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E-Book, Deutsch, 528 Seiten

Lind Weserleuchten

Aufbruch in eine neue Welt | Zwei ungewöhnliche Frauen und ein großer Traum
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3592-6
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Aufbruch in eine neue Welt | Zwei ungewöhnliche Frauen und ein großer Traum

E-Book, Deutsch, 528 Seiten

ISBN: 978-3-8437-3592-6
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bremen in Aufbruchsstimmung - zwei ungewöhnliche Frauen und ein großer Traum Bremen, 1890. Louise, Tochter aus gutem Hause, sehnt sich nach einem anderen, unabhängigen Leben und will ausbrechen.  Emilie, Botanikerin, kommt aus armen Verhältnissen, plant eine Forschungsexpedition nach Australien. Sie wirkt mutig und frei - aber ist sie das wirklich?  Als Louise Emilies Vortrag besucht, wittert sie die einmalige Gelegenheit, dem für sie vorgezeichneten Weg zu entfliehen und fasst den Entschluss, Emilie nach Down Under zu begleiten. Doch Emilie weist Louise harsch ab - feine Damen wie sie sind nicht für solche Abenteuer gemacht. Louise bleibt hartnäckig, und es entwickelt sich eine zarte Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen. Wäre da nicht Ludwig, auf den sie beide ein Auge geworfen haben ... 

Christiane Lind liebt es schon ihr Leben lang, Geschichten zu erzählen. 2010 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, auf den zahlreiche weitere folgten. Die promovierte Soziologin interessiert sich für Auswandererschicksale, seitdem ihr Großvater von seinen Plänen berichtete, in den 1950er Jahren nach Australien auszuwandern. Die Familie blieb in Deutschland, aber das Interesse an fernen Ländern hat die Autorin nicht losgelassen. Für ihre Doktorarbeit lebte sie längere Zeit in den USA, von wo aus sie viele Reisen unternahm. Wenn sie nicht schreibt, spielt sie Doppelkopf, verbringt Zeit auf dem Pferderücken und liest viel. Einige Jahre lebte sie in Bremen und die Stadt an der Weser gewann ihr Herz.
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Kapitel 1


Bremen, September 1889

»Nun beeil dich doch!« Ungeduldig wandte Louise sich zu dem Dienstmädchen um, das ihr Skizzenbuch und die Zeichenstifte trug. Wenn Else sich nicht sputete, würde das Bremer Wetter wechseln und ihr Plan, die Schönheit der Herbstblüten aufs Papier zu bannen, ins Wasser fallen, genauer gesagt, in den Bremer Regen. Über ihnen zogen schwerfällig Wolken auf, grau und drohend, als wollten sie sich zu einer Verschwörung gegen Louises Vorhaben zusammenschließen. Ihr Blick, mit dem sie den Himmel betrachtete, war scharf und taxierend, so als könnte sie allein durch Willenskraft den drohenden Regen aufhalten. An den schmiedeeisernen Straßenlampen erspähte Louise feine Wassertropfen, Vorboten des Niederschlags, der das Kopfsteinpflaster in glatte Rutschbahnen verwandeln würde.

Noch nicht, sandte Louise ein Stoßgebet zum Himmel. Bitte lass mir noch etwas Zeit. Vor ihrem inneren Auge sah sie das Farbenmeer aus unterschiedlichen Herbsttönen, das im Bürgerpark darauf wartete, von ihr gezeichnet zu werden. Sie wünschte sich nichts mehr, als die Schönheit der Herbstastern und Wasserhortensien mit dem Zeichenstift einzufangen. In einem Anflug von Sorge verengte sie die grünen Augen bei dem Gedanken, dass ihr die kostbare Möglichkeit entgleiten könnte, bevor der Himmel seine Schleusen öffnete und den Bürgerpark in ein verwischtes Aquarell aus Tropfen und verlaufenden Konturen verwandelte.

In dem Moment frischte der Wind auf, pfiff durch die Straßen Bremens, zerrte an Louises eleganter Frisur, die in mühevoller Arbeit geflochten und gesteckt worden war, und ließ die seidenen Bänder ihres Huts flattern wie Fähnchen. Louise spürte die wechselhafte Laune des Wetters auf ihrer Haut, ein prickelndes Gefühl der Eile, das durch ihre Adern pulsierte und sich in ihren Fingerspitzen sammelte, bereit, sich in künstlerischen Linien auf dem Skizzenpapier zu finden.

Dankbar beobachtete sie, wie der Wind die Wolken vor sich hertrieb wie ein Hütehund die Schafe und ihr damit Zeit verschaffte, kostbare Zeit zum Zeichnen.

»Nun komm schon, Else«, drängte sie noch einmal, eine Mischung aus Flehen und Befehl in ihrer Stimme, »wir dürfen keine Zeit verlieren.«

»Ik bün gliek dar«, erwiderte das Dienstmädchen, kaum hörbar über dem Geräusch der pferdegezogenen Straßenbahn, die in der Bremer Innenstadt die Schienen entlangglitt. Mit trippelnden Schritten hastete sie auf Louise zu, ihr schlichtes Baumwollkleid verblasste neben dem leisen Flüstern des Satins und der Seide von Louises Garderobe.

Louise trat ungeduldig mit dem Fuß auf. Mit dem Blick einer Künstlerin musterte sie das Dienstmädchen. Obwohl Else sechzehn und somit neun Jahre jünger als Louise war, wirkte sie älter. In den Zügen des Dienstmädchens zeichneten sich deutlich die Spuren eines Lebens voller Arbeit ab: Unter Elses hellblauen Augen hatten sich dunkle Schatten eingegraben, Zeugnis ermüdender Morgenstunden und später Abende. Die Haut ihres schmalen Gesichts war fahl, und ihre Hände trugen die Geschichte harter Arbeit in den Rissen der Fingerknöchel.

Sofort überfiel Louise das schlechte Gewissen, weil sie das arme Dienstmädchen herumscheuchte wie die Köchin Grete die Hühner. Elses Leben war gewiss anstrengender als ihres, stets musste sie eilen und gehorchen. Doch auch Louise war gefangen in gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen. Sie hatte es sich nicht ausgesucht, begleitet in den Park zu gehen. Wie gerne wäre sie allein geblieben, ihre eigenen Wege gehend, ohne den stummen Schatten des Dienstmädchens. Doch die Regeln der guten Gesellschaft erlaubten es nicht, dass eine Dame von Louises Stand ohne angemessene Begleitung durch die Straßen der Stadt und den Bürgerpark spazierte. Nicht auszudenken, was für einen Skandal das hervorrufen würde.

Ein plötzlicher Windstoß ließ die Blütenblätter eines Rosenstrauchs zu Boden rieseln, und Louise hielt inne, um ihren atemberaubenden Duft einzuatmen. Die süße Schwere hüllte sie ein, erweckte vergessene Erinnerungen an glückliche Zeiten ihrer Kindheit in England, an die Rosenbüsche, die ihre Mutter so geliebt hatte. In diesem Moment fühlte sie sich so einsam wie die letzten Blätter in den Bäumen.

Vielleicht sollte ich versuchen, gegen die Konventionen zu verstoßen, so wie meine Mutter, dachte sie und erschrak gleich darauf über diesen rebellischen Gedanken. Sie wusste nur zu gut, dass sie ihren Verwandten dankbar sein musste, bei ihnen leben zu können, und dass sie es nicht riskieren durfte, den Zorn von Onkel und Tante auf sich zu ziehen.

Die unerbittliche Erwartung ihrer Verwandten, dass Louise den guten Ruf der Gildemeesters wahrte und ihre Rolle einer Bremer Bürgerstochter einnahm, lastete bleischwer auf ihren Schultern und erinnerte sie daran, dass ihr Platz in dieser Welt bereits bestimmt war. Bevor Louise in düsteren Gedanken versinken konnte, kam das Dienstmädchen herbeigeeilt.

Louise streckte Else die Hand entgegen: »Gib mir das Skizzenbuch.«

»Dat geiht doch nich.« Else schüttelte so heftig den Kopf, dass sie beinahe die Malutensilien fallen ließ. Ihr Dialekt war stark und bodenständig, eine Melodie, die so untrennbar mit der Hansestadt verwoben war wie das Wasser der Weser. »Wat schall de Lüüd denken?«

Ja, dachte Louise, aber sprach es nicht aus, das ist das Dilemma der Hanseaten. Alle fragen sich nur, was die anderen von ihnen halten, anstatt etwas Vernünftiges zu tun. Ungeduldig fuhr sie sich mit der Hand durch die dunkelbraunen Haare.

»Dann komm mir halt nach.« Mit großen Schritten, gerade noch schicklich für eine Frau, marschierte sie in Richtung des Bürgerparks. »Du findest mich bei den Herbstastern.«

Als Louise endlich den Bürgerpark, ihren friedvollen Ort der Ruhe und Natur, erreicht hatte, ließ sie sich auf einer hölzernen Bank nieder, direkt neben einem blühenden Asternfeld. Die Farbenpracht der Blüten in reinem Weiß, zartem Rosa, kräftigem Rot und leuchtendem Lila faszinierte sie jedes Mal aufs Neue, so wie die Blüte der Rhododendren im Frühling. Wie bei jedem Besuch hoffte sie, dass es ihr heute gelingen würde, die Schönheit der Blumen mit ihren Buntstiften einzufangen. Sie beugte sich vor, und ihre feingliedrige Hand streifte sanft über die Blüten, um eine auszuwählen, die sie zeichnen wollte.

Ihr Blick fiel auf eine Aster, deren Ränder sich bereits kräuselten, als hätte sie ihren Zenit überschritten und wäre in wenigen Tagen verblüht. Obwohl es ein Beet wunderschöner, perfekt geformter Blüten gab, zog diese Blume Louises Aufmerksamkeit auf sich. Diese Aster sprach ihr Herz an. Es kam ihr vor, als flüsterte die Blume von einer Schönheit, die vergänglich war. Ja, die Aster war eine Herausforderung, und es juckte Louise in den Fingern, sie zu porträtieren. Die Leidenschaft einer Künstlerin erwachte in ihr. Nach einem weiteren Blick nach oben, der den launischen Bremer Himmel prüfte, nickte sie zufrieden. Der Herbstwind hatte die Wolken vertrieben, und ein einzelner Sonnenstrahl wärmte Louises Gesicht.

Wo Else nur blieb? Als hätten ihre ungeduldigen Gedanken das Mädchen herbeigerufen, kam es den Parkweg entlang, langsam, als trüge es eine schwere Last und nicht nur den Skizzenblock und die Stifte.

»Gib schon her.« Louise konnte es kaum erwarten, mit ihrer Zeichnung zu beginnen, und nahm Else die Malutensilien aus der Hand. »Setz dich auf die Bank und ruh dich aus.«

Das Dienstmädchen nickte und ließ sich mit einem Seufzer schwer auf die Bank fallen, als hätte es bereits einen langen Arbeitstag hinter sich. Louises Blick verweilte besorgt auf den blassen Wangen des Mädchens, doch ihr Künstlerherz wurde sogleich wieder von der Schönheit der Astern gefangen genommen. Inzwischen war es der Sonne gelungen, die letzten grauen Wolken zu vertreiben, und sie tauchte den Bürgerpark in ein warmes, sanftes Licht. Vögel zwitscherten in den Ästen der hohen Bäume, und ein Hauch von frisch gemähtem Gras lag in der Luft. Fast hätte man meinen können, es wäre Frühling und nicht Herbst.

Mit sanftem Druck führte Louise den Bleistift über das geschöpfte Papier ihres Skizzenbuchs, und ihre Hand glitt über die leere Seite, als würde sie den Rhythmus der Natur selbst nachzeichnen. Ab und zu hielt sie inne, um die Blüte zu betrachten. Ihr Blick war gefesselt von der zarten Komplexität, jeden Schatten und jedes Licht auf den Blütenblättern versuchte sie, in ihrem Bild einzufangen. Jeder Strich war eine sorgsame Abwägung, jede Linie ein vorsichtiges Ertasten der Grenzen zwischen der echten und der auf dem Papier wiedergegebenen Welt.

Louise versank tief in ihrem künstlerischen Schaffen. Ihr Versuch, die vergängliche Anmut einzufangen, erforderte höchste Konzentration. Die Welt um sie herum verschwand, während die Zeichnung unter ihren Fingerspitzen aufblühte, von dem lebhaften Gezwitscher der Amseln begleitet, die keck zwischen den Bürgerpark-Besuchern hüpften. Doch ein plötzliches Gefühl der Irritation unterbrach den kreativen Fluss. Louise fühlte sich beobachtet, ihre...



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