines Papas hinweg, den er ja sowieso bald wiedersehen würde, wie wir ihm versicherten. Dabei wussten wir nichts über...




