E-Book, Deutsch, 428 Seiten
Liu Die Brennende Feder
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-5259-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 428 Seiten
ISBN: 978-3-6957-5259-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna Liu wurde in Ulm geboren und entdeckte schon früh ihre Leidenschaft für Bücher und Fantasiewelten. Bereits als Kind füllte sie ganze Notizbücher mit ihren Geschichten. Die Brennende Feder ist ihr Debütroman. Heute lebt Anna in Hamburg, wo sie als Ärztin arbeitet. Wenn sie nicht gerade schreibt, verbringt sie die Zeit am liebsten mit ihrem Partner, spaziert an der Alster oder reist, um neue Eindrücke und Inspirationen zu sammeln.
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1
FREMDE FREUNDE
Das hohle Gurgeln hallte in seinen Ohren wider. Mit beiden Händen spritzte er sich das kalte Wasser ins Gesicht. Er richtete sich auf. Mit einem Schlag auf den Wasserhahn brachte er den Fluss zum Stillstand.
Auf das Waschbecken gestützt betrachtete er seine zitternden Finger, die sich an der Keramik festkrallten. Langsam hob er den Blick. Sein Spiegelbild starrte zurück.
Seine Augen glichen einem Wirbelsturm, ein blasses und ungestümes Grau. Die Haare, so hell, dass sie im Licht mal weiß, mal silbern glänzten, hingen ihm nass ins Gesicht. Sie bildeten einen starken Kontrast zu seiner dunklen Haut. Schnell senkte er seinen Blick wieder.
Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ er das Badezimmer und durchschritt zügig den Gang. Er betrat den Raum, in dem er heute Morgen aufgewacht war.
Morgendliches Licht schien durch ein hohes Fenster und erhellte das ausladende Zimmer. Trotzdem konnte er nur wenige Umrisse erkennen: einen großen Tisch vor dem Fenster, zwei Betten, hohe, breite Schränke und ein paar Sofas um einen kleinen Tisch. Wie von selbst setzten sich seine Beine in Bewegung. Der Boden war kühl und eben, seine Füße erinnerten sich nicht an das Holz. Erst auf dem weichen Teppich inmitten des Zimmers blieb er stehen. Die Fransen kitzelten ihn zwischen den Zehen.
»Ash, wir müssen uns beeilen, sonst kommen wir zu spät!«
Ein schlaksiger, großgewachsener Junge trat aus dem Schatten in den Lichtkegel der Morgensonne. Geschnörkelte Wellen waren quer über sein hellblaues T-Shirt gedruckt. Zu seiner zerschlissenen und ausgeblichenen Jeans trug er nur eine schwarze Socke am rechten Fuß. Die kurzen, blonden Haare waren wild verwuschelt und rankten sich um das gebräunte Gesicht.
Ash musste lächeln. »Mir geht es heute so dreckig, Danny, das glaubst du gar nicht!«, fing er dann an und fuhr sich durch seine Haare.
Daniel schlug ihm auf die Schulter. »Jetzt mach endlich, wir wollen nicht am ersten Schultag schon zu spät kommen!«
Wahllos wühlte Ash im Kleiderschrank und zog das Nächstbeste heraus. Schon als er sich das T-Shirt übergezogen hatte, konnte er sich nicht mehr an dessen Farbe erinnern. Seine Gedanken waren zu unruhig. Es war ein Wunder, dass er es im halbwachen Zustand schaffte, Daniel die Treppe hinunterzufolgen.
Die untere Etage war in zwei Hälften geteilt. Auf der einen Seite befand sich ein ausladendes Wohnzimmer. Aufgereiht an der Wand war eine Gruppe aus weinroten Ledersofas, die einen kleinen, schwarzglänzenden Tisch umkreisten. Gegenüber hing der riesige Bildschirm eines Fernsehers, der passgenau in einen schwarz-roten Schrank eingelassen war. Hohe, bodentiefe Fenster grenzten an, die einen Blick auf die sonnige Terrasse und die Grünfläche dahinter boten. Im Zentrum lag ein eleganter Teppich versehen mit schlichten Farbverläufen und aufwendigen Ornamenten.
Die andere Hälfte wurde dominiert von einem Tisch und Stühlen aus dunklem, massivem Holz. Die weiße Tischdecke blendete im Vergleich zu dem kräftigen Rotbraun ihrer Umgebung.
Ash, der auf der vorletzten Treppenstufe stehen geblieben war, sah direkt gegenüber das Lodern des Kaminfeuers, auf dessen Sims eine virtuos geschnitzte Uhr anzeigte, dass sie tatsächlich viel zu spät waren.
»Guten Morgen.« Müde, aber freundlich, lächelte die Dame, die am Tisch ihren Kaffee trank.
Mit ihren hellblonden Haaren, die zu einem Dutt zusammengebunden waren und dem dunkelblauen Blazer über der weißen Bluse, wirkte sie fehl am Platz. Eher sollte sie wichtige Geschäfte erledigen und nicht hier mit ihren Kindern am Frühstückstisch sitzen.
Das Mädchen, das der Dame gegenübersaß und gerade einen Bissen von ihrem Marmeladentoast nahm, war eine jüngere Kopie. Sie hatte die gleichen grauen Augen und ihre blonden Haare hingen ihr über die Schulter. In ihrem verspielten, mit Blumen verzierten Kleid kam der dunkle Farbton ihrer Haut auffällig zur Geltung. Das war wohl der eindeutigste Unterschied zur blassen Dame gegenüber.
Sie blickte auf. Für den Bruchteil einer Sekunde kreuzte Ash ihren Blick und sein Herz zog sich zusammen. War es nur Einbildung oder war auch ein Schatten durch das Gesicht des Mädchens gehuscht?
»Morgen«, erwiderte Ash und setzte sich neben das Mädchen.
»Ein neues Schuljahr, ihr müsst so aufgeregt sein!«, meinte die Frau.
Daniel grinste. »Ich sag es mal so, Jess, es sind immer noch dieselben Deppen, denen ich im Gang begegnen werde und dieselben komischen Lehrer, die versuchen werden, mir etwas beizubringen. Wenn ich mich noch mehr freuen würde, würde ich anfangen zu tanzen.«
Langsam taute Leichtigkeit Ashs Seele auf. Die Wogen in seinem Inneren glätteten sich mit jedem Atemzug, der ihm als Lachen entwich.
»Aber Nalia, du wechselst die Schule, bist du nicht wenigstens ein bisschen aufgeregt?«, hakte die Frau weiter nach.
Das Mädchen zuckte mit den Schultern und strich Marmelade auf ihren nächsten Toast.
»Jetzt können Danny und Ash endlich nicht mehr sagen, ich sei noch klein!«, sagte sie und zwinkerte Daniel zu.
Nach einem tiefen Schluck setzte die Frau ihre Tasse ab und stand auf. »Also, ich muss los. Viel Spaß in der Schule!«
Umständlich drückte sie Daniel einen Kuss auf die Wange.
»Tschüss, Jess, bis heute Abend«, murmelte er, nachdem er sich wieder aus ihren Armen befreit hatte.
Nalia, die vor der Umarmung etwas zurückgewichen war, streiften ihre Lippen nur am Ohr.
»Lass dich nicht von den Jungs ärgern«, flüsterte Jessica ihr ins Haar.
Sie umarmte Ash nur kurz, bevor sie sich aufrichtete, Blazer und Bleistiftrock glattstrich und winkend die Tür hinter sich schloss.
Nachdem wieder etwas Ruhe eingekehrt war, deutete Daniel mit seinem Messer, auf dem noch etwas Erdnussbutter verschmiert war, in Ashs Richtung. »Ist alles okay? Du hast ja gar nichts gegessen.«
Ash schob seinen Teller von sich. »Ja, ja, alles gut. Mir ist nur ein bisschen übel und irgendwie habe ich überhaupt keinen Appetit«, winkte er ab.
Nach einem Blick auf die Uhr erhob sich Daniel. »Wenn wir nicht schon am ersten Tag zu spät kommen wollen, dann sollten wir jetzt fahren.«
Tausende Füße hallten auf dem Boden wider: Wohin man auch sah, strömten Schüler in ihre Klassenzimmer. Manche waren noch müde von den späten Nächten der Ferien und schlurften verschlafen durch die Gänge. Die Wenigsten waren frisch und voller Optimismus ins neue Schuljahr gestartet. An die hohen, weißen Wände waren verschiedene Anschlagtafeln angebracht, an denen bunte Zettel hingen. Vor allem Jüngere drängten sich davor, um einen Blick auf die Informationen zu erhaschen. Von den Wänden hallten unzählige Stimmen wider. Hier und da fielen sich Freunde in die Arme und wetteiferten, wer den aufregendsten Urlaub hatte.
»Wir haben dieses Jahr einen Trip durch ganz Europa gemacht!«
»Also meine Familie war in einem Fünf-Sterne-Hotel auf den Bahamas.«
»Pfft, das ist ja noch gar nichts! Mein Daddy hat mir einen Surf-Kurs in Australien gezahlt.«
Ash schlängelte sich durch die Schüler, wobei er immer Daniel vor ihm im Blick behielt. Trotzdem verlor er ihn nach einer Kurve aus den Augen. Als er sich so durch die Massen zwängte, wurde ihm erst bewusst, wie viele Schüler auf die Merryweather High gingen.
»Ash!«, rief Daniel von irgendwo.
Endlich entdeckte Ash ihn in dem Meer aus Köpfen rechts vor einem Klassenzimmer. Auf einmal wurden die Stimmen lauter. Einige Menschen wichen zur Seite und Ash konnte überraschend problemlos zu Daniel durchdringen. Hastig zog Daniel ihn ins Klassenzimmer hinein.
Noch bevor Ash sich orientieren konnte, bemerkte er das rasche Abebben der Gespräche. Mit einem dumpfen Schlag zog Daniel die Tür hinter sich zu, was auch den Letzten verstummen ließ.
Ash presste seine Lippen aufeinander. Unverhohlen glotzten ihn die Augenpaare an. Eine eiskalte Hand strich über seinen Rücken, seine Haut zog sich zusammen und die Nackenhaare stellten sich auf. Plötzlich lösten sich die Augen von den Gesichtern, die Augäpfel schwollen an und umschwirrten ihn. Von allen Seiten wurde er beobachtet, aber es waren nicht nur neugierige Blicke, auch missbilligende und abschätzige waren dabei. Daniel bemerkte es nicht.
Nach und nach drehte einer nach dem anderen sich weg. Ash atmete auf, doch die Anspannung zwischen seinen Schulterblättern blieb ungelöst. Sein Magen war eine Springfeder.
Daniel steuerte zielstrebig auf einen Platz in der hintersten Reihe am Fenster zu. Er nahm seinen Rucksack ab und ließ ihn neben den Tisch gleiten. Wie in Trance setzte sich Ash am Tisch nebenan. Er versuchte seine Gedanken zu sortieren. Wie ein riesiger Holzklotz blockierte sein Gehirn die eigenen Prozesse.
Ein bitterer Geschmack breitete sich auf Ashs Zunge aus. Seine Augen brannten. Irgendetwas stimmte nicht. Schon seit drei Jahren ging Ash auf diese High School, doch wenn er sich umsah, befiel ihn das beklemmende Gefühl der Fremdheit. Seine Hände krallten sich...




