E-Book, Deutsch, Band 2, 416 Seiten
Reihe: Ein Fall für Tess Monaghan
Lippman Die Witwe des Milliona¨rs
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-311-70227-6
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der zweite Fall fu¨r Tess Monaghan
E-Book, Deutsch, Band 2, 416 Seiten
Reihe: Ein Fall für Tess Monaghan
ISBN: 978-3-311-70227-6
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Laura Lippman, geboren 1959 in Atlanta/Georgia, hat mit ihrer erfolgreichen Detektivfigur Tess Monaghan mindestens zweierlei gemein: Beide leben in Baltimore, und beide haben als Journalistinnen gearbeitet, Lippman allerdings mit deutlich größerem Erfolg. Als Tochter einer Bibliothekarin und eines Journalisten spielten die Literatur und das Schreiben schon früh eine wichtige Rolle in Laura Lippmans Leben. Die ersten sieben Tess-Monaghan-Romane schrieb sie neben ihrem Fulltime-Job bei der Baltimore Sun, für die schon ihr Vater arbeitete. 2001 zog sich Lippman aus dem journalistischen Tagesgeschäft zurück, um sich ganz dem Schreiben von Büchern zu widmen. Ihre Kriminalromane - ob mit oder ohne Tess Monaghan - wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem weltweit renommiertesten Preis für Kriminalliteratur, dem Edgar Allan Poe Award. Lippman ist mit dem Drehbuchautor David Simon (The Wire) verheiratet. Das Paar hat eine Tochter.
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1
Vom Himmel fiel nichts Nasses. Kein Schnee, kein Eis, kein Hagel; kein Regen, der sich in Graupel verwandelte, kein Schauer, der zu Dauerregen wurde. Das allein war Grund genug, befand Tess Monaghan, zu feiern. Sie würde zu Fuß nach Hause gehen, statt wie sonst den Bus zu nehmen, vielleicht würde sie einen Zwischenstopp bei Bertha’s einlegen und die Nase über die muschelessenden Touristen rümpfen, oder sie könnte sich etwas Warmes, Alkoholhaltiges im Henniger’s gönnen. Ein Montagabend im März in Baltimore würde niemals Mardi Gras sein, nicht einmal Lundi Gras, aber es war nett, wenn man sich die Mühe machte, darauf zu achten. Und das tat Tess. Zum ersten Mal seit über zwei Jahren hatte sie einen Vollzeitjob und einen Vollzeitfreund. Ihr Leben lief vielleicht nicht wie eine dieser Ganztagspartys in der Bierwerbung, aber immerhin war es langsam so angenehm wie in einem Werbespot für International Coffee.
Die ersten paar Blocks ihres Heimwegs war sie allein. Die Innenstadt wurde früh leer. Aber als Tess sich dem Inner Harbor näherte, war sie plötzlich von einer aufgeregten fröhlichen Menschenmenge umgeben. Tess war vielleicht keine Zeitungsreporterin mehr, aber ihre Instinkte funktionierten noch. Außerdem roch sie etwas zu essen: Hotdogs, Popcorn, Brezeln, irgendetwas leicht süßlich Angebranntes. Vielleicht Zuckerwatte – eine dieser verführerischen Sachen, die viel besser dufteten, als sie schmeckten.
»Kostet heute alles nichts, Schätzchen«, sagte ein Hotdog-Verkäufer und drückte ihr eines seiner Kunstwerke in die Hand. »Auf Kosten der Keys.« Tess hatte keine Ahnung, wovon er redete, nahm den Hotdog aber trotzdem.
Was würde an einem normalerweise gottverlassenen Montagabend so viele Leute hier in den Hafen locken, fragte sie sich und verschlang den Gratis-Heißhund mit drei Bissen. Geschäftsleute, die von der Arbeit kamen, junge Männer in Sportsachen und aufgedonnerte Frauen in Gabardine-Regenmänteln, deren hohe Absätze über einen Bürgersteig klickten, der gerade erst vom letzten Schneesturm freigeschmolzen war. Dann waren da noch die Vorstadtmuttis in Leggings, riesigen Pullovern und Daunenjacken, die sich fest an die Händchen von kleinen Kindern klammerten, die ihrerseits noch fester kleine schwarz-violette Fähnchen umklammerten.
Angezogen von der Menge und der begeisterten Vorfreude, landete Tess an dem kleinen Amphitheater zwischen den beiden Pavillons im Hafen. Hunderte von Leuten drängten sich bereits vor der kleinen Bühne. Ein Mann mit einem Megaphon, der Moderator des städtischen Fernsehsenders, feuerte die Menge an. Tess brauchte einen Moment, um die verzerrten, elektronisch verstärkten Worte zu verstehen.
Dann kamen noch ein paar Männer auf die Bühne, eine Möchtegern-Basketballmannschaft in schwarz-violettem Aufwärm-Outfit. Ein paar Kerle trugen sogar Shorts, und ihre Beine überzog in der kalten Abendluft eine lila Gänsehaut. Wer war wohl verrückt genug, in einer solchen Nacht so aufzutreten? Tess erkannte den Gouverneur. Das passte; dem hatte bisher noch jedes Kostüm gefallen. Aber auch der Bürgermeister, der nicht gerade für seine Originalität berühmt war, stand da in einem schwarzen Trainingsanzug; sein üblicher Kente-Schlips ragte gerade noch über dem Reißverschluss heraus. Tess entdeckte noch einen Fernsehtypen, zwei Senatoren und ein paar arme Säcke der ehemaligen Baltimore Bullets, die inzwischen Washington Wizards hießen, wegen der zahlreichen Morde in der Stadt. Erstaunlicherweise hatte der Namenswechsel nicht dazu beigetragen, die Zahl der Gewaltverbrechen zu reduzieren.
Über das Grölen der Menge hinweg konnte Tess blecherne Musik hören, ein alter Jingle der Stadt, mit dem man die Leute dazu hatte bringen wollen, die Straßen sauber zu halten, indem die Bürger »Müllball« spielten. Sie konnte sich noch ungefähr daran erinnern. Die orange-weißen Mülleimer der Stadt waren mit Slogans wie oder beklebt worden. Dann hatten sie die Kampagne beendet, und Baltimorabilia-Sammler hatten alle Mülleimer gestohlen, bevor man sie hatte umstreichen können.
Nun hinkte noch ein Mann auf die Bühne, ein alternder Sportler, dessen Stock seinem scheußlichen Trainingsanzug einen eigenartig aristokratischen Touch verlieh. »Tuuuuutch, Tuuuuutch«, johlten die Männer, und ein paar Frauen kreischten tatsächlich, als er die Menge mit einem hochgereckten Daumen begrüßte. Ja, Paul Tucci sah immer noch gut aus und verfügte über den Körperbau des erstklassigen Sportlers, der er einst gewesen war, obwohl er nach der Knieoperation im Winter deutlich zugelegt hatte. Tess vermutete, dass die Frauen sich nicht so sehr für Tuccis Körper, sondern vor allem für Tuccis Geld interessierten. Er hatte mit Olivenöl angefangen und sich dann über praktisch jeden Aspekt des Lebens in Baltimore hergemacht, vom Import bis zur Müllverbrennung. »Die Tuccis spinnen Stroh zu Gold«, sagte man.
Über die Lautsprecher wurde nun ein fröhliches »Sweet Georgia Brown« ausgestrahlt, das man mit den Harlem Globetrotters in Verbindung brachte. Der Gouverneur, der ungeschickt mit einem Basketball dribbelte, löste sich aus der Gruppe, trat vor und spielte dann dem Bürgermeister den Ball zu, allerdings warf er ihn über seinen Kollegen hinweg. Die beiden hatten noch nie gut zusammengearbeitet. Der Bürgermeister rettete die Situation einigermaßen, holte den Ball wieder und spielte ihn durch die Beine hindurch einem Senator mit einem recht neuen, recht schlechten Haartransplantat zu. Die Menge johlte begeistert. Tess fragte sich, warum um Himmels willen. Schließlich fing Tucci den Ball und ließ ihn auf der Spitze seines Krückstocks kreisen, was noch ein paar Frauen mehr kreischen ließ. Dann übernahmen die echten Basketballspieler die Bühne, sie führten ein paar ordentliche Pässe und Moves vor.
Ein paar Minuten später trat der Fernsehmoderator ans Mikrophon. Zumindest ist er nicht blöd genug, mit nackten Beinen auf die Bühne zu kommen, fiel Tess auf.
»Haaaaallllllllloooooooooo, Baltimore.« Die Menge jubelte. »Wie ihr wisst, gibt es seit 1972 in dieser Stadt kein Basketball mehr, und erst vor Kurzem ist Football in unsere Stadt zurückgekehrt, obwohl die National Football League zuerst zögerlich war …«
»Nieder mit dem Commissioner!«, schrie ein durchgedrehter Fan direkt in Tess’ rechtes Ohr. »Nieder mit Tagliabue! Der verdammte Bob Irsay! Zur Hölle mit der verrottenden Leiche von Bob Irsay!« Irsay hatte die Baltimore Colts 1984 in einer Winternacht einfach weggeholt, und obwohl die Stadt mittlerweile eine neue Football-Mannschaft hatte und Irsay tot war, hasste man ihn immer noch. Baltimore vergaß vielleicht manchmal, aber vergab nie.
Der Fernsehmoderator sprach ungerührt weiter. »Aber ein Mann hat nie aufgegeben. Und jetzt wird dieser Mann den Basketball wieder zurück nach Baltimore holen. In wenigen Tagen will er einen Vorvertrag mit einer Profimannschaft abschließen, die in unsere ›Charm City‹ umziehen möchte. Im Gegenzug hat die Stadt sich bereit erklärt, ein wunderschönes neues Stadion zu bauen. Und alle Basketballfans sind heute hier angetreten, um der NBA zu zeigen, dass wir sehr wohl eine Mannschaft supporten können. Ja, das nenne ich Teamwork!«
Und eine großartige Verschwendung von Steuergeldern, dachte Tess verärgert. Aber der Staat hatte dasselbe ja schon für die Orioles und die Ravens getan. Wenn jemals eine Stadt ein Selbsthilfebuch brauchte, dann Baltimore: Städte, die zu sehr in den Sport verliebt sind, und die gierigen Mannschaften, die das ausnutzen.
»Also begrüßt bitte den Mannschaftskapitän, den Mann, der uns so weit gebracht hat, denjenigen, der allen ins Gesicht lachte, die ihm sagten, daraus würde nichts – unseren großartigen Gerard ›Wink‹ Wynkowski.«
Ein schlanker, nicht besonders großer Mann kam auf die Bühne. Er trug keinen Trainingsanzug, sondern ein lila Polohemd, eine schwarze Jeans und eine schwarze Motorradjacke. Grau-weiße Cowboystiefel aus irgendeinem exotischen, politisch sicher zweifelhaften Leder – vielleicht Strauß oder Schlange – ließen ihn ein paar Zentimeter größer werden, sodass er neben dem Gouverneur und dem Bürgermeister bestehen konnte. Aber er hielt sich fern von den Ex-Sportlern, die ihn meilenweit überragten.
»Seid ihr bereit für ein bisschen Basketball?«, knurrte er mit unverkennbarem Baltimore-Akzent.
Sein Gesicht war eckig und spitz, tief gebräunt, und seine braunen Locken trug er in einer Art Afro. Tess erinnerte sich, dass eine Karikatur dieses spitzen Gesichtes und wilden Haares das Logo für eine seiner Firmen gewesen war, aber welche? Im letzten Jahrzehnt hatte Winks Holding Montrose Enterprises mindestens ein halbes Dutzend Geschäfte gegründet, jedes erfolgreicher als das zuvor.
»Wink! Wink! Wink! Wink!«, bejubelte die Menge ihren Sportheiligen, genauso wie sie ihn vor 25 Jahren auf dem Basketballfeld der Highschool angefeuert hatten, als die Vorstellung, dass ein ein Meter achtzig großer Junge aus Polen Profi werden würde, nicht ganz so lächerlich gewesen war.
»Ihr seid die Größten«, verkündete er der Menge. »Ihr seid an diesem Abend hergekommen, obwohl ihr nicht mal wisst, mit welcher Mannschaft ich verhandle. Stellt euch mal vor, wie viele Leute in einer Woche hier sein werden, wenn ich offiziell unsere neue Mannschaft bekannt gebe – die Baltimore Keys.«
Die Menge grölte begeistert zurück:




