Luttmer | Schwarze Schiffe | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 239 Seiten

Reihe: Kommissar Ly ermittelt

Luttmer Schwarze Schiffe

Kommissar Ly ermittelt in Hanoi. Kriminalroman.
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8412-0500-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kommissar Ly ermittelt in Hanoi. Kriminalroman.

E-Book, Deutsch, Band 1, 239 Seiten

Reihe: Kommissar Ly ermittelt

ISBN: 978-3-8412-0500-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tödliches Vietnam.

Hanoi ist geschäftig, ruhelos und eng. Auf den Straßen wird gehandelt und gefeilscht. Korruption ist allgegenwärtig, und auch die Polizei verlangt Schmiergelder, wo es geht. In diesem Umfeld ermittelt Kommissar Ly. Die junge Frau, die im Hof eines taoistischen Tempels ermordet aufgefunden wurde, ist kaum älter als Lys Tochter, weshalb der Fall ihm besonders nahegeht. Die Frau ist über mehrere Tage misshandelt worden. Der Rechtsmediziner notiert als auffallend: Brandwunden von Zigaretten, auf dem Rücken eine Tätowierung in Form des chinesischen Glückszeichens. Bald führen die Ermittlungen auf die Spur von Hai Au, einem Mann, von dem es heißt, er habe in allen möglichen illegalen Geschäften seine Finger im Spiel ...



Nora Luttmer, Jahrgang 1973, lebt in Hamburg und arbeitet als Autorin und freie Journalistin. Sie hat Südostasienkunde mit dem Schwerpunkt Vietnam in Passau, Paris und Hanoi studiert. Seit Mitte der neunziger Jahre besucht sie immer wieder Hanoi und spricht unter anderem Vietnamesisch. Als Aufbau Taschenbuch erschienen von ihr bisher zwei Romane um den Ermittler Ly: 'Schwarze Schiffe' und 'Der letzte Tiger'.

Luttmer Schwarze Schiffe jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Vom Wasser sah die Stadt wie eine Festung aus, eine abweisende Wand aus Häusern, eng an eng gebaut. Lautlos driftete der Sampan mit dem Strom. Kein Hauch regte sich. Der Fluss war düster und glatt. Der Schlick der Sandbänke glänzte im Mondlicht. Mit gleichmäßigen Ruderstößen bewegte sie das schmale Holzboot vorwärts, lenkte es geschickt zwischen den Sandbänken hindurch, eine Hand an der Pinne. Dann stieß sie mit dem Paddel gegen etwas Hartes, das dicht unter der Wasseroberfläche lag. Es gab einen Ruck, das Boot schaukelte und steckte fest. Der Rumpf hatte sich verkeilt.

»Beeil dich, Hoa!«, drängte sie ihre kleine Schwester, die im Bug saß. Es blieb nicht viel Zeit. Sie hörte schon die Motoren. Für einen Moment verdeckten diesige Schleierwolken den Mond. Hoa ließ sich in das seichte Wasser gleiten, die Hände am Boot festgekrallt.

»Los doch, los.« Sie flehte Hoa an. Mit Gewalt löste sie ihre Finger, damit sie endlich losschwamm. Einmal noch schaute Hoa zurück, ihre Blicke trafen sich, und sie hob kurz die Hand. Dann verschwand sie, und der Rumpf eines Motorbootes stieß auch schon unsanft gegen den Sampan.

Gefesselt und blutend kam sie in einem Raum wieder zu sich. Durch eine Luke drang milchiges Licht. Sie lag auf dem Rücken. Warme Luft strich ihr über die Haut. Trotzdem fror sie. Den Versuch, sich loszumachen, gab sie schnell auf. Jede Bewegung schmerzte. Die Fesseln hatten sich tief in ihre Gelenke geschnitten. Sie lauschte angestrengt. Doch da war nichts. Nur ihr eigenes Wimmern, wie von einem sterbenden Tier.

Sie schloss die Augen. Ihre Gedanken huschten zu ihrer kleinen Schwester. Sie hatte ihr versprochen, dass alles gut werde. Die Vorstellung, was mit ihr passieren könnte, quälte sie.

Wie hatte alles angefangen? Sie selbst war so jung gewesen. Sie hatte fest daran geglaubt, die Welt gehöre ihr. Bis zu dieser einen Nacht. Es war die Nacht, in der sie ihre Schulden bezahlen musste. Der scheußliche Geschmack klebte noch immer in ihrem Mund, und das Zeichen brannte auf ihrem Rücken, obwohl die Wunde längst verheilt war. Niemand hatte ihr geholfen. Die anderen Schiffer hatten einfach nur zugeschaut, eingeschüchtert von ein paar Kerlen mit finsteren Gesichtern und dieser Mischung aus Angeberei und Dummheit, die sie erzittern ließ. Feiglinge. Wie sie sie dafür hasste.

»Wo ist deine Schwester?«, fragte er, leise, fast freundlich. Sie presste ihre Lippen zusammen.

Die Ohrfeige landete hart auf ihrer Wange, ihr Nacken haute zurück. Er schnaubte, packte sie am Arm, drückte sie bäuchlings auf die Matte, riss ihren Kopf an den Haaren zurück und zwang sie, ihn anzuschauen. Schmerz durchfuhr sie. Nicht an einem bestimmten Punkt. Überall.

»Wo ist sie?« Jetzt brüllte er.

Sie blendete den Ton seiner Stimme aus, sah nur noch, dass sein Mund auf- und zuschnappte, sein Gesicht eine böse Grimasse.

Immer tiefer bohrten sich die Fesseln in ihr Fleisch. Sie spürte das warme Blut auf der Haut und hörte ein Klacken. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihr in die Nase. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Es hämmerte in ihren Ohren. Schrei, schrie es in ihr. Doch es kam kein Wort aus ihr heraus. Sie drückte die Lider fest zusammen und rief das Gesicht ihrer Schwester herbei, aber es verschwand immer wieder, wie in einem Nebel. Sie wusste, was kommen würde. Sie spürte keinen Schmerz, sie hatte nur noch Angst.

*

Schon von Weitem sah er die Festfahnen. Es war der fünfzehnte Tag des Mondmonats. Die Menschen pilgerten zu den Altären. Daran hatte er nicht gedacht. Er würde kaum bis zum Tatort im Tempelhof durchkommen. Kommissar Pham Van Ly parkte seine Vespa ein gutes Stück oberhalb der Tempelanlage und ging zu Fuß weiter.

Es surrte und brummte wie in einem Termitenhügel. Und es roch nach Öl und Grillfleisch. Er kaufte eine Tüte banh tom, frittierte Garnelen in einem Teig aus Süßkartoffeln. Sie waren heiß und knackten zwischen den Zähnen.

Ly ließ sich von der Menge schieben. Von hinten stieß ihn etwas in den Rücken, ohne dass er ausmachen konnte, was oder wer es gewesen war.

Obwohl es noch früh war, brannte die Sonne. Er näherte sich dem Tay-Ho-Tempel mit seinen ausladenden, an den Ecken aufgeschwungenen Dächern. An Tischen am Straßenrand arrangierten Pilger ihre Opfergaben auf runden Aluminiumtabletts: Klebreis, Mangos, Betelnüsse, Coladosen, Schnapsflaschen, gekochte Hühner und Geldscheine, vietnamesische Dong und amerikanische Dollar. Geschenke für die Gunst aus der spirituellen Welt. Wie im Geschäftsleben galt auch hier die Devise, dass ein anständiger Profit zunächst einmal eine vernünftige Investition erfordert. Und auch Ly wollte nicht mit leeren Händen kommen. Er hielt sich nicht für gläubig, aber man wusste ja nie. Er steuerte auf einen der vielen Verkaufsstände mit Opfergaben zu. Der Schlag in die Nieren kam vollkommen überraschend und nahm ihm den Atem. Ein zweiter Schlag traf ihn zwischen die Rippen, seine Beine sackten weg.

Als sein Blick wieder klar wurde, lag er auf dem Boden und schaute in die farblosen Pupillen eines Blinden. Niemand außer diesem einen Mann war stehen geblieben, alle anderen gingen unbeirrt an ihm vorbei. Langsam drangen die Worte des Blinden zu ihm durch. »… wachsam. Wenn das Licht schlecht ist, vermag sich auch ein böser als guter Geist zu tarnen.« Ly schüttelte den Kopf. Ein Wahrsager. Ly wollte nichts über seine Zukunft hören. Er tastete seine Hose ab, das Mobiltelefon war noch da, aber sein Geld fehlte. Er rappelte sich auf, ohne nach der Hand zu greifen, die ihm der Mann anbot, und entfernte sich hastig.

*

Am Tatort war nur die Kreidezeichnung geblieben. Daneben hatte jemand eine Vase mit weißen Lotusblumen und eine Keramikschale mit Räucherstäbchen gestellt. Es sah aus wie auf einem Opferaltar. Auch bei der Leiche hatten Lotusblumen gelegen. War der Mörder zurückgekehrt? Die Räucherstäbchen glimmten noch, und der Rauch kräuselte sich in der heißen Luft. Kommissar Ly schaute sich suchend um, sah aber unter den vielen Menschen niemanden, der ihm besonders ins Auge fiel.

Vom Wasser her hörte er ein Plätschern. Der Tempelhof grenzte direkt an den Westsee. Ly ging zu der niedrigen Mauer, die das Ufer säumte, und schaute, wo das Geräusch herkam. Er sah nichts als einen krummen Bambussteg, der einige Meter in den See hineinragte. Das Sonnenlicht blitzte auf dem Wasser. Über der Innenstadt am südlichen Ufer hing ein grauer Dunst. Ly setzte sich, den Blick wieder auf den Tatort gerichtet. Vor seinem inneren Auge spulten sich die Bilder der vergangenen Nacht noch einmal ab.

Es war etwa drei Uhr gewesen, als der Anruf bei ihm eingegangen war. Zwanzig Minuten später fuhr er durch das Tempeltor. Der beißende Geruch abgebrannter Räucherstäbchen hing in der Luft. Eine Ratte schrie.

Etwas am Rand, neben einem kleinen gemauerten Altar, standen mehrere Leute zusammen. Sie tuschelten, irgendjemand weinte leise. Dennoch lag eine seltsame, tödliche Ruhe wie eine Glocke über ihnen.

Ein uniformierter Beamter kam auf Ly zu. Seine Bewegungen wirkten wie in Zeitlupe. Die Schultern hatte er weit nach oben gezogen. Sein Gesicht war fahl, und er hatte noch die pickelige Haut eines Pubertierenden. Ein säuerlicher Geruch ging von ihm aus. Mit einer vagen Kinnbewegung wies er in Richtung Ufermauer, ohne Anstalten zu machen, Ly zum Tatort zu begleiten. Ly ließ ihn. Dieser Junge würde ihm sowieso keine Hilfe sein.

Ly ertastete sich seinen Weg zwischen den Luftwurzeln des uralten Banyans hindurch. Dick wie Baumstämme spannten sich die Luftwurzeln in einem dichten Netz über den Platz. Er stolperte über einen herumliegenden Gegenstand und spürte trockene Rinde unter seinen Fingern. Und dann etwas Weiches. Er zuckte zurück. Ihr Gesicht war genau vor ihm. Sie starrte ihn an, leblos und doch wütend, voller Verachtung. Ihm wurde schwindelig, er schloss die Augen, drückte die Handflächen fest gegen seine Schläfen, schüttelte heftig den Kopf und murmelte ein »lay troi lay dat«. Seine hilflose Beschwörungsformel, um die bösen Geister zu vertreiben.

Dann zwang er sich, die Tote genauer anzuschauen. Er ließ den winzigen Lichtstrahl seines Feuerzeugs über sie gleiten, sah diffuse Ausschnitte. Verzerrt und gelblich schimmernd. Ly ahnte die Kraft des Mörders und seine Gewalt. Überall war Blut. Die Tote war an die Luftwurzeln gefesselt, mit einem dünnen Seil, die Füße knapp über dem Boden. Unter ihren Füßen lagen rot verfärbte Lotusblumen. Abgebrannte Räucherstäbchen steckten im Boden. Ihr Gesicht war zertrümmert, die Kehle aufgeschlitzt. Ihr Körper war seltsam verbogen. Die lange, dunkle Stoffhose hing schief wie bei einer misshandelten Puppe an ihr herunter. Die Bluse war zerrissen und gab den Blick frei auf nackte Haut. Ihre Brust war klein, die Tote war fast noch ein Kind. Ly merkte, wie ihn seine professionelle Fassade verließ, seine Knie weich wurden. Schnell wandte er sich ab.

Der junge Beamte stand immer noch regungslos an derselben Stelle.

»Wer hat den Notruf geschaltet?«, fragte Ly ihn.

Der Polizist schüttelte den Kopf und schaute zu Boden. Ly verkniff sich einen Kommentar.

»Was ist passiert? Wir wohnen hier. Wir wollen wissen, was passiert ist«, hörte Ly eine Stimme hinter sich. Er drehte sich um. Etwa zwanzig Leute standen da. Er konnte nicht sagen, wer gesprochen hatte.

»Das hoffe ich von Ihnen zu erfahren«, sagte Ly. »Wer hat die Leiche gefunden? Wer von Ihnen hat die Polizei verständigt?«

»Ich war...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.