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E-Book

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Löffelbein Besucher

Eine unzuverlässige Erzählung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-945431-11-5
Verlag: kladdebuchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine unzuverlässige Erzählung

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-945431-11-5
Verlag: kladdebuchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Thomas beschließt sich umzubringen. Doch bevor er sich aus seinem Fenster stürzen kann, steht plötzlich ein Fremder in seiner Wohnung und bietet seine seltsame Hilfe an: Thomas soll jemanden töten, um sich zu helfen. Thomas lehnt das Angebot ab und versucht seinen Alltag aufrechtzuerhalten. Doch der Fremde dringt immer mehr in sein Leben ein und die Welt scheint zu zerfallen. Eine seltsame lyrische Erzählung, die sich traut, verstörend und unzuverlässig zu sein.

Jonathan Löffelbein wurde am 29. August 1991 in Freiburg im Breisgau geboren. Nach erfolgreichem Abitur, bei dem er mit dem Scheffel-Preis für besondere Leistungen in Deutsch ausgezeichnet wurde, absolvierte er einen internationalen Friedensdienst in Belfast, Nordirland. Danach kehrte er zurück in seine Heimatstadt, in der er momentan deutsche Sprach- und Literaturwissenschaften, sowie Psychologie studiert. Seit seinem neunten Lebensjahr steht Jonathan Löffelbein auf allen möglichen Bühnen. Mal als Musiker, mal als Schauspieler, mal als Rezitator fremder oder eigener Texte. 'Besucher' ist sein Debüt. Zur Zeit arbeitet er an seinem zweiten Buch und an mehreren Dramen.
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1.
TAG,
MOR
GEN


Thomas erwachte. Das Erste, was er sah, war Dreck. Oder auch Schlamm. War es Schmutz? Jedenfalls – der Unrat blickte ihn an. Erst nach ein paar Minuten wurde ihm klar, dass er gar keinen Dreck betrachtete. Er blickte in ein Augenpaar. Dass es solch eine eklige Augenfarbe überhaupt gab? Es war klar: Die Augen gehörten dem Fremden. Dieser hatte sich über ihn gebeugt und lächelte. Und auch wenn Thomas allein schon der Anblick der Augen ekelte, so konnte er doch den Blick nicht abwenden. Er blickte ihm tief in den Unrat seiner Augenhöhlen. Und der Eindringling blickte zurück. Stumm.

Mit stechender Stirn wandte er den Blick ab. Langsam richtete er sich auf. Seine Schläfen durchzuckte ein beißender Blitz. Eine plötzliche, noch nie gefühlte Übelkeit durchdrang seinen Körper. Ein seltsamer Druck bildete sich in seinem Hals. Eine heiße, klebrige Flüssigkeit suchte ihren Weg die Speiseröhre hinauf. Thomas konnte dem Druck nicht länger standhalten und schließlich, unter ständigem Zucken und Schnaufen, erbrach er sich auf seinen zweimal geputzten Boden.

»Wo-ho-ho! Okay! Das ist eklig!«, rief der Eindringling und sprang einen Schritt zurück. »Pass auf meinen Anzug auf!«

Thomas saß gekrümmt auf dem Boden, hielt sich seinen glühenden Magen und spuckte angewidert die letzten schleimigen Reste des Erbrochenen aus seinem Mund.

»Na schön … Komm, steh auf«, sagte der Fremde und streckte Thomas seine Hand mitsamt seinem charmantem Lächeln entgegen. Thomas zögerte. Er war sich nicht sicher, ob er diesem Mann trauen konnte. Es war immerhin nicht die normalste Sache der Welt, plötzlich einen Fremden in seiner Wohnung vorzufinden, wobei man sich doch gerade hatte umbringen wollen. Und dann fiel man auch noch in Ohnmacht! Thomas fühlte sich peinlich berührt.

»Mach dir nix draus«, winkte der Mann ab, als könne er Gedanken lesen. »So eine kleine Ohnmacht ist schon den Besten passiert. Nimm’s als Neustart«, und nach einer kleinen Pause setzte er hinzu: »Willkommen in deiner neuen Welt!«

Thomas war verwirrt. Einfach nur verwirrt. Ja, durchaus verwirrt. Verwirrt war das richtige Wort. Und obwohl er recht oft verwirrt war, weil er an sich nicht alles begriff und erkannte, so stellte dieser Grad von Verwirrtheit doch einen besonderen dar.

»Aber keine Angst. Ich will dir nur helfen. Komm, nimm meine Hand«, sprach der Fremde plötzlich und streckte Thomas seine Klaue entgegen.

Thomas starrte verunsichert auf die kräftigen Finger, doch schließlich ergriff er sie.

»Na also, geht doch!«, lachte der Helfer und Thomas ertappte sich dabei, wie er selbst in ein, ihm im Nachhinein peinliches, albernes Glucksen verfiel.

Was war denn gerade mit ihm los?! Am liebsten hätte er sich jetzt ins Bett gelegt und geschlafen, ganze drei Tage durch. Er fühlte sich schlapp, überanstrengt und war immer noch sehr wacklig auf seinen Beinen. Doch bevor er irgendetwas sagen, geschweige denn tun konnte, klopfte der Eindringling ihm freundschaftlich auf die Schulter, zog mit einer einzigen elegant-geschmeidigen Bewegung einen Stuhl heran, presste Thomas sanft auf diesen und begann vor ihm auf und ab zu gehen.

Thomas wusste gar nicht, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Er war müde und alles so leid, dass er entschied, es sei das Beste, diese komische Situation einfach über sich ergehen zu lassen.

»Mir ist zu Ohren gekommen«, begann der Fremde, »dass du in deinem Leben ein paar – hm – nennen wir es mal ›Problemchen‹ hast. Ich denke, diese Tatsache lässt sich mehr als leicht aus deinem wohl eher erbärmlichen Selbstmordversuch ableiten. Nebenbei gesagt: Du wärst niemals gesprungen. Dafür hast du nicht die Eier. Ha, du bist sogar zu feige, dich vor dem Leben zu drücken!«

Thomas wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er wollte widersprechen, sagen, dass er sehr wohl ein Aktiver, ein Handelnder, ja, ein regelrechter Mann der Tat war, aber ehe er den Mund aufmachen konnte, hatte er es sich schon anders überlegt und schwieg.

Der Eindringling fuhr fort: »Ich möchte deine Probleme jetzt nicht vertiefen; dazu werden wir schon noch kommen, aber ich möchte dich eins wissen lassen: Ich bin nur hier, um zu helfen. Das mal im Voraus.«

Thomas fiel, trotz der Tatsache, dass er sich alles andere als wohl fühlte, sofort auf, dass der Mann den letzten Satz erstaunlich warmherzig gesagt hatte und ihn in seinen sanften Blick eingefasst hatte. Was genau das alles sollte, konnte er aber nicht sagen. Er merkte jedoch, je länger dieser Mann in Schwarz redete, desto ruhiger wurde er und manchmal ertappte er sich beim Nicken, obwohl er gar nicht richtig zugehört hatte. Ab und zu hätte er fast ein zustimmendes »Ja« reingerufen. Seine Ohren aber erfassten nur einzelne Phrasen, die sofort verhallten und keinerlei Spuren in seinem Gedächtnis hinterließen. Was hatte der da gerade gesagt? Ach, es war doch egal; es hatte doch gar keinen Zweck; er war müde … In seinem Kopf wurde es still. Und er begann sich von den Worten des Besuchers berieseln zu lassen.

Nach einer kurzen Pause, in der der Eindringling Thomas seltsam beäugte, fuhr der Anzugträger mit seinem Monolog fort:

»Wie du siehst, bin ich nicht hier, um dich zu irgendwas zu zwingen. Es wird hier keinen Vertrag oder Wette oder Pakt oder sonst was geben. Ich werde dir nichts aufschwatzen, was du nicht willst. Ich werde dir einfach helfen, dein beschissenes Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Und da hast du keine Wahl.

Versteh mich nicht falsch, ich habe Spaß mit euch Menschen. Ihr seid ein klasse Spielzeug, aber heutzutage ist alles ein bisschen anders. Jeder noch so dumme Fettsack hält sich plötzlich für einen Antihelden oder Künstler. Und dabei ist er meistens einfach nur ein weinerliches Arschloch. Ja, ja … Die Medien haben alles ein bisschen schwerer für mich gemacht …«

Thomas hatte keine Ahnung, von was dieser Kerl redete, und er achtete auch nicht besonders auf das Gesagte. Der ganze Morgen hatte ihn viel zu sehr mitgenommen.

»Apfel?«, fragte der Hässliche und riss Thomas aus seiner Trance. Er hielt ihm eine glänzende, rote Frucht unter die Nase.

Thomas zögerte, griff dann aber doch nach dem Apfel, betrachtete ihn und biss hinein. Ein bitterer Geschmack breitete sich in Thomas’ Mund aus. Fauler Dunst stieg seine Kehle hinab und vermischte sich mit seinem Speichel zu einem klebrigen Klumpen. Thomas wünschte sich augenblicklich, den Apfel nie angenommen zu haben. Angeekelt spuckte er ihn zu Boden. Der Fremde lächelte.

»Doch nun«, seufzte der Mann, »verrate ich dir erst einmal, wie ich dir helfen werde. Ob du willst oder nicht. Ich werde dich dazu bringen,«

Der Andere machte eine dramatische Pause. Dann sagte er feierlich: »jemanden zu töten!«

Der Mann blickte Thomas begeistert an, gerade so, als habe er ihm ein unglaubliches Geschenk gemacht und würde eine Art Freudensprung von ihm erwarten. Doch Thomas hockte nur auf seinem wackligen Stühlchen und hörte sich, immer noch erschöpft von den vorherigen Ereignissen und müde vom fehlenden Schlaf, ruhig an, was dieser Kerl da zu sagen hatte. Er wusste nicht genau, was er von diesem Vorschlag halten sollte. Wie sollte ihm das helfen? Kurz darauf bemerkte er, wie kalt dieser Gedanke gewesen war. Nein, natürlich würde er das nicht tun! Und niemals, absolut niemals würde ihm das irgendwie helfen! Dass ihm so eine Sache tatsächlich helfen würde, war derart absurd, wenn nicht sogar grotesk, nein, makaber! Ja, völlig verrückt war das. Völlig ausgeschlossen, diese Sache! Vollkommen völlig außen vor! Aber er war einfach zu schwach, um sich über diesen »Vorschlag« zu empören, geschweige denn von sich selbst geschockt zu sein. Er war eindeutig zu schwach dafür. Wäre er bei voller Kraft, so würde er diesem … diesem … Hässlichen da sagen »Niemals!« und ihm mit strenger Miene und knallhartem Zeigefinger befehlen, er solle sich aus seiner Wohnung verziehen! Ja, so würde er es ganz sicher machen.

»Nochmal für dich, Kleiner«, sagte der Hässliche und rieb sich dabei seine Schläfen. »Das ist kein Vorschlag. Ich werde dir einfach helfen. Und inwiefern dir das dazu dienen soll, dein erbärmliches, nutzloses Leben zu einem erbärmlichen, lustigen Leben zu gestalten, kann ich dir gern erklären.«

Der Mann in Schwarz begann im Kreis um Thomas herumzulaufen. Seine Bewegungen waren auf einen Schlag geschmeidig geworden und seine dreckigen Augen hielten Thomas fest fixiert.

»Diese ganze Existenz – oder das, was der Mensch Leben nennt – ist doch, wenn wir mal ehrlich sind, nur ein schlechter Witz«, sagte der Lauernde mit zusammengekniffenen Augen und breitgezogenem...


Jonathan Löffelbein wurde am 29. August 1991 in Freiburg im Breisgau geboren. Nach erfolgreichem Abitur, bei dem er mit dem Scheffel-Preis
für besondere Leistungen in Deutsch ausgezeichnet wurde, absolvierte er einen internationalen Friedensdienst in Belfast, Nordirland. Danach kehrte er zurück in seine Heimatstadt, in der er momentan deutsche Sprach- und Literaturwissenschaften, sowie Psychologie studiert.
Seit seinem neunten Lebensjahr steht Jonathan Löffelbein auf allen möglichen Bühnen. Mal als Musiker, mal als Schauspieler, mal als Rezitator fremder oder eigener Texte. "Besucher" ist sein Debüt. Zur Zeit arbeitet er an seinem zweiten Buch und an mehreren Dramen.



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