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E-Book, Deutsch, Band 2, 248 Seiten
Reihe: Bierbaum
Link Bierbaum - zusammen wachsen
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-5461-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 248 Seiten
Reihe: Bierbaum
ISBN: 978-3-6951-5461-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Link, aufgewachsen in Mannheim, hat evang. Theologie in Heidelberg, Greifswald und Berlin studiert, war Pfarrer in Prag, Gottmadingen und Radolfzell und ist aktuell Dekan im Kirchenbezirk Baden-Baden und Rastatt.
Autoren/Hrsg.
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01
Eigentlich war Bierbaum gerne Pfarrer. Er liebte seinen Beruf. Er liebte vor allem den Sonntag. Seit seine Kirche renoviert war, machte es ihm noch viel mehr Freude am Sonntagmorgen Gottesdienst zu feiern.
Wenn Bierbaum sich in die Sakristei zurückzog, um sich umzuziehen, waren oft nur wenige Menschen im Kirchenraum. Bierbaum hatte dann immer die Befürchtung, dass der Strukturwandel auch ihn erreichen würde und irgendwann gar keiner mehr in die Kirche käme. Trat er dann aber zu Beginn des Gottesdienstes aus der Sakristei, war der Gottesdienstraum meist gut gefüllt. „Das ist jedes Mal ein kleines Wunder. Erst ist keiner da, dann sind die Reihen gut besetzt.", dachte er und freute sich, dass Menschen mit ihm Gottesdienst feiern mochten.
An diesem Morgen würde er dieses Wunder nicht erleben. Bierbaum hatte frei. Dennoch lächelte er über sein Wunder. Nicht über das Wunder des Gottesdienstbesuchs, sondern über das Wunder der Schöpfung, das neben ihm lag.
„Wie wunderbar sind deine Werke, wie wunderbar hast du den Menschen erschaffen!", murmelte Bierbaum lächelnd in freier Anlehnung an einen Schöpfungspsalm. Er streckte sich dabei wohlig und schaute versonnen, mit blitzenden Augen froh auf Sabine, die neben ihm lag und die Augen geschlossen hatte.
„Denk nicht mal dran!", murmelte Sabine. Sie lächelte ebenfalls versonnen, behielt ihre Augen aber geschlossen. Bierbaum wandte sich ihr zu und beugte sich über sie.
„Was war das nur für ein Aufwachen vor einem Jahr? Weißt du noch?", flüsterte er zärdich. Vor einem Jahr war er ebenfalls neben Sabine aufgewacht. Es war der Tag der Kircheneinweihung gewesen. Damals wusste er nicht, wie sie zu ihm ins Bett gekommen war. Heute erinnerte er sich dagegen genau.
Sabine war gestern angekommen, um ihren Jahrestag mit ihm zu feiern- Gemeinsam waren sie mit Uwe und Lena, Hannes und der Gräfin und Elfriede im Grünen Baum gewesen. Erkan hatte sie bedient.
In diesem Augenblick öffnete Sabine die Augen. Sie hatte braune Augen, im Morgenlicht leuchteten sie um die Iris herum grünlich, wie ein Wald in der Morgensonne. Bierbaum betrachtete sie und fuhr langsam mit den Fingerspitzen seiner Hand über die Konturen ihres Gesichtes. „Wer Kaschmir weich nennt, hat deine Haut noch nicht berührt", flüsterte er. „Ist nicht von mir, sondern von Bodo Wartke. Stimmt aber!", sagte er mit Nachdruck.
Bierbaum war verliebt. Sabine ebenfalls. Sie schloss die Augen nun wieder, hob ihm ihr Gesicht entgegen und genoss die Zartheit seiner Berührung. Gerade, als seine Lippen ihre berühren wollten, sagte sie: „Bitte, holst du mir Kaffee?"
Er küsste sie dennoch und rückte mit seinem Körper näher an sie heran. Seine Hand fuhr nun über ihren Rücken und blieb auf ihrem Hintern liegen. Er begann, ihn sanft zu streicheln.
„Hat das nicht noch Zeit?", sagte er und küsste sie wieder. „Bierbaum, wo nimmst du nur die Kraft her? Mir tut alles weh vor Liebe. Ich habe Muskeln bewegt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe."
„Ich könnte schon wieder Muskeln bewegen.", schnurrte Bierbaum. „Auch wenn mir ebenfalls alles weh tut. Vielleicht sollten wir ein wenig Work out machen, um unsere verkrampften und erschöpften Körper etwas zu lockern."
„Mein Gott, du Unersättlicher!", stöhnte Sabine belustigt. „Wer hätte gedacht, dass ich das noch einmal erleben darf. Aber ich brauche erst einmal Kaffee. Bitte. Bitte."
Sie lachte, nahm seinen Kopf in ihre Hände. Dann sah sie ihm in die Augen.
„Bitte! Kaffee!"
Bierbaum erhob sich und ging lachend in die Küche.
Bierbaum schaltete dort die Kaffeemaschine ein und wartete, bis sie sich aufgewärmt hatte. Er mochte es, an einem Sonntagmorgen in der Küche zu stehen und durch das geöffnete Fenster die ersten Orgeltöne aus der benachbarten Kirche zu hören.
Die Kantorin kam immer früh, um in aller Ruhe noch einmal die Lieder für den Gottesdienst zu üben. Manchmal spielte sie ein Orgelstück auch ganz für sich. Da bekam die Orgel einen besonderen Klang, als ob sie entspannter, freier, gelöster wäre. Die Orgel war dann wie eine Katze, die um die Organistin herumstrich und Aufmerksamkeit wollte und wohlig bereit war, ihre Aufmerksamkeit zu empfangen. Es war eine besondere Nähe zu spüren, in der sich in Tönen und Klängen lebendiges Vertrauen ausbreitete, wie bei Liebenden, die sich in ihrer Seele berührt hatten.
In diesem Liebesspiel ging es nicht immer harmonisch zu, Misstöne klangen durch, Widerständigkeit wurde lebendig, mal gab die Orgel die Musik nicht frei, die es brauchte zum Klang, mal musste die Kantorin hart in die Tasten hauen oder lockend streicheln, um den richtigen Zugang zu finden. Hin und wieder probierten beide etwas Neues aus. Dann brauchte es neue, andere Register, zärdiche Zuwendung, wohlige Schläge, zartes Ziehen und Locken. Die Orgel konnte die Kantorin über ihre Grenzen hinausführen, hob sie dann in andere Sphären, bis sie ihr tiefste, klangvolle Lust oder auch betörenden, klingenden Schmerz schenkte. Natürlich veränderte sich der Klang der Orgel, je nachdem, was die Kantorin in ihrem Alltag gerade erlebte, verarbeitete, ersehnte.
An diesem Klang hörte Bierbaum, ob die Kantorin gerade eine anstrengende Woche hinter sich hatte und müde war, oder ob sie voller Kraft und mit sich im Reinen war.
Vor einigen Wochen war Bierbaum wieder eine Veränderung aufgefallen. „Sie spielt eleganter und frischer, wie bei einem Tanz an einem Sommerabend.", dachte Bierbaum eines Sonntagmorgens.
Bierbaum hatte zunächst vermutet, dass sie wieder einen Partner hatte. Aber er hatte sich getäuscht. Und auch nicht. Die Kantorin hatte einen neuen Partner. Die beiden waren unzertrennlich. Sie schenkten sich Liebe und Zartheit, trösteten sich, wenn sie traurig waren, teilten die wertvollen Augenblicke.
Franz war ein großer, eleganter Kater, völlig schwarz wie ein Panther, mit strahlend blauen Augen. Er hatte nur noch einen Eckzahn und manchmal saß er einfach nur da, zog leicht die Mundwinkel nach oben. Dann sah es aus, als ob er lächelte. Manche fanden diesen Blick arrogant, manche süß, andere wiederum spöttisch. Für die Kantorin war es ein Anblick, der ihr Herz höher schlagen ließ.
Kennengelernt hatten die beiden sich in der katholischen Kirche. Während der Renovierung von Bierbaums Kirche war die Gemeinde in der katholischen Kirche zu Gast, eine wunderschöne alte Kirche mit alten Fresken, wunderbar verspielten Heiligengemälden und einem warmen Geruch aus Weihrauch und Maiglöckchen.
Woher dieser Maiglöckengeruch kam, wusste niemand. Die Dachbalken, die dort unter der Decke verbaut waren, verströmten diesen zarten Geruch nach Frühlingsblumen seit vielen Jahrzehnten. Er war nur ganz wenig wahrnehmbar, nur gerade so viel, dass er von den Geruchshaaren in den Nebenhöhlen aufgenommen wurde und das Kleinhirn signalisierte: „Es riecht gut." Allerdings gerade so wenig, dass das Großhirn nicht Alarm schlug und heftig signalisierte: „Maiglöckchen".
Der zarte Duft führte dazu, dass die Gläubigen gerne in der Kirche saßen und sich nach einer kleinen Weile wie frisch ge
badet vorkamen.
Manche konnten in dieser Stimmung loslassen, fühlten sich erneuert und gereinigt. Bei anderen wurden Kindheitserfahrungen lebendig. Sie sagten: „Ich fühle mich geborgen und voll großer innere Freude." Wenn Bierbaum das hörte, lächelte er. „Sie fühlen sich, wie Samstagabend nach einem liebevollen Bad im Bademantel auf dem Sofa und dürfen länger aufbleiben und die Hitparade gucken." Bierbaum war immer wieder fasziniert zu sehen, wie sich ihre Gesichter erkennend veränderten, die Augen sich weiteten und manchmal ein zarter, kindlicher und lebensneugieriger Blick sich zeigte.
Der Maiglöckchendurft führte immer zu guten Erinnerungen. Nie löste er Ängste aus oder Unwohlsein, immer führte er dazu, dass Menschen sich wohl fühlten.
„Ich mag Kirche überhaupt nicht und besonders die katholische Kirche nicht, aber wenn ich hier bin, dann wächst in mir ein Vertrauen und eine Zuversicht, die unglaublich sind. Ich fühle eine Stärke und Sicherheit in mir wachsen, die ich sonst an keinem Ort finde. Daher bleibe ich in der Kirche, weil ich möchte, dass dieser Ort erhalten bleibt." Bierbaum und sein katholischer Kollege freuten sich über solche Aussagen, wussten sie doch selbst sehr gut über ihre eigenen Schwierigkeiten mit Kirche Bescheid und tauschten sich regelmäßig darüber aus.
Die Orgel in der Maiglöckenkirclre wurde von der Kantorin dagegen kritisch betrachtet. Sie war ein älteres Modell, war mehrmals in den vergangenen Jahrhunderten umgebaut worden. „Sie ist wie ein Rolls Royce. Groß, mächtig, 1000 PS. Du kannst darauf spielen, wie am Jüngsten Tag, dich austoben und es ist immer noch Luft nach oben. Aber manchmal ist es einfach für die Seele zu viel. Da ist weniger mehr.", entfuhr es ihr immer wieder. So war sie froh, als die Renovierung der eigenen Kirche beendet war und sie wieder in ihrer eigenen Kirche Orgel spielen...




