E-Book, Deutsch, 454 Seiten
Llewellyn Alex Brandt
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-69061-101-5
Verlag: RavenPort Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Blutige Herzen
E-Book, Deutsch, 454 Seiten
ISBN: 978-3-69061-101-5
Verlag: RavenPort Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ralph Llewellyn wurde in Colorado/USA geboren und lebt heute in Heidelberg. Nach seinem Studium in Karlsruhe fand er zu seiner Liebe: dem Schreiben. Nach mehreren Fachbüchern aus seiner Feder entstand eine Reihe von Romanen aus den Bereichen Fantasy, Romance und Mystik-Thriller. »Wir alle befinden uns auf einer Reise. Manchmal ist sie aufregend, abenteuerlich, ergreifend und befruchtend, manchmal aber bekommen wir den Stachel des Schicksals zu spüren. Umso wichtiger ist es, zu leben - das Hier und Heute zu genießen! Offen bleiben für Neues - Toleranz und Hilfsbereitschaft - das Herz am rechten Fleck haben - für seine Ideale einstehen, mit Liebe und Geduld. Immer auf der Suche - nach Wahrheit, Erfahrung und Sinn.«
Autoren/Hrsg.
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6. Mai 2020
I
Alex schlief tief und fest, eingehüllt in die Dunkelheit der Nacht, während sein müder Geist in den Fängen dahingleitender Bilder gefangen war, als plötzlich ein schrilles Geräusch die Stille durchschnitt. Wie ein unerbittlicher Eindringling schlich sich das Läuten des Telefons in Alex‘ Träume und entfachte ein zähes Gefecht zwischen Schlafen und Erwachen. Erfolglos kämpfte er gegen den aufsteigenden Strudel des Bewusstseins an, bis ihn das hartnäckige Bimmeln endgültig in die Wirklichkeit zerrte. Er öffnete die Augen, während der Pulsschlag der Spannung seine Adern durchzog. Der Moment des Erwachens war erfüllt von einer unbestimmten Ahnung, dass dieser Anruf sein Leben für immer verändern würde.
Er starrte mit weit aufgerissenen Augen ins Dunkle. Es gab nur wenige Menschen, die es wagen konnten, ihn so früh am Morgen anzurufen: Seine Schwester, der er alles verzeihen würde, und für die er zu jeder Tageszeit ein offenes Ohr hatte. Seine Mutter, um ihm vom Ableben des Vaters zu berichten, was zugegebenermaßen eine gute Nachricht wäre. Oder das Dezernat, um ihn zu einem neuen Mordfall zu beordern. Er setzte sich auf, griff nach dem Telefon und blickte auf das Display: Es war die Nummer seines Vorgesetzten.
Die Nacht bot den meisten Menschen Ruhe und Erholung, doch im Schutz der Nacht geschah das, was die wenigsten sehen wollten. Kranke Gehirne streiften durch die Straßen, um ihren verworrenen Fantasien freien Lauf zu lassen. Einbrüche, Vergewaltigungen und Exzesse mit blutigem Ausgang. Das Böse kannte zwar keine Zeit, doch bevorzugte es den Schatten.
Alex stöhnte leise und nahm den Anruf an. »Ja?«
»Ich bin’s. Schwing deinen Hintern aus dem Bett, Arbeit ruft. Melde dich bei mir, wenn du im Wagen sitzt.«
»Scheiße«, brummte Alex und legte auf. Dieser »Ich bin’s« war Johann Spohl, der Leiter einer Spezialeinheit, die sich der Fälle annahm, die sonst niemand haben wollte. Johann hatte Alex einst direkt von der Frankfurter Dienststelle für Operative Fallanalyse rekrutiert. Als Jahrgangsbester standen Alex alle Türen offen, und eigentlich hatte er sich eine internationale Karriere nach dem Studium erträumt. Doch Johann besaß eine einzigartige Überzeugungskraft. Er gewährte ihm damals vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit und lächelte bedeutungsvoll, als Alex ihn fragte, warum gerade er ausgewählt worden sei: »Sie sind ein junger Bluthund, der nur darauf wartet, von der Leine gelassen zu werden. Und ich werde derjenige sein, der den Zeitpunkt bestimmt«, hatte er damals gesagt. Das war nun sieben Jahre her.
Alex‘ Team bestand aus fähigen Spezialisten, für die er jederzeit seine Hand ins Feuer legen würde: Julia Weis, eine forensische Expertin mit einem Summa-cum-laude-Abschluss von Yale und dem Biss einer Bulldogge; Horst Cham, ein Vernehmungsspezialist, untersetzt und gutgläubig, aber perfekt in seiner Arbeit mit einem ausgefeilten Gespür für die Untertöne des Nichtgesagten – und Abraham Porter, ein Mann fürs Grobe: Pathologe und Pedant bis in die kleinste Pore seiner »Patienten«.
Alex hatte sich einst zum Fallanalytiker ausbilden lassen, in der Annahme, es sei ein aufregender Job. Profiler – diese etwas vage Bezeichnung für seinen Beruf kannten die meisten Leute mittlerweile aus dem TV. Er wurde hinzugezogen, wenn seine Kollegen nicht weiterkamen oder aus Furcht um ihre Karriere die Finger von den schmutzigen Fällen ließen. Taten von unberechenbaren Psychopathen. Warum er sich gerade für diese Richtung in seiner Karriere entschieden hatte, verstand er selbst nicht.
Der Tatort, zu dem er in den frühen Morgenstunden gerufen wurde, befand sich in einem eleganten italienischen Restaurant in der Nähe des Mains. Frankfurt – die Stadt der Banker mit unzähligen exklusiven Restaurants und Bars. Anfangs erschien ihm diese Metropole kalt und unwirtlich, doch er hatte sich schnell an sie gewöhnt. Vielleicht, weil sie genauso verkorkst war wie er selbst.
Als Alex die Absperrung durchschritt, erkannte er an den blassen Gesichtern seiner Kollegen, dass er nicht umsonst aus dem Schlaf gerissen worden war. »Es ist wieder passiert«, murmelte er trocken. Der Jäger in ihm erwachte und verlangte danach, die Fährte aufzunehmen. Möglicherweise war genau dies der Grund, warum er hinter seinem Rücken »Predator« genannt wurde, wie ihm Horst einmal anvertraut hatte.
Vor dem Tatort, ein Restaurant, erwartete ihn Johann, der in anderer Kleidung problemlos als Türsteher durchgegangen wäre. Seine tief heruntergezogenen Mundwinkel und ausgeprägt bullige Gestalt rieten zur Vorsicht. Es fehlte lediglich noch das warnende Schnauben eines wütenden Stiers. Nervös tippelte er von einem Bein auf das andere. »Wurde auch langsam Zeit. Julia ist schon drin. Bis jetzt sind es fünf Tote. Die hinteren Räume werden noch durchsucht.«
Ohne zu zögern schritt Alex wortlos an ihm vorbei und betrat konzentriert den Ort des Geschehens.
Leiche Nummer eins lag gleich an der Garderobe, an der nur noch wenige Jacken und Mäntel hingen. Eine Frau Anfang zwanzig mit langem rotem Haar. Das Zusammenspiel von fein gezeichneten Zügen und einer zarten Porzellanhaut verliehen ihrem jungen Gesicht eine bezaubernde Ausstrahlung. In ihm lag das Versprechen eines aufregenden Lebens, das nun so jäh beendet worden war. Ihre Mimik wirkte seltsam gleichgültig, fast fröhlich. Wem hatte wohl ihr letzter Blick gegolten? Sie konnte noch nicht lange tot sein. Ihre hellgrünen Augen fielen Alex auf, die ihren Glanz noch nicht verloren hatten. Hätte es nicht die riesige Blutlache und eine hässliche Wunde im Brustbereich gegeben, könnte man meinen, sie würde jeden Moment den Mund öffnen, um von ihrem tragischen Schicksal zu berichten.
Leiche Nummer zwei, ein Mann um die fünfzig, schlank, mit auffällig langer Nase, lag hinter der Bar im selben Zustand wie Leiche Nummer eins.
Die Leichen drei und vier, zwei Frauen im Alter zwischen dreißig und vierzig Jahren, befanden sich im vorderen Teil des Restaurants. Die überall verstreuten Scherben ließen darauf schließen, dass sie gerade dabei gewesen waren, die Tische abzuräumen.
Abraham kniete neben einer der Frauen. Mit präzisen Griffen untersuchte er ihre Wunden mit fachmännischer Neugier. Es kam einem einstudierten Tanz gleich, bei dem er versuchte, die Sprache der Ermordeten zu entschlüsseln, verborgen in deren Schweigen.
Alex beugte sich herab und betrachtete die Frauen. »Gibt es schon Hinweise auf die Tatwaffe?«
»Du weißt, dass ich keine Vermutungen anstelle. Sobald ich Ergebnisse habe, werde ich sie dir mitteilen«, antwortete Abraham genervt. Er verzog das Gesicht und widmete sich wieder der Leiche: Ganz in seinem Element, in dem er sich wie ein Wurm verkriechen konnte.
Alex rümpfte die Nase und richtete sich wieder auf. Einige Sekunden beobachtete er Abraham, wie der methodisch seiner Arbeit nachging. Irgendwann würde er ein Profil von ihm erstellen und ihn zu dessen Geburtstag damit überraschen. Doch im Moment hatte er andere Probleme. »Aber bitte, noch dieses Jahr!«
»Ach, Alex, eines kann ich dir jetzt schon sagen: Allen Opfern fehlt das Herz. H-E-R-Z«, buchstabierte er das Wort langsam und deutlich. »Du weißt, was das ist, oder?« Abraham blickte mit hochgezogenen Brauen zu ihm auf.
Alex wollte gerade etwas Passendes erwidern, als ein Polizist zu ihnen kam und das Wort ergriff. »Verzeihen Sie, ich soll Ihnen ausrichten, dass Frau Dr. Weis in der Küche ist.«
Alex kannte den Beamten nicht. Das verzerrte Gesicht des jungen Mannes war von Entsetzen gezeichnet. Seine blasse Hautfarbe unterschied sich kaum von der einer Leiche. Alex fragte sich, warum sie immer wieder unerfahrene Polizisten zu solch heiklen Fällen hinzuzogen. Sie konnten sowohl durch blinden Übereifer als auch durch fehlende Abgeklärtheit Ermittlungen behindern oder gar schaden. Vor gut einem Jahr hatte einer dieser jungen Schlappschwänze auf eine aufgeschlitzte Leiche gekotzt und dabei wichtige Beweise zerstört. »Wie heißen Sie?«
»Rolf Kant. Polizeivoll-«
»Ich habe Sie nicht nach Ihrem Dienstgrad gefragt.« Alex wandte sich brüsk ab.
Er spürte ein eigenartiges Ziehen zwischen den Schulterblättern, als würde er eine Last tragen. Unwillkürlich reckte er seine Schultern zurück, bis es knackste. Irgendetwas beunruhigte ihn. Es waren nicht die Leichen oder deren Verstümmelungen, sondern etwas anderes, für das er in diesem Moment keinen Begriff fand. Über das ganze Restaurant schien sich ein Leichentuch ausgebreitet zu haben, das jedem Anwesenden einen Schauer über den Rücken jagte. Eine unbeschreibliche Traurigkeit erfüllte den Raum, die er in ihrer Konsistenz förmlich spüren konnte. Alex beschloss, dieses Gefühl vorerst in sich zu bewahren, und machte sich auf die Suche nach Julia.
Horst stand neben der Tür zur Küche und blickte ihm mit müden Augen entgegen. »Das solltest du dir ansehen, Alex. Ich glaube, sie hat ihre letzten Sekunden tatsächlich genossen.«
Alex betrat den Raum und blieb neben der Leiche Nummer fünf stehen. Die riesige Küche des Restaurants erstreckte sich in alle Richtungen. Der metallische Glanz der Gerätschaften und Edelstahlarbeitsflächen wurde von der Anwesenheit der Polizisten überschattet, die emsig zwischen den Tischen und Öfen hin und her eilten. Das klirrende Geräusch von Porzellan und Glas, das hin und wieder zu hören war, vermischte sich mit gedämpftem Gemurmel und dem gelegentlichen Klicken von Kugelschreibern, während die Ermittler ihre Aufzeichnungen...




