E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Fred-Carver
Lutz Florida Killings: Roter Tod
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-282-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller - Ein Fred-Carver-Thriller 2 | Hardboiled-Spannung um einen abgebrühten Privatdetektiv
E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Fred-Carver
ISBN: 978-3-98952-282-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
John Lutz (1939-2021) war ein US-amerikanischer Autor von über 50 Thriller und Romanen. Er wurde für seine Kriminalromane mehrfach ausgezeichnet - unter anderem mit dem Shamus Lifetime Achievement Award und dem Edgar-Allan-Poe-Award, dem wichtigsten Spannungspreis Amerikas. Mehrere seiner Werke wurden verfilmt. Die Website des Autors: www.johnlutzonline.com/ Der Autor bei Facebook: www.facebook.com/JohnLutzAuthor/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor die folgenden eBooks: Die Missouri-Murders-Reihe um den Privatdetektiv Alo Nudger: »Missouri Murders: Schwarze Nacht« »Missouri Murders: Kaltes Schweigen« »Missouri Murders: Tiefe Schatten« »Missouri Murders: Harte Strafe« »Missouri Murders: Fatale Schuld« Die Florida-Killings-Reihe um den Ex-Cop Fred Carver: »Florida Killings: Brennende Rache« »Florida Killings: Roter Tod« »Florida Killings: Kaltes Feuer« »Florida Killings: Sengender Verrat« »Florida Killings: Lodernder Zorn« Seine Frank-Quinn-Reihe um einen Ex-Cop auf der Spur von Serienkillern: »Opferschrei« »Blutschrei« »Zornesschrei« »Jagdschrei Außerdem veröffentlichte der Autor bei dotbooks den Psychothriller »Die Stalkerin«.
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Kapitel 1
Es war später Nachmittag, aber immer noch heiß. Carver hatte zwei Gläser mit Limonade aus der hohen Kanne gefüllt, die Edwina immer im Kühlschrank stehen hatte.
Er beobachtete, wie der Wind mit den Fransen des Sonnenschirms spielte, der aus der Mitte des Tisches auf der geklinkerten Veranda aufragte. Die Sonne funkelte silbern auf den Wellen des Ozeans, die sich aufbäumten und weiße Krönchen bildeten, während sie auf den Strand rollten. Aufgrund der Lage konnte Carver von dort, wo er saß, den Strand nicht sehen, aber er hörte das Klatschen der Wellen und das Rauschen und Donnern der Brandung. Weit draußen auf dem Meer trieb etwas Dunkles, ein Boot, Treibgut, irgendetwas. Was es auch sein mochte, es sah einsam und verloren aus.
Alfonso Desoto saß Carver gegenüber, hatte seinen Rücken dem Meer zugewandt und das Glas Limonade unberührt vor sich, wo es in einem Ring Feuchtigkeit auf dem weißen Emailletisch stand.
In seinem attraktiven Latinogesicht lag an diesem Nachmittag ein ernster, angespannter Ausdruck wie bei einem Stierkämpfer, der einem tödlich gefährlichen Stier gegenübersteht. Desoto war wie immer sorgfältig gekleidet und trug einen cremefarbenen Anzug, ein hellblaues Hemd und eine malvenfarbene Krawatte. Seine goldene Uhr funkelte an einem Handgelenk, und am anderen glänzte eine dicke Goldkette. An jeder Hand trug er einen goldenen Brillantring, an der rechten Hand am kleinen Finger, an der linken am Ringfinger. Für einen Cop wirkte er zu wohlhabend und auffallend, aber er war ein Cop. Und ein guter dazu. Ein Lieutenant bei der Polizei von Orlando.
Er war nach Del Moray gekommen, weil Carver sein Freund war und weil er Sorgen hatte. Und es paßte nicht zu Desoto, sich Sorgen zu machen. Oder auch nur den Anschein zu erwecken. Das beunruhigte Carver. Er beobachtete das Meer hinter Desoto und behielt im Auge, was immer dort draußen im Wasser trieb.
»Wo ist Edwina?« fragte Desoto beiläufig.
»Sie verkauft irgendwo Eigentumapartments.«
Desoto seufzte und ließ sich nach hinten sinken. »Keine üble Art, sich die Butter auf dem Brot zu verdienen, amigo. Man ist nicht von Verbrechen abhängig wie in unserem Gewerbe.«
»Dann solltest du dir mal einige dieser Apartments ansehen.«
Desoto lachte nicht. »Bei dem, womit wir unseren Lebensunterhalt verdienen, und den Leuten, mit denen wir es jeden Tag zu tun haben, wird man leicht zynisch. Außerdem wird man leicht mißtrauisch, auch wenn es keinen Anlaß gibt.«
»Oder vielleicht doch«, sagte Carver.
Er wartete darauf, daß Desoto endlich auf das zu sprechen kam, weshalb er ihn aufgesucht hatte. Der Wind frischte auf und ließ den Sonnenschirm gegen seinen Metallrahmen schlagen; der Tisch verrutschte einige Zentimeter, als ob sein Segel sich mit Wind gefüllt hätte, und scharrte knirschend über die Klinkerplatten. Carver fragte sich, warum der Wind Desotos glänzendes schwarzes Haar niemals in Unordnung brachte.
Desoto griff nach seinem Glas und trank von seiner Limonade. Er stellte das Glas wieder auf den Tisch zurück und drehte es auf dem feuchten Ring. Er sagte: »Ich möchte mit dir über meinen Onkel Sam Cusanelli sprechen.«
Der italienische Name verblüffte Carver nicht im Mindesten. Er wußte, daß Desoto kein Kubaner war, wie viele Leute annahmen. Sein Vater war Mexikaner, seine Mutter Italienerin, obgleich Desoto das klassische Aussehen eines Latino hatte, wie man es als Profil auf spanischen Münzen zu finden pflegte. Carver klopfte mit einem Finger gegen sein eigenes feuchtes kaltes Glas Limonade und nickte.
»Als Kind habe ich von meinem Vater nicht allzuviel gesehen«, fuhr Desoto fort. »Er war immer irgendwo unterwegs und tat das, was Bergwerksingenieure gewöhnlich zu tun pflegen – falls er wirklich Bergwerksingenieur war. Tatsächlich hat mich fast ausschließlich meine Mutter großgezogen, amigo. Meine Mutter und Onkel Sam.« Er grinste, so daß seine makellosen weißen Zähne in seinem dunklen Gesicht geradezu grell aufblitzten. »Als ich noch sehr klein war, dachte ich immer, daß er der echte ›Uncle Sam‹ ist. Er hat nicht versucht, mich von dieser Überzeugung abzubringen.«
Carver wartete. Eine Möwe flatterte über sie hinweg, stieß einen schrillen Schrei aus und schwebte dann in einem eleganten Bogen aufs Meer hinaus, um eine andere Möwe zu jagen.
»Dann wurde ich älter«, sagte Desoto. »Und erfuhr die Wahrheit über Onkel Sam. Über beide.« Er fügte traurig hinzu: »Mein Onkel Sam wurde alt, amigo.«
»Wir alle werden alt«, sagte Carver. Diese Bemerkung sollte eigentlich bewirken, daß Desotos Stimmung sich aufhellte. Carver trank von seiner Limonade; sie schmeckte bitter, aber er dachte bei sich, daß er das offensichtlich verdient hatte, und nahm einen weiteren Schluck.
Desoto lächelte, und seine dunklen Augen blickten ernst. »Von Zeit zu Zeit kommen mir leise Zweifel, daß du jemals wirklich alt wirst, mein Freund.«
Carver legte seine Hand auf die Krücke des harten Nußbaumstocks, der an seinem Sessel lehnte. Er erinnerte sich an den Knall und das Mündungsfeuer und an den schmerzhaften Aufprall der Kugel, die ihm vor drei Jahren die Kniescheibe zerschmettert und seine Karriere als Offizier der Polizei von Orlando beendet hatte. Es gab Zeiten, kurze, scheinbar endlose Sekunden unleugbarer Sterblichkeit, in denen er sich nichts anderes wünschte als die Möglichkeit, alt zu werden. »Und was ist nun mit deinem Onkel passiert?«
Desoto rutschte in seinem Sessel hin und her und schien sich unwohl zu fühlen. »Er blieb lange Zeit bei meiner Mutter – dann, nachdem sie gestorben war, wohnte er allein in einem alten Apartmenthotel in South Miami Beach. Es war ein sauberes Haus, und Sam fühlte sich dort wohl. Dann bekam er Probleme mit seinen Beinen – Durchblutungsstörung. Es dauerte dann auch gar nicht mehr lange, da setzte sein Verstand ab und zu aus, aber eigentlich war es nichts Besorgniserregendes. Eines Tages fuhr ich wieder mal hin, um ihn zu besuchen, und stellte fest, daß er in ein Altersheim umgezogen war. Seine Schwester in St. Louis hatte das arrangiert und trug die Kosten.«
»Also deine Tante«, sagte Carver.
Desoto nickte. »Meine Tante Marie. Ich hab’ sie nur ein paarmal zu Gesicht bekommen, als ich noch ein Kind war. Sie hat sich mit Sam oder mit meiner Mutter nie gut verstanden.«
»Warum nicht?«
»Wer weiß das schon? Ich glaube, sie haben sich über Dinge gezankt, die man Kindern verschweigt. Ich hab’ nur gewisse Gerüchte aufgeschnappt.« Er schürzte seine Unterlippe zu einem verunglückten Grinsen. »Offenbar hatten sie sich wieder vertragen.«
»Das kommt in Familien schon mal vor«, sagte Carver. »Die Leute werden älter, erkennen, daß ihnen die Zeit davonrinnt, und sind plötzlich bereit, Dinge zu vergessen und zu vergeben, die passiert sind, als sie noch jünger und hitziger waren.«
»Das Altersheim, das Marie und ihr Mann für Sam aussuchten, war Sunhaven.«
Carver kannte die Einrichtung. Ein verwinkeltes Gebäude, das aussah wie eine Reihe pastellfarbener Schachteln oder ein Haufen Bauklötze, die von einem Kind in der Nähe der Küstenstraße wahllos aufgestapelt worden waren. Heller Beton mit einer Menge lichtreflektierendem Plastik und Glas. Es gab auch ein aufwendiges Holztor, das manchmal offenstand, manchmal geschlossen war, wenn Carver daran vorbeifuhr. Die Zimmer, die Verpflegung und die medizinische Versorgung dürften in Sunhaven nicht gerade billig sein, aber insgesamt erschien der Bau Carver nicht als idealer Aufenthaltsort, während die goldenen Jahre in der warmen Floridasonne zerrannen. Andererseits ging es dem alten Sam dort sicher weitaus besser als in irgendeinem heruntergekommenen Art Deco- Hotel in Süd-Miami. Also worüber beklagte sich Desoto?
»Deine Tante Marie muß ja gut betucht sein«, stellte Carver fest.
»Den größten Anteil der Kosten trug Medicare«, sagte Desoto, als sei er eifrig bemüht, Maries Anteil an dieser guten Tat herunterzuspielen.
»Aber nicht alles«, sagte Carver. Man mußte fair bleiben.
»Nein, amigo, nicht alles.«
Carver wurde sich plötzlich bewußt, daß Desoto in der Vergangenheit gesprochen hatte. »Du hast gesagt: Medicare trug die Kosten.«
»Ja«, meinte Desoto. »Vor zwei Tagen ist Sam Cusanelli gestorben.«
Carver wußte nicht, wie er darauf reagieren sollte. »Wie alt war er denn?« erkundigte er sich.
»Sechsundsiebzig.«
Was nun? Nun, dann hat er doch ein langes, erfülltes Leben gehabt? Der schmerzliche Ausdruck in Desotos Gesicht erregte Carvers Aufmerksamkeit. Es ging bei der Sache wohl um mehr als um einen alten Mann, der nach himmlischem Beschluß in einem Altersheim gestorben war.
»Vor etwa sechs Jahren fing Sam ah, mir Briefe zu schreiben«, erzählte Desoto. »Er wußte, daß ich Polizist bin, aber ich fürchte, er hatte reichlich übertriebene Vorstellungen von meinem Einflußbereich und meinen Machtbefugnissen. Er wollte, daß ich untersuche, was in Sunhaven nicht stimmt.«
Carver strich mit seinen Fingerspitzen über die warme, glatte Tischplatte. »Was stimmt in welcher Hinsicht nicht?«
Desoto schüttelte langsam den Kopf. »Ich bin mir nicht ganz sicher. Die Briefe waren irgendwie vage gehalten. Er war ein alter Mann, und sein Verstand war nicht mehr so leistungsfähig wie früher.« Über dem hellblauen Kragen und der korrekt gebundenen Krawatte tanzte Desotos Adamsapfel. »Ich fürchte, ich habe ihn nicht so ernst genommen, wie ich es eigentlich hätte tun sollen, und jetzt ist er tot.«
Carver glaubte zu wissen, in welche Richtung Desoto das Gespräch zu lenken gedachte. »Woran...




