London / Weber | Menschen am Abgrund | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 228 Seiten

London / Weber Menschen am Abgrund

Vollständige Ausgabe mit sämtlichen Originalillustrationen
2. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7460-7611-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vollständige Ausgabe mit sämtlichen Originalillustrationen

E-Book, Deutsch, 228 Seiten

ISBN: 978-3-7460-7611-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nur 14 Jahre nach den Jack-the-Ripper-Morden verschlug es Jack London an den Schauplatz der damaligen Verbrechen - ins Londoner East End. In seiner Sozialreportage "Menschen am Abgrund" dokumentiert er seinen dortigen Undercover-Aufenthalt im Sommer 1902. Der junge Autor lebte unter dem gewöhnlichen Volk im berüchtigten Elendsviertel, kam in Arbeitshäusern unter oder schlief auf der Straße. Anschaulich schildert er die Armut und den zermürbenden Lebensalltag der Bewohner und lässt den Leser am Schicksal der Hunderttausenden von Menschen teilnehmen, die unter den härtesten Bedingungen im East End ihren täglichen Überlebenskampf ausfochten. Vollständiger Text, übersetzt von Maria Weber. Mit 80 Abbildungen von Originalfotografien.

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1. KAPITEL


DER ABSTIEG


Thomas Ashe.

ABER das kannst du doch nicht tun”, sagten Freunde, an die ich mich um Hilfe in der Angelegenheit wandte, ins Londoner East End herabzusteigen. „Du solltest besser die Polizei um einen Führer bitten”, fügten sie auf den zweiten Gedanken und im peinlichen Bemühen hinzu, sich auf die psychologischen Prozesse eines Verrückten einzustellen, dessen Empfehlungen offenbar besser waren als sein Geisteszustand.

„Aber ich will nicht zur Polizei gehen”, protestierte ich. „Was ich tun möchte, ist ins East End zu gehen und die Dinge mit meinen eigenen Augen zu sehen. Ich möchte wissen, wie diese Leute dort leben, warum sie dort leben und wofür sie leben. Kurz gesagt, ich will selbst dort leben.”

„Dort unten willst du nicht !”, sagten alle, und die Mißbilligung stand in ihren Gesichtern geschrieben. „Es heißt doch, daß es Orte gibt, wo das Leben eines Mannes keinen Schilling wert ist.”

„Genau die Orte, die ich sehen möchte”, unterbrach ich.

„Aber das geht doch nicht”, war die unfehlbare Erwiderung.

„Ich bin nicht zu euch gekommen, um das zu erfahren”, antwortete ich brüsk, etwas verärgert über ihr Unverständnis. „Ich bin hier fremd, und ich möchte, daß ihr mir erzählt, was ihr vom East End wißt, damit ich etwas habe, womit ich anfangen kann.”

„Aber wir wissen gar nichts über das East End. Es ist irgendwo da drüben.” Und sie schwenkten ihre Hände vage in die Richtung, in der man die Sonne in seltenen Fällen aufgehen sehen könnte.

„Dann werde ich zu Cook’s gehen”, verkündete ich.

„Oh ja”, sagten sie erleichtert. „Cook’s wird sicher etwas wissen.”

Aber bei O’ Cook, O’ Thomas Cook & Son, Reiseführer und Pfadfinder, lebende Wegweiser in aller Welt und Erste-Hilfe-Leistende für verwirrte Reisende – könnte man mich ohne Zögern und unverzüglich, mit Leichtigkeit und Schnelligkeit, in das dunkelste Afrika oder das innerste Tibet senden, doch zum Londoner East End, kaum einen Steinwurf vom Ludgate Circus entfernt, kennt man den Weg nicht!

„Aber das können Sie doch nicht tun”, sagte der lebende Katalog von Routen und Tarifen in Cook’s Niederlassung in Cheapside. „Es ist so – hm – so ungewöhnlich.“

„Konsultieren Sie die Polizei”, schloß er autoritär, als ich nicht lockerließ. „Wir sind es nicht gewohnt, Reisende ins East End zu bringen; wir erhalten nie die Bitte, jemanden dorthin zu bringen, und wir wissen auch gar nichts über den Ort.“

Dorset Street, Spitalfields.
Die übelste Straße in London.

„Macht nichts“, fiel ich ihm ins Wort, um mich davor zu bewahren, durch seine Flut von Verneinungen aus dem Büro gejagt zu werden. „Es gibt aber doch etwas, das Sie für mich tun können. Ich möchte, daß Sie im Voraus verstehen, was ich vorhabe, damit Sie mich im Falle von Schwierigkeiten identifizieren können.“

„Ach, ich verstehe! Sollten Sie ermordet werden, wären wir in der Lage, die Leiche zu identifizieren.“

Er sagte es so fröhlich und kaltblütig, daß ich in dem Augenblick meinen starren und verstümmelten Leichnam auf einer Platte liegen sah, wo ununterbrochen kühles Wasser rieselte, und ihn, wie er sich darüber beugte und ihn betrübt und ruhig als den Körper des verrückten Amerikaners identifizierte, der das East End sehen .

„Nein, nein“, antwortete ich; „bloß um mich zu identifizieren, falls ich mit den ‚Bobbies‘ aneinander gerate.“ Dieses letzte sagte ich mit einer gewissen Aufregung; ich begann wirklich schon die Volkssprache zu sprechen.

„Das“, sagte er, „ist eine Sache, die Sie mit dem Hauptbüro ausmachen müssen.“

„Es ist so unerhört, wissen Sie“, fügte er entschuldigend hinzu.

Der Mann im Hauptbüro druckste herum. „Wir haben es uns zur Regel gemacht“, erklärte er, „niemals irgendwelche Auskünfte über unsere Kunden zu geben.“

„Aber in diesem Fall“, drängte ich, „ist es der Kunde selbst, der Sie darum bittet, die Auskunft über sich zu geben.“

Wieder druckste er herum.

„Natürlich“, kam ich ihm hastig zuvor, „weiß ich, daß dies noch nie dagewesen ist, aber – “

„Wie ich gerade bemerken wollte“, fuhr er ruhig fort, „ist es noch nie dagewesen, und ich glaube nicht, daß wir etwas für Sie tun können.“

Ich ging also mit der Adresse eines Polizisten fort, der im East End wohnte, und begab mich zum amerikanischen Generalkonsul. Und hier fand ich endlich einen Mann, mit dem ich „Geschäfte machen” konnte. Da gab es kein Herumdrucksen, keine hochgezogenen Augenbrauen, ungläubiges Staunen oder leeres Gaffen. In einer Minute erklärte ich mich und mein Projekt, was er wie selbstverständlich hinnahm. In der nächsten Minute fragte er nach meinem Alter, Größe und Gewicht und musterte mich. Und in der dritten Minute, als wir uns beim Abschied die Hand gaben, sagte er: „In Ordnung, Jack. Ich werde mich an Sie erinnern und Sie im Auge behalten.“

Ich atmete erleichtert auf. Nachdem ich meine Taue gekappt hatte, konnte ich mich nun in diese menschliche Wildnis stürzen, von der niemand etwas zu wissen schien. Aber sogleich stieß ich auf eine neue Schwierigkeit in Gestalt meines Droschkenkutschers, einem graubärtigen und außerordentlich vornehm aussehenden Herrn, der mich mehrere Stunden lang unerschrocken durch die „City“ gefahren hatte.

„Fahren Sie mich zum East End runter“, wies ich ihn an und setzte mich.

„Wohin, Sir?“, fragte er mit unverhohlenem Erstaunen.

„Ins East End, egal wohin. Fahren Sie zu.“

Der Einspänner verfolgte einige Minuten einen ziellosen Weg, dann kam er zu einem verwirrten Halt. Die Öffnung über meinem Kopf wurde aufgedeckt, und der Kutscher blickte mich ratlos an.

„Ich wollte fragen“, sagte er, „wohin Sie wollen, zu welchem Ort wollen Sie denn?“

„East End“, wiederholte ich. „An keinen bestimmten Ort. Fahren Sie mich einfach überall herum.“

„Aber wie ist die Adresse, Sir?“

„Genug!“, donnerte ich. „Fahren Sie mich hinunter zum East End und zwar sofort!“

Nirgends in den Straßen Londons
kann man dem Anblick bitterster Armut entkommen.

Es war offensichtlich, daß er nicht verstand, aber er zog seinen Kopf zurück, und trieb mürrisch sein Pferd an.

Nirgends in den Straßen Londons kann man dem Anblick bitterster Armut entkommen, denn fünf Minuten zu Fuß von fast jedem Punkt bringen einen in ein Armenviertel; doch die Gegend, in die mein Kutscher nun eindrang, war ein nicht enden wollender Slum.

Ein Blick in die Petticoat Lane.

Die Straßen waren mit einer neuen und andersartigen Rasse von Menschen angefüllt, klein von Statur und von erbärmlichem oder von Bier durchtränktem Aussehen. Wir rollten durch Meilen von Ziegelmauern und Schmutz, und von jeder Querstraße und Gasse blitzten lange Aussichten von Ziegelmauern und Elend auf. Hier und dort taumelte ein betrunkener Mann oder eine betrunkene Frau herum, und überall ertönten schrilles Gezänk und Geschrei. Auf einem Markt suchten tattrige Männer und Frauen in dem im Matsch herumliegenden Müll nach verrotteten Kartoffeln, Bohnen und Gemüse, während kleine Kinder sich wie Fliegen um eine vergammelnde Masse von Früchten scharten, ihre Arme bis zu den Schultern in die flüssige Verderbnis stießen, und halb zerfallene Brocken daraus hervorzogen, die sie an Ort und Stelle verschlangen.

Tattrige alte Männer und Frauen
durchsuchten den im Matsch herumliegenden Müll.

Nicht eine Droschke begegnete mir während meiner ganzen Fahrt, während die meine wie eine Erscheinung aus einer anderen und besseren Welt zu sein schien, so wie die Kinder hinter und neben ihr herliefen. Und soweit ich blicken konnte, waren die massiven Ziegelmauern, die schmierigen Bürgersteige und die von Schreien erfüllten Straßen; und zum erstenmal in meinem Leben empfand ich Angst vor der Menge. Es war wie die Angst vor dem Meer; und die elenden Massen, Straße um Straße, erschienen mir wie die Wellen eines ausgedehnten und übelriechenden Meeres, das an mich brandete und anzuschwellen und mich unter sich zu begraben drohte.

„Stepney, Sir; Stepney Station“, rief der Kutscher.

Ich sah mich um. Es war wirklich ein Bahnhof, und er war verzweifelt dahin getrieben worden, an den einzigen vertrauten Ort, von dem er je in dieser ganzen Wildnis gehört...



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