London | Ein Sohn der Sonne | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 220 Seiten

London Ein Sohn der Sonne


1. Auflage 2018
ISBN: 978-80-268-8454-5
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-80-268-8454-5
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Ein Sohn der Sonne' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Eine Stunde vor Sonnenaufgang zog die Wonder an der kleinen Bucht vorbei. Der Wind hatte aufgefrischt, und die See wurde bewegt. Die Sandbänke dicht vor der Küste waren schon weiß vor Schaum, die draußen liegenden zeichneten sich durch die Färbung des Wassers ab. Während der Schoner in den Wind ging und Klüver und Stag braßte, wurde das Walboot ausgeschwungen. Sechs fast nackte Santa-Cruz-Leute sprangen hinein, jeder mit einer Büchse bewaffnet.'

Jack London (1876-1916) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Er erlangte vor allem Bekanntheit durch seine Abenteuerromane Ruf der Wildnis und Wolfsblut sowie durch den mehrfach verfilmten Abenteuerroman Der Seewolf und den autobiographisch beeinflussten Roman Martin Eden. Diese Werke geben gleichzeitig eine Übersicht über die geographischen Räume, die er kannte: den arktischen Norden Nordamerikas (Klondike) zur Zeit des Goldrausches, Kalifornien und den Pazifik bzw. die Seefahrt auf diesem Ozean.
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Zweites Kapitel


Jacobsen beobachtete das Kanu, das um das Riff herumkam und sich dem Eingang der Durchfahrt näherte. Mit Tintenflecken an Daumen und Zeigefinger erschien Griffiths wieder an Deck. Eine Viertelstunde später lag das Kanu längsseits. Der Mann mit dem Sombrero stand auf.

»Hallo, Griffiths!« rief er. »Hallo, Jacobsen!« Die Hände auf der Reling, wandte er sich an seine dunkelfarbige Mannschaft. »Ihr fella Jungens bleiben im Kanu allzusammen.«

Mit katzenartiger Geschwindigkeit schwang er seinen scheinbar schweren Körper über die Reling an Deck. Gleich den beiden andern Weißen war er nur spärlich bekleidet. Das billige Hemd und der Lendenschurz konnten den wohlgebauten Körper nicht verbergen. Seine Muskeln waren gut entwickelt, ohne doch massig und knotig hervorzuspringen. Sie spielten sanft gerundet unter der weichen, gebräunten Haut. Sonnenglut hatte sein Gesicht gebräunt, bis es dunkel wie das eines Spaniers war. In diesem dunklen Gesicht wirkte der blonde Bart seltsam, während die blauen Augen etwas Schreckeinflößendes hatten. Man konnte sich schwer vorstellen, daß die Haut dieses Mannes einmal weiß gewesen war.

»Wo hat der Wind Sie hergetrieben?« fragte Griffiths, als sie sich die Hände schüttelten. »Ich glaubte, Sie seien bei Santa Cruz.«

»Da waren wir auch«, antwortete der andre. »Aber wir kamen schnell vorwärts, und jetzt liegt die Wonder eben hier in der Gooma-Bucht und wartet auf Wind. Ein paar Buschleute erzählten mir, daß ein Kutter hier läge, und da kam ich, um nachzusehen. Nun, wie steht's?«

»Mäßig. Die Kopraschuppen sind beinahe leer, und es ist kein halbes Dutzend Tonnen Elfenbeinnüsse aufzutreiben. Alle Frauen hatten Fieber und rückten aus, und die Männer können sie nicht in die Sümpfe zurücktreiben. Es ist das reine Elend. Ich würde Sie bitten, ein Gläschen mit mir zu trinken, aber der Steuermann hat meine letzte Flasche ausgetrunken. Ich flehe zum Himmel um ein bißchen Wind.«

Grief blickte mit großem Gleichmut von einem zum andern und lachte.

»Ich freue mich,« sagte er, »daß die Windstille so lange anhielt. Das hat es mir ermöglicht, Sie zu besuchen. Mein Superkargo hatte noch eine kleine Rechnung für Sie, und ich habe sie mitgebracht.« Der Steuermann blickte diskret zur Seite und überließ es seinem Schiffer, wie er sich herausbeißen wollte.

»Es tut mir leid, Grief, tut mir verdammt leid,« sagte Griffiths, »aber ich kann nicht; Sie müssen mir noch etwas Zeit lassen.«

Grief lehnte sich gegen das Treppengeländer; unangenehme Überraschung malte sich auf seinen Zügen.

»Es ist doch wirklich toll,« meinte er, »wie die Leute auf den Salomons das Lügen lernen. Man kann ihnen aber auch nichts mehr glauben. Sie kennen doch Kapitän Jensen. Ich hätte auf seine Wahrheitsliebe geschworen. Und da erzählte er mir – es ist erst fünf Tage her – soll ich Ihnen sagen, was er mir erzählte?«

Griffiths fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Lassen Sie hören.«

»Nun, er erzählte mir, daß Sie ausverkauft hätten – alles ausverkauft, aufgeräumt, und daß Sie jetzt unterwegs nach den Neuen Hebriden wären.«

»Er ist ein verdammter Lügner!« rief Griffiths wütend.

Grief nickte: »Ja, das scheint mir auch. Er hatte sogar die Stirn, mir zu erzählen, daß er zwei Ihrer Stationen – Mauri und Kahula – von Ihnen gekauft hätte. Sagte, er habe Ihnen siebzehnhundert Sovereigns in Gold bezahlt für Lagerschuppen und Fässer, Waren, Kredit und Kopra.«

Griffiths Augen zogen sich blitzend zusammen. Er wußte es selber nicht, aber Grief beobachtete ihn. »Und Parsons, Ihr Aufkäufer in Hickimavi, erzählte, daß die Fulcrum Kompanie diese Station von Ihnen gekauft hätte. Wieso lügt der nun auch?« Überreizt von Sonne und Krankheit, brach Griffiths jetzt los. Die ganze Bitterkeit seines Herzens trat in sein Gesicht und verzog seinen Mund zu einem Knurren.

»Sagen Sie, Grief, was für einen Sinn hat es, mir so zuzusetzen? Sie wissen ebensogut Bescheid wie ich, was sollen wir uns weiter vormachen? Ich habe ausverkauft und gehe fort, und Sie können mich nicht daran hindern.«

Grief zuckte die Achseln, und auf seinen Zügen zeigte sich auch nicht der Schatten eines Entschlusses. Er sah eher aus wie ein Mann, der sich in Verlegenheit befindet.

»Hier gilt kein Gesetz«, bemerkte Griffiths, um sein Übergewicht zu betonen. »Tulagi ist hundertfünfzig Meilen entfernt. Ich habe meine Zollscheine in Ordnung, bin hier auf meinem eignen Schiff. Nichts kann mich hindern, abzufahren. Sie haben kein Recht, mich zurückzuhalten, nur weil ich Ihnen ein bißchen Geld schulde. Und bei Gott, Sie können mich gar nicht halten! Machen Sie sich das mal klar!«

Der Ausdruck schmerzlicher Überraschung auf Griefs Gesicht vertiefte sich. »Also, Sie wollen mich um die zwölfhundert bringen, Griffiths?«

»Ja, soviel macht es wohl gerade, Alter. Und schimpfen hat gar keinen Zweck. Jetzt kommt der Wind auf. Es ist am besten, wenn Sie machen, daß Sie von Bord kommen, sonst könnte Ihr Kanu leicht kentern.«

»Wirklich, ich muß Ihnen recht geben, Griffiths. Ich kann Sie nicht halten.« Grief suchte in der Tasche, die über seinem Revolvergurt hing, und zog ein zerknittertes Papier heraus. »Aber das kann Sie vielleicht halten. Jetzt können Sie sich das mal klar machen. Bitte!«

»Was heißt das?«

»Ein Vollstreckungsbefehl der Admiralität. Eine Flucht nach den Neuen Hebriden würde Sie nicht retten. Dies hat überall Gültigkeit.«

Griffiths zauderte. Er prüfte das Dokument und schluckte seine Wut herunter. Mit hochgezogenen Brauen erwog er die neue Phase der Situation. Dann hob er plötzlich den Kopf, und jetzt drückte sein Gesicht volle Offenheit aus.

»Sie sind klüger, als ich dachte, Alter«, sagte er. »Sie haben mich fest am Kragen. Ich hätte Sie besser kennen sollen, ehe ich den Versuch machte, Sie zu prellen. Jacobsen sagte gleich, daß ich es nicht könnte, aber ich wollte nicht hören. Er hat recht behalten – und Sie auch. Ich habe das Geld unten. Kommen Sie mit, dann bringen wir's in Ordnung.« Er schickte sich an, hinunterzugehen, und trat beiseite, um seinem Besucher den Vortritt zu lassen. Gleichzeitig blickte er über das Wasser nach einer dunklen Wolke, wo das Meer jetzt in Bewegung kam. »Holen Sie ein!« sagte er zum Steuermann. »Setzen Sie die Segel, und machen Sie alles klar.«

Als Grief sich auf die Kante der Koje vom Steuermann ganz dicht vor den winzigen Tisch setzte, bemerkte er einen Revolver, dessen Kolben unter den Kissen hervorlugte. Auf der Tischplatte, die an Scharnieren von der Decke herabhing, befanden sich Tinte und Feder sowie ein abgenutztes Logbuch. »Wissen Sie, ich nehme es nicht so genau mit einem schmutzigen Streich«, begann Griffiths verächtlich. »Ich bin zu lange in den Tropen gewesen. Ich bin ein kranker, ein verdammt kranker Mann. Und Whisky, Sonne und Fieber haben mich auch moralisch krank gemacht. Nichts ist zu gemein und zu niedrig für mich. Ich kann gut begreifen, wenn die Nigger sich gegenseitig auffressen, die Köpfe rauben und dergleichen mehr. Ich könnte es auch. Und wenn ich Sie um den kleinen Betrag gebracht hätte, so würde ich es als einen hübschen Trick angesehen haben. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nichts zu trinken anbieten kann.«

Grief antwortete nicht, und der andre machte sich geschäftig daran, eine große, verbeulte Schatulle aufzuschließen. Von Deck erklangen das Schreien von Fistelstimmen und das Knarren und Rasseln der Blöcke, da die schwarze Mannschaft jetzt Großsegel und Besan setzte. Grief beobachtete eine große Küchenschwabe, die über die gestrichene Holzbekleidung lief. Mit einem gereizten Fluch trug Griffiths die Schatulle zur Treppe, um besser sehen zu können. Er neigte sich, seinem Besucher den Rücken zukehrend, über die Schatulle. Plötzlich streckte er die Hand nach der an die Treppe gelehnten Büchse aus und drehte sich schnell um.

»Rühren Sie sich nicht vom Fleck!« kommandierte er. Grief lächelte, hob spöttisch die Augenbrauen und gehorchte. Seine Linke ruhte auf der Koje neben ihm, während seine Rechte auf dem Tische lag. Sein Revolver hing offen an der rechten Hüfte. Aber seine Gedanken flogen zu dem andern Revolver unter dem Kissen.

»Huh!« höhnte Griffiths. »Jeden auf den Salomons haben Sie hypnotisiert, aber mich haben Sie doch nicht gekriegt. Jetzt werde ich Sie samt Ihrem Vollstreckungsbefehl von meinem Schiff herunterwerfen – das heißt, sobald Sie getan haben, was ich von Ihnen verlange. Heben Sie das Logbuch auf ... Ich habe Ihnen gesagt, Grief, daß ich ein kranker Mann bin; ich würde Sie niederschießen, wie ich eine Schabe zerquetsche. Heben Sie das Logbuch auf, sage ich.«

Krank sah er wirklich aus; sein mageres Gesicht arbeitete nervös, so groß war die Wut, die ihn beherrschte. Grief hob das Buch auf und legte es beiseite. Es lag das beschriebene Blatt eines Briefblocks darunter.

»Lesen Sie«, befahl Griffiths. »Lesen Sie laut.«

Grief gehorchte; während er las, begannen sich jedoch die Finger seiner Linken unendlich langsam und geduldig nach dem Revolverkolben unter dem Kissen zu bewegen.

Er las: »An Bord des Kutters Willi-Waw, Bombi-Bucht, Anna-Insel, Salomon-Archipel. Hiermit erkläre ich, mein volles Guthaben, welcher Art es immer sei, von Harrison J. Griffiths mit zwölfe hundert Pfund Sterling heute erhalten zu haben.«

»Wenn ich diesen Wisch in der Hand habe,« grinste Griffiths, »ist Ihr Vollstreckungsbefehl von...



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