E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Mahrt Weihnachtstage am Deich
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-6595-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nordsee-Roman
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-6951-6595-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Silke Mahrt studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Braunschweig und Hamburg. Heute lebt, arbeitet und schreibt sie in Bad Oldesloe. Ihre Themen sind starke Frauen und gesellschaftliche Anforderungen, die das Leben jeder Einzelnen prägen. Sie schreibt Harzkrimis mit dem Ermittlerduo Carla Altmann und Tom Steiger. In ihren Nordseeromanen drückt sie ihre Liebe zu ihrer neuen Heimat Schleswig-Holstein aus.
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1
«Jingle bells, jingle bells», leise sang Katharina das amerikanische Weihnachtslied. Sie liebte die Vorweihnachtszeit, den Duft nach Lebkuchengewürz und Punsch, das Licht der Kerzen, die geschmückten Räume. Für die vertrauten deutschen Lieder ihrer Kindheit erschien es ihr jedoch zu früh. Schließlich war erst morgen der 1. Advent. So wirklich in Weihnachtsstimmung war sie noch nicht. Da halfen weder die Weihnachtslieder noch die weihnachtliche Dekoration, die sie bereits im Frühstücksraum aufgestellt hatte.
Regentropfen prasselten ans Fenster. Der Sturm bog die Äste der Bäume, die die Pension vor dem Seewind schützen sollten. Dunkle Wolken zogen über den Himmel. Heute war es gar nicht richtig hell geworden. Sie vermisste die strahlenden Sommertage am Meer und sehnte sich nach glitzerndem Schnee.
Struppi setzte sich vor sie, legte den Kopf schief und bellte leise.
Sie lächelte.
«Hast du schon mal hinausgeschaut. Da jagt man ja keinen Hund vor die Tür.»
Der Border Collie erhob sich, bellte erneut, wedelte mit dem Schwanz und rannte zur Tür.
Katharina seufzte. Sie hätte den jungen Hund bei Ole in der Schäferei lassen sollen. Dort hätte er im Stall bei den Schafen sein können, die er so sehr liebte. Er hätte eine Aufgabe gehabt. Jedenfalls aus seiner Hundesicht. Hier langweilte er sich nur. Allerdings genoss sie seine Gesellschaft. Die Pension erschien ihr jetzt im Winter oft kalt und leer. Besonders Femke fehlte ihr. In den letzten Monaten hatte sie sich an ihre brummige, aber norddeutsch herzliche Art gewöhnt und sie hatten lange Gespräche geführt.
Sie blickte auf die Uhr. Schon halb elf. Sie musste sich beeilen, wenn sie bis zum Mittag zurück in der Schäferei sein wollte. Für Ole war ein pünktliches, warmes Mittagessen wichtig, und sie hatte noch nichts vorbereitet. Vielleicht war das auf landwirtschaftlichen Betrieben so. Sie konnte sich jedoch nur schwer daran gewöhnen. Sie hatte einen ganz anderen Rhythmus. Sie frühstückte gerne spät und hatte erst am Abend wieder wirklich Hunger. Sie seufzte. Sie war im Herbst zu Ole in die Schäferei gezogen. Das Zusammenleben war manchmal schwieriger, als sie gedacht hatte. Deshalb war sie froh, endlich eine Aufgabe außerhalb der Schäferei zu haben.
Dieses Jahr würde sie die Pension das erste Mal über Weihnachten öffnen. Die angemeldeten Gäste würden in drei Wochen anreisen, doch es war ihr wichtig, dass die Weihnachtsdekoration fertig war, wenn Femke am Montag aus ihrer Reha zurückkam. Sie wollte die alte Freundin mit der Dekoration in der Heimat am Deich begrüßen, um ihr eine Freude zu bereiten.
Femke lebte inzwischen in Katharinas ehemaliger kleinen Wohnung in der Pension. Auch diese Räume hatte sie weihnachtlich geschmückt. Lange hatte sie auf dem Dachboden in alten Kisten gestöbert und einige wirkliche Schätze entdeckt. Friesenbögen, die sicher noch aus der Zeit von Femkes Mutter stammten. Sie hatte die verblichene Farbe abgeschmirgelt und die Bögen grün lackiert. Sie hatte frische Tannenzweige darum gewunden und alles mit roten Sternen aus Holz, die sie ebenfalls neu bemalt hatte, geschmückt. Es sah wunderschön aus.
Sie trat einen Schritt zurück. In jedem Fenster stand ein Friesenbogen, auf allen Tischen im Frühstücksraum der Deichpension, wie sie die «Pension Elisabeth» in Gedanken noch immer nannte, ein Tannengesteck mit einer dicken roten Kerze. Rot und Grün waren die vorherrschenden Farben hier im Speiseraum, dem Herz der kleinen Pension.
Die Diele hatte sie auch für die Weihnachtszeit maritim geschmückt. An den Tannenzweigen hingen Kugeln in verschiedenen Blautönen. Möwen, Anker und andere Motive waren silberfarben eingraviert. Die Gästezimmer würde sie erst in drei Wochen weihnachtlich herrichten, damit alles frisch war. Dabei würde sie sich am Motto der einzelnen Zimmer orientieren und jedes individuell gestalten.
Seit dem Herbst wohnte sie zwar bei Ole in der Deichschäferei, die Pension war jedoch weiterhin ihre Heimat. Sie hatte so hart für deren Erhalt gekämpft, hatte alles mit Liebe renoviert und so vieles aufgegeben. Sie liebte Ole, da war sie sich sicher. Er war ihr Anker, ihr Heimathafen. Bei ihm fühlte sie sich verstanden und geborgen. Doch ihr Zuhause war die Pension. Für jede Veränderung in der Schäferei musste sie sich mit Ole auseinandersetzen. Vieles sah noch genauso aus, wie er es von seinen Eltern übernommen hatte. Das war zwar nostalgisch-gemütlich, aber auch unpraktisch und verwohnt, wie das durchgesessene Sofa im Wohnzimmer und die unmoderne Küche. Alles war in schlichten Beigetönen gehalten, dabei liebte sie kräftige Farben. Doch Ole war nordfriesisch stur. Er mochte keine Veränderungen. Meistens argumentierte er mit den Kosten und sie musste nachgeben.
Leider hatte sie mit der Pension im ersten Sommer ein ordentliches Minus gemacht. Gut, das hatte sie damals in ihrem Business-Plan vorausgesehen, doch der Verlust war deutlich größer, als sie kalkuliert hatte. Die Renovierungen waren teurer gewesen als geplant.
Teilweise hatte sie mit Anne zusätzlich eine Aushilfe beschäftigen müssen, da die Zusammenarbeit mit Femke anfangs alles andere als reibungslos verlaufen war. Dazu kam die Scheidung von Ralf. Zwar hatte sie ihm von ihrer Erbschaft nichts auszahlen müssen, aber sie hatte bisher auch von ihm kein Geld erhalten. Er zögerte den Verkauf des gemeinsamen Hauses immer weiter hinaus. Dabei könnte sie im Moment jeden Euro gebrauchen.
Ole verlangte von ihr nicht, sich an den Lebenshaltungskosten zu beteiligen, aber sie wusste, dass auch die Schäferei keinen großen Gewinn mehr erwirtschaftete. Die vielen Naturschutzauflagen hatten dazu geführt, dass er in den letzten Jahren die Zahl der Schafe deutlich reduzieren musste. Dafür waren die Preise für Futtermittel und besonders die Tierarztkosten drastisch gestiegen. Außerdem wollte er den Stall modernisieren, um die Tierschutzauflagen zu erfüllen und effizienter zu arbeiten. Die Ausgleichszahlungen des Landes für den Küstenschutz reichten dafür bei Weitem nicht aus.
Genau wie sie wurde Ole nicht jünger. Die Leistungsfähigkeit sank im Alter, da durften sie sich beide nichts vormachen. Und so hatte auch Ole im Sommer immer häufiger eine Aushilfskraft beschäftigt. Er sprach oft davon, im Frühjahr jemanden fest einzustellen. Dadurch entstanden natürlich weitere Kosten.
Katharina seufzte. Wie Elisabeth und Femke es nur geschafft hatten, die Pension zu zweit zu führen? Besonders nachdem ihre Mutter an Krebs erkrankt war, musste Femke fast Übermenschliches geleistet haben. Manchmal kam sie sich neben ihr wie eine alte, verbrauchte Frau vor, dabei war sie gerade erst fünfzig geworden, während die andere deutlich über sechzig war.
Doch auch Femke musste der vielen Arbeit Tribut zollen. Schon als junges Mädchen hatte sie ihrem Vater in der Landwirtschaft, die früher in der Deichpension betrieben worden war, helfen müssen. In den letzten Jahren hatte sie die schwer erkrankte Elisabeth gepflegt. Kein Wunder, dass sie im Spätsommer zunehmend über Rückenschmerzen geklagt hatte. Lange hatte sie sich geweigert, zum Arzt zu gehen. Schließlich hatte Katharina sie einfach ins Auto gesetzt und war mit ihr zu einem Orthopäden nach Husum gefahren. Die Diagnose war eindeutig: Femke hatte einen Bandscheibenvorfall, der dringend operiert werden musste.
Dann ging alles ganz schnell: OP und anschließende Reha. Femke war zuversichtlich, dass sie bald wieder voll in der Pension mitarbeiten könnte. Katharina hatte da so ihre Zweifel. Wenn sie geahnt hätte, wie alles kommen würde, hätte sie niemals Reservierungen über Weihnachten angenommen. Doch die ersten Anfragen waren schon vor der Diagnose gekommen, und die alte Freundin hatte ihr zugeredet. Drei Wochen Gäste zum Jahreswechsel würden das dringend benötigte Geld in die Kasse bringen und wären doch gleichzeitig eine wunderbare Abwechslung, zumal beide Frauen keine Familie hatten und sonst am Heiligen Abend allein und einsam unter dem Weihnachtsbaum sitzen würden.
Das stimmt natürlich nicht. Katharina freute sich auf das erste Weihnachtsfest mit Ole. Sie brauchte keine fremden Pensionsgäste, die nicht immer so einfach und freundlich waren, wie sie es sich vor einem Jahr erträumt hatte. Einige waren anspruchsvoll und die Arbeit in der Pension gerade an den Feiertagen nicht zu unterschätzen. Die Gäste machten über Weihnachten Urlaub, um dem Trubel zuhause zu entfliehen, erwarteten dann aber einen Heiligabend, wie sie ihn gewohnt waren. Mit Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft und möglichst mit leckerem Essen. Das hatten die vielen Nachfragen zum Ablauf des Heiligen Abends deutlich gezeigt.
Außerdem hatte Katharina Familie.
Sie atmete tief ein.
Finn und Deetje hatten ihr die Scheidung von Ralf immer noch nicht verziehen. Oder waren es die enttäuschten Erwartungen an einen reichen Geldsegen aus dem Verkauf der Deichpension? Sie rief regelmäßig bei ihren Kindern an, doch die Gespräche blieben oberflächlich. Beide meldeten sich fast nie bei ihr. Und wenn, dann nur, um sich zu...




