Lynch | Jenseits der See | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Lynch Jenseits der See

Roman | »Ein Roman wie ein existentieller Blitzeinschlag« Kulturzeit
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-608-12485-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | »Ein Roman wie ein existentieller Blitzeinschlag« Kulturzeit

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-608-12485-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Ein exquisiter, minutiöser, kraftvoller Roman«David Mitchell Vor der Küste Mexikos werden zwei Männer in ihrem Fischerboot in einem Sturm auf die offene See getrieben. Wie schon in »Das Lied des Propheten«, geht es in diesem Roman von Booker-Prize Gewinner Paul Lynch um alles. Um Überlebenswillen, Einsamkeit und die menschliche Existenz im Angesicht der Katastrophe.  Der Fischer Bolivar lebt ein einfaches, unbeschwertes Leben. Im Gegensatz zu seinen Kollegen beginnt er seinen Tag meist erst mittags, raucht viel und trinkt Bier bei Rosa, der Frau, in die er verliebt ist. Er will gerade zu seinem Fang aufbrechen, als er von den Dorfbewohnern vor einem aufkommenden Sturm gewarnt wird. Aber Bolivar fährt entgegen jeder Vernunft an diesem Tag zur See. Er nimmt Hector mit, einen jungen Fischer, der das zusätzliche Geld gut gebrauchen kann, das Bolivar ihm für das Wagnis bietet. Obwohl er Angst vor dem Sturm hat, lässt er sich auf den Job ein. Als sie der Sturm aufs offenen Meer treibt, blicken sie gemeinsam - und doch jeder für sich - dem Untergang ins Auge. »Jenseits der See« zeichnet ein eindringliches Bild der menschlichen Psyche und geht der Frage nach, wie man es schafft, die Hoffnung in einer aussichtslosen Situation nicht zu verlieren.

Paul Lynch, geb. 1977 in Limerick, wuchs in Donegal auf und lebt in Dublin. Von 2007 bis 2011 war er Chef-Filmkritiker der irischen Zeitung »Sunday Tribune« und schrieb regelmäßig für die »Sunday Times«. Seitdem ist er hauptberuflich Autor. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen in Irland und UK ausgezeichnet. Für seinen aktuellen Roman »Das Lied des Propheten« erhielt er den Booker-Prize 2023.
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Nicht der Traum von einem Sturm folgt Bolivar in die Stadt, vielmehr sind es am Vorabend mitgehörte Worte, vielleicht in Gabrielas Bar, die ihm nun ein Traumgefühl geben. Er glaubt, es hätte das Geplapper von Alexis oder José Luis sein können – wer weiß, das sind ja solche Stinkstiefel. Und dennoch hält sich dieses Traumgefühl. Es ist das Gefühl einer einst gekannten, nun aber vergessenen Welt, die von jenseits der See fragt.

In Sandalen folgt er der Straße über die wacklige Brücke. Vorbei an den leeren Cabanas am Strand. Vorbei dort, wo die nistenden Meeresschildkröten muschelgleich auf dem Strand liegen. Sein Blick schweift über die Lagune hinaus, wird dann aber zum Küstenstreifen gelenkt. Dort liegt ein angespülter Ölkanister, umringt von glitzernden toten popocha-Fischen. Er zieht die Baseballkappe tiefer ins Gesicht und geht auf den Strand.

Er denkt, es ist doch bloß ein rundes Dutzend, trotzdem. Nicht mal die Bettler würden sie anfassen. In den Flüssen ist ein Übel, das niemand je erklären wird.

Er prüft die indigoblaue Dämmerung auf Ärger. Er prüft die Wolken und den Wind. Dass der Ozean eine Färbung hat, ist eine Lüge unter Männern. Er weiß nicht mehr, wer das gesagt hat. Denn das Meer birgt alle Farben, somit ist alles darin enthalten. Aber wer weiß schon, was man so hört.

Die weißen Plastikstühle in Rosas Café lehnen wie betrunkene Schlafende an ihren Tischen. Er haut gegen ein Netz voller Strandbälle, das an dem palapa-Dach hängt. Verdammt, sagt er. Angel wartet nicht. Er tritt einen Stuhl am Windschutz vorbei, und als er sich daraufsetzt, bricht die Lehne. Er betrachtet seine Hände, die auf der überhängenden Wampe ruhen. Solche Hände sind vielleicht zu groß, das hat er oft gedacht. Ein Handgelenk wie ein Unterarm. Ein Arm wie ein Schenkel. Ein Nacken wie Schultern. Aber was erwartet man sonst bei einem Fischer?

Er dreht den Kopf und brüllt: Rosa!

Von da aus kann er das Panga-Boot sehen, das er als seins betrachtet, allein und hoch auf den Strand gezogen. Der weiße Rumpf, darauf in türkis Camille gemalt. Angel ist nicht da. Er sieht die Geister zweier Männer, sein früheres Ich und Angel gestern Abend, wie sie auf dem Panga gesessen haben, mondgezeichnete Abbilder von Fischern, die inmitten von körperlosem Geschrei und dem fahlen, aus den Bars an der Meile geworfenen Licht Bier trinken.

Erneut ruft er Rosa, hört den verrückten Alexander, wie er wieder singt, die Stimme des Alten ein glashelles Tremolo. Er beugt sich vor, bis er ihn auf einer Kühlbox von unbestimmter, längst verblasster Farbe sitzen sieht. Mit blitzenden Nägeln flickt er vom Meer verschlissene Netze. Jeden Tag versucht Bolivar, nicht zuzuhören, trotzdem tut er es, denn solche Lieder wecken in ihm Gefühle, die er nicht erklären kann. Manchmal fast ein Schuldgefühl. Manchmal eines, vor langer Zeit gelebt zu haben, als hätte er das Leben eines anderen gelebt, und was soll man von so was halten?

Feiner Sand rieselt über die Matten. Er drückt einen Finger an die Nase und stößt Rotz aus. Rosa!

Auf ihrem hohen Bord betrachtet die Jungfrau von Guadalupe Bolivar, als wäre er eine Erscheinung, die sich durch den Perlenvorhang in der Tür schiebt. Da schläft Rosa in einer Hängematte, immer schläft sie. Er langt nach der Fernbedienung und macht den Fernseher an, es läuft ein Spiel vom Vorabend.

Rosa!, sagt er. Hast du Angel gesehen?

Die Frau regt sich mit einem gereizten Laut. Sie schwingt sich aus der Hängematte, die Füße schlackernd, steht dann im Halbdunkel und bindet sich die Haare hoch. Bloß ihre Augen kann er sehen, als könnten sie das wenige Licht auf sich ziehen. Er blinzelt sie zweimal an, und ein alter Teil seines Denkens sieht sie als Hexe im Dunkeln, bis sie den Schirm hochrollt und ihr Körper seinen Ausdruck findet. Sein Blick folgt dem Licht, das auf ihren Bauch im losen Hemd fällt, auf ihre schimmernden Hände und Schenkel. Er sieht sie an, wie ein Mann eine Frau ansieht.

Ist Angel noch nicht aufgetaucht, Rosa?

Die Kiste Limonen, Bolivar. Hast du sie dabei? Gestern Abend hab ich dich drum gebeten.

Der ist mal da und dann wieder nicht. Ich hab bloß ein paar Limonen, und die nehm ich im Boot mit.

Wie Rosa offenbar bei allem seufzt, was sie tut. Ihr Körper ist Trauer, als sie sich zum Kühlschrank beugt. Sie holt zwei Flaschen Bier heraus, das Wiederaufrichten ist von einer Mattigkeit, die zu einer so jungen Frau nicht passt. Ohne hinzusehen, öffnet sie die Flaschen, die Augen bei einem fernen Gedanken weit jenseits der Lagune.

Bolivar trinkt einen langen Schluck, hält sie dabei fest im Blick. Aus dem Fernseher schallt Torjubel, und er beugt sich kurz durch die perlenverhangene Tür, dann wieder zurück und wischt sich dabei mit dem Handgelenk über den Mund.

Das glaubst du nicht, sagt er. Weißt du noch, das große Fischsterben letztes Jahr? Grad hab ich am Strand angespülte tote popocha gesehen.

Rosa mustert ihn kurz.

Sie sagt: Gestern Abend war einer da, der hat nach dir gefragt.

Was für einer?

Weiß ich nicht. Er hat gesagt, er schneidet dir die Ohren ab.

Der also.

Wer?

Ich hab was Blödes gemacht. Aber das regle ich.

Er sieht zu, wie sie beim Trinken das rechte Auge zukneift. Betrachtet den kühlen Backsteinraum, den sie bewohnt. Eine Hängematte und zwei Palmholzstühle, ein summender Kühlschrank. Leichter Schweißgeruch. Ihre Kleider an Nägeln aufgehängt.

Er langt nach ihrem Handgelenk, doch Rosa weicht zurück, die Worte kommen unbedacht aus seinem Mund.

Irgendwann mal, Rosa, solltest du mich heiraten. Gut, ich bin bloß ein Fischer. Aber ich zahl dir deinen Fernseher ab. Kauf dir vielleicht sogar einen Jeep. Ich kauf dir Möbel für deine Kleider. Ich geb dir so viele Limonen, wie du willst.

Rosa starrt auf seine sonnengebräunten Füße, die geflickten Plastiksandalen, die dicken, gespreizten Zehen. Am großen Zeh des linken Fußes fehlt der Nagel.

Als sie ihn anschaut, dreht Bolivar den Fuß nach innen.

Sie seufzt. Ich hab so viel zu tun, Bolivar. Die Limonen. Ich muss los.

Sie hören, wie Alexander vor sich hin lacht.

Bolivar wendet sich zur Tür, dann fängt der Alte wieder an zu singen.

Dieser Idiot, sagt er. Was der wieder für einen Blödsinn singt.

Rosa sagt: Diese Lieder singt man für die Knochen der Toten.

Bolivar zieht ein Stück Wandputz ab.

Das fällt hier ja schon auseinander, Rosa. Irgendwann mal tragen dich Wind und Meer davon.

Rosa zuckt die Achseln. Aber heute wohl nicht gerade.

Arturo! Boss! Bolivar tritt in Arturos Büro, dessen Front auf den Strand geht. Er holt tief Luft. In der auffrischenden Brise hängt der schwache Moder des Meers. Er ruft erneut und drückt die Kappe fest auf seinen Kopf. Ein Walkie-Talkie knistert, verweht zu einem fernen Rauschen. Arturo ist da, wo er immer ist, denkt er. Schläft in seinem Zimmer bei dieser Frau, guckt fern oder ist vielleicht schon bei Gabriela einen trinken und meckert über die, die ihm in die Taschen greifen wollen.

Er geht in den Hof, da hockt der kleine Arturo auf den Stufen. Der Junge ist ein direktes Abbild des Vaters oder dessen, was der früher mal gewesen sein mag. Das Gesicht mit der starken Stirn ein Zeichen des werdenden Mannes.

Wo ist der Boss? Ich brauch ihn gleich.

Der Blick des Jungen liegt leer auf Bolivar. Achselzuckend tippt er weiter auf sein Telefon.

Ist er da oder nicht?

Über ihnen geht eine Tür auf, und ein Kopf mit platten Haaren darauf erscheint. Arturo kommt barfuß die Zementtreppe herab und grüßt Bolivar mit einem Knautschgesicht. Bolivar mustert ihn. Arturo trägt wie jeden Tag das graue Unterhemd und rote Shorts. Bestimmt schläft er in den Sachen auch, sie sind zu seiner Haut geworden.

Arturo sagt: Komm mal mit, Porky, ich will dir was zeigen.

Bolivar folgt Arturo und steht vor einem pfauenfarbenen Allrad-Jeep. Arturo zeigt darauf.

Sieh dir das an, Porky. Sag, wer macht so was?

Bolivar folgt dem Finger des Mannes und geht in die Hocke. Er fährt mit der Hand über einen Kratzer, der mit einem Schlüssel tief in den Lack geritzt ist. Ein Schuldgefühl sickert ihm in die Haut, trotzdem weiß er genau, dass er’s nicht war. Er wühlt in seinem Hirn und stößt auf das Gefühl, dass es Angel war. Er steht auf, seufzt, drückt die Kappe fest und zieht am Bund seiner Shorts.

Das war bestimmt irgendein Besoffener. Oder einfach bloß so ein junger Bursche. Viele Jungs machen Ärger. Sag, Arturo, Boss, hast du Angel gesehen? Er ist nicht erschienen.

Arturo bedenkt Bolivar mit einem prüfenden Blick. Dann schließt er die Augen, und als sie wieder aufgehen, ruhen sie bekümmert auf dem Jeep.

Ich fasse es nicht, Porky. Nichts auf dieser Welt bleibt neu. Ich dachte, du warst gestern Abend draußen. Solltest heute zurückkommen. Warum bist du nicht mit den anderen raus?

Ruf ihn an.

Wen?

Angel.

Wozu?

Ich muss raus, aber wie kann ich das ohne Angel? Ich fische mit niemand sonst.

Arturo stößt lange die Luft aus und blickt auf das Aschgrau des Meers. Dann wendet er sich wieder dem Mann vor ihm zu und starrt ihn an.

Hör mal zu, Bolivar. Von Nordost kommt Sturm auf. Die Meldung ist raus. Sieh dir doch den Strand an. Die meisten Boote sind rausgezogen. Die übrigen kommen gerade rein.

Das stimmt nicht, Arturo. Ich hab drei Boote rausfahren sehen. Memos Boot und noch zwei.

Ja. Memo ist genauso verrückt wie du, Porky.

Ruf Angel an.

Hör mal, Bolivar. Niemand schickt dich raus.

Ruf ihn an.

Warum denn?

Bolivar ächzt,...


Schönfeld, Eike
Eike Schönfeld, geb. 1949, übersetzt seit über 30 Jahren englischsprachige Literatur, darunter von Joan Didion, Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Er lebt in Paris.

Lynch, Paul
Paul Lynch, geb. 1977 in Limerick, wuchs in Donegal auf und lebt in Dublin. Von 2007 bis 2011 war er Chef-Filmkritiker der irischen Zeitung 'Sunday Tribune' und schrieb regelmäßig für die 'Sunday Times'. Seitdem ist er hauptberuflich Autor. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen in Irland und UK ausgezeichnet. Für seinen aktuellen Roman 'Das Lied des Propheten' erhielt er den Booker-Prize 2023.

Paul Lynch, geb. 1977 in Limerick, wuchs in Donegal auf und lebt in Dublin. Von 2007 bis 2011 war er Chef-Filmkritiker der irischen Zeitung 'Sunday Tribune' und schrieb regelmäßig für die 'Sunday Times'. Seitdem ist er hauptberuflich Autor. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen in Irland und UK ausgezeichnet. Für seinen aktuellen Roman 'Das Lied des Propheten' erhielt er den Booker-Prize 2023.

Eike Schönfeld, geb. 1949, übersetzt seit über 30 Jahren englischsprachige Literatur, darunter von Joan Didion, Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Er lebt in Paris.

Paul Lynch, geb. 1977 in Limerick, wuchs in Donegal auf und lebt in Dublin. Von 2007 bis 2011 war er Chef-Filmkritiker der irischen Zeitung »Sunday Tribune« und schrieb regelmäßig für die »Sunday Times«. Seitdem ist er hauptberuflich Autor. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen in Irland und UK ausgezeichnet. Für seinen aktuellen Roman »Das Lied des Propheten« erhielt er den Booker-Prize 2023.
Eike Schönfeld, geb. 1949, übersetzt seit über 30 Jahren englischsprachige Literatur, darunter von Joan Didion, Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Er lebt in Paris.



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