E-Book, Deutsch, Band 4, 215 Seiten
Reihe: Hufspuren
Ludwig Hufspuren: Geschecktes Glück
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7725-4054-7
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 215 Seiten
Reihe: Hufspuren
ISBN: 978-3-7725-4054-7
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christa Ludwig ist als Jugendbuchautorin bekannt geworden mit ihren Romanen 'Der eiserne Heinrich', 'Ein Lied für Daphnes Fohlen', 'Carlos in der Nacht', 'Blitz ohne Donner' und 'Die Siebte Sage'. Im Anschluss fand ihre 6-bändige Reihe 'Hufspuren' begeistertes Echo bei jungen Pferdeliebhaberinnen. Für Kinder hat sie die Geschichten 'Puzzle-Ponys' und 'Fluchtballon' geschrieben. Und kürzlich sind die ersten zwei Bände ihrer Erstlesereihe 'Jonas Weg ins Lesen' erschienen. Christa Ludwig lebt mit ihrem Mann in der Nähe des Bodensees.
Weitere Infos & Material
Lügen So einer Der Teppich "Zuhause" Messer im Dreieck Ein Eisen ist locker Wohin? Schwergewicht im Sattel Wilderer Lieblingspferd Pferde auf Pfoten Schnabelschuhadventskalender Namen Im Club der schwarzen Pferde Sofapferd Karo König Dame Bär Und wie geht's weiter? Mini-Lexikon der Pferdefachsprache Über die Autorin
Lügen
Lügen! Eigentlich konnte sie das doch. Eigentlich gab es doch kaum jemanden, der es besser konnte.
Alberta fuhr schnell. Noch ging es nur leicht bergauf, und dieses Rad war absolute Spitzenklasse. Die kalte Novemberluft war ihr angenehm¸ sie kühlte ihr Gesicht und das tat der Wunde an ihrer Schläfe gut.
Wenn sie ehrlich zu sich selber war, dann waren ihre vielen täglichen Verdrehungen der Wahrheit auch Lügen gewesen.
Langsam! Sie ließ das Rad ausrollen. Sie wollte da, wo sie hinfuhr, doch gar nicht ankommen. Natürlich war sie zu spät, viel zu spät, schon jetzt hatte die erste Schulstunde längst angefangen. Jana und Theres saßen in der Klasse und fragten sich, wo sie wohl blieb. Sie war nie krank. Langsamer fuhr sie weiter, hielt den Kopf in den Wind, fühlte wieder den Schmerz über der rechten Schläfe. Bloß nicht ankommen da! Sie war allein auf der Straße. So weit außerhalb der Stadt fuhr um diese Zeit niemand, und der Weg, von dem sie kam, führte zu nichts als dem verlassenen Bauernhof, in dem man ihre Familie nach der Übersiedlung aus Kasachstan untergebracht hatte. Im letzten Schuljahr noch war Alberta jeden Morgen von dort mit stramm geflochtenen schwarzen Zöpfen und weißen Schleifen aufgebrochen, in einer weißen Rüschenbluse und buntem Glockenrock, mit weißen Kniestrümpfen und schwarzen Schnallenschuhen – eben so, wie in Kasachstan anständige Mädchen zur Schule gingen.
Und genauso war sie auch zu Hause wieder angekommen. Und ihre Eltern hatten niemals geahnt, dass sie in der Schule die Schleifen aus den Zöpfen riss, sich in Janas Jeans und T-Shirts quetschte und in Nikes oder Reeboks von Theres schlüpfte. Janas Hosen waren ihr zu eng. Sie konnte darin kaum atmen. Theres war zwar noch dünner als Jana, aber sie war lang und hatte große Füße. So waren die Schuhe von Theres ein Schuljahr lang alles gewesen, was Alberta gepasst hatte. Trotzdem hatte sie sich in Janas Kleidern wohler gefühlt als in ihren flatternden Glockenröckchen.
Das alles waren doch Lügen gewesen. Sie hatte den Vater, die Mutter, ihre beiden Brüder angelogen, nur ihre Schwester hatte die Wahrheit gewusst und mit ihr gelacht. Lügen, über die man lachen konnte! Und jetzt musste ihr – sofort – eine ganz andere Lüge einfallen, da gab es nichts zu lachen, und da würde es niemals etwas zu lachen geben.
Seit Beginn der 8. Klasse durfte Alberta mit Jeans und Sportschuhen zur Schule fahren. Aber dieses Rad war auch eine Lüge. Der Weg wurde jetzt steil. Sie schaltete in den 3. Gang. Die Schaltung funktionierte vorzüglich. Mit diesem Rad war sehr wahrscheinlich nicht nur ihr Vater betrogen worden. Alberta wusste das nicht genau.
Theres und Jana waren vor zwei Wochen mit ihren Rädern in den Wald gefahren und hatten sie nicht gefragt, ob sie mitkommen wollte. Das war schon komisch gewesen. Sie hatte aber sowieso noch im Stall zu tun, um sich eine Reitstunde zu verdienen. Und mit ihrem Sperrmüll-Klapperrad traute sie sich kaum auf die holprigen Waldwege. Theres und Jana hatten behauptet, sie wollten mit dem Kilometerzähler an Theres’ Rad die Pass-Strecke abmessen, jenen langen, ebenen Weg am Waldrand, auf dem man Rennpass reiten konnte. Alberta hatte sich gewundert, dass Jana sich dafür interessierte. Die ritt keine Isländer und also auch keinen Rennpass. Aber, na ja, die beiden waren allerbeste Freundinnen, und wenn sie schon nicht mehr zusammen ritten, warum sollten sie dann nicht wenigstens zusammen mit den Rädern durch den Wald fahren?
Und bei dieser Radtour war Theres dann etwas wirklich Komisches passiert: Der Lenker war ihr aus den Händen geglitten und das Rad war einen Steilhang hinabgestürzt, nur das Rad, nicht sie. Ihre Mutter hatte ihr daraufhin sofort verboten, dieses Rad weiter zu fahren. Und das war das Einzige an der ganzen Geschichte, worüber Alberta sich überhaupt nicht gewundert hatte. Natürlich würde Frau Rohner niemals zulassen, dass ihre Tochter ein «Unfallrad» fuhr, bei dem sich wahrscheinlich «der Rahmen verzogen hatte». Theres hatte das «Unfallrad» Alberta angeboten. Aber die konnte nur mit den Schultern zucken.
«Für meinen Vater ist das ein Almosen. Niemals nimmt er ein Almosen von stinkreichen Leuten an, nie!»
Und da war Theres mit der Sperrmüllidee gekommen, und zwei Tage später war Sperrmüll gewesen. Komischer Zufall? Sie stellten das Rad in das Suchgebiet von Albertas kleinem Bruder. Grinsend schauten sie hinter einer Hecke zu, wie sich Jakob auf das Rad stürzte. Da war keine Gefahr, dass er es für sich beanspruchen würde. Ein Mädchenrad für einen zehnjährigen Jungen? Unmöglich! Und wie hatte er sich gefreut, als er am Abend die überraschte Schwester zu seinem Fund führte! Und ihr Vater!
Alberta schaltete in den 1. Gang.
Ihr Vater hatte das Rad ganz auseinandergebaut. Mit Kettenschaltung kannte er sich aus, aber mit 21 Gängen hatte er noch nie etwas zu tun gehabt. Doch so etwas konnte er! Er hatte gesungen bei dieser Arbeit. Seit sie in Deutschland waren, hatte sie ihn nicht mehr singen gehört. Und sie liebte seine Stimme. Sie hatte die dunkle, weiche Stimme und die Neigung zu singen von ihm geerbt. Und die schwarzen Kirgisenaugen, die hatte sie auch von ihm. – Ihre Mutter sah vollkommen deutsch aus. – Und als er ihr das Rad blank geputzt und frisch geölt übergeben hatte, war er glücklich gewesen.
War diese ganze Geschichte mit dem Rad nun ein Betrug gewesen? Eine Lüge? Was ist das für ein Betrug, der so viele Menschen glücklich macht und niemandem schadet?
Die Finger ihres Vaters waren noch etwas ölig gewesen und der Lenker ein wenig verschmiert, als er ihn ihr in die Hand drückte. Und er hatte gelacht, und seine Kirgisenaugen hatten geglänzt und tief schwarz geleuchtet und …
Sie hatte die Höhe erreicht. Sofort ging es steil bergab. Sie ließ sich ein paar Meter rollen, dann zog sie beide Bremsen an, so heftig, dass sie nach vorn geworfen wurde, über den Lenker. Da hing sie und heulte.
Ist das bei allen Menschen so, dass Tränen solche Schmerzen machen, wenn sie aus den Augen laufen?
Sie wusste es nicht. Woher sollte sie das wissen? Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal geweint hatte. Vielleicht war bei ihren Augen der Tränenkanal inzwischen verkümmert? Oder verstopft. Und die Tränen mussten sich hinauskämpfen. So ungefähr fühlte sich das an. Sie wischte die Tränen nicht weg. Nur die Wunde an der Schläfe berührte sie mit einem Finger, und da war der Tränenschmerz bloß noch lächerlich. Da wusste sie wieder, was richtiger Schmerz war, und ihre Hände krallten sich fest um den Lenker, damit ihr das Rad nicht die Straße hinuntersauste und wirklich ein Unfallrad wurde.
So stand sie lange und ließ die Tränen laufen.
Aber auf dem Hügel, auf der Höhe hatte man einen guten Blick. Zwar gab es nichts zu sehen, aber viel zu ahnen. Links unten hinter dem Viertel mit kleinen Einfamilien- und ein paar Hochhäusern lag das Schulgelände. Da sollte sie hin. Sie schaute nach rechts. Wenn man dort durch den Wald fuhr und immer auf der Höhe blieb, war es nicht weit bis zu ihren kleinen bunten Freunden, 34 Islandponys, und einer davon …
Blesi, dachte sie, wie immer das jetzt ausgeht, ich will wieder Blesi reiten!
Und dann fiel ihr zwar immer noch keine Lüge ein, aber:
Taggy! Wir haben Taggy in der ersten Stunde. Ich muss noch in der ersten Stunde ankommen. Taggy wird mir helfen. Dem fällt etwas ein. Taggy fällt immer etwas ein.
Sie fuhr durch die Straßen mit den kleinen Einfamilienhäusern, an den Hochhäusern und dem großen Spielplatz vorbei, musste noch einmal bergauf fahren und erreichte das Schulgelände. Alle Tore waren offen, obwohl jetzt niemand mehr ankam. Sie musste nicht absteigen, ließ das Rad die Rampe zum Fahrradkeller hinunterrollen und lenkte es zu ihrem gewohnten Abstellplatz. Jana und Theres hatten ihn für sie frei gelassen. Kurz empfand sie ein warmes Gefühl von Glück. Sie gehörte hierher, die anderen warteten auf sie, hier hatte sie ihren Platz. Daneben war Janas Rad. Am Lenker hing statt des Fahrradhelms ihre Reitkappe. Wahrscheinlich hatte sie den Helm mal wieder nicht gefunden. Alberta löste den Schnappverschluss ihres eigenen Helms, der völlig gewichtslos über ihrem Kopf schwebte. Sie spürte ihn überhaupt nicht. Auch der hatte einmal Theres gehört. Die hatte ihn verschenken müssen, als ihre Mutter in Stiftung Warentest las, dass er nicht mehr Testsieger war. Theres hatte einen neuen Helm bekommen, eben den Testsieger, und der hing jetzt ordentlich an der Lenkstange ihres neuen Rades, das nie einen Hang hinabgestürzt war.
Alberta schaute auf ihre Uhr. Noch 16 Minuten bis zum Ende der ersten Stunde. Sie sollte sich beeilen. Nun hatte sie kaum noch Zeit, sich eine Lüge einfallen zu lassen, nur noch den Weg durch den Fahrradkeller und durch drei Viertel der Pausenhalle. Sie schloss...




