E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Sehnsuchtsorte
Lindow Tod in Masuren
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-056-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Sehnsuchtsorte
ISBN: 978-3-98707-056-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ella Sophie Lindow ist ein Pseudonym. Die Autorin arbeitet als Hochschullehrerin an einer mitteldeutschen Universität. Seit über 20 Jahren verbringt sie ihre Sommermonate in Masuren. »Tod in Masuren« ist ihr erster Kriminalroman.
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EINS
In Mragowo ging sie vom Gas. Jetzt begann die letzte kurvige Strecke, die Marie in den vergangenen zwanzig Jahren immer wieder gefahren war, häufig mit dem Gefühl freudiger Erwartung, manchmal aber auch mit Bangigkeit, weil sie nie genau wusste, wie sie ihr Grundstück und ihr Haus nach der Abwesenheit im Winter wohl vorfinden würde. Und immer wieder erinnerte sie die Fahrt daran, wie sie vor mehr als zwanzig Jahren bei schrecklichem Regen und heftigem Gewittersturm, damals noch mit ihrem viel zu früh verstorbenen Mann, dieses letzte Stück der langen Strecke aus Deutschland, von Mragowo nach Gizycko, zurückgelegt hatte, um den kleinen Hof zu erwerben, den sie beide im Sommer zuvor entdeckt hatten. Es war schon dunkel geworden, hatte in Strömen gegossen, sie hatten viel Gegenverkehr von breiten durch die Pfützen spritzenden und die Kurven schneidenden Lastern aus Litauen und Lettland gehabt, und vor ihnen waren kleine Polski Fiats dahingetuckert, eine fürchterliche Fahrt. Sie hatten sich gefragt, auf welches Wahnsinnsunternehmen sie sich hier einließen: einen alten teilweise verfallenen Vierseithof in Masuren, der zum Verkauf stand, zu erwerben, ohne ein Wort Polnisch zu sprechen, einfach nur, weil das Gehöft so traumhaft lag, umgeben von den leichten Hügeln der Endmoränenlandschaft mit Blick auf einen der zahlreichen Seen. Das hatte sie von Anfang an verzaubert.
Aber auf dieser denkwürdigen Fahrt zum Kaufvertrag war Marie fast geneigt gewesen, das scheußliche Wetter als schlechtes Omen zu nehmen und alles rückgängig zu machen, umzukehren und die Plastiktüte mit dem Geld, das beim Notar der Verkäuferin übergeben werden sollte, wieder mit nach Deutschland zu nehmen, doch dann hatte ihr Mann ihr gut zugeredet und sie bewogen, die Geschichte, die sie so enthusiastisch begonnen hatte, nun auch zu Ende zu bringen. Er war bei Maries Idee, den kleinen Hof zu erwerben, skeptisch gewesen, hatte Bedenken geäußert, sich dann aber von ihrer Begeisterung anstecken lassen und versprochen, seinerseits seinen Beitrag zu dem ganzen Unternehmen zu leisten, indem er Polnisch lernen würde.
Angesichts von Maries Zögern erwies er sich nun als Stütze. »Überleg doch einmal, was uns denn schon passieren kann; im Zweifelsfall müssen wir die ganze Geschichte wieder aufgeben, aber jetzt sollten wir sie erst einmal durchziehen«, hatte er gesagt, und sie hatten nicht kehrtgemacht, sondern waren weitergefahren, vorbei an der alten Ordensburg in Ryn, die inzwischen renoviert war und mit ihren Ritterbanketten große Reisegesellschaften anzog, weiter durch kleine Dörfer mit Storchennestern am Straßenrand, bis sie schließlich die Ausläufer von Gizycko erreichten, wo am Tag darauf der Kauftermin des alten Bauernhofs stattfinden sollte. Der Plan war, der früheren Besitzerin, einer alten Dame, solange sie lebte, Wohnrecht auf dem Hof zu gewähren und aus einem der verfallenen Stallgebäude ein Sommerhaus bauen zu lassen.
Es war alles nicht ganz einfach gewesen, aber letztlich war aus alten auf dem Grundstück herumliegenden Bruchsteinen ein wunderschönes Haus entstanden, und Marie und ihr Mann hatten dort – als Hochschullehrerin und -lehrer mit dem Privileg ausgestattet, in der vorlesungsfreien Zeit überall arbeiten zu können – viele glückliche Sommer verbracht, und für Marie war es nach wie vor ein wunderbarer Rückzugsort zum Auftanken.
Das alles ging ihr durch den Kopf, als sie jetzt die Strecke fuhr, um ihre Sommermonate wie gewohnt in Masuren zu verbringen. Sie war den Weg oft gefahren und kannte alle Kurven. Es gab nach wie vor viel Verkehr, aber er hatte sich geändert wie so vieles in Polen: Die langsamen Polski Fiats waren größeren, schnellen westeuropäischen Autos gewichen; Panjewagen gab es nicht mehr auf den Straßen, allenfalls noch in Museen, und viele der kleinen Ortschaften hatten Umgehungsstraßen erhalten. Die Fußballeuropameisterschaft, vor allem aber die EU-Mittel hatten den Straßenbau vorangetrieben; Autobahnen waren gebaut, große Verbindungsstraßen frisch asphaltiert, Schlaglöcher repariert worden; über weite Strecken war das Autofahren in Polen auf den großen Verkehrswegen inzwischen deutlich angenehmer als in Deutschland, lediglich die Sorge vor manchen zu abenteuerlichen Überholmanövern neigenden Fahrern war geblieben.
Der Weg von Berlin hatte dank der besseren Straßenverhältnisse nur neun Stunden gedauert, und so stand die Sonne noch am Horizont, als Marie in die kleine Straße mit Kopfsteinpflaster einbog. Sie wurde nach einer Kurve zu einem Sandweg, der durch Felder und Wiesen und vorbei an einem kleinen Wäldchen führte und schließlich in die etwas verwunschene, von Birken und Weiden gesäumte Zufahrt zu ihrem Hof mündete.
Zu ihrer Vorfreude auf eine schöne Sommerzeit kam dieses Mal eine große Erleichterung: Es war im vergangenen Monat endgültig gelungen, die lästigen Grundstücksquerelen, die es in ländlichen Gebieten immer wieder gibt, zu klären; in einem Tausch hatte sie ihren Hügel mit dem Blick auf den See ein Stück vergrößern können und dafür das Ackerland mit dem kleinen Teich und dem dahinterliegenden Wald an einen benachbarten Bauern abgetreten. Es war ein schwieriger Prozess gewesen, vor allem weil der Geodät, der vor zwanzig Jahren das Grundstück vermessen hatte, es nicht nur als zu groß, sondern auch noch mit falschen Koordinaten eingetragen hatte. Aber das war nun alles überstanden, und Marie hoffte, dass dieser Sommer nicht, wie der vorige, von unerwünschten Auseinandersetzungen überschattet sein würde.
Schon vom Sandweg aus konnte sie den großen alten Ahorn und die hochgewachsene Doppellärche auf dem Dach der Piwnica, des Erdkellers, sehen – sie war als Setzling immer wieder vom Rehbock verbissen worden und dann mit großer Widerstandskraft zu einem Doppelstamm geworden –, dazu das Storchennest auf dem Elektromast. Drei Junge waren es diesmal, hatte ihr Tomek, der nette Nachbar, der sich um das Anwesen kümmerte, am Telefon berichtet; er hatte auf Maries Bitte hin auch schon Tische und Bänke für den Innenhof und die Terrasse aus der Scheune geholt und aufgestellt.
So sah der kleine Vierseithof sehr einladend aus, als Marie ankam: Die Stockrosen blühten mit aller Pracht und in allen Farben vor dem Haus und dem gegenüberliegenden Stallgebäude, dazwischen hatten sich roter Mohn, duftender Lavendel und blauer Salbei breitgemacht, und die Abendsonne tauchte das Ganze in ein mildes Licht. Es war das Masurenbild, das Marie so liebte, das ihr immer Herz und Sinne öffnete. Sie blieb eine Weile im Innenhof stehen, ging dann zum Haus und begann, die nötigsten Sachen aus dem Auto zu holen und sich für den Sommer, in dem ein Buch zu Biografien entstehen sollte, einzurichten.
Morgen würde sie als Erstes ihre polnischen Freunde besuchen, allen voran Staszek, den emeritierten Juraprofessor aus Warschau. Er hatte sich nach dem Tod seiner Frau und wohl auch nach Streitigkeiten mit der ersten PiS-Regierung der Gebrüder Kaczynski in den Jahren 2006 und 2007 frühzeitig aus seinem Amt zurückgezogen, hatte seine Wohnung in Warschau vermietet und lebte nunmehr ganzjährig in seinem Blockhaus im Wald, ging jagen und angeln und hatte gelegentlich Jagdgesellschaften zu Gast. Von Zeit zu Zeit schrieb er Gutachten zur Nachhaltigkeit für die Partia Zieloni, die polnischen »Grünen«, deren Ziele zum Naturschutz er unterstützte, deren westlich angehauchte liberale Ideen er sich aber, wie Marie argwöhnte, eher nicht zu eigen gemacht hatte.
Seit zwei Jahren war er mit Malgorzata zusammen, einer versierten und erfolgreichen Anwältin aus Olsztyn, die Marie bei den Auseinandersetzungen um die Ländereien sehr geholfen und es auch geschafft hatte, die falschen Angaben des seit einiger Zeit nicht mehr auffindbaren Geodäten zu revidieren. Die Wochenenden verbrachte Malgorzata meistens bei Staszek, und Marie schätzte sie nicht nur wegen ihrer Fähigkeiten als Anwältin, sondern auch wegen ihrer Fröhlichkeit und ihrer Unternehmungslust. Zudem sprach sie, wie auch Staszek, vorzüglich Deutsch.
Staszek hatten Marie und ihr Mann schon auf ihrer ersten Masurenreise kennengelernt. Der Kontakt war über die Universitäten zustande gekommen; es ging, wie Marie sich vage erinnerte, um einen Vergleich polnischen und deutschen Rechts in historischer Perspektive, über den die beiden Männer diskutieren wollten. Staszek war, wie üblich im Sommer, gemeinsam mit seiner Frau in seinem Blockhaus, und sie hatten Marie und ihren Mann sogleich zum Essen eingeladen. Die beiden hatten jene polnische Herzlichkeit und Gastfreundschaft praktiziert, die Marie von jeher so an dem Land fasziniert hatten und die ihr das Gefühl gaben, sich dort zu Hause fühlen zu können. Sie hatten sich auf Anhieb alle gut miteinander verstanden.
Staszek war es dann auch gewesen, der ihnen zum Kauf des alten Vierseithofs zugeredet hatte, und er hatte ihnen geholfen, einige Hindernisse bei dessen Erwerb zu überwinden. Seitdem verband sie eine gute, verlässliche Freundschaft. Marie hatte ihm ihr Kommen angekündigt, zwar nicht auf den Tag genau, aber sie ging davon aus, dass er zu Hause sein würde. Voller Vorfreude auf ihre beginnende Sommerzeit in Masuren lief sie auf den Hügel und warf einen Blick auf die rot im See untergehende Sonne, um dann in ihr Haus zu gehen und sich schlafen zu legen.
Noch bevor der Wecker klingelte, wurde sie am nächsten Morgen von den ersten Sonnenstrahlen und dem Geklapper der Störche geweckt. Schnell stand sie auf und ging zu dem kleinen Gemüsegarten, den Tomeks Mutter ihr Jahr für Jahr liebevoll anlegte, um sich dort ein paar frische Möhren für das Frühstück zu holen. Aber vor dem Frühstück würde sie zu dem verschwiegenen kleinen See in der Nähe von Staszeks Haus...




