Löhle | Bible Bad Ass | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm, Gewicht: 415 g

Löhle Bible Bad Ass

Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7011-8337-1
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm, Gewicht: 415 g

ISBN: 978-3-7011-8337-1
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hier kommt der Chat mit den Frauen, die aus der Bibel gestrichen wurden

Klara hat die Schnauze voll. Ihre Arbeit als Redakteurin eines sogenannten Frauenmagazins, der allgegenwärtige Sexismus des Chefredakteurs, die Erwartungen ihres Boyfriends und die miserable Situation von Frauen überall auf der Welt bringen sie an den Rand eines feministischen Burn-Outs. Als sie den Auftrag bekommt, eine Story über eine motorradfahrende Pastorin zu schreiben, führt die Recherche sie zu biblischen Frauenfiguren, von denen sie noch nie gehört hat. Wie sehr es doch mit den herrschenden Geschlechterverhältnissen zu tun hat, wie Geschichten von Frauen erzählt und überliefert werden! Während Klara die Story aufschreibt, melden sich immer mehr unbekannte Nummern auf ihrem Smartphone, die sie zu einer Gruppe namens »Bible Bad Ass« einladen. Sie nennen sich Magdalena, Maria, Ruth, Lilith, … – was, zur Hölle, ist hier los? Bible Bad Ass ist eine Abrechnung mit den Lügen der Kirchenväter und der Anfang einer Vertöchterung. Ein hartes, smartes und durch und durch popkulturelles Debüt. Erste Auflage in Sonderausstaung mit Motivfarbschnitt Feministische Ikonen aus biblischen Zeiten melden sich per Chat zu Wort. Das furiose Debüt einer deutschen Journalistin.
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Konfrommtation


Am Abend bin ich bei Barbara eingeladen. Meine beste Freundin kennt mein PMS-Monster und dennoch hat sie uns beide gebeten zu kommen. Es gibt News. Während ich meinen Computer runterfahre, gehe ich die Szenarien im Kopf durch, weswegen sie mich heute Abend unverhandelbar sehen will – so habe ich jedenfalls das Richter-Emoji mit dem Hammer in der WhatsApp-Nachricht gedeutet. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir vorstelle, dass sie schwanger sein könnte. An brenzligen Tagen entwaffne ich schießfreudig immer gleich, wenn mir andere Leute Baby-News unterstellen, sobald ich etwas verkünden will, keinen Alkohol auf der Party trinke oder einfach viel gefressen habe: Klack, Klack. Ich schäme mich für den kurzen Gedanken in Barbaras Richtung und zwinge meinen Kopf, mir meine Freundin als neu aufgestellte Kommunalpolitikerin vorzustellen. Barbara for President?

Als sie die Tür aufmacht, schmettert mir Beyoncé entgegen. Barbara und ich umarmen uns an der Schwelle, dann beginnt sie seltsam herumzufuchteln. Mit beiden Händen in der Luft tanzt sie und ruft mir entgegen, wie sehr sie sich freut, mich zu sehen. Und da entdecke ich ihn, den Klunker am Ringfinger und verstehe den Wink mit dem ollen Queen-B-Zaunfall: «Cause if you like it, then you shoulda put a ring on it.» Barbara ist verlobt. He put a ring on it. He put a ring on her. Seins. Wir drücken uns nochmal und ich versuche, hinter ihrem Rücken mein Gesicht in Ordnung zu bringen. Lautlos forme ich mit den Lippen: «Kommunalpolitikerin, Kommunalpolitikerin, Kommunalpolitikerin.» Sie soll nicht merken, dass mir die Furcht vor der Rückschrittlichkeit einer Hochzeit und ehelicher Unterordnung auf die Stirn geschrieben steht. Mein Gesicht freut sich schließlich mit ihr und wir machen erstmal eine Flasche Rotwein auf, damit sie mir alles erzählen kann. Barbara will Jonas’ Nachnamen annehmen. Es stellt sich heraus, dass sie sowieso gerade viel traditioneller eingestellt ist, als sie dachte. Sie sei froh, dass ihr Freund den Antrag gemacht habe, dabei auf die Knie gegangen sei und auch die Brautübergabe vom Vater an den Bräutigam in der Katholischen Kirche könne sie sich super sweet vorstellen. Den letzten Schluck Wein verschlucke ich. Hustenanfall – was eine Verschwendung der guten Traube. Hat sie gerade Kirche gesagt?

Ich kann gar nicht so viele Hostien essen, wie ich kotzen will. Als mich Barbara fragt, ob ich ihre Trauzeugin werde, wird mir heiß und kalt. Sie kennt meine Einstellung gegenüber der Kirche. Kirche als Institution steht bei mir auf der Shit-List weit über Periodenshaming oder Mansplaining. Ich schütte das Glas vor mir diesmal randvoll. «Du wirst schon nicht zur Salzsäule erstarren, wenn du in der Kirche neben mir stehst, obwohl du ausgetreten bist», sagt sie. In ihrer Stimme höre ich die Enttäuschung darüber, dass ich ihr für dieses Vorhaben nicht die gewohnte Cheerleaderin sein kann. 3, 2, 1, Kirchen-Gleichberechtigungsdebatte meins. «Angelina Jolie und Brad Pitt haben erst geheiratet, als die Ehe für Homosexuelle in Kalifornien erlaubt war, und ich werde erst wieder einen Fuß in die katholische Kirche setzen, wenn Frauen Priesterinnen werden dürfen!» Barbara blickt gelangweilt drein. Wir sind seit der achten Klasse beste Freundinnen. Sie weiß, dass ich als Kind sogar Ministrantin war. Dass ich es eigentlich liebte, in der Kirche meinen Kopf in den Nacken zu legen und mich im bemalten Himmel zu verlieren. Doch als Mini-Me verstanden hatte, dass es allein aufgrund meines Geschlechts für mich niemals nach ganz oben auf die Kanzel gehen würde, war ich raus. Nicht, dass ich jemals von der Ordination geträumt hätte, aber da geht’s mir ums Prinzip. Ganz offiziell ausgetreten bin ich sofort, als mein erster Gehaltszettel 64 Euro im Monat für eine Kirche forderte, die nicht zu meinem heiligen Zeitgeist passte. Diesen Männerclub musste ich ja wohl nicht auch noch unterstützen.

Barbara zahlt immer noch, jetzt weiß ich auch, wofür. Um dazuzugehören, um daran zu glauben, dass sie ihre Mutter eines Tages wieder in die Arme schließen kann. Barbaras Mama ist vor zehn Jahren gestorben, und in der Trauer hat ihr der Seelsorger der Kirche sehr geholfen. Auch wenn sie sonst auch nie, wirklich nie, nie, in die Kirche geht, ist das Barbaras persönliches Totschlagargument pro Gotteshaus, wenn ich ansetze mit den Kreuzzügen, der Inquisition, den Hexenverbrennungen, dem Ablasshandel oder sexuellem Missbrauch ? Contra-Kirchen-Standard halt. Sie gießt sich nach. Mehr Traube, mehr Glaube: «Ich werde in einer alten Klosterkapelle heiraten. So wie meine Eltern vor dreißig Jahren. Ist das nicht romantisch?» Ich verdrehe die Augen. Natürlich werde ich ihre Trauzeugin sein. Auch wenn sich für mich eine Hochzeit in der katholischen Kirche so unsinnig anfühlt wie Menstruationstassen beim Männerstammtisch in unserem Heimatdorf. Bei dem Thema sehe ich blutrot, heute auch weinrot. Oder Rotwein. Da spielt einfach so viel rein: Menschenverstand, Wissenschaft, Geschichtsbücher, die Tagesschau.

Leicht angesoffen sitze ich in der U-Bahn nach Hause, der gelbe Wagen ist gruselig bestückt. Gegenüber von mir sitzt einer, die Knie so weit auseinander, dass ich meine innere Ambivalenz verkörpert sehe. Freie Sicht auf mein Problem: diese männliche Dominanz in fucking allem. In der katholischen Kirche sowieso. Jetzt auch im Nachnamen meiner besten Freundin: Hermann.

Plötzlich fällt mir das Werbeposter gegenüber auf, direkt über dem Kopf des Typs: «Jeden dritten Tag stirbt eine Frau in Deutschland durch die Gewalt eines Mannes. Hilfetelefon ‹Gewalt gegen Frauen› 116 016. www.hilfetelefon.de». Ich hole das Handy aus der Hosentasche, damit sich mein Blick nicht mit einem anderen trifft. Dass meine Augen niemanden einladen oder abfucken. «Sei vorsichtig auf dem Heimweg. Ich geh schlafen. Kuss», schreibt Noah. Nachdem ich die Nachricht mit einem Herz markiere, navigiert mich mein Daumen Richtung Instagram und schiebt lieblos Bilder nach unten. Bis mir einfällt, dass ich Martin morgen irgendwas abliefern muss. Raute unser, bring mir ein Thema für Martin, Amen. Weil das Gespräch von eben so nachhallt, versuche ich es mit #newchurch. 68.737 Einträge. Darunter findet sich alles: Werbefotos fürs Glaubensbekenntnis, fürs leuchtende Umdenken oder fürs Bordell. Als ich schon aus der seltsamen Nummer aussteigen will, entdecke ich ein Posting einer evangelischen Pfarrerin, das mich neugierig macht. Sie posiert in der Dusche mit Kippe im Mund und dokumentiert Bild für Bild, wie sie ihren Talar auszieht. Gespeichert.

Die Postings auf Anninas Insta-Account sind vermutlich ein Grund für das, was mein Unterbewusstsein heute Nacht abspielt. Während ich meinen süß röchelnden Lieblingsmann anlöffle, ist mein Traum schon fast Stoff für das Intro eines Ästhetik-Porno à la Erika Lust: Dort, wo sich sonst der manngesteuerte Gottesdienst abspielt, läuft meine Studio-54-Göttinnen-Fantasie. Discokugeln schmücken den Weg zum Altar, an Stelle von Kirchenbänken gibt es Rollschuhbahnen, und ganz vorn hängt kein angenagelter Jesus, sondern eine überdimensionale Vulva. Über der Eingangstür leuchtet in pinker Neonschrift: «Cheri K.» Ich sehe Rundungen, nackte Haut, weiche Bewegungen. Manche sind nackt, andere sehen aus, als stünde ihr Kleiderschrank auf einem Regenbogen. Alles ist ganz selbstverständlich. Nicht nur die Outfits, auch die Wesen darin sind vielfältig und bunt. Ein Haus voller Göttinnen, die skaten, tanzen, reden, weinen, sich berühren, sich stark fühlen, die sexy, schlau und miteinander verbunden sind. Hier darf alles sein. Cheri K. feiert die Weiblichkeit. Cheri K. ist Liebe.

Der Slogan ist so kitschig, dass er mir auch nach dem Aufwachen noch im Kopf bleibt. «Cheri K.», schreibe ich mir direkt in die iPhone-Notizen zu den anderen wirren Träumen und Geistesblitzen für Headlines und Artikel, die ich nicht vergessen will. Props an mein Unterbewusstsein. Cheri K. – hört sich irgendwie puffig an, könnte aber auch ein Track von Nicki Minaj oder Lizzo sein. Die Vorstellung, dass die Kirche ein Ort ist, in dem ich meine Weiblichkeit und meine Sexualität mit anderen Frauen feiern darf, gibt mir ein Gefühl, das ich nur schwer fühlen und noch weniger beschreiben kann. Wenn Kirche für mich für gewöhnlich ein fest verschnürtes Päckchen aus der Vergangenheit darstellt, ist der Gedanke an eine heiße, queere Kirche neu, weit und fließend. Das macht was mit mir. Und sicher auch mit anderen, also ist die arschcoole Pfarrerin als Reportthema für mich gebongt. Kurzes Hell-Yeah, dann doch wieder Hell-No. Meine Hormone schunkeln mit meiner Laune außer Takt. Das merke ich, während ich mich aufrichte und einen Fuß nach dem anderen auf den Flokati setze. Ich habe das Gefühl, mein Uterus verdreht permanent die Augen. Mich nervt gerade, dass mein Freund und ich zwar zusammenwohnen, aber im Moment eher...


Löhle, Edith
Edith Löhle ist Journalistin und Autorin. Nachdem sie über zehn Jahre für Lifestyle-Medien arbeitete, zuletzt als Chefredakteurin der deutschen NYLON und des BLONDE Magazins, drehen sich ihre Arbeiten heute um soziale Gerechtigkeit. Als Autorin der ZDFDoku »Digital Empire: Programmierte Ungerechtigkeit« war sie 2022 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Außerdem gründete sie HeyNana.de, die Oma-Plattform für den Generationendialog. »Bible Bad Ass« ist ihr literarisches Debüt.



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