E-Book, Deutsch, 768 Seiten
Mackintosh-Smith Arab
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8062-4213-3
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
3000 Jahre arabische Geschichte
E-Book, Deutsch, 768 Seiten
ISBN: 978-3-8062-4213-3
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tim Mackintosh-Smith ist ein renommierter Arabist, Übersetzer und freier Autor. Er gilt als einer der zwölf besten Reiseschriftsteller der letzten hundert Jahre und wurde mit dem Oldie Travel Award (Best Travel Writer) und dem Ibn Battutah Prize of Honour ausgezeichnet. Über die Reisen von Ibn Battuta hat er eine viel beachtete Trilogie verfasst. Er studierte an der Oxford University und lebt in San'a, der jemenitischen Hauptstadt. Seit insgesamt 35 Jahren ist er in der arabischen Welt zuhause.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Abbildungen und Karten
Vorwort: Rad und Sanduhr
Einleitung: Die Stimmen einen
AUFSTIEG: 900 v. Chr. - 600 n. Chr.
1 Stimmen aus der Wüste: Früheste Araber
2 Völker und Stämme: Sabäer, Nabatäer und Nomaden
3 Weit und breit verstreut: Wie die Grammatik der Geschichte sich wandelt
4 Am Rand wahrer Größe: Die Tage der Araber
REVOLUTION: 600-630 n. Chr.
5 Offenbarung als Revolution: Mohammed und der Koran
6 Gott und Kaiser im Bund: Das Staatsgebilde von Medina
DOMINANZ: 630-900 n. Chr.
7 Die Halbmondritter: Einnehmende Offenheit
8 Das Königreich von Damaskus: Umayyadische Vorherrschaft
9 Das Weltreich von Bagdad: Abbasidische Schirmherrschaft
NIEDERGANG: 900 - 1350
10 Gegenkulturen, Gegenkalifen: Das Imperium trennt sich
11 Der Geist in der Flasche: Die Horden rücken näher
FINSTERNIS: 1350 - 1800
12 Gebieter des Monsuns: Araber im Indischen Ozean
WIEDERAUFSTIEG: 1800 - HEUTE
13 Identitäre Wiederentdeckung: Erweckungen
14 Das Zeitalter der Hoffnung: Nasserismus, Baathismus, Befreiung, Öl
15 Das Zeitalter der Ernüchterung: Autokraten, Islamokraten,
Anarcharchen
Nachwort: Am Bahnhof der Geschichte
Anhang
Zeittafeln
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Index
Vorwort
Rad und Sanduhr
Ich dachte weder, dass der Lauf der Zeit das Neue verschleißen, noch dass ein geeintes Volk durch Wechselfälle gespalten würde.
Dhu al-Rumma
Vor knapp 30 Jahren begann ich die Arbeit an meinem ersten Buch, einem geschichtlichen Abriss des Jemen, meinem damaligen Wohnort. Kurz zuvor, im Mai 1990, waren die zwei Teile des Landes wiedervereinigt worden – wenige Monate vor der deutschen Wiedervereinigung. Mauern stürzten ein, eiserne Vorhänge öffneten sich und inmitten der Wildnis löste man eine Grenzlinie auf. Im Jemen herrschte Optimismus. Zwar kam es 1994 zu einem erneuten Abspaltungsversuch und einem kurzen Krieg, in dessen Verlauf das ehemalige Regime im Süden beinahe so viele Scud-Raketen auf uns in Sanaa abfeuerte wie Saddam Hussein drei Jahre zuvor auf Israel, was unsere Herrscher im Norden damit beantworteten, dass sie eine Horde umherstreifender bärtiger Islamisten auf Aden hetzten, wo sie unter anderem die einzige Brauerei auf der Arabischen Halbinsel zerlegten. Doch der Jemen blieb vereinigt und es schien, als richte sich der Blick nun nach vorn.
Mein erstes Buch war eine Hommage an ein Land, das an seiner gemeinsamen Vergangenheit, seiner jahrtausendealten kulturellen Einheit festhielt. Zwischen den Zeilen war das Buch damit wohl auch eine Hommage an seine nun wiederhergestellte politische Einheit. Denn es war nicht das erste Mal im Laufe der Geschichte, dass der Jemen als geeinter Staat auftrat: Staatliche Einheit hatte es bereits in vorislamischer Zeit, dann vorübergehend im 14. und wieder kurzzeitig im 17. Jahrhundert gegeben. Vielen Jemeniten und auch mir schien (und scheint) die politische Einheit einer natürlichen Einheit zu entsprechen. Dieses Gefühl herrschte auch schon im 14. Jahrhundert: „Wäre der Jemen unter einem Herrscher geeint“, schrieb ein Berichterstatter in Ägypten, „könnte er an Bedeutung gewinnen und eine stärkere Stellung unter den herausragenden Völkern einnehmen.“1
Allerdings ist der Jemen über neun Zehntel seiner Geschichte nicht vereint gewesen – ganz im Gegenteil. Auch heute, während ich dies schreibe, ist das Land wieder im Zerfall begriffen – dasselbe gilt, wie es den Anschein hat, auch für den Irak und Libyen. Und für Syrien, dessen Zusammenhalt nur noch mit blanker Gewalt aufrechterhalten wird. Die Einheit Ägyptens ist dem Anschein nach gesichert, doch die Gesellschaft zerrissen. In diesen fünf Ländern lebt immerhin die Hälfte der Bevölkerung der arabischsprachigen Welt. Einem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen zufolge sind in dieser Welt nur fünf Prozent der Weltbevölkerung beheimatet, sie verursacht jedoch 58 Prozent der Flüchtlinge weltweit und 68 Prozent aller „durch Kampfhandlungen bedingter Todesfälle“.2 Man könnte meinen, das einzige einigende Band zwischen Arabern sei ihre Unfähigkeit, friedlich miteinander auszukommen. Woher diese Uneinigkeit? Warum diese selbstzerstörerische Gewalt?
„Es liegt an der Abwesenheit von Demokratie und demokratischen Institutionen“, wird man im Westen (pragmatisch verkürzt) antworten. Klingt einleuchtend – allerdings haben die jüngsten Interventionen von außen, die angeblich auf die Stärkung von Demokratie abzielten, das Chaos wohl nur noch verstärkt. Und wenn es einmal freie und faire Wahlen gibt, gewinnen fast immer die Islamisten, mittels Militärputsch wird die Wahl für ungültig erklärt und der Westen verstummt wieder. Wenn es ums Geld geht, hat die Moral offenbar nichts mehr zu melden.
„Es liegt daran, dass der Islam nicht zu religiöser Einheit findet“, werden die Islamisten (wiederum verkürzt) antworten. Nur dass es sich bei dieser viel beschworenen Einheit des Islam von Anfang an um eine Schimäre gehandelt hat. Schließlich sind ab dem Jahr 40 der islamischen Zeitrechnung Kämpfe um Macht und Anerkennung überliefert und sie wurden keineswegs mit der Waffe des Wortes allein ausgefochten.
„Es liegt am Erbe des Imperialismus“, werden arabische Nationalisten (von denen es tatsächlich noch welche gibt) antworten. Nur dass in der postimperialen Epoche beinahe jeder Versuch, Einheit herzustellen, gescheitert ist, meist an innerarabischen Zwisten und Vorbehalten. In einer Analyse des arabisch-israelischen Krieges von 1948 schrieb ein arabischer Kommentator, dass „die Araber die Schlacht um Palästina hätten gewinnen können, wäre nicht etwas an ihnen selbst falsch und verkommen gewesen“.3 Dieses „Etwas“ bestand aus gegenseitigem Misstrauen, Argwohn und Angst. Aus dem bösen Blut, das sich durch die gesamte arabische Geschichte zieht.
Selbstverständlich haben Araber kein Monopol auf Uneinigkeit. Auch die europäische Landkarte etwa bestand bis in die Neuzeit aus einem schillernden Mosaik von Kleinstaaten. Die deutsche Wiedervereinigung von 1990 – die ja selbst Folge eines gegenläufigen Prozesses, des Zerfalls der Sowjetunion, war – stellte eine Einheit wieder her, die zuvor gerade einmal zwei Generationen gewährt hatte. Damals war Europa ein zentraler Schauplatz von Kriegen gewesen, die zum gewaltsamen Zerfall des Osmanischen Reiches und Österreich-Ungarns geführt und den etwas weniger gewaltsamen Zusammenbruch des Britischen Empire eingeleitet hatten – immerhin entstanden daraus die Vereinten Nationen und die Europäische Union (beides bekanntlich Bastionen des friedlichen Miteinanders). Die ganze Welt ist ein Schmelztiegel, in dem vorübergehend stabile Gebilde wieder zerfallen und neue geformt werden. Ohne diesen steten Wandel gäbe es keine Entwicklung. Vereinigung und Spaltung sind zwei Seiten derselben Medaille. So erklärt sich auch das erste diesem Buch vorangestellte Zitat aus Lanes Arabic-English Lexicon:
Scha?b: … Ansammlung oder Vereinigung; ebenso Trennung, Teilung oder Uneinigkeit … Nation, Volk, Rasse oder Menschheitsfamilie …4
(Wie kann ein einziges Wort so viel Widersprüchliches bedeuten? Bei näherer Betrachtung wird es etwas klarer: scha?b bedeutet neben „Volk“ und all den anderen aufgeführten Begriffen auch die Schädelnaht, also die Stelle, an der die beiden Schädelknochen aufeinandertreffen und sich teilen. Die Knochen selbst werden qabilas genannt, was sich auch mit „Stämme“ übersetzen lässt. In der arabischen Sprache zeichnet der menschliche Schädel mit seinen „Völkern“ und „Stämmen“ demnach gleichsam ein Bild der Menschheit als Ganzes.)
Und doch: Ist es nicht so, dass die Araber in vieler Hinsicht einen Sonderfall darstellen? Das beginnt damit, dass wir sie – und sie sich selbst – einfach als „die“ Araber bezeichnen, so als seien sie eine eigenständige und klar abgegrenzte Gruppe mit eindeutigen Merkmalen. Angenommen, das stimmt – wie genau sehen diese Eigenschaften dann aus? Und woher rührt der Eindruck, dass diese Gruppe sich so leicht spalten lässt, so schnell in Aufruhr zu versetzen ist? Sollte es nicht zumindest so etwas wie eine Arabische Union oder gar Vereinigte Arabische Staaten geben? … Aber halt! Auch wenn es in den meisten Geschichtsbüchern unerwähnt bleibt: Es hat tatsächlich die Vereinigten Arabischen Staaten (VAS) gegeben. Sie bestanden aus einer Konföderation der Vereinigten Arabischen Republik (VAR) – einer politischen Union zwischen Ägypten und Syrien während der kurzen Blütezeit des Panarabismus – mit dem damaligen Königreich im Nordjemen. Diese Konföderation der drei Staaten hielt ganze 44 Monate, von 1958 bis 1961.
Nun ließe sich einwenden, politische Einheit sei nicht per se ein erstrebenswertes Gut. Aber ich glaube, zumindest in einem weiteren Sinn des Wortes – nämlich verstanden als Harmonie, Abwesenheit von Zwietracht, friedliche Koexistenz und Kooperation – sind Einheit und Zusammenhalt für die Menschheit besser als Zersplitterung und der Kampf gegeneinander. Es ist die einzige Hoffnung für uns auf diesem kleinen Planeten mit zu vielen Menschen und zu wenigen Ressourcen, insbesondere in dicht bevölkerten Ländern wie Syrien, Ägypten und Jemen. Es sei denn, wir ziehen es vor, uns gegenseitig umzubringen und noch einmal ganz von vorn anzufangen.
***
Historische Studien über Araber setzen für gewöhnlich mit dem Islam ein oder begnügen sich allenfalls mit knappen Vorbemerkungen über die Vorgeschichte. Sicherlich brachte der Islam eine bestimmte Gruppe von Menschen in einem großen Augenblick der Geschichte zusammen. Doch die Einheit, die dadurch entstand, war nur eine scheinbare, und hat nie wirklich Bestand gehabt. Traditionellen Berichten zufolge kamen die Stämme Arabiens im Jahr 630/631 zusammen, dem Jahr der Gesandtschaften, als Stammesvertreter den Propheten Mohammed aufsuchten, um ihm und dem von ihm gegründeten Staat die Treue zu schwören. Nur zwei Jahre später, nach Mohammeds Tod, waren die meisten dieser Stämme allerdings zu ihrer vormaligen Eigenständigkeit und ihren alten Zwistigkeiten zurückgekehrt. Die Risse zwischen ihnen...