E-Book, Deutsch, 276 Seiten
Lucarelli Hundechristus
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-99037-104-6
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Commissario-De-Luca-Krimi
E-Book, Deutsch, 276 Seiten
ISBN: 978-3-99037-104-6
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
De Luca will Gerechtigkeit um jeden Preis, über die politischen Verhältnisse hinweg - mit einem Showdown à la Tarantino!
Bologna, 1943: Bei einer Razzia im Milieu der Schwarzhändler stolpert Commissario De Luca über eine Leiche - ohne Kopf. Niemand scheint an dem Mord interessiert, wo doch der Krieg so viele tötet; einzig De Luca beißt sich an dem Fall fest und findet tatsächlich einen Schädel. Dabei stößt er auf abgründige Vernetzungen zwischen faschistischer Miliz, Lockvögeln, Kokainhändlern, Zockern und altem Adel. Da wird Mussolini abgesetzt. Eine Welle der Euphorie erfasst das Land, einige Verdächtige tauchen unter. Doch nur Wochen später stehen die alten Strippenzieher und Spurenverwischer wieder oben, obwohl das Gesetz für alle gleich sein sollte: Jetzt muss De Luca seinen eigenen Kopf retten ...
Carlo Lucarelli, 1960 in Parma geboren, lebt bei Bologna. Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Journalist, Regisseur und Fernsehmoderator. International bekannt wurde er durch seine Kriminalromane, die in viele Sprachen übersetzt, mehrfach preisgekrönt und verflmt wurden. Mitbegründer des 'Gruppo 13' und Lehrer an der 'Scuola Holden' für kreatives Schreiben. Auf Deutsch liegen zahlreiche Bände vor, zuletzt erschien bei Folio Italienische Intrige (2018).
• Premio Manzoni 2019 für sein Lebenswerk
Weitere Infos & Material
„Il Resto del Carlino“, Sonntag, 25. Juli 1943, XXI, Italien, Reich und Kolonien, 30 Centesimi KAMPF AN DER SIZILIENFRONT. Erbitterte Kämpfe der Achsenmächte gegen feindliche Panzertruppen, Palermo evakuiert, Bomben auf Bologna und Salerno. Eine Handvoll Helden gegen den übermächtigen Feind – RUHMREICHER SIEG ZWISCHEN DON UND DONEZ, mit Hieb- und Stichwaffen kämpfen Bersaglieri aus Caretto gegen die Mongolen. Lokales aus Bologna: SCHWERE SCHÄDEN IM ZENTRUM BOLOGNAS AUFGRUND DER GESTRIGEN BOMBENANGRIFFE, der Furor des Feindes hat zahlreiche Opfer gefordert. Schnelle Erste Hilfe; OBST- UND GEMÜSEPREISE: Knoblauch (weiß und rot) 4 Lire, Spargel 3,30 Lire, Salat unterschiedlicher Qualität 2,80 Lire, Melonen 1,50 Lire. Radioprogramm: 17 Uhr 45, Orchestermusik, dirigiert von Maestro Cinico Angelini – Woran denkst du?, fragte Lorenza. Er dachte daran, dass er auch am Tag darauf nichts gefunden hatte, weder eine Jacke noch eine Axt, noch einen Kopf. Im Morgengrauen war De Luca in einem sauberen, tabakbraunen Anzug und einem Fiat 618 der Lebensmittelabteilung zum Gehöft gefahren, darin saßen ein Maresciallo und zwei schlaftrunkene Wachen, die sich überwinden mussten, aus dem Kleintransporter auszusteigen. Auf dem Hof des Gehöfts stand bereits ein alter Fiat 18BL der Miliz voller Schwarzhemden, die rasch und behände aus dem Lastwagen sprangen, als handle es sich um eine Übung. Massaron stand an der Tür und versperrte mit ausgebreiteten Armen den Eingang, während Corradini mit einem Offizier diskutierte, der wütend vor ihm auf und ab hüpfte. Mit seiner schwarzen Uniform, den wie Flügel auf und ab schlagenden Armen und der krummen Nase ähnelte er einer Krähe. „Sind Sie der Chef dieser Bande?“, sagte er zu De Luca, und offenbar krächzte er auch, oder vielleicht erwartete man das einfach aufgrund seines Äußeren. Er hatte Tressen auf den Ärmeln, De Luca zählte drei gelbe Streifen unter dem Stern. Ein Konsul, fast ein hohes Tier. „Ich bin Amedeo Martina, Konsul der Miliz. Sagen Sie Ihren Untergebenen, sie sollen verduften, wir beschlagnahmen alles im Namen der Lebensmittelabteilung der Miliz.“ „Die Polizei war vor Ihnen da“, sagte De Luca. „Das ist mir scheißegal!“, schrie der Konsul und De Luca dachte, dass es im Grunde auch ihm scheißegal war. Sobald es hell war, wollte er wieder das andere Gebäude betreten, deshalb hatte er eine schlaflose Nacht verbracht, auf dem Bett gelegen und die feuchten Flecken an der Decke betrachtet, auf der Suche nach einem Zwischenraum, der groß genug war, dass er dort seine Gedanken unterbringen konnte. Also machte er dem Hauptmann der Lebensmittelabteilung ein Zeichen, er solle mit der Krähe diskutieren, dann schnappte er sich Corradini und ging. „Die reißen sich alles unter den Nagel“, knurrte Corradini. Er stank nicht nur nach Wurst, sondern auch nach Rauch, und etwas Kantiges beulte seine Taschen aus. De Luca dachte, dass er und Massaron in der Nacht wohl auch Zigaretten gefunden hatten. „Hauptsache, sie unterschreiben die Empfangsbestätigung“, sagte De Luca und Corradini zuckte mit den Achseln. – Ist gut, murmelte er leise wie ein Kind. – Aber die reißen sich alles unter den Nagel. – Hörst du mir zu? Woran denkst du? – An nichts, sagte De Luca und Lorenza lächelte, weil er den Kopf hatte schütteln müssen, um sich von seinen Gedanken loszureißen. – An die Arbeit, gab er dann zu. – Vergiss jetzt die Arbeit. Du bist bei mir. Wir sind am Strand, an der Copacabana. Laggiù a Capocabana, sang Lorenza leise und ließ dabei die offene Hand kreisen; wenn man nur diesen kleinen Flecken mit den Reflexen des Sonnenlichts auf dem Wasser und die Abdrücke von Lorenzas nackten Füßen im Sand sah und man hörte, wie die Kinder kreischend mit dem Hintern voran und angelegten Armen ins Wasser sprangen, hätte man wirklich glauben können, am Meer zu sein, vielleicht nicht gerade in Brasilien oder in der Karibik, aber immerhin in Riccione, oder vielleicht sogar in Forte dei Marmi oder Venedig. Obwohl es ein grauer, aufgeschütteter Strand war, der Fluss Reno hier von Betonmauern gesäumt wurde und der Junge nicht von einem Felsen, sondern von der Schleuse aus eine Arschbombe gemacht hatte, wurde dieser Abschnitt des Kanals Lido di Casalecchio genannt. Sie hatten einen abgelegenen und wie durch ein Wunder menschenleeren Winkel gefunden, fast einen Privatstrand, obwohl es an diesem glühend heißen Sonntag Ende Juli von Menschen nur so wimmelte. Lorenza und ihre Freunde waren schon am Vormittag mit dem Fahrrad gekommen, mit Lunchpaket und Sonnenschirm, er war am Nachmittag mit der Dampfeisenbahn nachgekommen, im Abteil war er mit dem Kopf am Fenster eingeschlafen, auf dem schief aufgesetzten Hut lehnend wie auf einem Kissen, und der Schaffner hatte ihn an der Schulter rütteln müssen, Signore, wir sind an der Endstation, Signore! Am liebsten wäre er in dem Gehöft am Kanal geblieben und hätte in allen Winkeln geschnuppert wie ein Jagdhund, doch sein Vorgesetzter, Doktor Cesarella, hatte ihn buchstäblich hinausgeschmissen. „Es reicht, De Luca. Du hast hier nichts mehr zu suchen. Geh nach Hause, auch für dich ist Sonntag, oder?“ Er hatte gut daran getan, den Leiter der Kriminalpolizei nicht aus dem Bett zu holen, schlaftrunken hatte er zu ihm gesagt: Ich komme morgen, es eilt nicht. Um neun war er aufgetaucht, nach Kaffee und Kölnischwasser duftend, da waren De Luca und Corradini schon auf dem Dachboden und stöberten inmitten der Fliegen. Auch im Tageslicht hatten sie nichts gefunden, was sie nicht schon in der mondlosen Finsternis der Nacht davor gesehen hatten. Auf Zehenspitzen trat Cesarella an den Rand der Blutlache, in der die Leiche lag, mit an die Nase gepresstem Krawattenzipfel. Man nannte ihn Scimmino – Affe –, denn er war klein, dünn und nervös. Ein paar Haarsträhnen klebten auf seinem faltigen Schädel; mit vor Ekel weit aufgerissenen Augen sah er wirklich aus wie ein Pavian. Er hielt ein paar Sekunden durch, dann machte er De Luca ein Zeichen, er solle ihm folgen. „Was willst du mir sagen, mein Junge?“, fragte er, sobald sie draußen waren und Atem schöpften. „Ich glaube, er ist hier enthauptet worden, das beweist die Spur auf dem Boden, und ich glaube, er ist post mortem enthauptet worden, das Blut ist zwar reichlich geflossen, hat aber nicht gespritzt.“ „Und wo ist der Kopf?“ „Keine Ahnung. Wir haben ihn noch nicht gefunden.“ „Ich glaube, ich denke, keine Ahnung … Warum sollte man den Kopf entfernen?“ „Um die Identifizierung des Opfers zu verhindern. Aus demselben Grund sind meiner Meinung nach wohl auch die Jacke und die Dokumente verschwunden.“ „Deiner Meinung nach … ist gut. Liest du den Corriere dei Piccoli, mein Junge? Da gibt es eine Figur, die immer eine Million Lire gewinnt, wie heißt sie doch schnell? Ach ja, Signor Bonaventura. Also, De Luca, eine Eine-Million-Frage … Hast du eine Ahnung, wer es sein könnte? „Nein.“ Lorenza vergrub ihre Füße bis zu den Knöcheln im Sand, klopfte ihn mit der Handfläche fest und dann wackelte sie mit den Zehen, um die Füße wieder zu befreien. – Ferragamo-Sandalen, der letzte Schrei des Frühlings und Sommers, sagte sie mit dem etwas affektierten nasalen Tonfall einer Radiosprecherin. Die anderen lachten, doch sie blickte De Luca an, der diesmal nicht den Kopf schütteln musste, um sich von den Gedanken zu befreien, sondern beinahe überzeugend lächelte. Die anderen waren alle im Badekostüm: Lorenza, ihre Cousine Maria, Ciccione, ein dicklicher Blonder, dessen richtigen Namen er nicht kannte, und Giovannino Marani, Marias Verlobter. Lauter Studenten, die jünger waren als sie, er war der Älteste. Unter dem Sonnenschirm saß er auf einem flachen Stein, die Jacke gefaltet neben sich, davor hatte er sich gedankenverloren das Hemd aufgeknöpft. – So eine Affenhitze, sagte Maria. – Gehen wir schwimmen!, sagte Ciccione. – Kommst du mit?, fragte Lorenza und De Luca zuckte mit den Achseln. – Tut mir leid. Ich habe keine Badehose mitgenommen. – Dann schwimm in Unterhose, sagte Maria, sie und Giovannino lachten, während Ciccione De Luca fragend ansah. – Komm schon …, flüsterte Lorenza, sie war rot geworden. – Schau dich um, das machen doch alle. Wenn du bis zur Dämmerung wartest, kannst du auch ohne gehen. – Maria! – Nein, nein … deine Cousine hat recht. Der Herr Doktor ist ein...