Macomber Herbstleuchten
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18490-2
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 5, 416 Seiten
Reihe: Rose Harbor-Reihe
ISBN: 978-3-641-18490-2
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jo Marie Rose hat ihr Glück endlich gefunden. Ihr kleines Rose Harbor Inn läuft sehr gut, und in Mark Taylor, der sie in Haus und Garten unterstützt, hat sie einen Freund gefunden, dem sie vertrauen kann. Doch sie spürt, dass Mark etwas vor ihr verheimlicht. Als er ihr eines Tages aus heiterem Himmel erzählt, dass er Cedar Cove verlassen wird, ist Jo Marie mehr als verwirrt. Gerade jetzt, als sie es endlich wieder geschafft hat, einem Mann ihr Herz zu öffnen, verliert sie ihn wieder. Als sie hinter Marks Geheimnis kommt, muss sie sich allerdings erstmal um zwei neue Gäste kümmern, die ihre ganz eigenen Antworten suchen …
Die Rose-Harbor-Reihe:
Band 1: Winterglück
Band 2: Frühlingsnächte
Band 3: Sommersterne
Band 4: Wolkenküsse (Short Story)
Band 5: Herbstleuchten
Band 6: Rosenstunden
Debbie Macomber begeistert mit ihren Romanen Millionen Leserinnen weltweit und gehört zu den erfolgreichsten Autorinnen überhaupt. Wenn sie nicht gerade schreibt, strickt sie oder verbringt mit Vorliebe viel Zeit mit ihren Enkelkindern. Sie lebt mit ihrem Mann in Port Orchard, Washington, und im Winter in Florida.
Weitere Infos & Material
1
Das erste Jahr meines Witwendaseins war bei Weitem das schwerste gewesen. Als ich die Nachricht erhielt, dass mein Mann bei einem Hubschrauberabsturz in Afghanistan ums Leben gekommen sei, kam es mir vor, als wäre eine Atombombe in meinem Kopf explodiert. Mein ganzes Leben, mein Körper, mein Herz fühlten sich an wie im freien Fall befindlich.
Wochenlang war ich vor Schmerz über diesen Verlust wie von Sinnen, stolperte von einem Tag zum nächsten. Es erschien mir so schrecklich falsch, dass die Welt um mich herum sich einfach weiterdrehte, obgleich sie für mich komplett zum Stillstand gekommen war.
Da mir nichts anderes übrig blieb, kämpfte ich darum, meiner neuen Realität einen Sinn und Zweck zu verleihen. Irgendeinen. Nur wenige Monate nachdem ich von Pauls Tod erfahren hatte, stieg ich gegen den Rat meiner Familie, Freunde und Kollegen aus meinem alten Leben aus, kündigte meinen Job bei einer großen Bank und erwarb ein Bed & Breakfast. Und ich verließ Seattle und zog nach Cedar Cove, einer kleinen Stadt auf der Kitsap-Halbinsel im Puget Sound, einer fjordähnlichen Bucht, die von der Pazifikküste des Bundestaats Washington etwa hundert Meilen weit ins Land reicht.
In der ersten Nacht, die ich als neue Eigentümerin in der Pension verbrachte, spürte ich Pauls Gegenwart so stark und deutlich, als säße er neben mir und spräche mit mir. Er sagte, dieses Haus werde meine Wunden heilen und nicht allein meine, sondern die aller Gäste, die hierherkommen würden. Dieses Versprechen meines Mannes bewog mich dazu, mein Bed & Breakfast »Rose Harbor Inn« zu nennen. Rose nach Paul Rose und Harbor, weil es, wie ich Pauls tröstlicher Versicherung entnommen hatte, eine Art Zuflucht, ein schützender Hafen werden würde.
Im Laufe der letzten achtzehn Monate hatte ich feststellen können, wie sehr sich Pauls Prophezeiung bewahrheitete. Sowohl was mich selbst als auch meine Gäste betraf. Und so begann ich langsam, Tag für Tag, mir ein neues Leben aufzubauen. Eines ohne Paul.
Erst vor Kurzem war ich in der Lage gewesen, den letzten Brief meines Mannes zum ersten Mal zu lesen. Einen Liebesbrief, vorsorglich für den Fall geschrieben, dass er nicht zu mir zurückkehrte. Es hatte lange gedauert, bis ich den Mut und die Kraft aufbrachte, ihn zu öffnen – und damit zu akzeptieren, dass er wirklich tot war. Eine Tatsache, mit der ich mich lange nicht abfinden konnte und wollte. Wie erwartet, stand in dem Brief, dass er mich liebte und dass er immer bei mir sein würde. Und er bat mich, auch für ihn zu leben.
Ich nahm mir Pauls Worte zu Herzen und versuchte es.
Zwar ohne ihn, aber doch für ihn, und ich schaffte es. Die Pension füllte mich mehr und mehr aus und wurde zum Mittelpunkt meines neuen Selbst. Jeder Tag bot die Möglichkeit, etwas dazuzulernen, mich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln. Vor allem verbesserten sich meine Kochkünste beträchtlich, denn schließlich sollte es meinen Gästen ja schmecken. Neben einem ausgiebigen Frühstück hielt ich immer einen kleinen Imbiss bereit, falls jemand zum Essen nicht rausgehen wollte.
Außerdem fand ich Freunde in der Gemeinde. Und Rover kam zu mir. Ein Hund aus dem Tierheim, der mich gewissermaßen adoptierte, anders kann man es nicht bezeichnen. Seinen Namen »Streuner« verdankte er dem Umstand, dass er, als er gefunden wurde, so aussah, als wäre er eine ganze Weile allein herumgestromert.
Eigentlich hatte ich einen anderen, einen kleineren Hund gesucht, aber inzwischen war Rover aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Mein ständiger Gefährte, mein Trost und mein Wächter, der in geradezu unheimlicher Weise meine Stimmungen erfasste und darauf reagierte.
Manchmal kam es mir vor, als hätte Paul ihn mir geschickt.
Und dann war da Mark Taylor. Mein unersetzlicher Handwerker für alle Fälle. Ein Allroundtalent und mein bester Freund. Allerdings konnte er reizbar, herrisch und ein fürchterlicher Geheimniskrämer sein und mich schneller in Wut versetzen als irgendjemand sonst. Eigentlich hielt ich mich für einen ziemlich ausgeglichenen Menschen, der nicht so leicht die Beherrschung verlor. Nicht so bei Mark. Ein paar Worte von ihm reichten, um mich zur Weißglut zu bringen.
Manchmal verstand ich ihn wirklich nicht.
Was im letzten Frühling passierte, veranschaulicht sehr gut, was ich meine. Ich balancierte gerade auf einer Leiter, um meine Fenster von außen zu putzen, als Mark aus heiterem Himmel in einem barschen, schon an Unhöflichkeit grenzenden Ton verlangte, dass ich von der Leiter heruntersteigen solle. Meine Weigerung – welches Recht stand ihm schließlich zu, mich so zu bevormunden – versetzte ihn dermaßen in Rage, dass er die Arbeit, die er gerade für mich im Garten erledigte, einfach hinschmiss. Wir brauchten beide eine Weile, um uns zu beruhigen und zur Vernunft zu kommen.
Seit ich Pauls letzten Brief gelesen hatte, waren meine Gefühle Achterbahn gefahren. Zunehmend gewann ich den Eindruck, meinen Mann endgültig zu verlieren. Ich träumte nicht mehr von ihm, und wenn ich sein Lieblingssweatshirt in die Hand nahm, vermochte ich den speziellen Duft, der lange darin gehaftet hatte, nicht mehr wahrzunehmen.
Das belastete mich, stimmte mich traurig, und um mich abzulenken, beschäftigte ich mich in Gedanken mit Mark und versuchte, hinter seine Geheimnisse zu kommen. Denn dass er welche hatte, stand für mich so fest wie das Amen in der Kirche. Der ganze Mann war ein einziges Rätsel. Verschlossen und schweigsam, wie es wohl seiner Natur entsprach, gab er nichts über sich preis. Nicht über seine Person, seinen eigentlichen Beruf und sein früheres Leben.
Vergeblich löcherte ich ihn mit Fragen nach seiner Vergangenheit. Entweder ignorierte er sie, oder er weigerte sich, sie zu beantworten. Ich quetschte sogar Leute aus, die ihn schon länger kannten als ich, alles ohne Erfolg. Vor ungefähr drei Wochen ging ich dann so weit, ihn zu einem gemeinsamen Dinner mit meinen Eltern einzuladen. Warum? Weil ich hoffte, meine Mutter würde etwas aus ihm herauskriegen. Sie besitzt nämlich ein ausgesprochenes Talent, Menschen zum Reden zu bringen und ihnen Informationen zu entlocken. Aber er vereitelte diesen Plan, indem er die Einladung ablehnte.
Irgendwann begriff ich, dass meine Neugier in Bezug auf Mark vor allem dazu diente, meine Angst, dass Paul mir völlig entglitt, zu vergessen oder zumindest zu kompensieren. Danach entschuldigte ich mich bei meinem Freund – und erlebte einen neuen Schock: Mark gestand mir, er habe sich in mich verliebt.
Mark liebte mich? Ich hatte Mühe, mich an diese Vorstellung zu gewöhnen.
Und als ob das nicht verwirrend genug gewesen wäre, eröffnete er mir außerdem, er habe jeden nur erdenklichen Vorwand genutzt, um Zeit mit mir zu verbringen. War ich bis zu diesem Moment vollkommen ahnungslos gewesen, setzten sich plötzlich alle Einzelheiten wie ein riesiges Puzzle in meinem Kopf zusammen.
Doch die nächste Überraschung ließ nicht lange auf sich warten. Ungeachtet seiner Gefühle für mich, fügte Mark hinzu, könne und wolle er es nicht zulassen, dass sich daraus eine langfristige Beziehung entwickele.
War es da ein Wunder, dass meine Gedanken sich so wild zu drehen begannen wie Windmühlenflügel bei Sturm?
Als Mark, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, auch noch verkündete, dass er Cedar Cove verlassen werde, fand ich endlich die Sprache wieder und protestierte. Das sei absolut lächerlich, hielt ich ihm vor. Was er antwortete, werde ich mein Lebtag nicht vergessen – es hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt.
Ich sei mit einem Helden verheiratet gewesen, der sein Leben geopfert habe, um unser Land zu verteidigen, erklärte er mir. Paul habe all das verkörpert, was er mir nicht bieten könne. Er sei nämlich das genaue Gegenteil von einem Helden und mit schweren Makeln behaftet. Schwach. Gebrochen. Er stecke in einem tiefen schwarzen Loch, aus dem er schwer wieder rauskomme. Wenn es eine Gerechtigkeit auf der Welt gäbe, hätte er sterben müssen und nicht Paul.
Mark tat so, als fühle er sich schuldig, weil er noch am Leben, Paul hingegen tot war. Und deshalb wollte er weg.
Ich konnte nicht glauben, dass es ihm damit ernst war. Es schien mir eine übereilte und unvernünftige Entscheidung zu sein, bei der es sich vermutlich um eine augenblickliche Laune handelte, doch ich irrte mich.
Das Einzige, was mir blieb, war, seinen Weggang hinauszuzögern, indem ich ihn an den Pavillon in meinem Garten erinnerte, der noch nicht fertig war. Zwar existierte kein schriftlicher, sondern bloß ein mündlicher Vertrag zwischen uns, aber Mark pflegte zu seinem Wort zu stehen. Das wusste ich. Und entsprechend willigte er widerstrebend ein, obwohl ihn meine Forderung eindeutig nicht glücklich stimmte.
Zunächst war ich erleichtert, denn ich ging davon aus, dass es mir zu gegebener Zeit gelingen würde, ihn zum Bleiben zu überreden. Daran lag mir allein deshalb viel, weil ich nach seiner Liebeserklärung meinen eigenen Gefühlen dringend auf den Grund gehen musste. Und das war nicht möglich, wenn er sich aus dem Staub machte.
Die folgenden drei Wochen zeitigten leider nicht das gewünschte Resultat. Vielmehr merkte ich, dass es Mark völlig ernst damit war, Cedar Cove zu verlassen. Mich zu verlassen. Während er früher für jeden Job, den er erledigen sollte, Wochen, oft Monate gebraucht hatte, schien er dieses letzte Projekt, den Pavillon, nicht schnell genug beenden zu können. Er startete früh am Morgen mit der Arbeit, trieb sich bis zur Erschöpfung an und schuftete bis weit nach Einbruch der Dämmerung – bis es zu dunkel...