Linden | "... erkämpft das Menschenrecht" | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Linden "... erkämpft das Menschenrecht"

Vom Aufstieg und Niedergang klassischer ArbeiterInnenbewegungen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-85371-923-7
Verlag: Promedia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vom Aufstieg und Niedergang klassischer ArbeiterInnenbewegungen

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-85371-923-7
Verlag: Promedia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Für die ArbeiterInnenbewegung läuft es schlecht. Die Gewerkschaften haben viel an Macht verloren und organisieren derzeit nur noch sechs Prozent der Beschäftigten weltweit. In vielen Ländern kamen ihnen ihre Verbündeten, die sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterparteien, abhanden, entweder weil diese Parteien untergingen oder weil sie einen neoliberalen Weg einschlugen. Marcel van der Linden erklärt die wichtigsten Bewegungstypen dieser Krise, vom Beginn der organisierten ArbeiterInnenbewegung mit ihren anarchistischen und syndikalistischen Anfängen bis zu den im späten 19. Jahrhundert entstandenen sozialdemokratischen Parteien. Diesen gelangen nach dem Ersten Weltkrieg parlamentarische Durchbrüche, doch wurden sie am Ende des 20. Jahrhunderts durch Verschiebungen in den Sozialstrukturen geschwächt. Der Autor diskutiert auch die historischen Charakteristika des 'bolschewistischen Modells', wie es sich in Russland entwickelte, und ruft die verschiedenen Stadien der internationalen Gewerkschaftsbewegung in Erinnerung. Abschließend entwickelt van der Linden Gedanken für eine erneuerte ArbeiterInnenbewegung, die sich erfolgreich den heutigen Herausforderungen stellen kann.

Marcel van der Linden, geboren 1952, war Forschungsdirektor des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte und Professor für die Geschichte der Sozialbewegungen an der Universität von Amsterdam. Träger des deutschen Historikerpreises 2014 und seit 2023 Fellow der britischen Royal Historical Society. Er gab im Promedia Verlag den Band »Was war die Sowjetunion? Kritische Texte zum real existierenden Sozialismus« heraus.
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1. Einleitung


Seit einiger Zeit werden die alten Organisationen der ArbeiterInnenbewegung in Frage gestellt. So nahm der renommierte Sozialphilosoph und Journalist André Gorz 1980 ; drei Jahre später sprach der Historiker Erhard Lucas . Weitere vier Jahre später bemerkte die prominente deutsche Historikerin Helga Grebing über ihre eigene Partei, die SPD: »Sie ist inzwischen fast noch nicht einmal mehr eine ›interklassistische Volkspartei‹ (wie die französische Sozialistische Partei), geschweige denn eine Arbeiterpartei, was heißen soll: eine Partei der Arbeiterbewegung.« Und 1990 sprach der linke Politologe Denis Berger vom »Ende einer Ära«.1

Im vorliegenden Band möchte ich diese Entwicklung näher beleuchten. Dabei beschränke ich mich auf das, was ich die »klassische« ArbeiterInnenbewegung nenne, d. h. die ArbeiterInnenorganisationen und -aktionen, die etwa zwischen der Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Ich befasse mich insbesondere mit den Geschicken und Aktivitäten von anarchistischen und syndikalistischen Organisationen, sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien und Gewerkschaften. Den kommunistischen Parteien widme ich nur Aufmerksamkeit, solange sie (noch) nicht die volle Staatsmacht errungen und damit ihren Bewegungscharakter endgültig verloren haben. Christlich-demokratische und sozial-liberale Bewegungen lasse ich überwiegend außen vor.

Der Niedergang, von dem verschiedene Kommentatoren sprechen, scheint unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt zu haben. Der Historiker Eric Hobsbawm stellte fest: »Seit Anfang der 1950er Jahre wurde deutlich, dass die sozialistischen Arbeiterparteien in den meisten Teilen der Welt, wo sie eine Massenbasis erworben hatten, nicht mehr auf dem Vormarsch waren, sondern, wenn überhaupt, eher an Boden verloren, sei es in ihrer sozialdemokratischen oder kommunistischen Form.« 2

Die große Mehrheit der klassischen ArbeiterInnen- und sozialistischen Bewegungen befindet sich in Schwierigkeiten. Die drei Hauptformen der organisierten ArbeiterInnenbewegung zeigen dies. An erster Stelle stehen die Konsumgenossenschaften. Sie gehen auf das 18. Jahrhundert zurück und erlebten ihre Blütezeit in der Zwischenkriegszeit und in der ersten Zeit danach. Die darauffolgenden Herausforderungen (das Aufkommen von Supermärkten und Handelsketten sowie ein verändertes Verbraucherverhalten) erforderten drastische Veränderungen, die die interne Demokratie der meisten Unternehmen untergruben. Eine aktuelle Analyse kommt zu dem Schluss:

»Dort, wo Genossenschaften fusionierten, um Standardisierung und Größenvorteile zu erzielen, distanzierten sich die Mitglieder durch den größeren Umfang der Genossenschaften vom allgemeinen Management, […] wodurch ihre demokratische Anziehungskraft geschwächt wurde. Im Gegensatz dazu waren Bewegungen, die eine stark dezentralisierte lokale Autonomie aufrechterhielten, […] nicht in der Lage, die notwendige Kapitalisierung vorzunehmen, um dem Wettbewerb mit den großen, nicht-genossenschaftlichen Einzelhandelsketten standzuhalten.« 3

In Großbritannien, nach Meinung vieler das Mutterland der modernen Verbrauchergenossenschaften, ist die Zahl der Organisationen innerhalb eines Jahrhunderts von über 1400 auf achtzehn gesunken.4 Ähnliche Trends sind in vielen anderen Ländern zu beobachten.5

Zweitens hat die Macht der unabhängigen Gewerkschaften in den meisten Ländern abgenommen. Als Indikator hierfür verwende ich den gewerkschaftlichen Organisationsgrad, d. h. die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder als Prozentsatz der gesamten Erwerbsbevölkerung. Mir ist klar, dass dieser Indikator gewerkschaftliche Macht nur unzureichend wiedergibt, da auch kleine Gewerkschaften energisch handeln können, indem sie radikale Aktionen unternehmen, aber dennoch muss ich feststellen, dass die Gewerkschaften derzeit weltweit nur einen kleinen Prozentsatz ihrer Zielgruppe organisieren können und die Mehrheit dieser Zielgruppe in der relativ wohlhabenden nordatlantischen Region lebt.6

Der bei weitem wichtigste globale Dachverband ist der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB), der 2006 aus dem Zusammenschluss zweier älterer Organisationen, dem säkularen, reformorientierten Internationalen Bund Freier Gewerkschaften und dem Christlichen Weltbund der Arbeit, hervorgegangen ist. Im Jahr 2014 schätzte der IGB, dass weltweit etwa 200 Millionen Beschäftigte einer Gewerkschaft angehörten (ohne die chinesische) und dass 176 Millionen davon im IGB organisiert waren. Der IGB schätzte außerdem, dass die Gesamtzahl der Beschäftigten im Jahr 2014 weltweit etwa 2,9 Milliarden betrug (von denen 1,2 Milliarden in der informellen Wirtschaft arbeiteten). Der weltweite gewerkschaftliche Organisationsgrad betrug also zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als 7 % (200 Millionen von 2,9 Milliarden). Inzwischen dürfte er auf nur noch 6 % oder weniger gesunken sein. In den OECD-Ländern sank der gewerkschaftliche Organisationsgrad zwischen 2000 und 2019 von 20,9 auf 15,8 %.7 In vielen Ländern zeigt die langfristige Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung ein »gebirgiges« Muster, wie zum Beispiel im Fall der Vereinigten Staaten (Abbildung 1.1).

Abbildung 1.1: Gewerkschaftlicher Organisationsgrad in den Vereinigten Staaten, 1880-2018

Quelle: Ryan Nunn, Jimmy O’Donnell u. Jay Shambaugh, »The Shift in Private Sector Union Participation: Explanation and Effects«, The Hamilton Project Paper, Brookings, August 2019, S. 3: https://www.hamiltonproject.org/assets/files/UnionsEA_Web_8.19.pdf.

Das dritte wichtige Element der ArbeiterInnenbewegungen sind die politischen Organisationen. Der Anarchismus unter den ArbeiterInnen und armen Bauern/Bäuerinnen blühte etwa zwischen 1870 und 1940 auf, wobei er in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg weltweit seinen Höhepunkt erlebte. Der revolutionäre Syndikalismus hatte, global gesehen, zwischen 1900 und 1940 seine Blütezeit. Auch den Sozialdemokratischen und Labour-Parteien geht es in letzter Zeit nicht gut; ihre größte Popularität bei den WählerInnen erreichten die meisten zwischen 1920 und 1989.8

Darüber hinaus wurden etliche kommunistische Parteien in nichtkommunistischen Ländern nach Wahlniederlagen, Spaltungen oder finanziellem Bankrott aufgelöst. Die meisten anderen haben einen schweren Stand. Auch hier ist oft ein »bergiges« oder »parabolisches« Muster zu beobachten, wie die Wahlentwicklung vieler Parteien zeigt.9

Ein weiterer wichtiger Faktor, der bei all dem eine Rolle spielt, ist das endgültige Scheitern der »realsozialistischen« Versuche in der Sowjetunion, in Osteuropa, China und Südostasien. Das Sowjetimperium ist zusammengebrochen, und China und Vietnam haben den Weg zum Kapitalismus eingeschlagen. Obwohl es vor dem Zusammenbruch fast überall viel Kritik an den »kommunistischen« Gesellschaften gab, war diese Entwicklung für viele Linke demoralisierend, denn damit war scheinbar der praktische Beweis erbracht worden, dass eine nicht-kapitalistische Gesellschaft auf Dauer unmöglich ist.

Alles in allem scheinen die obigen Ausführungen auf drei Dinge hinzudeuten: Weltweit sind die Konsumgenossenschaften entweder darnieder gegangen, oder sie haben sich in Einzelhandelsunternehmen verwandelt, wo die Mitglieder nicht mehr über demokratische Macht verfügen. Die Gewerkschaften sind nicht nur eine schwache Kraft, sondern ihre Macht nimmt sogar ab; und in vielen Ländern haben die Gewerkschaften ihre Verbündeten, die ArbeiterInnenparteien, verloren, entweder weil diese Parteien untergegangen sind oder weil sie neoliberale Positionen übernommen haben. Der Niedergang der ArbeiterInnenbewegungen scheint fast allumfassend zu sein.

Über die klassischen ArbeiterInnenorganisationen ist in vielen Sprachen viel geschrieben worden, in der Regel in Form chronologischer Erzählungen, in denen Führungspersönlichkeiten, Kongresse und wichtige Ereignisse hervorgehoben werden. Dieser eingeschränkte Ansatz hat zwei wesentliche Schwächen. Er verwendet einen engen ArbeiterInnenklassenbegriff, der sich auf LohnarbeiterInnen in der Industrie, den Bergwerken, Häfen und der Landwirtschaft beschränkt. Hausfrauen, Bedienstete usw. kommen dabei nicht vor. Und zudem wurden die ArbeiterInnen selbst und »die wirtschaftlichen und technischen Bedingungen, die das Wirksamwerden von Arbeiterbewegungen ermöglichten bzw. verhinderten«, 10 vernachlässigt.

Es ist aber wichtig, die Geschichte der ArbeiterInnenorganisationen in ihren breiteren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontext zu stellen, um verstehen zu können, weshalb viele dieser Organisationen in Schwierigkeiten geraten sind. »Was wir brauchen, ist eine Theorie, die die interne Logik von Organisationsformen mit den sozialen Kräften außerhalb der Organisation in Beziehung setzt.« 11 Es ist wichtig, Organisationen als (temporäre) Kristallisationen zu sehen, als...


Marcel van der Linden, geboren 1952, war Forschungsdirektor des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte und Professor für die Geschichte der Sozialbewegungen an der Universität von Amsterdam. Träger des deutschen Historikerpreises 2014 und seit 2023 Fellow der britischen Royal Historical Society. Er gab im Promedia Verlag den Band »Was war die Sowjetunion? Kritische Texte zum real existierenden Sozialismus« heraus.



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