E-Book, Deutsch, Band 4, 265 Seiten
Reihe: Fred-Carver
Lutz Florida Killings: Sengender Verrat
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-285-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller - Ein Fred-Carver-Thriller 4 | Preisgekrönte Spannung in der Hitze des Sunshine State
E-Book, Deutsch, Band 4, 265 Seiten
Reihe: Fred-Carver
ISBN: 978-3-98952-285-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
John Lutz (1939-2021) war ein US-amerikanischer Autor von über 50 Thriller und Romanen. Er wurde für seine Kriminalromane mehrfach ausgezeichnet - unter anderem mit dem Shamus Lifetime Achievement Award und dem Edgar-Allan-Poe-Award, dem wichtigsten Spannungspreis Amerikas. Mehrere seiner Werke wurden verfilmt. Die Website des Autors: www.johnlutzonline.com/ Der Autor bei Facebook: www.facebook.com/JohnLutzAuthor/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor die folgenden eBooks: Die Missouri-Murders-Reihe um den Privatdetektiv Alo Nudger: »Missouri Murders: Schwarze Nacht« »Missouri Murders: Kaltes Schweigen« »Missouri Murders: Tiefe Schatten« »Missouri Murders: Harte Strafe« »Missouri Murders: Fatale Schuld« Die Florida-Killings-Reihe um den Ex-Cop Fred Carver: »Florida Killings: Brennende Rache« »Florida Killings: Roter Tod« »Florida Killings: Kaltes Feuer« »Florida Killings: Sengender Verrat« »Florida Killings: Lodernder Zorn« Seine Frank-Quinn-Reihe um einen Ex-Cop auf der Spur von Serienkillern: »Opferschrei« »Blutschrei« »Zornesschrei« »Jagdschrei Außerdem veröffentlichte der Autor bei dotbooks den Psychothriller »Die Stalkerin«.
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Kapitel 1
Die Wellen rauschten, und die Strömung trug ihn in Richtung Küste. Carver spürte, wie der Auftrieb abnahm. Sein Körper schien schwerer zu werden. Finger und Zehen berührten groben Sand und zermahlene Muschelschalen. Die Wellen verliefen sich auf dem flachen Strand, das Wasser schäumte um seinen plötzlich träge und steif wirkenden Körper. Carver zog sein steifes Bein nach und schob sich durch das seichte Wasser auf den Strand.
Kaum reckte er sich aus dem erfrischenden Naß, brannte die Sonne Floridas gnadenlos auf ihn herunter, und auf seinen Schultern und im Nacken mischte sich Schweiß mit dem Salzwasser. Carver hatte keine Angst, einen Sonnenbrand zu bekommen; von seinen allmorgendlichen therapeutischen Schwimmübungen war seine Haut bereits tiefbraun.
Durch das flache Wasser robbte er auf die Stelle zu, wo er seinen Stock wie einen Speer in den Sand gebohrt hatte. Er hievte sich aus dem Wasser, nahm sein Handtuch und schüttelte den Sand in die heiße Morgenluft. Rubbelte sein Gesicht und den kahl werdenden Schädel mit dem rauhen Stoff trocken. Setzte sich in den warmen Sand, das steife Bein vor sich ausgestreckt, und sah aufs Meer hinaus. Weit draußen lag ein riesengroßer Frachter. Vor dem dunstig blauen Horizont sah er beinahe aus wie eine Insel – daß er in Richtung Norden fuhr, war nur mit Mühe zu ahnen. Näher an der Küste waren etliche weiße Dreiecke zu sehen: Segel, die alle in exakt demselben Winkel im Wind lagen. Ein paar Möwen flogen umher, dunkle Flecken am strahlendhellen Himmel, sie wurden vom warmen Wind auf und ab getragen.
Carver sah gern aufs Meer hinaus; er saß ruhig da und lauschte dem jahrtausendealten Rhythmus der sich brechenden Wellen, während er den Fischgestank lebender und toter Dinge einatmete, die das Meer hervorgebracht hatte und sich nun wieder einverleibte. Zwischen dem Rauschen der Wellen, dem jedes Mal lauter werdenden Auflaufen und dem leiseren Ablaufen des Wassers, drangen manchmal gedämpfte Rufe zu ihm herüber; schon so früh am Tag trieben sich braungebrannte Sonnenanbeter auf dem öffentlichen Strand herum, der nur ein paar hundert Meter weiter rechts begann, wo sich die Küste von seiner Strandhütte und dem dazugehörigen Stückchen privatem Sand abzuwenden schien.
Nur ein winziger Teil des öffentlichen Strandes war noch im Blickfeld. Carver sah, wie sich ein schlankes junges Mädchen in einem weißen Einteiler in die Fluten stürzte und dann erschreckt herumhüpfte, als stünde das Wasser unter Strom. Sie rief irgendjemandem am Strand etwas zu, schüttelte ihr langes blondes Haar und rannte aus der Reichweite der Wellen und Carvers Sicht hinaus hinter die Biegung der Küste. Carver hörte noch einen Ruf. Dann Gelächter.
Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Ein Mann kam vom öffentlichen Strand auf ihn zu.
Carver beugte seinen Kopf ganz leicht nach vorn und sah weiterhin aufs Meer, so als habe er den Eindringling gar nicht wahrgenommen. Der Mann wirkte normal groß und schwer, schien aber ungewöhnlich muskulös zu sein. Er war gleichmäßig gebräunt, als würde er viel Zeit im Freien verbringen, und hatte eine rote Badehose an, die seinen flachen Bauch betonte. In der rechten Hand trug er ein zusammengefaltetes weißes Handtuch. An den Absätzen seiner Strandschlappen bildeten sich bei jedem Schritt kleine Sandfähnchen.
Carver nahm an, daß er vorbeigehen würde, um zu dem Steinstrand auf der linken Seite zu gelangen, der allerdings zu ungemütlich zum Schwimmen oder Sonnenbaden war. Er saß da und hörte auf die leisen Geräusche der Schritte im Sand, als der Mann hinter ihm war.
Das Rieseln des Sandes, das bei jedem Schritt zu hören war, hörte auf. Der Mann war hinter ihm stehengeblieben.
Carver sah sich um. Der Mann blickte auf ihn herunter. Er war vielleicht vierzig, aber noch gut in Schuß. Die Bräune wirkte schon fast zu gleichmäßig, so, als hätte er mit Sonnenstudiobesuchen nachgeholfen. Auf eine düstere, klassische Art sah er gut aus, obwohl sein gewelltes schwarzes Haar schon grau wurde. Eine der buschigen dunklen Augenbrauen saß höher als die andere. Jetzt kroch sie noch höher auf die Stirn hinauf, was ihm einen hochmütigen, amüsierten Ausdruck verlieh, als würde er in einer Welt voller Mittelmaß leben und seine Mitmenschen mit Geringschätzung zur Kenntnis nehmen. Er hatte braune Augen und präsentierte perfekte Zähne, als er lächelnd sagte: »Gut geschwommen?«
»Wie immer«, antwortete Carver und starrte weiterhin auf die See hinaus, während er darauf wartete, daß der Mann weiterging.
Stattdessen kam er um Carver herum und blickte auch aufs Meer. Sogar seine Art zu stehen, wirkte hochmütig.
Carver hatte keine Lust, Konversation zu machen. »Das ist ’n Privatstrand«, sagte er freundlich. »Aber ich hab’ nichts dagegen, wenn Sie ihn als Abkürzung benutzen.«
»Sie sind nicht gerade höflich«, sagte der Mann, drehte sich aber nicht um. »Auf diese Art werden Sie die Klienten verschrecken.«
»Klienten?«
Jetzt wandte er sich um und wiederholte diese großkotzig-amüsierte Sache mit seiner Augenbraue: Carver war seine Zeit kaum wert, trotzdem stand er hier, und Carver war ziemlich dämlich, wenn er sich darüber nicht freute. »Sie sind Privatdetektiv, nicht wahr, Mr. Carver?«
»Ja. Mein Büro ist in der Stadt, in der Magellan Avenue, genau gegenüber vom Rathaus.«
»Machen Sie nur dort Geschäfte?«
»Nein«, antwortete Carver, weil er befand, daß er sich wie ein stures Arschloch benahm, obwohl das völlig unnötig war. Sagte Edwina ihm nicht dauernd, er wäre zu zynisch? Daß er das Leben gar nicht mögen wollte? Er packte seinen Stock auf halber Höhe und stemmte sich hoch. Sah dem Mann in die Augen, lächelte freundlich und fragte: »Sind Sie ein Klient?«
»Ich könnte einer werden, wenn Sie den Fall übernehmen.« Er streckte seine rechte Hand aus. »Ich bin Bob Ghostly.«
Carver gab ihm die Hand. Der Griff des Mannes war kraftvoll und trocken, und irgendwo schien noch ein wenig verborgene Energie zu lauern. »Meinen Namen kennen Sie ja schon.«
»Den Vornamen nicht.«
»Fred«, sagte Carver und fragte sich, weshalb ein potentieller Klient seinen Vornamen wissen wollte. »Aber normalerweise nennen mich alle einfach Carver.«
»In Ordnung, Carver.« Schon wieder dieses leutselige Lächeln, diesmal gepaart mit der Geringschätzung der hochgezogenen Augenbraue. »Wollen Sie wissen, worum es geht?«
»Gehen wir ins Haus«, sagte Carver. »Dort ist’s kühler. Und ich würde gern ein Bier trinken.«
»Klingt gut.«
Carver klemmte sich sein Badetuch unter den Arm und ging über den leicht ansteigenden Strand voraus zu seinem niedrigen Haus mit dem flachen Schindeldach. Er mußte aufpassen, daß er seinen Stock in dem weichen Sand ordentlich aufsetzte, bevor er sein Gewicht darauf stützte. Er konnte den leisen, gleichmäßigen Gang des Mannes hinter sich hören, ab und zu auch den rieselnden Sand und die klatschenden Gummisohlen. Ghostly blieb ein Stück zurück, als wollte er Carver keinesfalls durch die Tatsache verärgern, daß er zwei starke und gesunde Beine hatte. Vielleicht kam es Carver auch nur so vor, weil sein Selbstmitleid alle Wahrnehmungen überlagerte. Darauf mußte er mal achten.
Er zog die Fliegentür auf und trat zur Seite, damit Ghostly zuerst hineingehen konnte. Er folgte ihm und ließ die Tür hinter sich zufallen. Das Knallen von Holz auf Holz hallte wider und verlor sich dann im Hintergrundrauschen des Meeres, als verschwände es irgendwo in der Ewigkeit.
Ghostly stand da und sah sich um. Eine Hütte mit nur einem Raum, Holzboden; eine spanische Wand teilte den Bereich ab, in dem Carver schlief. Neben der Kochnische stand ein kleiner Frühstückstisch, an dem Carver normalerweise im Stehen aß, ganz so, als wäre er kein Krüppel. Ein paar vertrocknete Pflanzen hingen an dünnen Kettchen von der Decke und bildeten eine merkwürdige Silhouette vor dem großen Fenster zum Atlantik. »Nett hier«, sagte Ghostly. Es klang total unglaubwürdig.
Carver warf sein nasses Handtuch auf den Regiestuhl aus Segeltuch neben der Tür. Humpelte zum Kühlschrank und öffnete ihn. Kalte Luft schien auf seine bloßen Füße zu fallen. Er nahm eine eiskalte, rot-weiße Dose heraus und fragte: »Möchten Sie ’n Budweiser? Was anderes hab’ ich nicht.«
»Stimmt«, kommentierte Ghostly. »Ich kann keine Lebensmittel entdecken.«
Carver richtete sich auf und sah ihn an. »Möchten Sie nun ein Bier oder nicht?«
»Nein, danke.« Ghostly lächelte, und seine asynchronen Augenbrauen turnten auf seiner Stirn herum. Carver hatte langsam den Eindruck, daß der Typ einfach nur irgendein Klugscheißer war, der versuchte, ganz nett zu wirken, das aber überhaupt nicht auf die Reihe kriegte. Irgendeine ganz unangenehme Ecke war immer zu ahnen.
Carver öffnete die Bierdose und genoß das Zischen. Ein paar Tropfen kaltes Bier liefen ihm über Daumen und Zeigefinger. Er goß sich die halbe Dose in den Hals, was seine Schleimhäute ziemlich schockierte, und wischte sich den Schaum von der Oberlippe. »Was ist Ihr Problem, Mr. Ghostly?«
»Meine Frau.«
Dieses Mal mußte Carver ein Lächeln unterdrücken. Es war immer dasselbe. Das ernährte ihn: der Kampf der Geschlechter. Liebe, Lust oder irgendwas anderes hielt die Welt in Bewegung und ließ hin und wieder Leute vor Carvers Haustür stranden.
Er nahm den Griff seines Walnußholzstocks in die eine Hand, das Bier in die andere, und hinkte zu dem Regiestuhl. Er hatte sich noch nicht abgetrocknet und zog eine Wasserspur durch den Raum. Er setzte sich auf das Handtuch. Hier saß er immer nach dem Schwimmen, es war ihm egal, ob das Segeltuch naß wurde. Er...




