Linden Alpengold - Folge 161
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8387-5606-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Hof braucht dich
E-Book, Deutsch, Band 161, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-8387-5606-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine junge Bauerntochter und ihr wildes ungezähmtes Herz Die Sonne schickt ihren letzten rotgoldenen Schein über die schroffen Karen des Rabenkopfs, als der junge Nadler-Thorsten seine Silvia stürmisch an sich zieht. Für ihn werden die kühnsten Hoffnungen wahr, denn endlich, endlich erwidert die hübsche Bauerntochter seine Gefühle! Nie und nimmer hat er geglaubt, dass dieser Tag einmal kommen würde - doch nun ist Thorsten fest entschlossen, das geliebte Madel nie mehr loszulassen. Als er Silvia allerdings einen romantischen Heiratsantrag macht, sieht sie ihn nur voller Entsetzen an...
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»Bist du fertig, Silvia?« Petra, die jüngere Tochter des Schäfer-Josef, steckte den Kopf durch die offene Tür der Backstube, in der ihre Freundin gerade ein leeres Blech in das oberste Fach eines fahrbaren Regals schob.
»Höchstens zehn Minuten, Petra«, antwortete Silvia Neuberger. »Ich muss mich noch umziehen und mir ein bisserl die Haare richten.« Sie verschwand im Nebenraum.
Mit einem Seufzen kehrte Petra zu ihrem Wagen zurück, in dem bereits ihre andere Freundin saß.
»Es dauert noch ein bisserl«, sagte sie zu Andrea Meinhardt und verdrehte die Augen. »Wir hätten ja damit rechnen müssen, dass es die Silvia net schafft, pünktlich zu sein.«
»Das kannst du ihr gewiss net anrechnen, Petra«, verteidigte Andrea die Freundin. Scherzend fügte sie hinzu: »Warum musst du deinen Geburtstag auch ausgerechnet an einem Tag feiern, an dem die Silvia in der Bäckerei arbeitet?«
»Weil sich der Freitagabend nun mal zum Feiern anbietet«, konterte Petra gut gelaunt. »Am Wochenende hätte ich keine Zeit gehabt. Ich hab meinem Vater versprochen, ihm mit der Gudrun beim Streichen unserer alten Scheune zu helfen, und am Sonntag besuchen wir meine Großtante in Nürnberg.«
Silvia beeilte sich. »Da bin ich schon«, verkündete sie und öffnete die Fondtür des Wagens. »Zwei Minuten vor Ladenschluss ist der alten Frau Säger noch eingefallen, dass ihr Sohn heute Abend zum Essen kommt und sie vergessen hat, sein geliebtes Kürbiskernbrot zu kaufen. Und wär das net genug, hat sie der Frau Gutbrodt und mir noch den neuesten Klatsch erzählen müssen und dabei kein Ende gefunden.«
»Und was hat sie so erzählt?«, fragte Petra und ließ den Wagen an. »Ich denke, wenn du uns schon wegen der Sägerin warten lässt, haben wir auch ein Anrecht darauf, den neuesten Klatsch zu erfahren.«
»Es ist nix Besonders. Ihr wisst ja, die Frau Säger macht aus jeder Mücke einen Elefanten.« Silvia zog einen Spiegel aus ihrer Handtasche und warf einen Blick hinein. »Es ging um den Nadler-Thorsten und dass er von der Tochter des Bürgermeisters angeblich einen Korb bekommen hat, nachdem sie wochenlang mit ihm ausgegangen ist. Um ihn vorläufig net mehr sehen zu müssen, wäre sie sogar zu ihrer Tante nach Füssen gezogen.«
»Was mich net wundert. Der Thorsten ist mehr oder weniger ein Habenichts. Sein Onkel hat ihn ja nur aufgenommen, weil ihm nach dem Tod seiner Eltern und der Zwangsversteigerung des Anwesens so gut wie nix geblieben ist«, sagte Petra und bog in die Straße nach Füssen ein. »Außerdem ist die Lisa ja tatsächlich vor einer Woche nach Füssen gezogen.«
»Armut wäre für mich kein Grund, einen Burschen abzulehnen«, meinte Andrea.
»Genauso denk ich auch«, sagte Silvia. »Auch wenn ich den Thorsten kaum kenne, er scheint mir ein anständiger Bursche zu sein, was man von seinem jüngeren Vetter Paul net behaupten kann. Der bandelt mit jedem Madel an, geht ein paar Mal mit ihm aus und wendet sich dann einer anderen zu.«
»Das haben nun mal viele Burschen so an sich.« Petra hob die Schultern. »Jedenfalls wird er mal den Hof erben. Sein Bruder wird ja noch dieses Jahr die Pfisterer-Monika heiraten und hat damit ausgesorgt. Da der alte Pfisterer froh sein wird, die Monika überhaupt an den Mann zu bringen, wird er dem Toni einen roten Teppich ausrollen.«
»Du solltest dich mal hören, Petra«, erwiderte Silvia missbilligend. »Was kann die Monika für die Narbe in ihrem Gesicht? Der Toni wird sie aufrichtig lieben und net nur wegen ihres Besitzes heiraten wollen.«
»Träum weiter, Silvia!«, bemerkte Petra. »Du liest zu viele Liebesromane. Das Leben ist nun mal net so, wie du es dir erträumst. Meine Eltern haben auch net aus Liebe geheiratet, sondern um zwei kleine Höfe zusammenzulegen. Ihre Ehe hat dennoch Bestand.«
»So muss es net sein, Petra«, mischte sich Andrea ein. »Ich denke jedenfalls net daran, mir meinen zukünftigen Mann nach dessen Bankkonto auszusuchen.«
Petra verdrehte die Augen. »Ihr beide seid zwei hoffnungslose Romantikerinnen«, meinte sie. »Zum Glück steh ich mit beiden Beinen fest im Leben.«
Das Lokal, in dem Petra ihren Geburtstag feiern wollte, lag am Ufer des Forggensees und war besonders bei Jugendlichen beliebt, weil man hier nicht nur essen, sondern auch tanzen konnte. Alle vierzehn Tage bot der Wirt seinen Gästen am Freitagabend Livemusik. An diesem Abend sollte eine Band aus München spielen.
Sie wählten einen Tisch an einem der großen Panoramafenster, die einen guten Blick über den See zu den umliegenden Ortschaften und auf die Berge boten. Am Tisch ihnen gegenüber saßen ein paar Geschäftsleute. Ab und zu wehte ein Fetzen ihres Gesprächs zu den Madeln herüber.
So weit Silvia mitbekam, ging es um irgendwelche Versicherungsabschlüsse. Das große Wort führte ein junger, hellblonder Mann mit stahlblauen Augen. Ihr gefiel, wie es ihm gelang, die Aufmerksamkeit der anderen zu fesseln. Als sich flüchtig ihre Blicke trafen, zwinkerte er ihr zu. Verlegen wandte sie den Kopf.
»Na, na«, bemerkte Petra und verzog spöttisch die Lippen.
»Was du immer hast!« Silvia vermied es, erneut zu dem anderen Tisch zu sehen.
»Es gibt net nur meinen Geburtstag zu feiern«, sagte Petra während der Essens, »sondern auch die Erfüllung eines langen Traumes.« Sie sah die Freundinnen bedeutungsvoll an. »Ich hab am Morgen die Zusage für Neuseeland bekommen.« Ihre Augen strahlten vor Glück.
»Das freut mich für dich.« Andrea drückte ihre Hand. »Und wann soll’s losgehen?«
»Im September«, antwortete Petra. »Ich werde ein Jahr auf einer Farm bei Hamilton arbeiten.« Sie zwinkerte ihren Freundinnen zu. »Wer weiß, ob ich während dieser Zeit net einen reichen Neuseeländer kennenlerne. Vielleicht hat der Besitzer der Farm einen Sohn …«
Silvia seufzte auf. »Sosehr ich mich für dich freue, Petra, ein klein bisserl beneid ich dich auch. Du kannst hinaus in die Welt, kannst mal was anderes sehen als unser Dorf und dessen Umgebung. Als ich meinen Eltern vorgeschlagen hab, mal für ein paar Monate im Ausland zu arbeiten, haben sie abgewinkt. ‘Der Hof braucht dich’, hat mein Vater gesagt. ‘Deine Mutter und ich sind niemals weiter als nach München und einmal in die Schweiz gekommen. Geschadet hat’s uns net.’«
Sie hob die Schultern. »Meine Eltern werden nie verstehen, dass ich mehr vom Leben möchte, als den Hof und ab und zu auf einem Gemeindefest zu tanzen.«
»Verbieten können sie es dir net«, sagte Petra. »Du bist längst volljährig und hast das Recht, über dein Leben selbst zu entscheiden.«
»Die Theorie schaut stets anders aus als die Praxis«, meinte Silvia. »Ich hab meine Eltern von Herzen lieb, und ich kann sie verstehen, dennoch erscheint mir manchmal unser Dorf so klein, so eng … Ich werde wohl mein ganzes Leben in Geroldskirchen verbringen, nie die Chance haben, auch mal was anderes zu sehen, denn der Hof muss ja immer an erster Stelle kommen.«
»Gott sei’s gedankt, meine Eltern sehen das alles net so eng.«
»Du hast ja auch noch eine Schwester, die den Hof erben wird«, warf Andrea ein. »Da ist es net so schwer für deine Eltern, großzügig zu sein.«
»Stoßen wir erst mal auf deinen Geburtstag an, Petra!«, schlug Silvia vor und hob ihr Colaglas. Sie wollte ihrer Freundin schon zuprosten, als sie einen heftigen Stoß gegen den rechten Arm bekam und sich die Cola in einem breiten Bach über ihre Bluse und ihren Rock ergoss. Erschrocken sprang sie auf und prallte gegen den hellblonden Mann vom Nebentisch, der sie zerknirscht ansah.
»Verzeihen Sie, das hab ich net gewollt«, sagte er. »Ich war auf dem Weg zum Tresen und bin ausgerutscht. Ich konnte mich grad noch halten. Dabei ist es passiert.«
»Wohl zu viel getrunken«, bemerkte Andrea.
»Es braucht schon mehr als ein Glas Wein, um mich betrunken zu machen«, erklärte er arrogant und wandte sich an Silvia. »Ich komme natürlich für den Schaden auf.« Er zog ein Kärtchen aus seiner Jacketttasche und reichte es ihr. »Schicken Sie mir bitte die Rechnung!«
»Das nützt mir im Moment wenig.« Silvia legte das Kärtchen auf den Tisch. Sie blickte an sich hinunter. »Entschuldigt mich bitte! Ich muss mich erst mal trockenlegen.«
»Ihren Humor haben Sie zum Glück net verloren«, sagte der junge Mann grinsend. »Darf ich meine Hilfe anbieten? Ich meine, beim Trockenlegen.«
»Das könnte Ihnen so passen.« Silvia konnte ihm nicht böse sein. Eilig ging sie durch das Lokal zu den Waschräumen. Als sie dort einen Blick in den Spiegel warf, glaubte sie für einen Moment, die stahlblauen Augen des jungen Mannes zu sehen.
Es dauerte einige Zeit, bis sie zu ihren Freundinnen zurückkehrte. Sie vermied es, zum Nebentisch hinüberzusehen.
»Hübsch seh ich aus, net wahr?«, scherzte sie. »Ich bin gespannt, ob die Colaflecken völlig rausgehen.«
»Und wenn net, schick ihm die Rechnung! Angeboten hat er es dir ja«, meinte Andrea. Sie schob Silvia das Kärtchen zu. »Rainer Möhle heißt er.«
»Und Versicherungsvertreter ist er«, fügte Petra hinzu. »So, wie er vorhin das große Wort geführt hat, gewiss net in der untersten Gehaltsklasse.« Sie senkte die Stimme. »Er starrt dich übrigens schon die ganze Zeit über an.«
»Dann lass ihn starren!«, flüsterte Silvia errötend. Es fiel ihr schwer, sich ihm nicht zuzudrehen. Sie spürte förmlich, wie seine Augen auf ihr ruhten.
Sie hatten kaum gegessen, als die ersten Paare auf die...




