E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Liehner Green - Im Rausch
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95819-088-7
Verlag: Ullstein Midnight
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-95819-088-7
Verlag: Ullstein Midnight
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marisa Liehner, geboren 1996, wuchs mit deutsch-thailändischen Eltern in einem beschaulichen Dorf im Südwesten Baden-Württembergs auf. Das Schreiben entdeckte sie bereits in frühen Jahren für sich und bringt bis heute viele spannende Geschichten zu Papier. Seit 2016 studiert sie Englische Literatur und Kultur sowie Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Autoren/Hrsg.
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Zoë
19:55 Uhr
Ihr Blick haftete noch immer an der geschlossenen Tür. Im Grunde war Zoë aufrichtig gespannt, ob ihr Vater auftauchen würde. Obwohl sie es besser wissen müsste, glühte in ihr immer noch ein kleiner Funken Hoffnung. Dann bestand aber auch die Chance, dass ihr Vater lediglich aufkreuzte, weil er es nicht leiden konnte, wenn jemand seine Autorität in Frage stellte.
Falls er jedoch fernbleiben würde, war sie sich nicht sicher, was ihr Entführer machen würde. Mit Mühe versuchte sie, diesen Gedanken auszublenden. Das Grummeln ihres Magens erinnerte sie daran, wie lange sie schon hier festsaß. Von draußen drang kaum noch Tageslicht herein, ein weiterer Tag ohne Essen war vergangen. Zoë stand mühsam auf. Von der Nacht auf dem Betonboden spürte sie jeden ihrer Knochen. Vielleicht konnte sie an das Mitleid des jungen Mannes appellieren, auch wenn sie das stark bezweifelte. Sachte klopfte sie an die Tür. Sie wusste, dass er sie hören konnte. Immerhin gehörte der Hörsinn zu den Dingen, die Green verbesserte. Da nichts geschah, begann Zoë zu sprechen: »Könnte ich vielleicht etwas zu essen bekommen?« Sie bemühte sich nett und selbstbewusst zu klingen, auch wenn in ihrem Inneren Wut und Furcht um die Wette tanzten. Es fiel ihr jedoch äußerst schwer, ruhig zu bleiben, weswegen sie vermutlich wie ein sterbender Vogel klang. Zoë lauschte, doch nichts regte sich. »Hallo?«
Niedergeschlagen zog sie sich zurück und setzte sich wieder auf den Boden. Zur Beruhigung rieb sie sich über das Gesicht. Sie musste ruhig bleiben, rational denken.
Nur eine Entscheidung, ein einziger Moment, und schon saß sie allein und hungrig bei einem potentiellen Mörder fest. Sie musste stark bleiben. Oft genug hatte sie in ihrem Leben Schwäche gezeigt. Nun wollte sie das ändern!
Beinahe war sie eingeschlafen, als sich die Tür einen Spalt weit öffnete und ein Lichtstrahl durch den Raum fiel. Sofort war sie wieder hellwach.
Ohne ein Wort wurde etwas hineingeworfen. Es landete nicht weit von Zoë, doch kaum war die Tür geschlossen, wurde sie von Dunkelheit eingeschlossen. Tastend suchte sie den Boden ab. Als ihre Hand etwas weiches ertastete, zuckte sie überrascht zurück, stellte dann aber fest, dass es keine fiese Ratte, sondern lediglich ein Stück Brot war. Er hatte ihr tatsächlich Nahrung gebracht! Reflexartig zog Zoë das Brot zu sich und begann gezwungen langsam, ihren Hunger zu stillen. Bissen für Bissen. Sie fühlte sich wie ein Tier, armselig eingesperrt. Sie hatte kaum die Hälfte ihrer Mahlzeit zu sich genommen, als ihr leicht übel wurde. War ihr Magen bereits überfordert? Sie ließ das Essen fallen und rieb sich den schmerzenden Kopf. Alles drehte sich. Sie brauchte Schlaf. Zoë sackte weg, verlor jegliche Verbindung zur realen Welt.
Noah
22:03 Uhr
In angespannter Erwartung musterte Noah die Decke über seinem Bett. Er wartete darauf, dass die K.O.-Tropfen, die er auf das Brot geträufelt hatte, ihre Wirkung zeigten. Es war die perfekte Gelegenheit, eine Absicherung für ihn. Wer wusste schon, was das Mädchen getan hätte, wenn sie gesehen hätte, wie er ihren Vater umbrachte. So war es doch am einfachsten. So konnte sie auch niemanden hierher führen. Nervös richtete er einen Blick auf die Uhr. Es wurde langsam Zeit, aufzubrechen. Noah richtete sich auf und durchquerte seine Wohnung. Er öffnete die Tür und sah sofort das Mädchen an der Wand liegen. Das halbe Stück Brot lag auf dem Boden, ihre Gliedmaßen hingen schlaff an ihr herunter. Zur Sicherheit überprüfte er ihren Puls, der das Offensichtliche bestätigte. Sie schlief. Mit einem letzten kritischen Blick auf ihr Gesicht hob Noah das Mädchen auf seine Arme und schob sich aus der Tür. Sie war leicht, was man ihr jedoch bereits hatte ansehen können, und sie wirkte eigenartig friedlich. Auf jeden Fall friedlicher als im Wachzustand. Er legte sie für einen Moment auf sein Bett, um sich eine Jacke anzuziehen und eine Waffe einzustecken. Schließlich trug er das Mädchen in die kalte Nacht. Kein Mensch war hier unterwegs. Ein frischer Wind wehte und ihre braunen Haare kitzelten Noahs Hals. Vorsichtig stieg er die Treppe hinunter und machte sich auf den Weg durch die Dunkelheit. Allein der Mond beschien die Straßen. Niemand gab Geld dafür aus, um in dieser Gegend Straßenlaternen aufzustellen. Der Treffpunkt, den er ansteuerte, war ein verlassenes Gebäude, das am Rand der Stadtmitte lag. Um diese Zeit hielt sich außer ein paar Obdachlosen niemand dort auf. Und die interessierte es nicht, was Leute wie Noah taten.
Nach einem beschwerlichen Marsch bog er in eine Seitengasse ein. Von dort konnte er den Treffpunkt gut erkennen. Es half wirklich, sich auf den Straßen so gut auszukennen. Kein Wunder, nachdem er sich hier so lange alleine durchschlagen musste. Das Haus vor ihm stand schon lange leer. Die Besitzer waren verschwunden, geblieben war nur diese möblierte Hülle. Die Fenster richteten sich gleich leeren Augenhöhlen in die Nacht. Noah lehnte das Mädchen an eine Hauswand und schlich in gebückter Haltung zum Haus. Er musste sicherstellen, dass sich niemand Unerwünschtes hier befand. Seine Blicke huschten hin und her. Seine Hand lag an der Pistole. Er reckte die Nase in die Luft und schnupperte. Der Wind trug einen feinen Geruch von Rost und Zerfall heran, doch sonst schien die Luft rein zu sein.
Als nächstes warf er einen Blick durch eines der Fenster. Dank Green konnte er klare Umrisse erkennen und sich so vergewissern, dass keine Obdachlose und kein Alec Simons seinen Vorbereitungen im Weg standen. Bis auf verstaubte Möbel war das recht kleine Haus leer.
Leise und geschmeidig drehte Noah sich um und sammelte das Mädchen auf. Kurz darauf betrat er das Haus. Es war still. Wachsam schaute er sich um, lauschte auf jedes kleinste Geräusch. Die Stille hüllte ihn ein, legte sich wie Watte auf seine Ohren. Er spürte die Herzschläge des Mädchens an seiner Brust. Schritt für Schritt. In einer gut geschützten Ecke bezog er Stellung. Von außen würde man sie nicht sehen, ein Sofa versperrte die Sicht. Das Mädchen platzierte er hinter sich. Er rechnete fest damit, dass Alec sich nicht an seine Vorgaben hielt. Denn der wusste, worum es ging: um seinen Tod. Und niemand spazierte einfach ohne Verstärkung seinem Tod entgegen. Doch viele Männer würde er nicht mitbringen. Lediglich seine engsten Vertrauten. Schließlich war seine Tochter ein wunder Punkt. Indem er hierher kam, zeigte er Schwäche und Verwundbarkeit, die andere ausnutzen würden. Je weniger das mitbekamen, desto besser für ihn.
Noah wollte dennoch auf alles vorbereitet sein. Die Tür konsequent im Blick zückte er seine Waffe. Nun musste er nur noch warten. Wie eine Raubkatze lauerte er auf seine Beute, indem er sich hinter das alte Stoffsofa kauerte. Nach einigen Minuten hörte Noah schließlich Schritte, begleitet von den Schlägen eines Glockenturms. Punkt Mitternacht; er war pünktlich. Wie erwartet war Simons nicht allein. Noah konnte noch zwei weitere Personen hören. Er verhielt sich ruhig, als die Männer das Gebäude umrundeten. Schließlich betraten Alec und ein rothaariger Junge das Gebäude. Der dritte Mann schien draußen Wache zu halten. Noah räusperte sich und betrachtete ihre Reaktion. Der Rotschopf sah sich aufgeschreckt um, während Alec nicht einmal zusammenzuckte. Langsam stand er auf. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er die beiden und blieb dann an Alec hängen. Dieser versuchte gar nicht erst zu verbergen, wie sehr ihm das Ganze gegen den Strich ging. Er rümpfte die Nase bei Noahs Anblick und spannte seine Muskeln an. »Wo ist meine Tochter?«, fragte Simons schließlich mit einer Stimme voller Misstrauen.
Noah zeigte hinter sich. »Hier.«
Sofort trat der Rothaarige vor, um zu ihr zu eilen, doch Noah richtete ebenso schnell seine Pistole auf ihn. Der Junge machte einige Schritte zurück. Aber nicht, ohne ihn finster anzuschauen. »Was ist mit ihr?«
»Sie lebt noch. Das dürfte als Information reichen.«
Ungerührt wartete Noah, bis der Fragesteller wieder neben Alec stand.
»Aber warum sollte ich sie Ihnen aushändigen? Schließlich haben Sie sich eindeutig nicht an meine Anweisungen gehalten.« Der Rotschopf zuckte kurz zusammen, was Noah nicht entging. Er schien sich mehr um das Mädchen zu sorgen als es ihr Vater tat. Interessant.
»Sie wissen, was ich will. Sie gegen Ihre Tochter. Ihre zwei Schoßhündchen hätten Sie ruhig zu Hause lassen können.« Simons stierte ihn jedoch nur weiterhin grimmig an.
»Na gut, wenn ihr es nicht anders wollt«, brummte Noah. Er richtete den Lauf seiner Pistole auf Alecs Brust. Er wollte den Mann leiden sehen. Genauso wie er in seiner Gefangenschaft gelitten hatte. Er schoss.
Mit einem dumpfen Laut dank des Schalldämpfers verließ die Kugel den Lauf der Pistole. Bevor Noah sich jedoch vergewissern konnte, dass er sein Ziel getroffen hatte, wurde er umgerissen. »Ben, nicht!«
Den Überraschungseffekt auf seiner Seite, gelang es dem jungen Mann, Noah die Pistole aus der Hand zu schlagen und ihn zu Boden zu drücken.
»Was hast du mit ihr gemacht?«, zischte er feindselig, während er mit dem Kopf zu dem Mädchen wies.
»Das geht dich rein gar nichts an, Rotschopf!«, presste Noah wütend zwischen seinen Zähnen hervor. Damit hatte er sich wieder gefasst und drückte seinen Kontrahenten gegen die Rückwand des Sofas. Der Griff um seine Handgelenke lockerte sich und er verpasste dem Typen einen Schlag ins Gesicht. Dieser taumelte kurz und Noah nutzte die Gelegenheit, um nach seiner Waffe zu suchen. Er wollte gerade nach ihr greifen,...




