Märker | Wenn der Acker brennt | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: Landkrimi

Märker Wenn der Acker brennt


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86358-282-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: Landkrimi

ISBN: 978-3-86358-282-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Wer war Amata Lachner, fragt sich die junge Fotografin Christine Weingard, als sie im Nachlass ihrer Mutter das Tagebuch eines Mädchens findet, das seit dreißig Jahren tot ist. Sie ahnt nicht, dass diese Entdeckung ihr Leben von Grund auf verändern wird. Bald gibt es Tote zu beklagen, ein Feuer treibt auf das Dorf zu - und Christine weiß, dass der Mörder sie als Opfer auserkoren hat.

Brigitte Märker, 1953 in Schwelm geboren, schrieb schon während ihrer Zeit als Werbekauffrau in Frankfurt am Main Theaterstücke für Kinder. Es folgten Theaterworkshops, Lesungen in Kindergärten und Schulen. Sie verfasste Drehbücher und schrieb Online-Kolumnen. Seit 2002 lebt sie in Berlin und widmet sich vor allem dem Schreiben von Romanen.
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1

Am Morgen war Föhn aufgekommen. Die Berge, die sich sonst hinter einem dunstigen Schleier verbargen, ragten mit ihren Gipfeln an den stahlblauen Himmel und schienen zum Greifen nah. Die Hitze der letzten Wochen hatte den Fluss abschwellen lassen. Die weißen Kiesbänke, die sich nun überall aus dem smaragdfarbenen Wasser der Isar erhoben, boten einen atemberaubenden Anblick.

Christine saß am Ufer, hatte die Beine angezogen und hielt sie mit ihren Armen umfasst. Der Wind spielte mit ihrem langen dunklen Haar, blies es ihr immer wieder ins Gesicht. Sie störte sich nicht daran, schien es kaum zu bemerken. Eine Forelle tanzte nicht weit von ihr entfernt durch das Wasser, von irgendwoher drang fröhliches Kinderlachen. Überall war Leben, aber Christine nahm es nicht wirklich wahr. Die Trauer, die sie in sich trug, ließ es nicht zu. Nach einer Weile stand sie auf. Sie musste eine Entscheidung treffen.

Das Haus lag auf einem sanft ansteigenden Hügel, nur durch die asphaltierte Straße vom Flussufer getrennt. Für Christine aber war es, als müsse sie die Grenze zwischen zwei Welten überschreiten. Sie betrachtete den weißen Verputz des Hauses, die hohen Tannen, deren Schatten über das Mauerwerk glitten. Ein Schmetterlingsstrauch stieß mit seinen Ästen gegen die Stufen der Treppe. Blütenblätter rieselten auf das helle Terrakotta der Steinfliesen, hinterließen kleine violette Punkte.

Christine schloss die Augen, um den Duft der vertrauten Umgebung einzuatmen, wollte ihn für immer in ihrem Gedächtnis bewahren. Ihre Hand zitterte, als sie das Messingschild von der Tür löste: »Betti und Robert Weingard«, stand dort in geschwungener zarter Schrift. Unschlüssig blickte sie sich um.

Neben der Tür hatte ein stämmiger Oleanderbaum seinen Platz. Sie bückte sich, vergrub das Schild in dem irdenen Kübel, wandte sich schnell ab und öffnete die Tür. Sie hatte die letzten vier Nächte in ihrem alten Zimmer geschlafen, das noch immer so aussah, wie sie es einmal verlassen hatte. Das gelbe Polsterbett, die weißen Regale und der zierliche Sekretär mit den sechs kleinen Schubfächern, den ihr Vater ihr zu ihrem zehnten Geburtstag geschenkt hatte. Alles war so vertraut, Zeugnisse einer behüteten Kindheit. Sonst hatte sie im Haus kaum etwas angerührt. Weder hatte sie sich auf die blaue Ledercouch im Wohnzimmer mit den bunten nebeneinander aufgereihten Kissen gesetzt noch die geordneten Bücher im Regal oder Bettis Puppensammlung in der Glasvitrine angefasst. Auf dem Esstisch lag das Etui mit dem Werkzeug ihres Vaters. Sie hatte es geliebt, ihm in der kleinen Werkstatt im Keller zuzusehen, wie er Kunstwerke aus Gold und Silber herstellte. Goldschmied war der schönste Beruf, den sie sich vorstellen konnte, bis sie ihren ersten Fotoapparat bekam. Sie war zehn Jahre alt, als sie ihre wirkliche Leidenschaft entdeckte. Sie wusste, dass ihr Vater sich gewünscht hatte, sie würde seine Arbeit fortsetzen, aber seine Enttäuschung darüber, dass sie ihm diesen Wunsch nicht erfüllte, ließ er sie nie spüren.

»Jeder hat seine eigenen Träume. Sie zu leben, das ist der einzig wahre Schlüssel zum Glück«, machte ihre Mutter ihr Mut.

Sie würde ihre Stimme nie wieder hören. Ihre Eltern waren seit einer Woche tot. Ein aufgeregter Anruf der Nachbarin, dass es einen Unfall gegeben habe, und auf einmal war Christine kein Kind mehr.

Sie betrachtete das Hochzeitsfoto, das in einem vergoldeten herzförmigen Rahmen an der Wand hing. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie sehr sie ihrer Mutter ähnelte. Sie hatte den gleichen hellen Teint und ebenso schwarzes Haar, nur ihre Augen waren nicht so dunkel wie die von Betti: Sie waren hellgrau mit einem bernsteinfarbenen Schimmer.

Die Gewissheit, die Eltern für immer verloren zu haben, war so quälend, dass Christine nicht einmal weinen konnte. Sie hatte sich in die Arbeit gestürzt, kümmerte sich um all die Dinge, die erledigt werden mussten. Die Beerdigung war zu organisieren, Bankkonten und Versicherungen aufzulösen. Ihre Gedanken waren immer einen Schritt voraus, beschäftigt mit dem, was als Nächstes getan werden musste. Sie stand vor der Entscheidung, was sie aus dem Leben der Eltern aufbewahren wollte und was mit dem Haus geschehen sollte.

Sie ging ins Schlafzimmer und setzte sich auf das Bett aus dunkel gemasertem Kiefernholz. Auf der Frisierkommode neben dem Fenster lag ein Fotoband: »Sommer in der Provence«. Ihr drittes Buch. Es war erst vor ein paar Tagen auf Deutsch erschienen.

»Der Betrachter deiner Bilder spürt, dass du die Landschaft fühlst«, hatte Lucien Maron, ihr Verleger, gesagt.

Seine Anerkennung bedeutete, dass sie es geschafft hatte, zu den etablierten Fotografen im Verlagswesen zu gehören. Sieben Jahre zuvor hatte Lucien zufällig eine Ausstellung in München besucht, ihre Bilder entdeckt und ihr angeboten, für seinen Verlag in Frankreich zu arbeiten. Sie war Mitte zwanzig gewesen und bereit, die Welt zu entdecken. Ein paar Tage nach ihrem ersten Treffen mit Lucien war sie nach Paris gezogen und hatte es nie bereut.

Inzwischen war sie viel gereist, hatte die schönsten Landschaften auf unzähligen Fotos festgehalten, aber wirklich zu Hause fühlte sie sich nur in diesem Haus am Ufer der Isar. Sie blickte aus dem Fenster, schaute flussabwärts, wo sich das Häusermeer der Stadt an den Fluss drängte. Ihr Blick wanderte hinüber zu den Bergen, und plötzlich erinnerte sie sich an den Duft des frisch gemähten Grases auf den Almen. Der Geruch erschien ihr so gegenwärtig, als sei sie erst vor Kurzem dort oben gewesen. Eine merkwürdige Erinnerung, da sie doch in den letzten Jahren kaum Zeit in den Alpen verbracht hatte. Ihre Mutter hatte sich nie für die Berge begeistert, und wenn sie zu Besuch nach Hause gekommen war, war ihr das Zusammensein mit den Eltern wichtiger als eine Wandertour gewesen.

»Wenn dein Vater nicht so sehr an seiner Werkstatt hängen würde, wären wir schon längst fortgezogen, irgendwo ans Meer«, hatte Betti geantwortet, sobald Christine in ihrer Kindheit den Wunsch äußerte, einen Ausflug ins Gebirge zu machen.

Hin und wieder ein Wochenende auf einem Bauernhof, zu mehr konnte sich Betti nie durchringen. In den Ferien ging es immer ans Meer: Nordsee, Mittelmeer, Atlantik. Robert schien Bettis Vorliebe für die See zu teilen. Christine beschloss, das Beste daraus zu machen, und wurde zu einer ausgezeichneten Schwimmerin. Sie lächelte, als sie die Fotografie von sich betrachtete, die auf der Kommode stand. Ein glückliches dreizehnjähriges Mädchen inmitten seiner Medaillen und Pokale, das es für sich und seinen Schwimmverein gewonnen hatte.

»Mama, Papa«, flüsterte Christine, strich über das Kopfkissen ihrer Mutter, fuhr mit der Hand auf die andere Seite des Bettes. Sie legte die beiden Kissen übereinander und vergrub ihren Kopf in dem kühlen Baumwollstoff. Endlich konnte sie weinen.

Sie wusste, dass es ein unsinniger Gedanke war, aber sie fühlte sich von ihren Eltern verlassen. Es tat so weh, nie wieder Kind oder Tochter sein zu dürfen, nie wieder bedingungslos geliebt zu werden. Mehr denn je bedauerte sie, keine Geschwister zu haben. Niemand war da, der mit ihr trauerte. Ihre Mutter war als Kriegswaise aufgewachsen, und die beiden Schwestern ihres Vaters, ihre einzigen Verwandten, waren nicht einmal zur Beerdigung gekommen. Sie hatten den Kontakt zu Robert abgebrochen, als er Betti heiratete. Christine hatte den Grund nie erfahren.

Irgendwann trocknete sie ihre Tränen, öffnete den Kleiderschrank und zog einen Stapel Bettwäsche heraus. Vielleicht sollte sie die beiden Kissenbezüge mit den roten Rosen behalten? Das verblasste Muster erinnerte sie an die Zeit, als sie noch klein war, abends zu den Eltern ins Bett kroch und Paps ihr Geschichten erzählte, damit sie keine Angst mehr vor der Dunkelheit hatte. Beinahe ehrfürchtig betastete sie das feine Leinen, als sie auf eine mit Gold beschlagene Birkenholzschatulle aufmerksam wurde. Sie stand ganz hinten im obersten Fach des Schrankes. Behutsam nahm Christine sie heraus und setzte sich mit ihr auf den mit grünem Samt bezogenen Stuhl vor der Frisierkommode. Die Schatulle war nicht verschlossen. Auf dem schwarzen Satin, mit dem das Innere ausgekleidet war, lag ein in blauen Stoff gebundenes Buch. Auf der Vorderseite standen die goldfarbenen Initialen A.L.

Christine beugte sich nach vorn, um das Fenster zu öffnen. Die Nachmittagssonne tauchte den Garten in warmes Licht, und im Nu war das Zimmer vom schweren Duft der Rosen erfüllt, die dort blühten und die ihre Mutter so sehr geliebt hatte. Einen Augenblick lang war es Christine, als spürte sie Bettis Berührung, leise und unaufdringlich, so wie sie sich ihr immer genähert hatte. Sie legte die Beine auf die Kommode, steckte sich eine Zigarette an und klappte das blaue Buch auf.

Auf der ersten Seite stand in einer zierliche Mädchenschrift: »Mein neues Leben«. Die Eintragungen begannen im Mai 1982, ein Jahr und einen Monat nach Christines Geburt:

»Ab heute bestimme ich, was ich tue. Ich habe meine alten Tagebücher verbrannt. Es war ein befreiendes Gefühl. Ich werde J. sagen, dass er sich keine Gedanken mehr machen muss, ob ich möglicherweise zu anhänglich werde. Er wird mich bald los sein. Mama hat eine Schule für mich gefunden. Ich habe mir vorgenommen, sie mit einem guten Abschluss zu verlassen, und dann werde ich Journalistin.«

Christine fragte sich, warum ihre Mutter das Buch wohl versteckt haben mochte? Sie schlug die letzte Seite auf, um zu sehen, welchen Zeitraum die Aufzeichnungen umspannten. Die letzte Eintragung stammte vom 20. August 1982. Die Seiten danach fehlten. Jemand hatte sie herausgerissen.

»War mit J. in D.s Feld. Ich wollte...


Brigitte Märker, 1953 in Schwelm geboren, schrieb schon während ihrer Zeit als Werbekauffrau in Frankfurt am Main Theaterstücke für Kinder. Es folgten Theaterworkshops, Lesungen in Kindergärten und Schulen. Sie verfasste Drehbücher und schrieb Online-Kolumnen. Seit 2002 lebt sie in Berlin und widmet sich vor allem dem Schreiben von Romanen.



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