E-Book, Deutsch, Band 2, 360 Seiten
Reihe: Taking Chances
E-Book, Deutsch, Band 2, 360 Seiten
Reihe: Taking Chances
ISBN: 978-3-96797-429-4
Verlag: Aufbau Verlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Weitere Infos & Material
1 Daisy
Was für ein riesiges Teil. Ich schiebe mir eine Haarsträhne hinter das Ohr, umfasse den überdimensionalen Wetterhahn aus Metall mit beiden Armen und versuche krampfhaft, ihn aus dem Kofferraum meines hellblauen Ford Bronco zu hieven, ohne ihn zu beschädigen. Das letzte Mal, dass ich auf Owen Peppers Schrottplatz herumgestöbert habe, war in meinem letzten Schuljahr, zusammen mit meiner Cousine Joselyn, die wir alle Sly nennen. Scout war damals auch da, zusammen mit seinem Bruder J.R., und die beiden haben uns geholfen, die schwereren Teile zu schleppen. Ich sehe Scout noch vor mir, mit dem goldbraunen Haar, das ihm immer wieder so sexy in die Stirn fiel, der golden schimmernden Haut und den Muskeln, die sich bei der Anstrengung wölbten. Sein Shirt war hochgerutscht, so dass sein fester Bauch sichtbar wurde, und das Muskel-V, das in seiner Jeans verschwand … Er erwischte mich dabei, wie ich ihn ansah. Und lächelte. Später fragte er mich, ob ich mit ihm auf den Schulball gehen würde. Und dort küsste er mich. Das Ganze ist Jahre her. Es war, bevor ich aufs College ging, bevor ich meinen Abschluss in Innenarchitektur mit dem Schwerpunkt Antiquitäten machte. Und es war lange bevor ich meiner Tante angeboten hatte, das Geburtshaus ihres letzten Ehemanns in Fireside in ein Bed & Breakfast zu verwandeln. »Wo zum Teufel hast du denn das Ding her?«, ruft Spencer Carrollton mir zu und reißt mich damit aus meiner Gedankenreise in die Vergangenheit. Er steht ganz oben auf der roten Steintreppe, die zur Veranda von Tante Reginas großer Villa im Kolonialstil führt. Ich habe ihr angeboten, sie herzurichten, wenn ich es als Projekt für meine Abschlussarbeit verwenden darf. »Von Owen Peppers Schrottplatz.« Wo ich alle meine Schätze finde. Ich ruhe mich einen Moment auf dem Gehweg aus und blicke zu ihm hoch. »Komm bloß nicht auf die Idee, mir zu helfen.« Mein Nicht-Helfer trägt eine blaue Stoffhose und einen hellen Blazer über einem hellblauen Shirt. Sein dunkles, kurz geschnittenes Haar ist nach hinten gegelt. Mit seinen makellosen Zähnen erinnert er mich an den Schauspieler Tom Ellis, eher bereit für einen Businesslunch, als mir zu helfen. »Ein Hahn? Als ich mit Miles am Sledge House gearbeitet habe, hatten wir ein Konzept, das die Vögel aus dem südlichen Louisiana zur Grundlage hatte. In jedem Zimmer hingen riesige Drucke von diesem berühmten Ornithologen, Audoban. Der Kanadareiher oder der Braunpelikan. Wir waren damit in Antiques Today!« »Fireside ist anders.« Ich schüttele den Kopf, packe den riesigen Vogel am Hals und ziehe ihn Stufe für Stufe nach oben. Er ist so groß wie ich, und da ich nur ein Top mit Latzhose trage, scheuert er mir über die Haut. »Kann sein. Aber du hast die Macht, Fireside zu verändern … vielleicht sogar die moralische Verpflichtung.« Er tritt mit missbilligendem Blick zur Seite. »Dieses alte Gebäude wirkt von außen wirklich edel. Das sollte sich im Inneren widerspiegeln.« »Tante Regina möchte das aber nicht. Sie hat es lieber gemütlich. Genauer gesagt meinte sie, dass hier ein Ort geschaffen werden soll, an dem sich jeder sofort zu Hause fühlt, eingehüllt von Wärme.« »Und rot kariert bedeutet Wärme?« »Das sind doch nur Tischdecken.« Ich zerre die Skulptur die letzte Stufe hinauf. »Und sollten wir unseren Kunden nicht das geben, was sie sich wünschen?« »Ja, aber wir sollten sie auch vor geschmacklosen Fehlern beschützen.« »Alt und neu zu mischen ist ziemlich in, wusstest du das noch nicht?« »Sagt wer? Elle Décor? Haben die nicht auch behauptet, Gewölbe sei out? Idioten!« »Das war nur ein Witz.« Als ich den Hahn wieder hochhebe, dreht er sich, und der Metallschnabel bohrt sich in meinen Oberarm. »Au! Mist!« Spencer beugt sich zu mir, um besser sehen zu können. »Es ist kein tiefer Schnitt. Glück gehabt.« Er zieht am Jeansgürtel meiner Latzhose. »Du solltest lange Ärmel tragen, wenn du auf einem Schrottplatz herumwühlst. Sonst kriegst du noch Tetanus.« »Wieso sollte ich Tetanus kriegen? Halt mir mal die Tür auf.« »Du bringst das Ding ins Haus? Ist das nicht eher was für draußen?« »Es kommt in die Küche.« »Ernsthaft? Ich dachte, dieser Job sollte Werbung für deinen Stil sein.« Sein arroganter Ton stachelt mich erst recht an. »Warte, bis ich fertig bin, dann wird es dir schon gefallen.« »Glaub ich kaum. Besser, mein Name fällt bei dieser Renovierung nicht.« »Ich will deinen Namen gar nicht nennen. Das ist mein Projekt.« Wir durchqueren das Foyer mit dem Eichenholzparkett, dann zerre ich den Hahn durch den engen Flur in die riesige Küche. Der Boden ist derselbe, aber durch die Fenster wirkt das Parkett heller. »Du solltest es abschleifen.« Er fährt mit dem Finger über das Holz. »Vielleicht.« Ich verschiebe den Tisch, so dass der Hahn in die hinteren Ecke passt. »Ich hab übrigens im Laden von meinem Vater einen unglaublich tollen gelben Ohrensessel aus Samt für das Schlafzimmer gefunden.« »Dein Vater hat einen unfehlbaren Geschmack.« Ich trete einen Schritt zurück, verschränke die Arme und betrachte den fertigen Raum. Antike, weiße Küchenschränke säumen den größten Teil der Wände, und geblümte Tapeten bedecken die wenigen übrigen Stellen. Sie passen gut zu den gepolsterten Küchenstühlen und den Gardinen. Ich beschließe, doch nicht die auffällige karierte Decke auf den Kieferntisch zu legen, auf dem bereits meine beste Deko prangt, das blau-weiße Gschel-Teeservice. Auch wenn es nicht wirklich antik ist, wirkt es doch ziemlich vintage. »Mir gefällt das alles so sehr.« Spencer zieht die Augenbrauen zusammen und sucht ganz offensichtlich nach den richtigen Worten. »Schon gut.« Ich grinse in seine Richtung. »Ich weiß, dass es dir schwerfällt, eine Niederlage einzugestehen.« »Aber nein, ich habe nur ein bisschen gebraucht. Ich würde sagen, es ist … überraschend.« »Überraschend großartig.« Er schüttelt den Kopf. »Ich glaube, ich gehe dann jetzt. Gegen sechs hole ich dich zum Abendessen ab.« »Nein, treffen wir uns lieber gleich dort. Es macht mir nichts aus, selbst zu fahren und ich weiß nicht, wann genau ich hier wegkomme.« »Lass mich nicht zu lange warten.« Spencer und ich haben uns im Antiquitätenladen von meinem Dad in Greenville kennengelernt. Er war auf der Suche nach Gläsern von Fenton und ich war bei Dad, um ihm beim Auspacken einer Lieferung zu helfen. Als ich den Namen Spencer Carrollton auf seiner Karte las, wusste ich sofort, wer er war – einer der bedeutendsten Antiquitätenhändler des Landes, über den in Antiques Today häufig geschrieben wurde. Er war beeindruckt von der großen Auswahl in Dads Laden, was natürlich toll war. Also habe ich ihn herumgeführt und mein Bestes getan, möglichst kompetent zu wirken. Dann lud Spencer mich zum Essen ein, und der Rest ist eine rein platonische Geschichte. Was ich sagen will: Spencer sieht wirklich gut aus – in einer klassischen, aalglatten Millionärsart –, aber das, was zwischen uns ist, ähnelt eher einem Wettkampf als einer erotischen Beziehung. Er ist sieben Jahre älter als ich, und mit seinem Background und seinen Verbindungen könnte er mich meinem Traum, Antiquitätenhändlerin zu werden und für seltene Fundstücke durch die Welt zu reisen, näherbringen. Also tue ich alles dafür, dass es zwischen uns gut läuft. Ich folge ihm die Treppe hinunter zu seinem glänzenden Tesla. Bevor er einsteigt, bleibt er kurz stehen und legt mir eine Hand auf die Schulter. »Eins wollte ich dir noch sagen: Du hast genauso einen scharfen Blick wie dein Vater.« Ich runzele die Stirn. »Das ist ja fast schon ein Kompliment im Vergleich zu all deinen Sticheleien von vorhin.« Er betrachtet mich mit seinen braunen Augen. »Lass mich heute Abend einfach nicht zu lange warten.« »Werde ich nicht.« Bei dem intensiven...