E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Liehr Freitags bei Paolo
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8412-3061-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-8412-3061-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lieben - verlieren - lieben.
Marie und Clemens haben sich in der Millenniumsnacht 2000 kennen und lieben gelernt. Seither pflegen sie ein Ritual: Freitags treffen sie sich immer bei ihrem Lieblingsitaliener - bei Paolo. Und sie schwören sich: Wenn es irgendwann in ihrer Beziehung nicht mehr knistert, wollen sie es beenden. Nach zwanzig Jahren ist es dann so weit: Sie beschließen, getrennte Leben zu leben, müssen aber bald erkennen, was für ein Wagnis sie eingegangen sind. Denn bei aller gefühlten Freiheit bleibt die Frage: Wie sieht ein erfülltes Leben voller Liebe und Zufriedenheit denn wirklich aus?
Tom Liehr war Redakteur, Rundfunkproduzent und DJ. Er lebt in Berlin. Im Aufbau Taschenbuch sind seine Romane »Radio Nights«, »Idiotentest«, »Stellungswechsel«, »Geisterfahrer«, »Pauschaltourist«, »Sommerhit« und »Leichtmatrosen« lieferbar. Mehr Informationen zum Autor unter www.tomliehr.de.
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Der letzte Freitag des Jahrtausends
Von allen Silvesterpartys, die es in Berlin zum Anlass des bevorstehenden Jahrtausendwechsels gab, war Clemens auf die langweiligste geraten. Das lag keineswegs daran, dass es zu wenige Angebote gegeben hätte – es waren im Gegenteil eher zu viele gewesen. Wenn er es sich hätte aussuchen können, und eigentlich hätte er es sich aussuchen können, dann wäre er mit seinem besten Freund Teddy am Abend dieses Freitags nach Mitte gefahren, wo in irgendeinem extrem angesagten Club eine gigantische Party stattfand, für die Teddy wunderbarerweise VIP-Karten hatte. Dort hätten sie getanzt und getrunken, gefeiert und geflirtet, von Freitagabend bis Sonntag früh, denn dieses einmalige Silvester eröffnete nicht nur ein neues Jahr, Jahrhundert und Jahrtausend, sondern mündete auch noch in ein Wochenende. Sie wären am Sonntagabend völlig geschafft, aber glücklich und ohne jeden Zweifel um mehrere neue Bekanntschaften reicher heimgegangen. Denn so lief das immer, wenn Clemens und Teddy unterwegs waren: Die weiblichen Menschen kamen auf sie zu, weil sie magnetisch von Clemens angezogen wurden, und Teddy war es, der sie dazu brachte, bei ihnen zu bleiben.
Aber vor zwei Wochen hatten ihn Judith und Karl eingeladen, hatten in ihrem Büro vor ihm gestanden wie Kinder, die
beim Scheißebauen erwischt worden waren, hatten ihn mit traurigen Augen angeschaut und im Chor gefragt: »Aber du, lieber Clemens, du kommst doch zu unserer Millenniumsparty?« Obwohl sie es nicht ausgesprochen hatten, war da ein »wenigstens« – wenigstens du kommst doch – zwischen den anderen Worten zu hören gewesen, verbunden mit der Botschaft, es würde in erster Linie von ihm abhängen, ob die Party ein Erfolg oder Desaster werden würde, aber die Katastrophe stünde von vorneherein fest, käme er überhaupt nicht. Mit solchen Situationen konnte Clemens nicht gut umgehen, denn er ertrug das Gefühl nicht, derjenige zu sein, der jemandem den Spaß verdarb, vor allem, wenn sich diese Person besonders viel Mühe gegeben hatte. Deshalb sagte er zu häufig Ja, weil er Menschen gegenüber, die er sehr mochte, ein schlechter Lügner war und weil er beim Ausreden kläglich versagte. Und weil er die Person unmöglich kränken konnte, die sich da besonders viel Mühe gegeben hatte. Die Enttäuschung und Traurigkeit, die er sonst stellvertretend empfand, schaffte ihn tagelang.
Er kannte Judith und Karl seit sechs Jahren, als sie ihren ersten Laden eröffnet und für ihr Geschäft eine Software gesucht hatten. Über persönliche Empfehlungen waren sie an ihn geraten, und jetzt, mit der dritten neu eröffneten Filiale von MBF – Meine BioFarm bildete das von ihm geschaffene Warenwirtschaftssystem das Herz der Logistik des Biolebensmittel-Discounters, der auf dem besten Weg war, ein richtiger kleiner Konzern zu werden. Die beiden hatten Clemens schon bei ihrer ersten Begegnung das Du angeboten, aber nicht, weil das bei ihnen so üblich war, sondern weil sie seine Freundschaft aktiv suchten, um ihn an sich zu binden. Er mochte die beiden durchaus auch. Sie waren ihm sympathisch, und er fand sie auf ihre Weise originell, er mochte ihr Geschäftskonzept, und sie waren gute Kunden von ihm, aber die Entscheidung, diese Einladung anzunehmen, hatte er, seit er im Büro der beiden »Ja, klar, gerne« auf Judiths Frage genuschelt hatte, mehrere Dutzend Male bereut. Nicht zuletzt in dem Moment, als ihm an diesem besonderen Freitagabend eine heillos overdresste und überschminkte Hausherrin die Tür zur gewaltigen Dachgeschosswohnung in Berlin-Friedenau geöffnet, sich umgedreht und in die Wohnung hinter sich »Jetzt kann es losgehen, unser lieber Clemens ist da!« gerufen hatte.
Judith war mit bemerkenswertem Abstand die unattraktivste Person, die Clemens kannte. Sie sah aus wie eine keimende Kartoffel, auf die ein Kind mit Filzer ein Frauengesicht gemalt und an der es anschließend aus Kugelschreiberfedern eine Lockenfrisur montiert hatte. Das hinderte die Gute allerdings nicht daran, sich selbst für eine unwiderstehliche Charmegranate auf zwei Beinen zu halten. Judith war, wenn sie nicht gerade Geschäfte machte, worin sie meistens brillierte, überwiegend damit beschäftigt, männlichen Singles aller Altersgruppen und Körperqualitäten nachzustellen, und es spielte keine Rolle, ob Karl, ihr Gatte, zufällig anwesend war oder nicht. Fotos von Karl wiederum hätten in Lexika neben der Erklärung zum Wort »unscheinbar« gepasst. Wann immer Clemens die beiden getroffen hatte, fiel es ihm anschließend schwer, sich an irgendetwas zu erinnern, das Karl gesagt oder getan hatte, wie er ausgesehen hatte oder gekleidet gewesen war, und eigentlich war Clemens’ Menschen- und Gesichtergedächtnis exzellent. Auf der Straße vor dem Büro hatte er Karl schon einige Male erst in letzter Sekunde erkannt. Der unscheinbare Mann war der Rahmen um Judith, er war derjenige, der ihr Bild begrenzte und stabilisierte, und in dieser Rolle schien er sich absolut zu genügen.
Er war Judith zögernd in die Dachgeschosswohnung gefolgt, eine sehr geräumige, aber auf kostspielige Art nüchtern eingerichtete 300-Quadratmeter-Festung in diesem – seiner Meinung nach – schönsten Teil Westberlins, einer bürgerlichen, friedlichen, echt hübschen und dennoch zentralen Ecke der Stadt, gerade noch akzeptabel, wenn man einen ökosozialen Hintergrund hatte. Das hallengroße Wohnzimmer wurde von vier riesigen Sofas beherrscht, die um eine Gruppe von Couchtischen angeordnet waren, die nach Trödel und Patina aussahen, aber, wie Clemens wusste, erst vor zwei Jahre angefertigt worden waren. Auf den Sofas saßen die Gäste – insgesamt zwölf Leute, die überwiegend recht erwartungsvoll zu Clemens aufsahen, der eine Hand zum Gruß hob und »Hallo!« sagte, sich aber wegwünschte, möglichst in diesen Club in Mitte oder wenigstens in eine Gardinenkneipe im hinteren Kreuzberg. Aus den versteckten Highend-Boxen erklang weinerlicher Siebzigerjahre-Folk, und auf den Tischen blubberten vier Fonduesets vor sich hin. Es roch so intensiv wie kurz vor Feierabend in einer Käserei. Clemens fand all diese nur zu Silvester praktizierten, geselligen Miteinander-Futter-Zubereitungs-Varianten wie Raclette oder Fondue fast so schrecklich wie Tierorgane im Essen, doch er beschloss in diesem Moment, seinen Gastgebern gegenüber so zu tun, als wäre das hier die Verwirklichung eines Traums. Und er setzte ein strahlendes Lächeln auf.
Er hatte zudem jemanden entdeckt.
Leider gelang es ihm nicht, in ihrer Nähe einen Platz zu finden, aber er schaffte es, sie während der folgenden zweieinhalb Stunden unauffällig zu beobachten und zwei, drei Mal ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Die junge Frau, die seine Aufmerksamkeit erregte, hatte zu denjenigen gehört, die ihn nicht wie einen lange vermissten Angehörigen begrüßt hatten, und auch später war sie eher damit befasst, ironisch-schmunzelnd das Interieur der Wohnung zu betrachten (etwa diese eigenartige Fruchtbarkeitsstatue aus dunklem Holz, die auf dem Kamin stand, oder die schreckliche naive Malerei an der Fensterwand, die Karl zu verantworten hatte), als sich aktiv am vor sich hin mäandernden Geschehen zu beteiligen, das aus dem Einstippen von Weißbrot in Käsetunke, viel Rotwein, dem Austausch von politischen und kulturellen Allgemeinplätzen und einer erschütternden Musikauswahl – Punk, Folk, Schlager – bestand. Sie reagierte jedoch überaus höflich und freundlich, wenn sie angesprochen wurde, schenkte jedem, der sich mit ihr unterhielt, volle Aufmerksamkeit und vermittelte das Gefühl, erfreut, nachgerade begeistert von ausgerechnet genau diesem Gespräch zu sein. Clemens ertappte sie allerdings dabei, wie sie, wenn das Gegenüber wieder wegschaute, die Augen verdrehte, die Stirn runzelte oder ein fassungsloses Kopfschütteln andeutete. Als sie das zum ersten Mal tat, musste er lachen. Sie sah ihn in diesem Augenblick an und verstand sein Lachen offenbar, denn sie lächelte nickend und deutete ein entschuldigendes Schulterzucken an, das er mit der gleichen Geste beantwortete. Dabei versuchte er, so nett dreinzuschauen, wie ihm möglich war, aber Clemens’ Fähigkeiten ...




