E-Book, Deutsch, 491 Seiten
Lutz Im Tempel
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7407-6837-9
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 491 Seiten
ISBN: 978-3-7407-6837-9
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Tempel Der Tempel ist das neue Einkaufszentrum, das im Stadtzentrum gegen den Widerstand vieler Bürger entstanden ist. In ihm treffen sich in einem versteckten Kellerraum heimlich Jugendliche und Linke, die regelmäßig politische Aktionen in dem Einkaufszentrum durchführen: gegen schlechte Arbeitsbedingungen bei Textilarbeiterinnen in Bangla Desh, gegen Massentierhaltung, gegen Konsumterror. Der Tempel ist aber auch ein altes Schloß irgendwo im Südharz, das im Nationalsozialismus als Krankenhaus fungierte, in dem Kinder dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer fielen. Eines Tages kommt Stefan in das Einkaufszentrum. Er ist verstört und orientierungslos und wird von den Jugendlichen aufgenommen. - Die Mutter des jungen Mannes wurde am Abend zuvor ermordet. Unklar ist, ob er etwas damit zu tun hat. Helmut Bruckner und seine Kollegin Brigitta Wagner, zwei Beamte aus dem Kriminalkommissariat, beginnen zu ermitteln. Vieles deutet auf einen Selbstmord der alten Dame hin. Andererseits stand, als die Leiche zufällig gefunden wurde, ihre Wohnungstür sperrangelweit offen. Die Ermittlungen führen die Kriminalpolizei bald in die Vergangenheit der nie aufgearbeiteten NS-Euthanasieverbrechen in der Stadt.
Werner Lutz, Jahrgang 1954, war bis 1988 Verwaltungsbeamter bei der Stadt Erlangen. 1988 freiwilliges Ausscheiden aus dem Öffentlichen Dienst. Tätigkeit als Journalist, danach arbeitslos, von 1990 bis 2017 wieder im Öffentlichen Dienst als Arbeiter im städt. Klärwerk. Von 1998 bis 2017 Personalrat. Ab Ende der 70er erste kulturelle Aktivitäten als Liedermacher. Zahlreiche Auftritte in der Friedensbewegung, bei Streiks, Betriebsbesetzungen und Demos gegen Nazis bundesweit, vor allem aber in Franken. Seit Anfang der 80er auch Verfasser von Satiren und Kurzprosa. Seit 1993 Herausgeber des Deutschen Einheiz-Textdienstes, eines monatlich erscheinenden Satire-Rundbriefes mit Monologen, Dialogen, Aphorismen und Sachtexten zu aktuellen politischen Themen. Seitdem zahlreiche Publikationen in Zeitungen, Satirezeitschriften, Anthologien, Kalendern. Verschiedene Buchveröffentlichungen.
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Teil II
Auf dem Berg Der Tempel steht oben auf dem Berg. Rings um ihn gibt es dichte Nadelwälder und dazwischen einige bewirtschaftete Wiesen und Felder von Bauern aus den umliegenden Dörfern. Der Tempel befindet sich auf dem Gipfel der höchsten Erhebung hier im südlichen Harz. Zum Tempel hinauf führt eine steile, mit Kopfsteinen gepflasterte Straße. Bis vor zwei Jahrzehnten war es noch eine holprige und kurvenreiche Gasse, auf der die Wagen, die von den Gäulen hinaufgezogen wurden, oft mit Achsenbrüchen liegen geblieben waren. – Und noch früher war es nur ein Waldweg. Heute ist die Straße asphaltiert. Stark frequentiert war die Strecke bis zum Gipfel dieses Berges aber immer. Es war ein Ausflugsziel. Oben auf dem Berg gab es eine Aussicht weit ins Land hinein. Und es gab auch früher sogar schon einen Aussichtsturm – und bis vor kurzem eine kleine, bewirtschaftete Gaststätte mit einem schattigen Biergarten unter alten Kastanien. Inzwischen stehen dort seit einigen Jahren auch noch zwei kleine Büdchen mit Souvenirs, Eis und Getränken, und heute, in der Gegenwart des einundzwanzigsten Jahrhunderts, gibt es schon lange ein Plateau zum Starten für die Paragleit-Segler. Das größte und am meisten beeindruckende Bauwerk auf diesem Berg allerdings liegt noch ein gutes Stück weiter hinten. Es ist vom Tal aus weithin sichtbar, es ragt monumental auf, obwohl der direkte Blick zu dem Gebäude, wenn man einige hundert Meter davor steht, versperrt ist, weil es ein dichter Park mit alten Bäumen umgibt. Es ist das Schloss. Die Mitglieder des Adelsgeschlechtes, die Eigentümer und Erbauer dieses Schlosses, hatten es über fünf Jahrhunderte lang besessen und bewohnt. – Im Jahr 1920 dann starb aber der letzte Schlossherr. Nachkommen seines Adelsgeschlechtes gab es nicht mehr, und er vermachte das Schloss samt Grund und Gehöften ringsum an die Heimatgemeinde im Tal. Somit stand im Jahr 1921 die Gemeinde vor einer schwierigen Entscheidung. Sie hatte keinen Verwendungszweck für das alte Schloss und konnte es auch nicht erhalten: Es mußte dringend renoviert werden, was mit hohen Kosten verbunden war. Das gesamte Dach war zu erneuern mit seinen acht Giebeln, und auch der Bergfried, der neben dem Schloss stand, war an der Außenfassade feucht und beschädigt. Dachziegel fielen immer wieder hinab, und in allen Gebäuden des Schlosses waren die Fenster zu erneuern. Viele Stufen der alten Holztreppe waren zudem morsch. Außerdem war die gesamte Innenausstattung des Schlosses zu restaurieren. Somit überschrieb die Gemeinde nach monatelanger Beratung das Schloss an den übergeordneten Kreis, weil sie sich völlig außerstande sah, die Mittel für die Restaurierung aufzubringen. Der Rat des Kreises wiederum beriet drei Monate lang darüber, und erhielt vom übergeordneten Regierungsbezirk schließlich ein durchführbares und sinnvolles Sanierungskonzept als Lösung angeboten. In dem Schloss sollte nämlich ein neues Kreiskrankenhaus eingerichtet werden als Ersatz für die alte Sanitätsstelle, die es in einem kleinen Haus in der Kreisstadt schon lange gab, und die unzureichend und zudem auf einem alten Standard war. Wegen seiner vier großen Säulen, die das Eingangsportal des Schlosses außen stützten und auch wegen des antik anmutenden Vordaches darüber hieß das Schloß seit langer Zeit in der Gegend „der Tempel“. So wurde einige Jahre lang viel investiert und gebaut. Eine Heizung, ein neues Dach, die völlige Umgestaltung der Räumlichkeiten als Krankenzimmer und Behandlungsräume. Die Krankenzimmer wurden - für den damaligen Standard modern - nur mit zehn bis zwölf Betten ausgestattet. Außerdem ein Operationssaal, ein Laboratorium, eine Klinikapotheke, ein Leichenraum im früheren Weinkeller, eine Küche, eine Badeanstalt, Waschsäle und sogar ein kleines Besucher-Café‘. Nach der Fertigstellung und Einweihung des Krankenhauses im Herbst 1923 war ein Drittel der Betten innerhalb weniger Wochen belegt. Und zwar mit schwerkranken, kriegsgeschädigten Soldaten aus dem ersten Weltkrieg, die in anderen Anstalten oder in dunklen Kammern ihrer Heimatdörfer bislang elend dahin siechten. Es waren Krüppel dabei, die keine Arme hatten oder keine Beine, und zwei von ihnen hatten überhaupt keine Gliedmaßen mehr. Es waren Bettlägerige mit Lungendurchschüssen, die schon jahrelang keinen Sonnenstrahl oder Baum mehr gesehen hatten. Viele von den Kranken hatten schlimme Schußwunden, zerfetzte Körper von Schrapnell-Granaten, offene, nicht heilende Wunden durch Minen. Und es gab Opfer, die von Giftgasangriffen so schwer verletzt waren, daß sie in den Betten buchstäblich nur noch auf ihre täglichen Mahlzeiten warteten und die geringe Pflege durch Krankenschwestern, die für sie bereit stand. Es gab einen Pflege- und Ärztestab, der aus verschiedenen Krankenhäusern in der Umgebung zusammengesetzt worden war. Entgegen der ursprünglichen Planung, daß der Tempel irgendwann einem kirchlichen Träger übertragen werden sollte, blieb es von Beginn an jedoch eine Einrichtung des damaligen Landes Groß-Hessen. Die Pflege der schwerkranken Kriegsinvaliden aus dem ersten Weltkrieg nahm großen Raum ein. Und diese kriegsbeschädigten Patienten wurden ständig mehr. Es sprach sich in manchen kleinen Dörfern und in den Städten herum, daß es ein neues Krankenhaus gab, und daß dieser Tempel eine menschenwürdige moderne Pflege für Kriegsbeschädigte bot – also eben ein modern eingerichtetes Spital, mit gutem und nahrhaftem Essen. So wurden aus Dörfern immer wieder Soldaten eingeliefert, die vorher in dunklen Kammern von Bauernhöfen oder in feuchten, verschimmelten Arbeiterwohnungen der Kreisstadt dahinsiechen mußten. Mit den Aufnahmen dieser Patienten, die nicht nur eingewiesen, sondern von ihren Angehörigen manchmal mit Pferdefuhrwerken oder auf Handkarren hertransportiert worden waren, war man zu dieser Zeit noch großzügig mit der Aufnahme. Es sei denn, es stellte sich heraus, daß die schwerkranken Männer gar keine Kriegsverletzungen hatten, sondern ihre Diagnose nur vorgetäuscht war. Zu dieser Großzügigkeit der Krankenhausverwaltung gehörte auch, daß man bei der Einlieferung von Kriegsinvaliden keine Nachfragen an Religion oder Stand stellte. Jedenfalls waren ein Jahr nach Inbetriebnahme der Klinik, also 1924, bereits über die Hälfte der Patienten im Tempel Kriegsverletzte. Und diese Zahl blieb trotz der hohen Abgänge stabil. Auch nur halbwegs gesund übrigens konnte nach oft jahrelangem Dahinsiechen kaum einer dieser Patienten den Tempel wieder verlassen. Nur ein gutes Dutzend war es. Die anderen waren gestorben oder von ihren Angehörigen zurückgeholt worden. Und Besuche erhielten diese Invaliden auch selten. Oft nur ein bis zweimal im Jahr besuchten Eltern, Frauen, Kinder und die sonstige Verwandtschaft ihre Angehörigen hier. Viele kamen von weither, für die meisten war der Weg einfach zu weit, bei manchen war es mehr als eine Tagesreise. *** In den Jahren danach allerdings verlor der Tempel nach und nach seinen Charakter als Krankenhaus und Pflegeheim für Kriegsverwundete. Die meisten Soldaten waren ihren schweren Verletzungen erlegen – bis Ende der 20er Jahre. Im Jahr 1933, kurz nachdem Adolf Hitler an die Macht kam, gab es nur noch acht Soldaten aus diesen Kriegsjahren, die im Krankenhaus gepflegt wurden. Es handelte sich um sogenannte „leichte Fälle“, die keine körperlichen Leiden hatten, sondern nur psychische und nervliche. Es waren Opfer, die schwer traumatisiert waren durch die Kriegsgräuel des Ersten Weltkrieges, etwa durch das fortwährende Trommelfeuer in den Schützengräben in Frankreich. Sogenannte Zitterer. Menschen, die Wracks waren und oft den Verstand und die Nerven verloren hatten, wie die Ärzte es attestierten. Die Klinik war ab Januar 1932 – also fast zehn Jahre nach ihrer Inbetriebnahme – ein weiteres Mal renoviert worden. Es gab jetzt eine andere Einteilung der Räumlichkeiten im Schloss. Die Krankenzimmer waren verkleinert worden, so daß nur noch acht Patienten in den meisten Krankenzimmern untergebracht waren. Außerdem gab es einige neue Geräte zur Diagnose, auch ein größerer OP-Saal war eingerichtet worden – der alte war beim ersten Umbau zu klein geraten. – Und es gab eine Abteilung, die als geschlossene Einrichtung für langjährige, psychisch kranke Menschen vorgesehen war. Damit wurde im Tempel erstmalig ein Trakt errichtet, der sonst vornehmlich nur Heil- und Pflegeanstalten zugeordnet war. Er sollte natürlich auch mit speziell ausgebildeten Pflegekräften und Ärzten betrieben werden. Und – ebenfalls neu eingerichtet – gab es jetzt zudem eine eigene Kinderstation hier. Sie lag innerhalb des Bereiches der geschlossenen Abteilung, war aber noch einmal abgetrennt innerhalb durch eine schwere weiße Stahltür, die ständig verschlossen sein mußte. Bei den Außenanlagen des Schlosses wurde dem Krankenhauscharakter ebenfalls Rechnung getragen. Der alte Park des Schlosses, in den letzten Jahren kaum gepflegt, war nun mit Rabatten, Wegen, Zierbüschen, Rosenstöcken und Bänken angelegt worden. So wurde es den Familienangehörigen ermöglicht, künftig mit den Patienten an Sonntagen zur Besuchszeit auf den Wegen zu flanieren. Im Zentrum des neu angelegten Parks gab es sogar ein Rondell, in dessen Mitte wiederum eine Laube stand, wo man sich aufhalten und auf einen der fünf weißlackierten bequemen Holzstühle setzen konnte. Kurzum: der Tempel war nun nach einer anfangs noch sehr provisorischen Lösung zu einem richtigen attraktiven Krankenhaus geworden - mit einem für die damalige Zeit modernen Standard. Noch einmal sieben Jahre später gab es im Tempel zwar...




