Linscott | Mord im Sanatorium | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 322 Seiten

Reihe: Ein Fall für Nell Bray

Linscott Mord im Sanatorium

Historischer Kriminalroman | Ein Fall für Nell Bray 2 - Eine Verschwörung in einer Militärklinik
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-728-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Historischer Kriminalroman | Ein Fall für Nell Bray 2 - Eine Verschwörung in einer Militärklinik

E-Book, Deutsch, Band 2, 322 Seiten

Reihe: Ein Fall für Nell Bray

ISBN: 978-3-98952-728-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein dramatischer Mord - und Krankenhaus voller Verdächtiger ... England, 1917: Als Nell Bray Jenny Chesney besucht, ahnt sie noch nicht, dass sie sich damit in Lebensgefahr begibt. Ihre Freundin arbeitet in einem britischen Militärhospital, in dem der leitende Arzt Dr. Stroud traumatisierte Soldaten therapiert - ganz zum Leidwesen des Kriegsministeriums, das seine Männer so schnell wie möglich zurück an der Front sehen will. Doch fallen in der geschlossenen Abteilung Schüsse - und ein Colonel kommt ums Leben. Erlag ein Patient seinem Wahn? Oder steckt hinter dem Mord eiskalte Berechnung? Nell Bray will die Gerechtigkeit nicht ruhen lassen und ermittelt - auch wenn sie selbst zur Zielscheibe wird ...  Fans von Agatha Christie und Susanne Goga werden von dieser historischen Krimi-Reihe begeistert sein! Alle Bände können unabhängig voneinander gelesen werden. Alle Bände der Reihe: Band 1: Tod in Biarritz  Band 2: Mord im Sanatorium Band 3: Ein Todesfall in Westminster Band 4: Der Mord am Mont Blanc  Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

Gillian Linscott wurde 1944 in Yorkshire geboren. Als Journalistin schrieb sie unter anderem für den »Guardian« und »BBC« bevor sie sich ganz ihren Kriminalromanen zuwandte. Ihre Reihe um die Suffragette Nell Bray wurde mit dem Herodotus Award sowie dem Ellis Peters Award ausgezeichnet. Linscott lebt heute in Herefordshire, England. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Nell-Bray-Reihe mit den Einzeltiteln »Tod in Biarritz«, »Mord im Sanatorium«, »Ein Todesfall in Westminster« und »Der Mord am Mont Blanc«.
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1


Als sich der ärgste Tumult halbwegs gelegt hatte, fand ich endlich Muße, Jenny Chesneys Brief zu lesen. Ich saß, im Verein mit einem unermüdlichen Kämpfer für den Frieden namens Arthur Ricks, auf dem Dach eines Birminghamer Versammlungshauses; unter uns auf der Straße hatten sich die Arbeiter einer bedeutenden Munitionsfabrik zusammengerottet und grölten wüste Beschimpfungen zu uns empor. Jennys Brief erreichte mich am frühen Morgen jenes Junitags im Jahr 1917 just in dem Moment, da ich mein Haus in Hampstead verließ, um auf einer Antikriegsdemonstration der Internationalen Frauenliga, Midlands-Sektion, als Rednerin aufzutreten. Ich steckte ihn ein, um ihn später zu lesen, hatte jedoch bis zu jenem Moment keine Gelegenheit dazu erhalten.

Etliche Birminghamer Bürger machten mit dem Krieg einen gewaltigen Reibach. Die Besitzer der hiesigen Munitionsfabriken hatten daher Schlägertrupps angeheuert, die unseren Aufmarsch verschiedene Male störten. Zwar war es derzeit per Gesetz verboten, Lokalrunden auszugeben, insofern es die vereinten Anstrengungen der Nation, diesen Krieg zu gewinnen, sabotieren mochte. Nichtsdestotrotz waren jene bulligen Kerle, die man uns auf den Hals hetzte, in den lokalen Wirtshäusern gehörig in Stimmung gebracht worden. Verfaultes Gemüse flog uns um die Ohren; doch daran waren wir gewöhnt und fuhren unbeirrt fort. Erst als Holzscheite und Metallklumpen folgten und eine Abordnung von Fabrikarbeitern das Podium stürmte, beschlossen wir, eine kleine Atempause einzulegen. Arthur besitzt die Statur eines Omnibusses; es gelang ihm, die Meute mit einem Stuhl so lange in Schach zu halten, bis unser Hauptredner, Ramsey Macdonald, durch ein Fenster im Erdgeschoß entkommen konnte. Nachdem dieser Fluchtweg abgeschnitten war, verdünnisierten Arthur und ich uns über den Balkon sowie die Feuerleiter und suchten Zuflucht auf dem flachen Dach, auf dem wir nun hockten.

Über den rauchenden Schornsteinen und Dächern Birminghams zog die lange Abenddämmerung eines ebenso langen Sommertages ein. Arthur hatte einen Arm um eine Fahnenstange gehakt und beugte sich weit über das Dach hinaus. Er versuchte, mit dem tobenden Mob dort unten »vernünftig« zu diskutieren. Dabei mußte er notgedrungen so laut brüllen, wie es seine Lungen nur hergaben.

»Zwanzigtausend Tote am ersten Tag der Schlacht an der Somme. Wie viele mehr wollt ihr denn noch?«

Die Antwort drang tosend zu uns empor.

»Hängt sie auf, die Deutschlandliebchen!«

Arthur wandte sich um und lächelte mich breit an.

»Sie werden allmählich müde. Sitzt du auch bequem, Nell?«

»Sehr bequem, Arthur, danke. Laß uns in aller Ruhe abwarten. Es wird erst in zwei Stunden richtig dunkel.«

Ich lehnte mich mit dem Rücken an einen Schornstein und zog Jennys Brief aus meiner Tasche. Wir waren nicht allzu eng befreundet, aber einander bei etlichen Demonstrationen und Versammlungen begegnet, als wir gemeinsam um die Einführung des Frauenwahlrechts kämpften. Ich hatte sie als ein weibliches Energiebündel mit einer dichten honigfarbenen Lockenpracht in Erinnerung, Mitte Zwanzig und attraktiv genug, um den männlichen Teil der Menschheit gehörig zu verwirren. Und zwar vor allem diejenigen – die Mehrheit also –, die automatisch davon ausgehen, daß Sufragetten unweigerlich häßliche alte Hexen sind. In der Zwischenzeit war dieser unselige Krieg ausgebrochen und hatte unsere Bewegung in zwei Hälften gespalten, die einander ganz und gar nicht grün waren. Während ich mit anderen kreuz und quer durch das Land reiste und mich für ein Ende des Wahnsinns einsetzte, kreuzten sich unsere Pfade mit denen unserer ehemaligen Anführerinnen, Emmeline und Christabel Pankhurst, die in flammenden Reden dafür plädierten, immer neue Waggonladungen Kanonenfutter in die französischen und flandrischen Schützengräben zu entsenden. Ich hatte Jenny derweil aus den Augen verloren und wußte nicht, welcher Seite sie sich zugeschlagen hatte; zumindest das klärten die ersten Zeilen ihres Briefes.

»Liebe Nell,

ich habe von Deinen Aktivitäten gelesen. Gott sei Dank versuchen etliche aus unseren Reihen, diesem entsetzlichen Krieg ein Ende zu setzen. Ich sehe seine Auswirkungen täglich mit eigenen Augen. Derzeit arbeite ich in einer kleinen, dem örtlichen Militärhospital angeschlossenen Klinik für schwere Fälle von Kriegstraumata in Wales. Ich bin die Assistentin des Leiters und Chefarztes, Doktor Julius Stroud. Es handelt sich um eine experimentelle Einrichtung, die er persönlich finanziert. Deshalb muß sich das Kriegsministerium vorläufig mit unserer Existenz abfinden; sie würden unsere Einrichtung indes gerne schließen, weil wir die Männer ihrer Meinung nach nicht rasch genug wieder an die Front schicken. Das ist einer der Gründe, warum ich mir solche Sorgen mache und Hilfe brauche. Es ist hier in den letzten Wochen nämlich einiges geschehen. Ich wende mich an Dich, weil mir einfiel, daß Mrs. Pankhurst einst einige schmeichelhafte Bemerkungen über Dich fallenließ. Es handelte sich um höchst sonderbare Vorfälle in Biarritz, in die Du verwickelt warst ...«

Ich mußte lächeln. Die Ereignisse, auf welche Jenny anspielte, lagen geraume Zeit zurück, und Emmeline Pankhurst äußerte sich seitdem bei Weitem nicht mehr schmeichelhaft über meine Person. Bei unserem letzten Zusammentreffen, in der Schalterhalle von Euston, zischte sie mir »Verräterin!« zu und rauschte hocherhobenen Hauptes an mir vorbei. Ich las weiter.

»Ungeachtet der Meinung anderer über Dich weiß ich, daß Du Diskretion zu wahren vermagst. Seit zwei Monaten werden wir von einer widerlichen, kriegshetzerischen Person namens Monica Minter belästigt, die ganz in der Nähe wohnt. Sie gehört zu den geistigen Führerinnen eines sogenannten Vereins für Pflichtgefühl und Disziplin und scheint in dem Wahn zu leben, wir auf Nantgarrew seien samt und sonders deutsche Spione. Sie war früher selbst eine Suffragette und hat gewiß von Dir gehört. Deshalb dachte ich, Du könntest vielleicht einmal mit ihr reden, wenn Du herkämst.«

Jenny hegte anscheinend äußerst großzügige Vorstellungen davon, wie sie über meine Zeit verfügen konnte. Ich warf einen Blick auf die Adresse: Nantgarrew bei Llanvihangel Crucorney bei Abergavenny, Monmouthshire. Es würde mehrere Tage dauern, das auszusprechen, geschweige denn, dorthin zu gelangen. Der Brief enthielt eine weitere Seite.

»Doch das ist nicht das Schlimmste. Gestern schoß jemand auf uns; wir wissen nicht wer. Doktor Stroud hielt sich mit zwei Patienten im Gewächshaus auf, das an die Rückseite des Hauptgebäudes angrenzt. Alle drei hätten getötet werden können. Doktor Stroud weigert sich strikt, die Polizei einzuschalten, weil es unsere Patienten verstören und zu Verwicklungen mit der Militärbehörde führen würde. Ich wäre Dir daher auf ewig dankbar, wenn Du es einrichten könntest, für zwei oder drei Tage herzukommen. Vielleicht findest Du etwas heraus. Wenn Du kommst, empfiehlt es sich allerdings, daß wir den anderen sagen, du seist eine Freundin von mir, die sich für Doktor Strouds Arbeit interessiert. Bitte komme, sofern Du es irgend ermöglichen kannst. Ich zähle auf Dich.

Deine Jenny Chesney.«

Arthur verhandelte noch immer mit den Leuten, deren Stimmen lautstark aus fünfzehn Metern Tiefe zu uns emporwaberten. Ich wartete, bis das Getöse ein wenig abebbte.

»Arthur, hast du jemals etwas von einem Doktor Julius Stroud gehört?«

Er kannte erstaunlich viele und erstaunlich unterschiedliche Leute.

»Ja. Neurologe. Veröffentlichte einige interessante Studien. War lange Zeit in Wien, Schüler Doktor Freuds. Der Typ mit den Träumen, du weißt schon.«

Ich besaß nur eine verschwommene Kenntnis vom Werk Doktor Freuds. Menschen, die zuviel Zeit damit verbringen, sich über ihren Geist und ihren Verstand Gedanken zu machen, haben meiner Ansicht nach selbst selten soviel Geist oder Verstand, daß sich irgendwelches Kopfzerbrechen darüber lohnen würde. Doch wenigstens war hiermit bewiesen, daß Jennys Brief nicht von vorne bis hinten erlogen war.

»Und der Verein für Pflichtgefühl und Disziplin?«

»Ein obskurer Haufen. Verteilen Broschüren, in denen sie dazu auffordern, man solle seinen Gärtner in die Schützengräben schicken und derlei mehr.«

Ich las Jennys Brief ein zweites Mal. Auf dem Dach war es warm und – trotz der geifernden Stimmen von unten – recht friedlich. Ich müßte mir meine Arbeit neu einteilen, Termine verlegen, aber dann war ich vermutlich durchaus in der Lage, mich für einige Tage nach Wales zu begeben, bevor die Vorbereitungen für die große Demonstration in Manchester in ihre Abschlußphase traten.

Arthur spazierte zu mir herüber.

»Da unten stehen nicht mehr viele, Nell. Die Feuerleiter dort führt auf eine Seitengasse. Sollen wir es versuchen?«

Wir versuchten es. Neulich stand in der Zeitung, daß weibliche Rocksäume mittlerweile unerhörte fünfzehn Zentimeter über dem Boden enden, weil der allgemeine Einsatz für den Krieg dies erfordert. Während wir uns die Leiter hinunterkämpften, kam...



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