Long / Schweppe | Der Kaufmann und der Rinpoche | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Long / Schweppe Der Kaufmann und der Rinpoche

Leben, Sterben und Dazwischen. Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-25417-9
Verlag: Diederichs
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Leben, Sterben und Dazwischen. Roman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-641-25417-9
Verlag: Diederichs
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei Lebensschicksale und eine Reise im Bardo

Den tibetischen Kaufmann Dorjee Wangchuck und den Rinpoche Sonam Tsering verbindet seit Kindertagen eine tiefe Freundschaft, auch wenn ihre Lebenswege nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Während der eine sich im Strudel der Geschichte seinen Weg bahnte und ein Vermögen anhäufte, entschied sich der andere für ein Leben im Kloster.

Als der alte Dorjee im Sterben liegt, lässt er seinen Freund rufen mit der Bitte, ihm den Bardo Thödol, das Tibetische Totenbuch, vorzulesen. Das soll ihn auf dem Weg zur Wiedergeburt durch den Bardo, die Zwischenwelt, geleiten. Doch alles hängt davon ab, wie er sein Leben geführt hat. Wird Dorjee am Ende seines Weges durch die Zwischenwelt wiedergeboren oder muss er dort verharren?
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DER LAMA MACHT SICH AUF DEN WEG

In Meditation versunken saß der Lama vor der kleinen Buddhastatue. Schon einige Stunden saß er so, nahezu bewegungslos. Sein Geist war leicht und klar, keine Sorge, kein Begehren, keine unruhigen Gedanken drückten seine Seele, die wie ein Spiegel des Universums nichts in sich aufnahm, nur widerspiegelte, ohne davon berührt zu werden. Er saß in seiner kleinen Kammer im großen Kloster in Lhasa. In diesem Raum verbrachte er schon viele Jahre einen großen Teil seiner Zeit, meditierend, Sutras rezitierend, die Gebete verrichtend. Jeder einzelne Gegenstand im Raum war heilig. Es war ohnehin wenig: neben der Buddhastatue nur ein paar Schriftrollen, ein Thangka, eine Kerze.

Ein junger Mönch trat lautlos ein und verneigte sich. Obwohl der Lama mit dem Rücken zum Eingang gewandt war und der junge Mönch ehrfurchtsvoll schweigend verharrte, war er sich der Gegenwart des anderen sofort bewusst und wusste auch, welcher seiner Schüler es war. Was anderen als übernatürliche Fähigkeit eines Heiligen erscheinen musste, war für ihn nur das vollkommen wache Bewusstsein, das einen Lama auszeichnete.

»Was gibt es, Chagdud?« Seine Stimme klang voll und sanft und ließ sein Alter nicht erahnen. Der junge Mönch Chagdud trat vor den Lama, kniete sich nieder und berührte mit der Stirn den Boden.

»Ehrwürdiger Rinpoche, der Kaufmann Dorjee Wangchuk …«

Der Lama nickte. »Es ist so weit. Er wird nun bald übertreten und muss wohl wiedergeboren werden. Ich werde mich gleich auf den Weg machen. Es ist alles vorbereitet. Bitte bring mir meine Reisetasche.«

Chagdud verneigte sich erneut vor seinem Lehrer. Er zögerte kurz.

»Chagdud, du möchtest noch etwas sagen.« Der Lama fragte nicht, er stellte es nur fest.

»Ehrwürdiger, darf ich Euch begleiten?«

Der Lama lächelte still. »Diesmal nicht, mein Lieber. Diese kleine Reise werde ich allein unternehmen.«

Der junge Mönch verneigte sich und wandte sich zum Gehen. Der Lama Sonam Tsering erhob sich. Trotz seines hohen Alters und des langen Sitzens bedurfte er dazu keiner Hilfe. Allein wollte er sich nun auf den Weg machen, um einem Kaufmann, einem Sünder, einem, der über die Lehren Buddhas oft gespottet hatte, einem, der sich an wertvollen religiösen Kunstschätzen bereichert hatte, einem Ehebrecher und einem, der vielleicht sogar einen Mord auf dem Gewissen hatte, beizustehen, wenn er von diesem Leben in den Bardo, den Zwischenzustand, eintreten und wohl nach neundundvierzig Tagen wiedergeboren würde. Seine Mönchsbrüder und seine Schüler waren darüber erstaunt, aber sie bewunderten das große Mitgefühl ihres Lama. Das allein war es jedoch nicht. Nur wenige wussten, dass der sterbende reiche Kaufmann der älteste Freund des Rinpoche war.

Es war ein kühler Herbsttag. Der Himmel war klar, und die heiligen Berge ragten in ihrer ewigen, gewaltigen Majestät in den Himmel. Trotz der Kälte trug der Lama nur sein einfaches Mönchsgewand. Er beherrschte die Fähigkeit, in seinem Körper eine solche Hitze zu erzeugen, dass sogar eiswassergetränkte Kleidung in kürzester Zeit trocknete. Unwillkürlich lächelte er, als er sich daran erinnerte, wie er vor vielen Jahren diese Fähigkeit erworben hatte. Wie stolz waren er und seine jungen Mitbrüder darauf gewesen – immer wieder, viel öfter als notwendig, waren sie in den großen, eiskalten Fluss gesprungen und hatten dann kleine Wettkämpfe darum abgehalten, wessen Gewand am schnellsten wieder trocken war. Der Abt hatte sie, als er davon erfuhr, streng angesehen und ihnen Bußübungen wegen ihres Stolzes auferlegt. Wie viele Jahre war das her! Damals war Tibet noch ein unabhängiges Land und Chinesen nur bestaunte Fremde aus einer fernen Gegend.

Damals, als er mitunter aus dem Kloster schlich und seinen Freund Dorjee traf und immer wieder versuchte, ihn zu überreden, ebenfalls ins Kloster einzutreten. Natürlich erfolglos. Dorjee war damals voller Hass auf alle Adligen und alle Mönche. Verständlich nach dem, was seinem Vater geschehen war. Auch wenn sich Sonam Tsering gern an das alte Tibet seiner Jugend erinnerte, so war ihm stets bewusst, dass es keine vollkommene Welt gewesen war. Und doch: Was wäre heute, hätte der 14. Dalai Lama die begonnenen Reformen seines Vorgängers fortführen können? Stattdessen lebte er im Exil in Indien und konnte nicht nach Tibet zurückkehren.

Der Lama seufzte kurz auf, lächelte dann und befreite seinen Geist von diesen nutzlosen Gedanken. Wenn schon die ganze Welt eine Illusion war, wie viel mehr die Welt des wenn, dann …, wäre …, könnte …, sollte … Die gewohnte Heiterkeit kehrte wieder in seinen Geist ein. Eine heitere Stille, die selbst die Melancholie durchdrang, die seine Reise in sich trug. Er würde nun seinen alten, seinen ältesten Freund beim Sterben begleiten und alles daransetzen, ihm beizustehen, wenn schon nicht die große Befreiung, so doch zumindest eine gute Wiedergeburt als Mensch zu erreichen.

Der Weg zum Haus des Freundes führte ihn hinab vom Kloster durch die Stadt. Autos hupten, Leuchtreklamen mit zumeist chinesischen Schriftzeichen blinkten von den Geschäften. Immer mehr neue, hässliche Gebäude erhoben sich über die alten Bauten. Immer noch war ihm dieser Anblick ungewohnt und unangenehm. Vor seinem inneren Auge sah er die Stadt, wie sie früher einmal gewesen war – ein Heiligtum, der Mittelpunkt der tibetischen Welt, der Sitz des beinahe gottgleichen Kundün, der »verehrungswürdigen Präsenz« des Dalai Lama.

Bilder der Vergangenheit strömten durch seinen Geist. Der junge Mönch Sonam Tsering, der mit seinem verehrten Lama zum ersten Mal die Hauptstadt mit großen, staunenden Augen sah, die Pracht des Palastes, das friedliche und doch so lebendig strahlende Gesicht des jungen Kundün, der sogar jünger war als der junge Reisende selbst. Die Scharen von Pilgern, die ihren Kora, den Rundweg um das Heiligtum, gingen oder vielfach sogar auf Knien rutschend, sich immer wieder zu Boden werfend. Und dann die Ereignisse, die alles veränderten – die Chinesen, die als Befreier gekommen waren und dann als Zerstörer wüteten, um schließlich als Händler, Handwerker, Lehrer und Kaufleute zu bleiben. Die Jahre, in denen das Leid fast unerträglich wurde und er nicht mehr Mönch sein durfte. Alles veränderte sich, alles war vergänglich – das hatte der Buddha gelehrt. Und wie alle Veränderung und alles Vergehen war es mit Leiden verbunden und doch ein Teil des Lebens.

In diesem Augenblick sah Sonam Tsering eine Gruppe Pilger, die wie früher den Kora gingen und ihn, den Lama, ehrfürchtig grüßten. Er lächelte, und die gewohnte Heiterkeit erfüllte wieder sein Gemüt. Das, was zerstört worden war, war gestorben und wiedergeboren worden. Vielleicht würde auch das alte Tibet einst neu geboren werden; die Äußerlichkeiten andere, doch die Seele die alte. Die alten Traditionen lebten wieder auf, die Lehre Buddhas hatte sich in der ganzen Welt verbreitet, und der Dalai Lama belehrte die Menschen auf allen Kontinenten. Sonam Tsering musste an die alte Prophezeiung denken:

Wenn die Eisenvögel fliegen

und Pferde auf Rädern laufen

und der Befreier

zum Beherrscher wird,

wird das Dharma Tibet verlassen

und das Land der Rotgesichtigen erreichen.

Mittlerweile hatte der Lama den inneren Kreis Lhasas durchquert und gelangte nun in den Stadtteil, in dem einst die Adligen und nun die Reichen lebten. Schon konnte er das große Haus des Kaufmanns Dorjee Wangchuk erkennen. Im Gegensatz zur vorausgegangenen Woche, als er den Freund zum letzten Mal gesehen hatte und es feststand, dass dieser nicht mehr lange in diesem Leben verweilen sollte, wehten nun am Eingang, im Garten und an den Fenstern die traditionellen Gebetsfahnen. Offenbar waren die Verwandten gekommen. Dorjee selbst hätte sich wohl dagegen gewehrt, wenn er dazu noch in der Lage gewesen wäre. Der Lama wusste um den von alter Wut gespeisten Kampf gegen die alten Traditionen und die Religion im Geiste seines Freundes. Doch ebenso wusste er, dass es nie zu spät war, Zuflucht zur Lehre des Buddha zu nehmen und Befreiung zu erlangen. Das war die Essenz des Bardo Thödol, des »Totenbuches« – dass selbst der größte Sünder jederzeit die Möglichkeit habe, umzukehren und sich aus den Verstrickungen des Karma und aus dem Kreislauf von Geburt, Leiden, Tod und Wiedergeburt zu befreien.

Als der Lama sich dem Hause näherte, öffnete sich die schwere Holztür, und eine alte Frau verneigte sich ehrfürchtig und hieß ihn willkommen. Sie stellte sich als Tashima, die Schwester Dorjee Wangchuks, vor und bot ihm Tee und Speisen an. Der Lama spürte, dass es wenig Trost in diesem Haus bedurfte. Der Sterbende war nicht geliebt worden. Seine Verwandten kannte er kaum, und selbst mit seiner Schwester hatte er erst vor wenigen Jahren wieder Kontakt aufgenommen.

1940 – Der Beginn einer Freundschaft

Endlich, nach den langen kalten Monaten, trug der Himmel wieder Wärme und Blütenduft auf die Wiesen. Dorjee konnte sich kaum an die vorigen Sommer erinnern, die wenigen, die er erlebt hatte. Sie waren nicht viel mehr als ein wohliges spannendes Gefühl, kaum mehr als eine der Geschichten, die Vater oder dessen fast zahnlose Mutter, Dorjees Mola, am Winterfeuer erzählte. Kaum mehr und doch ein weniges mehr. Dorjee erinnerte sich an das Gefühl seiner nackten Füße auf dem weichen Gras, an das überwältigende Bild...


Long, Aljoscha
Aljoscha A. Long studierte Psychologie, Philosophie und Linguistik. Er ist als Autor, Komponist, Therapeut, Taijiquan- und Qigong-Lehrer tätig. Bekannt geworden ist er durch zahlreiche Publikationen und seine Seminartätigkeit in den Bereichen Psychologie und Philosophie. Er lebt mit seiner Frau, der chinesischen Heilerin Fei Long, in München und Guangzhou.

Schweppe, Ronald
Ronald P. Schweppe ist Orchestermusiker und Autor zahlreicher Bücher im Bereich Spiritualität und Lebenskunst. Ausbildung in NLP und MBSR (Stressbewältigung durch Achtsamkeit). Seit etwa 40 Jahren beschäftigt er sich praktisch und theoretisch mit fernöstlicher Philosophie und Zen-Buddhismus. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in München.



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