E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Lüthen / Stock Schluss mit toxisch!
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-647-99233-4
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dein Weg zu gesunden sozialen Beziehungen
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-647-99233-4
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Alexandra Lüthen ist Coach und Schriftstellerin. Ihr Fokus liegt auf barrierearmer und bedürfnisorientierter Kommunikation - als Schlüssel für echte Verbindung und stabile Beziehungen. Einige Jahre war sie als Bestatterin tätig und begleitete Menschen in den unterschiedlichsten Abschieds- und Konfliktprozessen.
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Warum es bei speziellen Anlässen oft toxisch wird
Wir möchten klarstellen, dass es uns nicht darum geht, Familien mit dem Etikett »toxisch« zu versehen oder jede konfliktreiche Partnerschaft als »toxisch« zu diagnostizieren. Dennoch haben bestimmte Konstellationen zu bestimmten Anlässen unter bestimmten Voraussetzungen das Potenzial, hoch toxisch zu wirken, auch wenn das bewusst nicht im Sinne aller Beteiligten war oder ist. Die Anlässe und die damit verbundenen (unterschiedlichen) Erwartungen wirken wie ein Brennglas oder Katalysator, der negative Dynamiken verstärkt.
Es gibt drei große Erwartungsbereiche, in denen wir Menschen uns bewegen: die gesellschaftlichen Erwartungen, die familiären Erwartungen und die persönlichen Erwartungen. Alle Erwartungsbereiche sind veränderbar und stark kulturell und zeithistorisch geprägt, das heißt, sie sind nicht universell – auch wenn es einem oftmals so suggeriert wird. Auf alle drei Bereiche werden wir nun eingehen und uns konkret auf das Weihnachtsfest beziehen – einer der prominentesten Anlässe für enttäuschte Erwartungen aller Art.
Gesellschaftliche Erwartungen
Gesellschaftliche Erwartungen an Feste
Zusammenhalt zeigen: Erwartung, dass die Familie als Einheit auftritt.
Gastfreundschaft: Feiern sollten gut organisiert und gastfreundlich sein.
Traditionen bewahren: Feste sollen nach traditionellen Mustern ablaufen (zum Beispiel Weihnachten, Geburtstage).
Perfekte Atmosphäre: Erwartung, dass alles harmonisch und stimmungsvoll verläuft.
Geschenke: Traditionelles Schenken als Zeichen von Wertschätzung und Liebe.
Zur gesellschaftlichen Erwartung gehört beispielsweise, dass Weihnachten das Fest der Liebe ist und als solches gelebt werden muss. Egal, wie die Familienmitglieder zueinander stehen: An Weihnachten sollen Frieden und Harmonie herrschen. Wenigstens drei Tage lang soll sich die Familie zu etwas verwandeln, von dem man mindestens stimmungsvolle Bilder machen kann, auf denen alles so schön ist, wie es niemals war. Die gesellschaftliche Ordnung schenkt uns drei freie Tage, unterschwellig zweckgebunden, um das Fest der Liebe mit den offiziellen Liebsten zu begehen. Wie die Liebsten das restliche Jahr über miteinander klarkommen, soll für diese drei Tage keine Rolle spielen. Die Liste der gesellschaftlichen Erwartungen ist lang genug, um alle beschäftigt zu halten.
Ergänze versuchsweise mal den Satz: »Wenigstens zu Weihnachten sollte …« und zähle mit, wie leicht du gesellschaftliche Ideen zu Weihnachten findest. Wenigstens zu Weihnachten sollten sich die Kinder Zeit nehmen. Wenigstens zu Weihnachten sollte Dankbarkeit herrschen. Wenigstens zu Weihnachten kann man doch mal Rücksicht nehmen … Und so weiter und so fort. Was aber tun, wenn es Konflikte innerhalb der Familie gibt, die den gesellschaftlichen Erwartungen entgegenstehen? Wenn es wenig liebevolle Beziehungen gibt und viele Kränkungen? Wenn der Umgang miteinander verunsichernd, beängstigend oder verletzend erlebt wird?
Konflikte lassen sich zwar mit einer gewissen Willenskraft für eine Zeit ignorieren, werden dadurch aber nicht unwirksam. Der unausgesprochene Konflikt bindet die Beziehungspartner aneinander und kann nur dann ruhen, wenn alle Konfliktpartner sich an den Waffenstillstand halten. Was aber soll man tun, wenn sich ein Konfliktpartner nicht an die Erwartung hält? Soll man klein beigeben, um den Frieden zu wahren, oder soll und darf man in den Konflikt einsteigen und in Kauf nehmen, dass man für die Sprengung der Familienfeier verantwortlich gemacht wird?
Sich der Familienfeier ganz zu entziehen, ist im Fall der Weihnachtsfeiertage schwierig. Eine vorgetäuschte Urlaubssperre oder die Arbeitslast als guten Vorwand zu benutzen, ist wenig glaubhaft und würde eher zusätzlichen Sprengstoff liefern. Der Feier fernzubleiben, würde von der Familie als Ablehnung gewertet und hätte wahrscheinlich weitreichende Konsequenzen für die Beziehungen nach Weihnachten.
Gesellschaftlich steht fest: Weihnachten und Familie gehören zusammen. Egal wie, es muss gefeiert werden. Das Familienfest wirft seine Schneeflocken voraus und gerät bereits im Vorfeld zur psychischen Belastung.
Familiäre Erwartungen
Familiäre Erwartungen an Feste
Anwesenheit: Alle Familienmitglieder sollten anwesend sein, trotz Terminschwierigkeiten.
Harmonie: Vermeidung von Konflikten und Spannungen innerhalb der Familie.
Gemeinsame Zeit: Fokus auf das Zusammensein und die Stärkung der familiären Bindungen.
Rollenverteilung: Klare Aufgabenverteilung, zum Beispiel Kochen, Dekorieren, Organisation.
Rituale: Erfüllung spezifischer familiärer Traditionen und Abläufe.
Bei den familiären Erwartungen gilt es, eine Unterscheidung zu machen: Erwartungen an das Idealbild »Familie« und innerfamiliäre Gewohnheiten und Traditionen.
Die ideale Familie fühlt sich wie ein Zuhause an: Sie ist ein Ort, an dem man ankommen und so sein darf, wie man ist und sich gerade fühlt. In der idealen Familie wird man geliebt und respektiert.
Die Realität sieht in vielen Familien anders aus. In diesen Familien war es bereits in der Kindheit nicht leicht, sein wahres Ich zu zeigen und zu leben. Von subtilen Manipulationen bis hin zu drakonischen Strafen: Es gibt viele Möglichkeiten, einem Kind klarzumachen, dass es sich besser wie von den Eltern gewünscht verhält, als seinem eigenen Wesen Ausdruck zu verleihen. Wir sprechen hier nicht von gesunden Grenzen und Verhaltensregeln, die Kinder durchaus brauchen, um einen Orientierungsrahmen zu bekommen. Es gibt aber einen Unterschied zwischen einer beziehungsorientierten Erziehung, die Kindern die Möglichkeit gibt, sich selbst in ihrem Wesen zu entfalten, und einer Pädagogik, in der es viel um das Gehorchen und einseitigen Respekt gegenüber hierarchisch höhergestellten Familienmitgliedern geht. Die Dynamik ist, unabhängig vom Grad der Gewaltausübung, immer dieselbe. Es herrscht eine hierarchische Rollenverteilung, die über Jahre allen Beteiligten in Fleisch und Blut übergegangen ist und die in der Gegenwart unbewusst reaktiviert wird, sobald die Familienmitglieder aufeinandertreffen.
Familien sind komplexe Systeme, die in den letzten Jahrzehnten noch mal komplexer geworden sind, weil es wesentlich mehr gesellschaftliche Akzeptanz und rechtliche Freiheit gibt, individuelle Familienentwürfe abseits der traditionellen Modelle zu etablieren. Dass Familiensysteme dadurch weniger toxisch geworden sind, lässt sich aus unserer Beobachtung heraus leider nicht sagen. Auch von einem »modernen Familienentwurf« gibt es traditionelle Ideen des Zusammenhalts und gegenseitiger Verantwortung und große Wünsche, in dieser Familie ein gutes Maß an persönlicher Erfüllung zu finden. Auch hier wird gestritten, welche Werte Regenbogenfamilien gemeinhin haben sollten, auf welche Weise Patchworkfamilien organisiert sein könnten und welche Regeln Solomütter einzuhalten hätten. Und während in Regenbogen- und Patchworkfamilien unter Umständen sogar mehr als zwei nahe Bezugspersonen für die Kinder vorhanden sind, lastet bei Alleinerziehenden die gesamte Verantwortung auf einer Einzelperson. Obwohl es mittlerweile wirklich viele Alleinerziehende gibt – das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend verzeichnete 2025 1,7 Millionen alleinlebende Mütter und Väter in Deutschland mit minderjährigen Kindern (BMFSFJ, 2025) –, nimmt die Gesellschaft in ihren Anforderungen und Erwartungen wenig Rücksicht auf die faktisch begrenzten Ressourcen alleinverantwortlich Erziehender.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir leben nicht unbeobachtet und allein und wollen das ja meist auch gar nicht, sondern wir haben das große Bedürfnis, in einem System, das für uns Familie bedeutet, einen sicheren Halt zu finden.
Die meisten Familien haben eigene Traditionen, die sich über die Jahre entwickelt haben. Traditionen sind wiederkehrendes Verhalten, Tagesabläufe, Rituale, die allen Beteiligten Halt und Orientierung geben. Traditionen sind vorhersagbar und schaffen damit Sicherheit. Ein Ausbrechen aus Traditionen sorgt bei den anderen Beteiligten für Verwirrung und Unmut und fällt auf denjenigen oder diejenige negativ zurück, die die Tradition ändern möchte. Im schlimmsten Fall fühlt man sich auch hier ausgestoßen, wenn es keine weiteren Verbündeten gibt, die den neuen Weg mitgehen wollen. Dieses Gefühl der Isolation kann sehr stark sein, selbst wenn man gute Gründe hat, die Tradition zu ändern oder verlassen zu...




