E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Lubis Dämmerung in Jakarta
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30556-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-293-30556-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mochtar Lubis, geboren 1922 als Sohn eines Beamten auf West-Sumatra, war Journalist und Autor. Er übertrug Werke von John Steinbeck, Upton Sinclair und Irwin Shaw in seine Muttersprache. Für seine Geschichten und Romane erhielt er verschiedene nationale und internationale Auszeichnungen. Fast zehn Jahre verbrachte er im Gefängnis oder unter Hausarrest. Nach seiner Rehabilitierung wurde er Chefredakteur der Literaturzeitschrift Horison. Mochtar Lubis starb 2004.
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Mai
Saimun schnallte seinen Gürtel enger. Wieder einmal knurrte sein Magen vor Hunger. Er hatte heute noch nichts gegessen. Und es war erst Vormittag. Der seit Tagesanbruch niedergehende Nieselregen verstärkte das Hungergefühl in seinem Magen. Saimun verfluchte den Regen. Mit seinem nackten schmutzigen Fuß, an dem Unrat und Bazillen klebten, trat er einen Korb voller Abfall von der Spitze des Müllberges hinab. Der Abfall rollte nach unten und wurde erst von der baufälligen Bambuswand einer kleinen Hütte aufgehalten, von einer überaus morschen Bambuswand, die sehr stark beschädigt war und äußerst durchlässig angesichts des nicht enden wollenden Nieselregens. Eine Frau streckte ihren Kopf aus dem Fenster der Hütte und schrie mit rauer Stimme: »Bisschen vorsichtig, ja, wo has' du deine Augen?«
Saimun erschrak ein wenig, schaute auf und musterte die Frau. Er lachte herb, ohne Zorn oder Verärgerung – einfach so wie er immer lachte. Für einen Augenblick überkam ihn ein Gefühl der Begierde beim Anblick der Brüste der Frau in der Hütte dort unten, die durch die Risse in ihrem abgetragenen und verschlissenen Kleid zu sehen waren. Für einen Augenblick überkam ihn das Verlangen, nach unten zu steigen und diese Frau zu besuchen – doch dann hörte er das Brummen des Wagens der Städtischen Müllabfuhr. Rasch drehte er sich um, rannte hinab und sprang auf den Wagen, der bereits wieder anfuhr.
Saimun kauerte sich neben Itam, der sich gerade eine Kretek-Zigarette anzündete. Er streckte seine Beine auf dem schmutzigen und nassen Boden der Ladefläche aus und spürte die harten Holzbohlen an seinen Gesäßknochen. Er lockerte seine angespannten Muskeln und lehnte sich gegen die Holzwand des Führerhauses. Dann streckte er Itam seine Hand entgegen und sagte: »Lass mich auch mal, Tam.«
Itam schaute ihn an, und der Unwille in seinem Blick verschwand schnell. Er reichte Saimun seine Kretek und sah voller Aufmerksamkeit zu, wie dieser tief inhalierte und den Rauch der Zigarette lange in seinem Brustkorb hielt. Saimun gab die Zigarette an Itam zurück, der nun seinerseits tief inhalierte. Und dann ließen sie beide gemeinsam den Rauch in dichten Wolken durch die Nase entweichen, langsam, und für einen Moment vergaßen sie den Nieselregen, den Schmutz und den Gestank des Wagens, vergaßen sich selbst. Es existierte nur noch der Weihrauchduft der Kretek, die Wärme der Zigarette auf der Zunge und ihre entspannende Wirkung auf den ganzen Körper.
Ein weiteres Mal inhalierte Itam tief. Erneut reichte er Saimun die Zigarette, und während er sich mit der einen Hand hinter seinen juckenden Ohren kratzte, suchte seine andere einmal mehr die im Müllwagen immer gegenwärtigen Fliegen von dem Grind unterhalb seiner Knie zu vertreiben.
»Hab schon wieder Hunger, Tam«, sagte Saimun.
»Nur eine Tour noch, dann holen wir unseren Lohn ab. Während wir auf unser Geld warten, können wir bei Ibu Yom essen.«
»Wenn ich ans Essen denk, fühl ich mich ganz schwach, total am Ende mit meiner Energie«, sagte Saimun. Sein leerer Magen erschien ihm zunehmend leerer zu werden. Ihm war, als verzehre die Leere alle noch in seinem Blut verbliebene Kraft. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wagenwand. Plötzlich fühlte er sich äußerst erschöpft und kraftlos.
Itam bot Saimun einen weiteren Zug an seiner Kretek an. Saimun inhalierte gierig, und Itam schaute ängstlich auf die Glut, die sich nun rasch dem Ende der Zigarette näherte. Als Saimun seinen Zug getan hatte, nahm Itam den Stummel hastig zurück und zog noch einmal an ihm, bis die Glut seine Finger verbrannte. Dann schnipste er den winzigen Stummelrest über die Seitenplanke des Wagens.
Saimun sinnierte. Warum betrachtete man Dinge, die nur äußerst schwer zu bekommen waren oder die man nicht besaß, in dem Moment, in dem man die Gelegenheit erhielt, sie zu bekommen, als etwas ganz besonderes, etwas viel Wichtigeres als sie tatsächlich waren? An diesem Morgen beherrschte eine Kretek-Zigarette all seine Sinne. Ihm war, als hinge von nur einer Zigarette sein Leben ab, und wenn er diese eine Zigarette bekäme, würde sein Fortleben gewährleistet sein bis in alle Ewigkeit. Eine einzige Zigarette reichte heute aus, um seine gesamten Ansprüche an das Leben zu befriedigen.
Er dachte an die Zeit, als er noch im Dorf gelebt hatte, an die Zeit, bevor sein Dorf von den Gerombolan überfallen und niedergebrannt worden war, bevor die Gerombolan seinen Vater und seine Mutter niedergemetzelt hatten, und er selbst in die Stadt geflüchtet war. Wenn die Ernte eingebracht war, hatte er sich niemals Gedanken darüber machen müssen, eine nur zur Hälfte gerauchte Zigarette wegzuwerfen oder eine gekochte Batatenwurzel, in die er nur einige Male hineingebissen hatte. Und wenn es eine Hochzeitsfeier gab, oder wenn Lebaran war oder irgendein anderes Fest im Dorf, dann hatte er niemals sein gesamtes Verlangen auf einen Zug an einer Zigarette reduzieren müssen.
Doch jetzt war es fast so etwas wie eine großartige Zeremonie, zusammen mit Itam eine Zigarette zu rauchen. Jeder Zug war von außerordentlicher Bedeutung und wurde behutsam und mit fast pedantischer Aufmerksamkeit getan. Alle fünf Sinne waren auf den Genuss eines einzigen Zuges an einer Zigarette gerichtet. Niemals zuvor hatte ihm eine Kretek-Zigarette so gut geschmeckt wie diese jetzt, hier auf der Ladefläche dieses schmutzigen und stinkenden Müllwagens.
Wenn er heute so an sein Leben im Dorf dachte – bevor das Dorf von den Gerombolan überfallen worden war –, dann erschien ihm diese Zeit nur noch wie ein ferner Traum. Und manchmal schien es ihm gar nicht mehr wirklich, dass er jemals in einem solchen Dorf gelebt hatte. Ihm war, als müsse es jemand anders gewesen sein als er, der dort in den Reisfeldern gearbeitet und im Fluss gebadet hatte, zusammen mit Si Putih, dem Wasserbüffel, der diesen Namen bekommen hatte wegen eines weißen Flecks hinter dem linken Ohr. Ach, er erinnerte sich noch sehr gut an all diese Dinge, aber er empfand es nicht mehr als wirklich, dass tatsächlich er es gewesen sein sollte, der da mit Si Putih gebadet hatte. Als sei seine Existenz weggeschlossen in verschiedene Schachteln, als verbleibe ein einmal in eine Schachtel eingeschlossener Teil seiner Existenz auf ewige Zeiten in dieser Schachtel, als könne er nie wieder in Beziehung treten zu den Teilen seiner Existenz in den anderen Schachteln. Alles von damals erschien ihm heute fremd, so als gebe es zwischen ihm und jenem Menschen in dieser anderen Lebensschachtel keinerlei Verbindung mehr.
Er dachte daran, dass er in den ersten Wochen nach seiner Ankunft in Jakarta oft geweint hatte, und auch daran, dass er des Abends, wenn er nicht mehr gewusst hatte, wo er sich herumtreiben sollte, seinen Schlafplatz unter dem Regendach irgendeines Ladens hatte suchen müssen. Bis er dann eines Tages Itam getroffen hatte, der sich ihm anschloss. Schließlich hatten sie beide Arbeit gefunden als Kulis bei der Müllabfuhr. Und bald schon hatten sie auch eine Unterkunft anmieten können, ein Zimmer in der Hütte von Pak Ijo, einem Delman-Kutscher, einen Raum nur, gleich neben dem Zimmer von Pak Ijo selbst, der dort mit seiner Frau und seinem Sohn Amat schlief. Aber der Hunger, der an seinen Magenwänden nagte, war geblieben, und auch die Müdigkeit in seinen Knochen war nie wirklich verschwunden.
»Wär Rikschafahren nich'n besserer Job als der hier?«, wandte sich Saimun plötzlich an Itam.
»Weiß nich'«, sagte Itam, »erinners' du dich nich' an Pandi, den Rikschafahrer, der einfach so gestorben is'? Hat Blut gespuckt. War erst ein Jahr Rikschafahrer. Sein Herz hats nich' ausgehalten!«
Saimun kratzte mit den Zehen über den dick mit Schmutz übersäten Wagenboden, und für Augenblicke schien alles Leben in seiner Umgebung zu entschwinden und ihn selbst in einer bedrückenden Leere zu belassen. Ihm war, als schwebe nur er allein in dieser Leere, als seien alle Dimensionen des Lebens verloren gegangen, als gebe es keine Vergangenheit, keine Gegenwart und keine Zukunft mehr. Nur er allein existierte.
Erschrocken fuhr Saimun aus seinen Gedanken auf, als der Wagen anhielt und Itam rief: »Los komm, wir sin' da!«
Saimuns Knochen schmerzten. Er zwang sich aufzustehen, sprang vom Wagen herab und beförderte einen Korb mit Abfall auf die Ladefläche.
Gegen Mittag waren sie zurück an der Müllhalde. Während sie den Abfall abluden, dachte Saimun wieder an die Frau dort unten in der Hütte, die er am Morgen gesehen hatte, er kletterte hinab und näherte sich der Behausung. Die Frau nahm gerade ein Bad in einem kleinen Wasserloch, das sich einige Meter entfernt von der Hütte befand und dessen stehendes Wasser schmutzig und von gelblicher Färbung war. Saimun rief ihr einige Worte zu, um ihre Aufmerksamkeit zu erwecken, und wieder stieg Begierde in ihm auf, als er sie dort splitternackt in dem seichten Wasserloch hocken sah. Die Frau lachte ihm zu und drehte sich herausfordernd zu ihm hin, und Saimun wandte sich nur widerwillig ab, als Itam seinen Namen rief und das Geräusch des Wagenmotors wieder ertönte. Aber er rief der Frau noch zu, dass er wiederkommen werde.
Handkarren zum Abtransport von Abfall und Müllwagen standen auf dem Platz vor dem Büro, wo sie ihren Lohn ausbezahlt bekamen. Scharen von Händlern hatten sich eingefunden, die Zigaretten, gekochten Reis oder gebackene Bananen feilboten. Ein Araber mit blauem Notizbuch und Schirm und ein recht stämmiger Mann...




