Lorei / Kocab / Haini KODIAK

Modell zur kommunikativen Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-86676-860-4
Verlag: Verlag für Polizeiwissenschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Modell zur kommunikativen Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen

E-Book, Deutsch, Band 1, 152 Seiten, Format (B × H): 148 mm x 210 mm

Reihe: Schriften des Instituts für Kriminologie und Präventionsforschung der Hessischen Hochschule für Öffentliches Management und Sicherheit (HÖMS)

ISBN: 978-3-86676-860-4
Verlag: Verlag für Polizeiwissenschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Gewalt zu vermeiden und zu verhindern, erfordert viel. Einsatzkräfte erleben jeden Tag Situationen, in denen Gewalt präsent ist. Sie in die Lage zu versetzen, Gewalt zu verhindern und zu vermeiden oder nur mit geringer Intensität einzusetzen, ist Ziel von Deeskalation. Zu deeskalieren kann und muss gelernt werden.

Dieses Lernen soll durch das Modell kommunikativer Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen (KODIAK) unterstützt werden. KODIAK möchte Polizeibeamt*innen helfen Fertigkeiten zu entwickeln, um Konflikte in alltäglichen Einsätzen zu bewältigen. KODIAK bietet Orientierung für zielgerichtetes Deeskalieren in solchen Einsatzsituationen.

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Weitere Infos & Material


1 Ziele des Modells

2 Theoretische und empirische Basis
2.1 Grundlagen der Kommunikation
2.2 Definition wesentlicher Begriffe
2.3 Einstellung zu gewaltfreien Konfliktlösungen
2.4 Deeskalationstrainings
2.5 Modelle polizeilicher Verhandlungen

3 Anwendungsbereich des Modells

4 Axiomatische Annahmen des Modells
4.1 Maximal mögliche Gewaltfreiheit
4.2 Eigensicherung als Basis polizeilicher Deeskalation
4.3 Deeskalation als stetiger Teil polizeilicher Interaktion
4.4 Zielgerichtetheit polizeilichen Handelns
4.5 Polizeiliche Handlungsverantwortung
4.6 Verantwortung der Polizeiorganisation

5 Deeskalationstechniken und -strategien

6 Stufenmodell deeskalierendes polizeiliches Handeln
6.1 Stufen des Modells
6.2 Stufenbewertungen
6.3 Wechsel zum unmittelbaren Zwang

7 Strategien, Taktiken und Techniken auf den Stufen
7.1 Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Sicherheit“
7.2 Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Beziehung“
7.3 Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Beruhigung“
7.4 Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Lageklärung“
7.5 Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Lösungssuche“
7.6 Strategien, Taktiken und Techniken der Stufe „Lösungsumsetzung“
7.7 Stufenu¨bergreifende Strategien, Taktiken und Techniken

8 Nonverbale Kommunikation
8.1 Aspekte der nonverbalen Kommunikation im Moment des Kontaktes
8.2 Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Sicherheit“
8.3 Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Beziehung“
8.4 Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Beruhigung“
8.5 Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Lageklärung“
8.6 Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Lösungssuche“
8.7 Aspekte der nonverbalen Kommunikation auf der Stufe „Lösungsumsetzung“

9 Hinweise zur Pädagogik und Didaktik
9.1 Lernlevel
9.2 Stufen des Kompetenzerwerbs

10 Exemplarische Anwendung
10.1 Fall 1: randalierender Rocker
10.2 Fall 2: Einsatz in einem Krankenhaus

11 Ausblick

12 Literatur


2Theoretische und empirische Basis


In einem Großteil polizeilicher Einsätze müssen Polizeibeamt*innen mit anderen Personen interagieren. Regelmäßig besteht dabei ein Konflikt zwischen den anderen Personen (z. B. bei einem Streit zwischen diesen) oder zwischen der Polizei und dem polizeilichen Gegenüber. Dabei kann Gewalt ein Teil der Konfliktaustragung sein. Diese Gewalt kann zwischen den polizeilichen Gegenübern stattfinden, z. B. als häusliche Gewalt, als Teil eines Raubes oder im Rahmen eine Körperverletzung. Sie kann aber auch die Polizei miteinschließen, wenn Polizeibeamt*innen angegriffen werden oder diese mit Gewalt eine Maßnahme durchsetzen müssen. Es ist festzustellen, dass mehr oder minder konflikthafte oder auch gewalttätige Interaktionen mit polizeilichen Gegenübern Teil des Polizeialltages sind (Baier & Ellrich, 2022). Letztendlich ist die Polizei u. a. genau dazu als Institution installiert, ausgestattet und ausgebildet.

Aber auch wenn Polizei befugt ist, Gewalt auszuüben, muss die dienstliche Ausübung von Gewalt sehr sorgsam erfolgen. Dies bedeutet, dass sie möglichst zu vermeiden ist und nur in Form des unmittelbaren Zwangs als letztes Mittel nach den Regeln der Verhältnismäßigkeit eingesetzt werden soll. Professionelles polizeiliches Handeln versucht Konflikte primär kommunikativ zu lösen. Kommunikation wird damit zum wichtigsten Einsatzmittel zur Erfüllung polizeilicher Aufgaben. Dies spiegelt sich in Deutschland im Leitfaden 371 zur Eigensicherung und in der Polizeidienstvorschrift 100 wider. Ebenso wird Kommunikation in den USA als Handlungsmaxime angesehen (IACP 2017, S. 3):

1. .

2. .

So sehen es auch erfahrene Einsatzkräfte selbst, wenn sie die Kommunikation als „die stärkste Waffe“ bezeichnen und angeben, dass fast alle Situationen (aber eben nicht alle!) durch eine bestimmte und adressatengerechte Kommunikation durch Einsatzkräfte bewältigt werden können (Herr, Leuschner, Jaroschek, Balaneskovic, Niewöhner & Lorei, 2023, S. 69). Dies kann wiederum das Vertrauen der Bürger in die Polizei stärken, was wiederum mit geringeren verbalen und physischen Übergriffen zum Nachteil von PVB durch Jugendliche einhergeht (Baier & Ellrich, 2014) und somit Polizeibeamt*innen selbst schützt.

2.1Grundlagen der Kommunikation


Im Folgenden sollen einige Aspekte der allgemeinen Grundlagen der Kommunikation zum Überblick dargestellt werden, damit im weiteren Verlauf darauf Bezug genommen werden kann und die Ausgangspunkte für das Modell kommunikativer Deeskalation in polizeilichen Alltagseinsätzen definiert werden können. Für eine umfassende Darstellung kommunikativer Grundlagen insbesondere auch mit Polizeibezug sei auf Nettelnstroth (2014) verwiesen.

Es wird vom Sender-Empfänger-Modell nach Shannon und Weaver (1949) bzw. den erweiterten Versionen davon (vgl. Nettelnstroth, 2014) ausgegangen. Auch wenn im Nachfolgenden mitunter von Sender*innen und Empfänger*innen gesprochen wird, wird von einem bidirektionalen Informationsfluss im Sinne einer Interaktion ausgegangen und nicht von einem unidirektionalen. Dabei wird angenommen, dass Menschen miteinander interagieren und kommunizieren, um eine bestimmte Absicht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wie dies nach Schulz von Thun (1981) mit der Appell-Seite einer Nachricht zum Ausdruck gebracht wird. Entsprechend kann man von einer erfolgreichen Kommunikation sprechen, wenn die an einer Kommunikation beteiligten Personen ihr Ziel erreichen und die gewünschte und beabsichtigte Wirkung eintritt. Gestört ist die Kommunikation, wenn die an einer Kommunikation beteiligten Personen ihr Ziel nicht erreichen und somit die gewünschte und beabsichtigte Wirkung ausbleibt. Zum Beispiel kann die Kommunikation von A als gelungen bezeichnet werden, weil A sein oder ihr Ziel erreicht hat, z. B. dass B etwas tut. B kann die Kommunikation aber als gestört wahrnehmen, weil er/sie sich z. B. zu einer Handlung von B gezwungen fühlte, die er/sie eigentlich nicht tun wollte. Beabsichtigt meint dabei nicht unbedingt eine bewusste Intention. Regelmäßig dürfte diese dem/der Sender*in nicht umfassend präsent sein.

Unstrittig ist, dass polizeiliches Handeln, wie bereits oben erwähnt, in alltäglichen Einsätzen sehr oft auf das polizeiliche Gegenüber ausgerichtet ist und somit Polizist*innen in vielen Einsätzen mit anderen Menschen interagieren müssen. Da man in Interaktionssituationen nicht nicht-kommunizieren kann (Watzlawick, Beavin, & Jackson, 1969), herrscht damit auch in Polizeieinsätzen Kommunikation. Im Zusammenhang mit dem Modell kommunikativer Deeskalation in alltäglichen Konfliktsituationen wird zusätzlich davon ausgegangen, dass jegliche Kommunikation im polizeilichen Einsatzkontext einen Aspekt der Deeskalation bzw. Eskalation beinhaltet. Es wird also stets eskaliert oder deeskaliert. Dies basiert auf dem Auftreten von Konflikten oder der latenten Möglichkeit dazu in polizeilichen Interaktionssituationen. Dies steht auch in Bezug dazu, dass Kommunikation nicht nur Sachaspekte umfasst, sondern auch immer Aspekte der Beziehung der Interaktionspartner tangiert (Watzlawick, Beavin & Jackson, 1969; Schulz von Thun, 1981). Damit ist jegliche Kommunikation bzw. Interaktion in diesem Zusammenhang auch immer auf die Beziehung ausgerichtet. Kommunikation ist damit auch stets (mehr oder minder) konfliktbezogen. Dabei kann dies bezüglich des Eskalationspotenzials eskalierend, stagnierend oder deeskalierend sein. Deeskalation setzt also nicht erst im Laufe einer polizeilichen Maßnahme ein, sondern findet bereits von Beginn des Aufeinandertreffens von Polizei und polizeilichem Gegenüber statt. Die handelnden Polizeibeamt*innen können sich also nicht entschließen, Maßnahmen zur Deeskalation oder Eskalation zu beginnen, sondern sie tun dies bereits bei Einsatzbeginn implizit und gezwungenermaßen. Dies ist entscheidend: Eskaliert ein*e Polizeibeamt*in in einer Interaktionssituation unbewusst von Beginn an, werden seine/ihre bewussten, aber erst spät im Einsatzverlauf eingesetzten Deeskalationsbemühungen möglicherweise nicht sofort zum Erfolg führen (können). Deeskalation setzt also nicht erst dann ein, wenn eine Interaktion bereits verfahren ist und sich derart zugespitzt hat, dass Fronten verhärtet sind, die Interaktion höchst emotional und wenig rational verläuft und die Konfliktparteien sich lieber gegenseitig „mit in den Abgrund reißen“ wollen, als ein kleines Stück von ihrer Position abzurücken (Glasl, 1980). Wer an dieser Stelle des Konfliktverlaufes erst mit Deeskalation (bewusst und explizit) anfangen möchte, ist sehr oder sogar zu spät dran. Entsprechend wird Deeskalation in der Praxis mitunter als Präventionsmöglichkeit gesehen, um Konflikte zu vermeiden (Todak & White, 2019). Ein falsches Verständnis von Deeskalation kann mitunter auch erklären, warum Kritiker des Deeskalationsansatzes von Strategien und Techniken der Deeskalation wenig überzeugt sind. Dies hat nämlich weniger mit dem Leistungspotenzial dieser Techniken und Strategien zu tun, als mit einem falschen Verständnis von Deeskalationsverläufen. So kann ein unbewusstes und unbeabsichtigtes Eskalieren zu Beginn einer Interaktion nicht einfach durch das quasi technische Einsetzen einer Deeskalationsstrategie/-technik ungeschehen gemacht werden. Denn ist z. B. die Beziehung zwischen den Interaktions-parteien „ruiniert“, kann dies nicht mit einem einfachen Kommunikationstrick egalisiert werden. Hat einer der Interaktionspartner den anderen respektlos behandelt, so benötigt es wahrscheinlich intensiver Deeskalationsarbeit, um z. B. ein danach gezeigtes empathisches Verhalten glaubhaft erscheinen zu lassen. Deeskalationstechniken sind also keine Notfalltechniken, die man einsetzt, wenn gar nichts anderes mehr geht und man sich unmittelbar vor einer Gewalt-Katastrophe befindet. Deeskalation erfordert vielmehr vorausschauendes, präventives Handeln, welches kritische Situationen zu verhindern hilft. So lassen sich damit Situationen (potenziell) entschärfen, bevor sie gefährlich werden. Dabei wird nicht ignoriert, dass Angriffe auf Polizeibeamt*innen existieren, die sich eher plötzlich ereignen (Schmalzl, 2005) und damit auch vermutlich wenig Interaktion zwischen der Polizei und den Bürger*innen aufweisen. Jedoch beinhalten viele Polizeieinsätze Interaktion und weisen entsprechend einen Konfliktverlauf auf (Ohlemacher et al., 2003; Ellrich et al. 2012; Ellrich & Baier, 2014). Da sich hier Kommunikation nicht vermeiden lässt, findet auch (De-)Eskalation statt. Dies zeigt auch die Studie von Abdul-Rahman, Espín Grau und Singelnstein (2020), in der polizeiliche Gewaltanwendungen aus Sicht...



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