E-Book, Deutsch, Band 22
Reihe: Sabrina
Madigan Julias neues Leben
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96127-456-7
Verlag: vss-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
„Ich hätte mir eine schlankere Dame vorgestellt.“
E-Book, Deutsch, Band 22
Reihe: Sabrina
ISBN: 978-3-96127-456-7
Verlag: vss-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Auf die Dauer hilft nur Mädelspower! Julia ist über 60, verwitwet und sie beginnt wieder am Leben teilzunehmen. Ihre Freundin meint, dass es Zeit ist, sich der Männerwelt zu öffnen. So meldet sie sich in einem Portal an, lernt Männer kennen, muss feststellen, dass sie für Youngster interessant ist und dass es Männer gibt, die als ghost im Nirwana verschwinden. Ihr Nachbar, den sie bisher nicht beachtet hat, macht es ihr vor: jeden Tag eine andere Frau, mal eine Rothaarige, mal schwarz, mal braun, mal blond. Was der kann, kann ich schon lange, denkt sie sich und bucht eine Reise. Sie ist mutiger geworden. Als sie wieder zuhause ist, stellt sie auch fest, dass es des Nachbarn Schwester ist, die ihre Perücken ausführt. Mit diesem neu gewonnenen Selbstvertrauen klappts auch mit dem Nachbarn.
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„Es wird Zeit, Julia, dass du dich mal wieder mit einem Mann beschäftigst“, sagte Elke.
Streng sah sie aus, obwohl ihr der Schalk aus den Augen lachte. „Du kannst nicht ewig alleine sein.“
„So, kann ich das nicht?“ Mir gefällt es ganz gut so. Frei, unabhängig, ich kann tun, was ich will. Keiner quatscht mir rein.“
„Lüg dir nicht in die eigene Tasche. Du musst doch wieder mal Lust auf einen Mann haben. Auf Berührung, auf Zärtlichkeit, auf Knutschen, auf Sex.“
Julia griff sich verlegen an die Nase. Solche Gespräche hatte sie bisher nur andeutungsweise mit ihrer Freundin geführt. Was war auf einmal in Elke gefahren?
Bedächtig sagte sie: „Hm, berühren, knutschen ja. Sex wird überbewertet.“
Elke grinste von einem Ohr zum anderen. „Das glaube ich dir nicht.“
„Glaub doch, was du willst. Soll ich noch einen Kaffee bestellen? Die haben hier auch hervorragende Apfelkuchen.“
„Lenk nicht vom Thema ab.“
„Das mache ich doch gar nicht. Der Apfelkuchen …“
„Julia!“
„Also gut. Du weißt, dass ich viel unternehme, ich bin doch dauernd unterwegs. Der Job hält mich auf Trab und du wirst lachen, es macht auch noch Spaß, rührig zu sein.“
„Du deckst dich mit Aktivitäten zu, nur damit du nicht darüber nachdenken musst, dass dir vielleicht doch etwas fehlt. Das Leben geht weiter und glaube mir“, Elke schnaufte tief, „Henry hätte nicht gewollt, dass du so trauerst.“
Julia zuckte zusammen. Bohrte sich den Zeigefinger in die Wange und begann, die Innenhaut abzuknabbern. Dabei übersah sie vollkommen, dass Elke sie aufmerksam musterte. Noch nie hatte Elke so mit ihr gesprochen. Sie konnten gut miteinander, gingen aus, lachten viel und hatten auch die gleichen Hobbys, über die sie sich austauschen konnten.
Wie redete Elke eigentlich mit ihr? Was ging sie ihr Liebesleben an? Es ging ihr doch gut, so wie es im Moment war. Was sollte sie daran ändern? Ein Mann fehlte ihr wirklich nicht. Oder doch? Sobald es um Zwischenmenschliches, um Gefühle ging, gab es Probleme. Männer und Frauen passten nicht zusammen. Gerade, wenn man schon älter war und nicht mehr so anpassungsfähig. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Blitzschnell zogen ihre Gedanken vorbei. Würde sie es jemals zulassen können, dass ein anderer Mann …? Sie wollte diesen Gedanken nicht zu Ende denken. Andererseits war das Nonnendasein anderen überlassen.
„Irgendwie hast du recht.“ Julia machte der Serviererin ein Zeichen, indem sie zwei Finger hochhielt und auf die Kaffeetassen zeigte.
„Henry wollte sicher nicht, dass du als Nonne weiterlebst.“
Julia lachte etwas gekünstelt. Das Gespräch nahm eine Wendung, der sie sich wohl stellen musste. Sie kannte ihre Freundin, sie würde nicht locker lassen. Welch ein Glück, dass sie sich im Café verabredet hatten. Zu Hause wäre sie wohl geflüchtet. Über so etwas Intimes hatten sie noch nie gesprochen. Klar, machte man sich mal über Männer Gedanken, witzelte auch ein wenig herum, aber mehr war bisher nicht gewesen. So sagte sie nur lapidar: „Woher nehmen und nicht stehlen?“
Die Kellnerin servierte zwei neue Kaffees.
Elke hob ihre Tasse und prostete ihrer Freundin Julia zu. Sie zog eine Karte aus der Handtasche und las klar und fest vor.
„Hör zu, meine Liebe. Diese Karte ist mir neulich untergekommen. Fünf Dinge, mit denen du jetzt unbedingt aufhören solltest. Nämlich in der Vergangenheit leben, es jedem recht machen wollen, Angst vor Veränderungen haben, an dir selbst zweifeln und zu viel grübeln.“ Elke legte die Karte vor Julia hin. „Also: Lass mich nur machen.“
„Aber mach keinen Blödsinn, meine Liebe.“
„Das wird ein Spaß, sag’ ich dir. „Männer, wir kommen!“
„Was heißt hier: Wir?“
„Das Leben ist doch noch nicht zu Ende. Und wer sagt denn, dass man mit 60 nicht mehr lieben darf?“
„Wie Udo Jürgens so schön singt, dass das Leben erst mit 66 so richtig anfängt. Da haben wir noch ein paar Jährchen Zeit bis dahin“, fiel ihr Julia ins Wort.
„Prost auf das, was noch kommt!“
*
„Ich habe es getan“, mehr stand nicht in der WhatsApp-Nachricht, die Julia am nächsten Tag erhielt.
Sie konnte Elke leider nicht gleich anrufen, da Privatanrufe auf deren Arbeitsstelle nicht erlaubt waren. So musste sie ihre Neugierde zügeln. Was hatte Elke getan?
Julia hätte niemals gedacht, dass sich ihre Freundschaft zu Elke so entwickeln würde. Sie hatten sich vor Jahren zufällig im Café kennengelernt und für nett befunden.
Julia arbeitete konzentriert an einer Übersetzung. Sie war so vertieft, dass sie erschrak, als das Telefon läutete.
„Schau mal unter ‚Sonja‘ im Internet nach, logge dich mit dem Passwort ‚translate‘ ein und dann . . .“, flötete Elke ins Telefon.
„Wie bitte?“
„Ich sagte dir doch, dass ich es getan habe.“
„Was?“
„Ich habe dich, nein uns, in einem Portal angemeldet.“
Julia verschlug es die Sprache. Beinahe wäre ihr der Hörer heruntergefallen.
Sie schluckte. Warum kamen jetzt Bilder von einschlägiger Rundfunkwerbung, wo sich alle zehn Minuten jemand verliebte, rote Rosen im Knopfloch oder auf Tischen in speziellen Cafés für einsame Menschen?
„Nein, das hast du nicht wirklich getan, oder?“
„Doch“, kam es fröhlich aus der Telefonmuschel. „Frau ist doch anonym. Du kannst also lügen, dass sich die Balken biegen. Machen die anderen doch auch.“
„Elke!“
„Man muss dem Glück doch eine Chance geben, meinst du nicht auch? Im digitalen Zeitalter glotzt eh jeder auf sein Smartphone. Die Zeiten, in denen man ein Taschentuch fallen lässt, die sind vorbei. Selbst die jungen Leute lernen sich heute auf Internetportalen kennen.“
„Vielleicht hast du recht“, kam es zögerlich von Julia. „Ich logge mich ein und dann sprechen wir darüber, einverstanden?“
„Mach das. Ich habe dein Profil nicht ganz ausgefüllt. Ergänze, wenn etwas fehlt. „Viel Spaß“, schob sie noch nach.
Julia war nun doch neugierig geworden. Sie meldete sich in dem Portal mit den Zugangsdaten an. Ihr Profil erschien.
„Elke! Spinnst du?“ Sie konnte nicht glauben, was da stand:
Ich bin eine Frau, meistens mit kalten Füßen und Beulen im Auto. Achtung, der Text enthält Elemente des Populismus, schlicht die Wahrheit oder es ist glatt gelogen. Im Sommer darf ich kurze Röcke tragen und ich darf alleine einkaufen.
Was ich suche: den modernen Mann mit Interessen, Wünschen und …
Bis vier zählen gelingt mir mühelos, danach wird es unscharf. Schreiben ohne Fehler bleibt die Ausnahme, da ich mir in meinem Alter den Luxus einer selbstbewussten Flexibilität erlaube.
Fassungslos starrte Julia auf den Text. Was hatte sich Elke dabei nur gedacht? Sie las ihn ein zweites und ein drittes Mal. Dann begann sie schallend zu lachen. Das war Elke! Ob sich darauf jemand melden würde? Sie ergänzte ein paar Daten und wurde aufgefordert, ein Bild hochzuladen. „Das mache ich nicht, bin doch nicht verrückt.“
Schnell griff sie nach dem Telefonhörer. Gleich nach dem ersten Läuten nahm Elke ab.
„Und was sagst du?“
„Ich glaube, du hast einen Wurm im Ohr. Darauf wird sich doch kein einziger Mann bei mir melden. Die halten mich für hochneurotisch!“
„Unsinn, du wirst sehen, das ist mal was Besonderes. Die werden dir die Tür einrennen.“
„Ach Elke, meinst du wirklich? Sag mal, wie hast du dich denn beschrieben? Soll ich es wirklich wagen, auf diesem Weg einen Mann kennenzulernen?“
„Wir, meine Liebe, wir werden einen Mann kennenlernen. Ich habe mich ähnlich beschrieben, also keine Angst. Und wenn es nur Pflaumen sind, dann haben wir wenigstens ein bisschen Spaß gehabt. So musst du das sehen.“
2
Julia goss sich Sekt ein. Das Glas war sehr alt, eine Sektflöte, die noch von ihrer Oma stammte. Sie benutzte es nur zu besonderen Anlässen. Heute war solch ein Anlass. Konzentriert gab sie das Passwort ein.
„Sie haben Nachrichten“, stand da.
„Was die Leute für Nicknames wählen! Mein Lieber, ich weiß, was das bedeutet. Ein Krieger der persönlichen Leibgarde von skandinavischen Adligen und Königen schreibt mir.“
Julia scrollte über das Profil. „Nicht sehr aussagekräftig.“
Sie starrte auf das Geschriebene, bis die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Es hatte sich doch tatsächlich jemand gemeldet. Es stand zwar nicht sehr viel da, aber immerhin meinte er, dass er Single und neugierig auf das Leben wäre.
Als sie zum Stichwort „Alter“ kam, stockte sie. Der Typ war 45!
„Was will der von mir? Was will ein Mann von einer Frau, die wesentlich älter ist?“
Sex, was sonst, sagte eine Stimme in ihrem hintersten Gehirnwinkel.
„Das ist schon wieder so frech, dass man ihm glatt antworten muss.“
Der junge Krieger war online.
Julia: „Hallo Krieger, was erwartest du von mir?“
Krieger: „Du hast so ein interessantes Profil, da musste ich einfach schreiben.“
Elke, was hast du mir nur angetan? Dieses vermaledeite Profil. Ich höre dich schon sagen: Einer hat sich doch gemeldet. Was willst du?
Julia: „Aha, mein Profil. Ich könnte ja sagen, dass dich meine Schönheit einfach umgeworfen hat. Aber ich habe – mit Absicht – kein Bild drin.“
Krieger: schickt einen Smiley.
Grinst er, oder wie soll ich das verstehen?
Julia wusste nicht so recht, was sie schreiben sollte. Einerseits wollte sie nicht zu neugierig erscheinen, andererseits wollte sie ja ein wenig sehen, wie er sich ausdrückte. Über die Sprache konnte man erkennen, welch Geistes Kind er war. Nichts war schlimmer, als einen Text lesen zu müssen, der weder Punkt noch Komma enthielt.
Julia: „Darf ich fragen, was du beruflich machst?“
Krieger: „Bin bei einer Versicherung, vollkommen langweilig. Und du?“
Wahrscheinlich stapelt er tief. Ob er einen Ödipuskomplex hat? Wie Freud schon sagte: die übertriebene emotionale Bindung eines Mannes an seine Mutter. Ob ich ihn mal frage?
Julia: „Ich mache Übersetzungen. Du hast mir immer noch nicht gesagt, was du von mir willst. Du weißt schon, dass ich etlich älter bin als du?“
Krieger: „Natürlich, das reizt mich ja gerade. Ich finde reife Frauen mit mehr Lebenserfahrung attraktiver.“
Irgendwie macht es Spaß, zu schreiben. Blöd scheint er jedenfalls nicht zu sein.
Julia: „Wollen wir auf Mails umziehen? Das ist hier etwas umständlich, um zu schreiben. Es ist mein erster Kontakt mit so einem Portal. Ich bin nicht so chatsicher. Schickst du mir ein Bild von dir? Ich wüsste gerne, mit wem ich es zu tun habe.
Krieger: „Mach’ ich. Ich erwarte natürlich auch eines von dir.“
Da bin ich jetzt aber gespannt, was das für ein Vogel ist.
Eine Viertelstunde verging und Julia hörte nichts von Krieger.
So ein Depp, meldet sich nicht mehr. Das war ein kurzes Vergnügen. Fängt ja gut an. Noch während Julia das dachte, ploppte ein Feld auf. Neue Mail.
Krieger: „Herrje, du bist ja richtig prominent!“
Mit Entsetzen stellte Julia fest, dass in ihrer eigentlich anonymen Mailadresse ihr Name stand. Vor einiger Zeit hatte sie einen Festplattenabsturz und beim neuen Einrichten war ihr wohl dieser Fehler unterlaufen. Und jetzt hatte Krieger ihren vollen Namen erfahren, nachgesehen und prompt ihre Übersetzer-Webseite gefunden.
Julia: „Quatsch! Wie kommst du darauf?“
Krieger: „Du bist Übersetzerin und hast schon namhaften Autoren eine deutsche Stimme gegeben.“
Julia: „Deswegen ist man doch nicht berühmt.“
Krieger: „Finde ich schon. Was machst du sonst noch?“
Er wird neugierig. Habe ich sein Interesse geweckt? Er macht auch keine Rechtschreibfehler.
Julia: „Ich tanze gerne und ich reise in der Weltgeschichte herum.“
Jetzt antwortet er schon wieder nicht. Der lässt sich aber ganz schön lange Zeit. Fünf Minuten!
Julia: „Hat es dir die Sprache verschlagen, weil ich nichts mehr von dir höre?“
Krieger: „Nein, ich überlege mir nur genau, was ich schreibe. Du bist eine interessante Frau. Wollen wir uns mal treffen? Hier kommt mein Bild.“
Fühle mich ja geschmeichelt. Ich bin also interessant. Wegen ein bisschen Übersetzerei? Soll ich, oder soll ich nicht? Mein Foto hat er ja auf der Webseite gesehen.
Julia betrachtete das Foto. Es zeigte einen Mann mit spärlichem Haarkranz und passabler Figur. Krieger stellte sich mit richtigem Namen vor: Christoph, mit ‚ph‘ wie er betonte. Zum Glück hatte er sich keinen Scheitel am Ohr entlanggezogen und die Haare quer über den Kopf gelegt. Sein Mund lächelte verhalten. Dafür lachten die Augen. Er steht zu seiner Glatze. Julia benötigte auch fünf Minuten, dann entschied sie: Ich mach’s!
Julia: „Können wir gerne machen. Wann und wo wollen wir uns treffen?“
Krieger: „Ich habe Urlaub, bin also flexibel. Am besten gleich morgen um 16 Uhr im Café Agnes.“
Julia: „Ich werde da sein.“




